eisblau&honigsüß

grauer Teufelskreis

Gestern Knöcheln verstaucht. Drückt meine Stimmung noch weiter nach unten und nimmt das letzte bisschen Motivation, vor die Tür zu gehen. Ich verkrieche mich in letzter Zeit zunehmend in der Wohnung, und mit schmerzendem Fuß habe ich erst recht keine Lust, das Haus zu verlassen.

Verkriechen, ja. In der Wohnung, in mir selbst. Liege oft bis mittags im Bett, weil ich nicht weiß, wozu ich aufstehen sollte. Je früher ich aufstehe, desto länger ist der Tag, desto länger dauert es, bis ich wieder zurück ins Bett kann.

Es ist nicht so, dass ich mir die Zeit nicht vertreiben könnte. Ich habe genug zu tun. Dinge, die erledigt werden müssen. Hobbys. Freunde. Ich könnte die Zeit gut herumbringen. Einzig die Motivation fehlt.

Alles ist so anstrengend, die kleinste Tätigkeit überfordert mich. Wenn ich im Bett liege und daran denke, was nach dem Aufstehen alles auf mich zukommt – ins Bad gehen, waschen, anziehen, Kaffee kochen… – zu viel, zu viel. Rausgehen – Schuhe anziehen, Tasche zusammenpacken, draußen die vielen Menschen, Licht, Geräusche, vielleicht Busfahrt, irgendwann der Rückweg nach Hause, Schuhe ausziehen, Gammelklamotten anziehen… – es geht einfach nicht.

Selbst zu den allernötigsten Erledigungen muss ich mich zwingen. Einkaufen gehe ich nur, wenn wirklich gar nichts Essbares mehr im Haus ist. Post und Bank nur, weil es sich wirklich nicht mehr länger verschieben ließ.

Bei Freunden melde ich mich kaum mehr. Nehme Anrufe nicht an, beantworte keine SMS, und Mails werden teilweise gar nicht erst gelesen. Ich fühle mich so alleine, aber treffen mag ich mich auch mit niemandem. „Seid da, aber lasst mich bloß in Ruhe!“

Morgen bin ich eigentlich mit C. zum Kaffee trinken verabredet. Ich mag sie, ich bin gerne mit ihr zusammen, aber allein der Gedanke, wieder Stunden zuhören und reden zu „müssen“ (von der monströsen Aufgabe, überhaupt das Haus zu verlassen und zum Café zu gehen mal ganz zu schweigen), ist einfach zu viel.

Weiß auch nicht, ob ich mich heute Abend wie verabredet mit T. treffe. Wollten eigentlich weggehen, nichts Großes, nur irgendwo gemütlich hinhocken und ’n Bierchen trinken oder so. Aber wieder – Haus verlassen, der Weg in die Innenstadt, reden müssen, zuhören müssen, Nähe fass mich nicht an fass mich nicht an fass mich nicht an – vielleicht sage ich einfach ab. Verweise auf meinen Aua-Knöchel oder erfinde ’nen Magen-Darm-Infekt oder so.

Die Vorstellung, dass in zwei Wochen wieder Uni losgeht, lässt mich verzweifeln. Ich habe keine Angst vor dem Studium an sich. Ich weiß bloß nicht, wie ich das schaffen soll. Jeden Morgen aufstehen, aus dem Haus gehen, unter Menschen sein, mich konzentrieren, lernen, Prüfungen, Praktika…

Im Moment verbringe ich die Zeit mit lethargisch-rumgammeln oder mit-irgendwas-zudröhnen. Weder das Eine noch das Andere geht mehr, wenn ich wieder zur Uni muss. Dann muss ich wieder funktionieren. kann nicht kann nicht kann nicht

Es ist alles so grau gerade. Es ist so grau, dass ich nichts mehr tun mag, und je weniger ich tue, desto grauer wird es. Grauer Teufelskreis.

Advertisements
2 Kommentare »

Zeit totschlagen

Darf nicht nach vorne schauen und nicht zurück. Nur der Moment ist erträglich, das Jetzt, der Augenblick.

Vergangenheit ist voller Erinnerungen. Das Schlimme will ich nicht im Kopf haben, und das Schöne macht mich nur traurig. Gute Zeiten, vergangen, unwiderbringlich aus und vorbei.

Beim Blick nach vorne drängt sich mir die Frage auf, warum ich nicht ein Ende setze. Morgens aufstehen, Uni, arbeiten, wasauchimmer, abends ins Bett, am nächsten Tag wieder aufstehen, Tag für Tag, Woche für Woche, das Leben lang. Wozu? Zeit totschlagen bis zum Tod, so kommt es mir vor.

Worauf warte ich noch? Den Tod kann man auch schneller haben.

Ich will keine Zukunft haben. Ich will nicht noch Jahrzehnte leben. Schöne Momente werden kommen, ja, sicherlich. Und ich werde Augenblicke genießen. Aber dafür lohnt es sich nicht zu leben. Es lohnt sich für nichts zu leben. Leben lohnt sich nicht.

