eisblau&honigsüß

Oberarsch

… und auf einmal ist der Oberarsch Oberarzt scheiß freundlich zu mir. Drängte er mich letzte Woche noch sehr Richtung Entlassung, war heute in der Visite kein Wort mehr darüber gefallen. Ob’s daran lag, dass ich nach der Rauswurf-Drohung am Freitag nur noch geheult habe und gar nicht mehr zu beruhigen war? Lag’s am nächtlichen Gespräch mit der Dienstärztin, die dem Herrn Oberarzt heute Früh ins Gewissen geredet hat? Lag’s an dem katastrophalen Wochenende, nach dem ich völlig dekompensiert wieder in die Klinik zurückkam?

Wer weiß. Für mich ist und bleibt der Herr Oberarzt ein unsympatischer Heuchler. Ich mag ihn nicht. Ich fühle mich von ihm nicht verstanden und ich verstehe oft auch nicht, was in seinem Schädel vor sich geht. Aber lieber diese brechreizerregende gespielte Freundlichkeit als das permanente unter Druck setzen bezüglich Entlassung.

Immerhin darf ich in der Klinik bleiben.

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Grenzüberschreitungen

In der Klinik kann ich klar festlegen, wo die Grenzen liegen. Wer wann was tun darf – oder eben nicht.

Draußen funktioniert das nicht. Meine Grenzen werden nicht respektiert. Ich muss Grenzüberschreitungen zustimmen und mich noch lächelnd dafür bedanken.

Ich könnte nur noch heulen.

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kurz und knapp

Manches wird langsam besser. Andere Probleme zunehmend schlimmer. Ich weiß nicht, ob es mir insgesamt besser oder schlecht geht. Wenn sie mich fragen, sage ich den Ärzten, dass sich irgendetwas tut in mir. Dass mein Zustand nicht stagniert. Ich weiß nur nicht, in welche Richtung das alles sich entwickeln wird.

Das Problem mit Studium/Masterarbeit belastet mich sehr. Vorhin endlich mal dem Beratermenschlein eine Mail geschrieben und um Hilfe gebeten. Ich hoffe, er kann mir helfen. Möglichkeiten nennen, Wege zeigen.

Situation auf Station ist nach wie vor schwierig. Manche Mitpatienten belasten enorm. Aber es gelingt mir zunehmend besser, mich abzugrenzen. Oder Ausgangszeiten zu nutzen, um dem Mist zu entfliehen für eine Weile.

Derma-Konsil heute Früh war reichlich sinnlos. Ich habe nicht den Eindruck gewonnen, dass sie mein Problem verstehen – geschweige denn ernst nehmen. Immerhin waren sie freundlich zu mir. Keine entwertenden Kommentare dazu, dass die problematische Narbe durch Selbstverletzung entstanden ist.

Mittags heftige Flashbacks, als Trigger ein männlicher Zugang, laut und aggressiv. Jetzt einigermaßen beruhigt mit Stabi-Übungen und Bedarfsmedikamenten.

Immer noch keine wirkliche Idee, wie es weitergehen könnte mit mir. Entlassung scheint an manchen Tagen zum Greifen nah, und dann doch wieder unerreichbar weit weg. Ich solle mir Zeit lassen, sagen sie. Wie lange noch?, frage ich. Befriedigende Antworten bekomme ich auf diese Frage nicht.

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Irgendwann in dieser Woche…

Zaghaftes Klopfen an der Tür des Stationsstützpunkts. Mein Herz wummert in meinen Ohren viel viel lauter als meine Knöchel es auf der Holztür tun. Am liebsten würde ich mich umdrehen und weglaufen, aber da höre ich schon die Schritte des Pflegers und die Tür öffnet sich.
Können wir reden?„, frage ich. „Nur kurz. Fünf Minuten.„, schiebe ich sofort hinterher. Es fällt mir schwer, um Gespräche zu bitten, vor allem mitten in der Nacht, nach einem solchen Abend.

