eisblau&honigsüß

Phasen, immer alles nur Phasen

Dass es momentan eben eine schwierige Zeit sei, sagen sie. Dass es verständlich sei, wenn es mir gerade nicht gut geht. Ich mehr Hilfe brauche. Häufiger Kriseninterventionen notwendig sind.

Dass es auch wieder besser werden wird, sagen sie. Dass ich Lösungen finden werde für die Probleme, die mich momentan an meine Grenzen bringen. Dass ich wieder glücklich sein werde. Leben wollen werde.

Ich verstehe beides. Ich glaube beides.

Ja, es ist jetzt aus nachvollziehbaren Gründen schwierig. Ja, es werden auch wieder bessere Zeiten kommen.

Und? Was nützt mir das? Ist es das, was „Leben“ für mich war, ist, und immer sein wird – ein Wechsel zwischen guten Phasen und Krisen? Ein Wechsel zwischen dem Glauben, dass es mir besser geht als früher, und der Erkenntnis, dass ich doch immer wieder ganz unten aufschlage?

Wenn ich betrachte, wie es momentan ist, sehe ich keinen Unterschied zu früher. Es ist so, wie es auch vor ein paar Jahren gewesen ist. Engmaschige ambulante Termine, die nicht ausreichend stabilisieren können. Häufige Kriseninterventionen auf der Geschlossenen. Jeden zweiten Tag Chirurgie. Viele Medikamente. Viel Bedarfsmedikation. Das Studium in der Sackgasse. Mit der Familie klappt’s gar nicht. Freundschaften leiden unter meinen Problemen.

Was nützt es mir, dass es irgendwann wieder besser sein wird? Was nützt mir das, wenn ich doch genauso sicher sagen kann, dass es nicht besser bleiben wird?

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so endet es immer

Ich komme noch immer nicht so ganz damit klar, dass die Therapeutin nun drei Termine in Folge abgesagt hat. Ich habe ihr eine kurze, nicht allzu freundliche Mail geschrieben. Sie hat geantwortet. Ich habe ihre Mail noch nicht gelesen. Weiß auch nicht, ob ist es irgendwann tue – vielleicht landet sie ungelesen im Müll.

Vielleicht landet die ganze Therapie im Müll. Es ist schon ein bisschen auffällig: Jetzt, da Dr. H. wieder da ist, fallen die Termine reihenweise aus. Sicher, das erste Mal war es ein dummes Versehen. Dann wurde sie krank. Hat natürlich nichts mit Dr. H. zu tun. Natürlich nicht *ironisch*

Endet es jetzt doch wieder so wie immer? Hin und her geschoben werden von einem Therapeuten zum nächsten, von einem Arzt zum nächsten. Wirklich auf Dauer hält es keiner mit mir aus. Ich habe noch nicht herausgefunden, woran das liegt. Bin ich zu krank? Fordere ich zu viel? Habe ich zu sehr meinen eigenen Kopf? Mache ich den Therapeuten Angst?

Aber es ist, wie es ist. Die wenigsten Behandlungsabbrüche gingen von mir aus. Es waren meistens die Ärzte und Therapeuten, die mich fortgeschickt haben. Nach Wochen, nach Monaten, selten länger. Die wenigsten hatten den Mumm es mir ins Gesicht zu sagen. Die Termine fielen einfach aus, die aberwitzigsten Gründe wurden zur Erklärung herangezogen.

Ich frage mich, wie lange es der Herr Ambulanzpsychiater noch aushalten wird mit mir. Wie lange sieht er mich schon regelmäßig? Anderthalb Jahre? In letzter Zeit wöchentlich. Diese Woche sogar noch einen zweiten Termin, weil es mir wirklich nicht gut geht, gar nicht gut. Aber ich denke, dass es sich auch bei ihm auf den Abbruch zubewegt. Ein paar Wochen noch. Vielleicht wenige Monate. Dann lässt er mich auch fallen.

So endet es immer. Vertrauen aufbauen – und fallen gelassen werden.

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wäre auch zu schön gewesen

Ich finde nicht mehr zurück zu meiner gewohnten Stabilität. Der Alltag gibt mir kaum Halt, alles wird zur Belastung und schier nicht bewältigbaren Anstrengung. Im Kopf ist wenig übrig von meinem Stolz auf mein geregeltes Leben, das Studium, die Arbeit. Ich würde so gerne alles fallen lassen, mich fallen lassen, zurück in die Psychiatrie, wieder zum Dauer-Krisen-Patient werden.