Ich versuche mich abzulenken von den Gedanken über das Leben. Noch zwei Wochen, dann fängt die Uni wieder an. Vielleicht bekomme ich dadurch genug Ablenkung, genug Gedankenfutter für meinen Kopf, um nicht mehr über das Leben nachzudenken.

3 Kommentare »

Pest oder Cholera

Ich glaube, Drogen und ich werden niemals richtig gute Freunde. Was andere so geil und lustig finden, macht mir nur eine höllische Angst. Ich kann mich nicht fallen lassen, ich kann nicht genießen, ich kann es nicht einfach geschehen lassen und auskosten.

Den Körper nicht mehr richtig spüren. Benommen durch die Welt taumeln. Stimmung führt ein Eigenleben. Der Mund entscheidet ganz alleine, was gesagt wird, und ich erfahre es erst mit Zeitverzögerung, beim Zuhören.

Andererseits – es ist schon ganz nett. „Angenehm unangenehm.“ Wie eine Überdosis Tabletten – eine Mischung aus Benommenheit und Angst. Mit dem Vorteil, dass es bei weitem nicht so gefährlich ist, weil ich nicht überdosieren muss. Weit niedrigeres Risiko, dass es „schief geht“ und ich im Krankenhaus aufwache. Oder gar nicht mehr.

Ich bin hin und her gerissen. Überdosis ist Mist. Weiß ich. Sagen alle, die davon wissen, und sehe ich ja auch selber so. Gefährlich und macht den Körper so allmählich kaputt. Ich würde ja liebend gerne aufs Überdosieren verzichten – aber nicht auf das Gefühl, dass ich dadurch erreiche.

Wenn ich ein annähernd gleiches Gefühl also mit anderen Wirkstoffen auch erreichen kann ohne überdosieren zu müssen… Warum nicht?

Weil es (fast?) Drogen sind. Weil ich immer so stolz war, keine Drogen zu nehmen. Weil ich Angst vor einer Abhängigkeit habe. Weil ich mich dagegen sträube, Tabletten zu nehmen, die nicht aus der Apotheke stammen.

Überdosis vs. nicht-Apotheken-Pillen.

Beides Mist – beides gut.

Pest oder Cholera.

Ich würde so gerne mit jemandem ernsthaft darüber sprechen. Das Für und Wider erörtern. Aber ich kann ja schlecht zu T. oder zu Freunden oder (noch besser) zu den Ärzten gehen. „Hallo, ich hab mir da mal auf der Straße was besorgt…“

3 Kommentare »

Doppelleben

„Ich mach mir Sorgen um dich.“
„Wieso? Seh ich grad so fertig aus?“, erwidere ich und lächel ihn strahlend an.
„Nein… Aber ich hab dich ein paar Mal in der Nähe der Klinik gesehen. Du warst wieder stationär, oder?“
„Hm, ja. Aber kein Grund zur Sorge. Ich meine – ich hol mir Hilfe, wenn’s nicht mehr geht. Aber gerade ist alles okay.“ Überzeugend lächeln.

Es ist seltsam, ehemalige Mitpatienten wiederzusehen. Ich neige dazu, in solchen Situationen zu lügen. Mich macht es selbst immer traurig, wenn ich liebe Mitpatienten sehe und erfahre, dass es ihnen (wieder) nicht gut geht. Ich fühle mich verpflichtet, positiv zu wirken und Stärke und Mut auszustrahlen und Hoffnung zu machen.

Also höre ich zu und gebe Rat und versuche Zuversicht zu vermitteln. Und an meinem eigenen Beispiel zu demonstrieren, dass Leben toll ist und alles besser werden kann. „Schau, ich war auch ganz unten, und jetzt ist alles super, Leben lohnt sich, gib nicht auf, auch für dich kommen bessere Zeiten!“

Nie würde ich sagen: „Ja, ich versteh dich. Leben ist nach wie vor beschissen. Mir geht’s auch nicht gut, und auch ich frage mich, warum ich mir das noch antue.“

Es ist ein Doppelleben, das mich innerlich zum Schreien bringt. Stärke zeigen und Optimismus ausstrahlen, gezielt das Positive betonen, Mut machen. Und gleichzeitig hin und her überlegen, ob und wie es weitergehen soll, wann ich das nächste Mal ein Blutbad veranstalten kann ohne dass es jemand mitbekommt, wann ich Zeit habe zum Tabletten schlucken, und ob ein paar Tage Klinik mir gut täten.

„Ach, um mich musst du dir keine Sorgen machen! Ich hol mir Hilfe, wenn es sein muss. Aber gerade geht’s mir gut. Beziehung läuft super, Vorfreude aufs neue Studium, Stimmung okay, wirklich, gerade passt alles!“

Klar doch.

 

1 Kommentar »

na also, geht doch

… und am Ende war es gar nicht so schlimm. Eine höfliche Nachfrage, eine nette Antwort. Unterlagen sind da, er kam nur noch nicht dazu, sie zu bearbeiten. Hat er dann aber sofort gemacht und jetzt bin ich eingeschrieben, alles okay, alles geregelt. Zurücklehnen, aufatmen.

Hinterlasse einen Kommentar »