„Klar! Kommen Sie rein.“, fordert er mich lächelnd auf und weist mit der Hand auf einen freien Stuhl. Schaut mich fragend an, nachdem ich Platz genommen habe.
Kann ich nach Hause gehen?„, frage ich und bin für einen Moment selbst perplex, dass diese Worte tatsächlich meinen Mund verlassen haben.
Er lacht kurz auf. Kein boshaftes Lachen. Eher ein Lachen, wie es Menschen entschlüpft, die mit unerwarteten Situationen konfrontiert werden und erstmal nicht wissen, wie sie reagieren sollen. „Nach Hause? Jetzt? Für wie realistisch halten Sie das, Frau P.?“, fragt er mich.
Das frage ich Sie„, erwidere ich, und er scheint erst in diesem Moment zu realisieren, dass mir diese Frage, dieser Wunsch wirklich ernst sind.
„Sie wissen, wie spät es ist?“, fragt er.
Nach Mitternacht„, antworte ich, drehe mich um und schaue auf die Uhr an der Wand. „Kurz nach eins. Ich weiß, es ist mitten in der Nacht. Aber ich halte es hier gerade wirklich nicht mehr aus. Das alles, heute Abend…“ Eine vage Handbewegung. Es ist überflüssig, in Worte zu fassen, was auf Station geschehen ist. „Ich ertrag’s hier nicht mehr. Ich will weg. Nur heute Nacht. Nach Hause. Schlafen. In Ruhe schlafen. Weg von hier.
Er legt den Kopf schief. Schaut mich ernst an. Denkt nach. „Sie kommen aber wieder?“, will er wissen, und ich bestätige es ihm ohne zu zögern. Ich will mir nichts antun. Ich will nicht abhauen. Ich will nur weg, jetzt, für diese Nacht, es ist so unerträglich auf Station, nach allem, was passiert ist.
Er geht zur Ärztin. Redet kurz mit ihr. Die Ärztin kommt zu mir. „Ich habe vollstes Verständnis, dass Sie es gerade nicht mehr hier aushalten. Von mir aus können Sie auch gerne nach Hause gehen zum Schlafen. Ich muss Sie trotzdem ein paar Dinge fragen – der Oberarzt reißt mir sonst morgen Früh den Kopf ab… Also. Sie Kommen morgen Früh wieder zurück?“
Nicken. Fester Blick in die Augen. „Ja. Ich komme wieder. Ich will nur jetzt nach Hause. Die Nacht zu Hause schlafen.
„Bis wann werden Sie zurück sein?“ Schulterzucken. „Wenn ich ausgeschlafen habe?„, antworte ich vage. „Wann wird das sein? Um 9? 10? 11?“ Ich zucke hilflos mit den Schultern. Weiß ich doch nicht, wann ich zur Ruhe komme und wie lange ich dann schlafen werde. „Zum Mittagessen bin ich wieder da…“ Zu meiner Überraschung reicht der Ärztin diese ungenaue Zeitangabe. „Bis zum Mittagessen – okay, das kann ich so weitergeben. Das reicht mir.“
Die nächsten Fragen. Das Übliche. Ob ich mich umbringen wolle? Ob ich mich verletzen werde? Tabletten schlucken? Nein. Ich verneine alles. Ich will nur weg von Station, weg von diesem ganzen Mist. Nach Hause, meine Ruhe haben. Schlafen, nur schlafen. Ich will und werde mir nichts antun. Nur weg und schlafen.
Sie nickt. Sie versteht. „Brauchen Sie noch irgendetwas?“, fragt sie. „Bedarfsmedis„, antworte ich nach kurzer Überlegung. „Ich habe zwar schon einiges genommen, aber nochmal Bedarf zur Sicherheit würde ich gerne mitnehmen.“ Ich sage, welches Medi ich möchte, sie sucht es mir heraus, drückt die Tabletten in die Hand.
„Ich kann supergut verstehen, dass Sie es hier gerade nicht mehr aushalten und nur noch weg wollen. Ich vertraue Ihnen, dass Sie keinen Blödsinn machen und morgen Vormittag wieder zurück kommen.“
Ich versichere nochmal, dass ich wirklich nur weg will, nur raus aus diesem Theater, nur nach Hause, nur schlafen, und dann wieder zurückkommen. Sie öffnet mir die Tür. Lässt mich gehen. Wünscht mir eine erholsame Nacht.

Selbst ein bisschen überrascht, wie problemlos ich auch mitten in der Nacht gehen darf, stolpere ich zur Tür hinaus. Denke an ein anderes Gespräch, mit einer anderen Ärztin. „Ich denke, Sie wissen, dass Sie hier einen besonderen Stand haben. Dass wir großen Respekt vor Ihnen haben – wie Sie mit Ihren Problemen umgehen und wie Sie Ihr Leben trotz allem meistern. In gewisser Hinsicht sind Sie wirklich eine einzigartige Patientin. Trotz aller Schwierigkeiten, die Sie haben, aber sie haben auch eine Stärke – eine Persönlichkeit, die wirklich beeindruckend ist, und vor der wir alle hier großen Respekt haben.“

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