Einzig die Scham hält mich davon ab, wieder zurück in die Klinik zu gehen. Sie waren dort doch alle so zufrieden mit mir. Sie fanden es erstaunlich und großartig und beachtlich, wie ich mein Leben meistere. Haben meine Fortschritte gelobt und sich anerkennend geäußert dazu, dass ich von den ständigen Kriseninterventionen weggekommen bin und mein Leben doch weitgehend stabil geworden ist.

Und jetzt? Es fühlt sich an wie Versagen. Totales Versagen. Ich habe den Boden unter den Füßen verloren und finde ihn nicht wieder. Zwei Wochen Krisenintervention, Entlassung, Wiederaufnahme, Entlassung. Ich treibe noch immer haltlos durch das Seelenchaos.

Ich mag mir gar nicht vorstellen, was sie über mich denken. Sie sagen zwar, dass es okay ist, wenn ich gerade wieder mehr Hilfe brauche, und dass es immer wieder Phasen geben kann, in denen es schwierig ist, und dass sie mich gerne unterstützen, und ich jederzeit in die Klinik kommen kann. Sie sagen, dass es toll ist, dass ich mich selbstständig melde, wenn ich nicht mehr kann, und dass das auch eine Stärke ist – sich selbst einschätzen und um Hilfe bitten können. Sie loben mich dafür, dass ich mich melde, bevor ich Mist mache.

Ich glaube ihnen nicht. Ich glaube, dass sie in Wirklichkeit über mich lästern und die Augen verdrehen und verächtlich auf meine Schwächen und mein Versagen blicken. Sie denken nicht „Oh, super, dass sie sich rechtzeitig gemeldet hat“, sondern „Die schon wieder, diese elendige Versagerin!“

Klar, irgendwie haben sie schon Recht – das Leben ist ein auf und ab. Es geht nicht kontinuierlich nach oben. Rückschläge und Krisen gehören dazu. Aber so gut, wie es letztes Jahr lief – da ist es besonders bitter, jetzt wieder so tief gesunken zu sein kämpfen zu müssen. Das letzte Jahr ließ mich in dem trügerischen Glauben, dass mein Leben gut ist und dass ich stark bin und nie wieder so viel Hilfe brauchen würde wie früher. Vielleicht dann und wann eine kurze Krisenintervention, alle paar Monate mal eine Nacht in der Klinik, und den Rest schaffe ich alleine bzw. mit ambulanter Therapie.

Tja, aus der Traum. Wäre ja auch zu schön gewesen, wenn ich wirklich hätte sagen können: Ja, mir geht es gut, ich habe den Absprung geschafft, raus aus der Psychiatrie, rein ins Leben. Es wäre wirklich zu schön gewesen.

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nicht stimmungsfördernd

Zu wissen, dass ich möglicherweise auch bald ’ne Anzeige am Hals haben werde. Wegen einer Straftat, die ich gar nicht begangen habe. Was sich eigentlich auch recht einfach klären ließe – aber dazu brauche ich T.s Hilfe.

Würde er ehrlich sein, falls es tatsächlich zu einer Anzeige kommt? Trotz allem? Oder würde er diese Geschichte nutzen, um sich an mir zu rächen?

Leben ist doof, derzeit.

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Berichte aus der Anstalt (9)

Kein guter Tag heute. Visite war irgendwie sinnlos bis doof. Einzelgespräch hatte ich nicht. Dr. H. ist zwei Wochen im Urlaub.

Ich fühle mich ziemlich allein gelassen. Hole mir Bedarf, aber keiner frägt, warum, was los ist, ob ich Hilfe brauche, reden will. Verbrenne mich, keine Fragen wieso, weshalb. Nur Salbe und Pflaster und Tschüß.

Interessiert es irgendjemanden, wie es mir geht? Dr. H. hat es interessiert. Er hat sich viel Zeit für mich genommen. Mit ihm konnte ich auch bereden, was ich mir von der Pflege wünsche, und er hat das dann weitergegeben.

Jetzt fühle ich mich im Stich gelassen. Und ich denke: Wenn es doch niemanden interessiert, wie es mir geht – wozu soll ich später zurück in die Klinik gehen? Ich bin jetzt im Ausgang, um halb neun müsste ich wieder auf Station sein. Aber wozu? Sie würden doch vermutlich nicht einmal merken, wenn ich nicht da bin. Und selbst wenn…

Ob ich hier oder dort mir selbst überlassen bin, was macht es für einen Unterschied? Hier habe ich zumindest meine Ruhe.

Ich mag nicht mehr zurück in die Klinik.

Ich bin dort doch genauso unwichtig und unerwünscht wie überall sonst.

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