eisblau&honigsüß

überhaupt nicht ruhig

Es ist so ruhig hier geworden, auf meinem Blog. Dabei gäbe es so viel zu erzählen. So so so unendlich viel. Denn mein Leben ist momentan bei weitem nicht so ruhig.

In mir ist es chaotisch, die Emotionen fahren Achterbahn, Tag und Nacht. Im einen Moment lache ich so sehr, dass es im Bauch weh tut, im nächsten kann ich nicht mehr aufhören zu weinen. Mal rede ich wie ein Wasserfall, nur um Minuten später keinen Laut mehr über die Lippen zu bekommen. Bodenlose Verzweiflung schlägt plötzlich in pure Lebensfreude um. Ich weiß nicht mehr, wo mir der Kopf steht.

Ich war viel in der Klinik in den letzten Wochen. Nie stationär, was irgendwie beeindruckend ist. Aber oft, teilweise täglich, für ein paar Stunden.

Was mich so sehr stresst, lässt sich nur schwer sagen. Viele viele Kleinigkeiten. Streit mit einer sehr guten Freundin, Probleme mit den Eltern, gesundheitliche Beschwerden (körperlich), Angst nach einem bewaffneten Einbruch und größerem Polizeieinsatz in unserem Haus (zum Glück wurde nicht in meiner Wohnung eingebrochen!!).

Der Schmerz um meinen Bruder ist dieses Jahr extrem heftig. In manchen Jahren komme ich gut mit seinem Tod klar. In anderen gar nicht. Ich habe stundenlang um ihn geweint, ich vermisse ihn, es tut so weh, so unendlich sehr weh. Samstag war Jahrestag, sein Todestag, es war schrecklich, es war, als sei er wirklich erst an diesem Tag verstorben und nicht schon vor Jahren.

Studium – nach wie vor bürokratische Probleme, an denen ich verzweifeln würde. „Würde“, weil sich die Sozialarbeiterin darum kümmert und ich ihr vertraue. Sie hilft mir gerade sehr, diesen ganzen Mist mit Masterarbeit abbrechen/neu anfangen bürokratisch zu regeln. Offiziell läuft momentan immer noch meine alte Masterarbeit weiter, warum auch immer, denn eigentlich sollte sie jetzt endlich als „nicht bestanden“ verbucht sein.

Meine neue Masterarbeit habe ich heute begonnen, den ersten „Arbeits“tag habe ich hinter mir. Ich bin so erschöpft von all den neuen Eindrücken. So viele Gesichter, Namen, Räume, Informationen. Nur ein Bruchteil davon ist hängengeblieben, aber das ist okay. Die TA, die mich einarbeitet, ist supernett und geduldig, ich muss nicht schon alles können und ich muss mir auch nicht sofort alles merken. Wir haben uns schnell darauf geeinigt, es ganz langsam angehen zu lassen – jeden Tag ein bisschen was.

Ich hatte sehr große Angst vor meinem ersten Tag im neuen Labor. Die vergangene Woche war es ein ziemliches Auf und Ab. Von „etwas nervös, aber hauptsächlich neugierig und vorfreudig“ bis zu „Ich pack das nicht! Ich geh da nicht! Auf gar keinen Fall geh ich da hin!!!“ Ich bin dankbar, dass die Klinikleute mich immer und immer wieder aufgefangen, beruhigt, stabilisiert haben. Dass Ausnahmen gemacht wurden, um mir wirklich ausreichend helfen zu können, noch mehr Ausnahmen als es dort ohnehin schon für mich gibt. Vom Herrn Oberarzt bin ich wieder einmal mehr als positiv überrascht worden.

Nachher habe ich noch Therapie bei Dr. H., morgen früh sehe ich den Ambulanzpsychiater. Vermutlich warten sie beide gespannt darauf, wie der erste Tag lief – und ob ich überhaupt hingegangen bin. Freitag, als ich die beiden das letzte Mal gesehen hatte, war ich so panisch und überfordert, dass ich mir absolut nicht vorstellen konnte, ins Labor zu gehen. Aber ich bin dagewesen, mit viel mir-selber-gut-zureden, viel Mutmach-Nachrichten von meinen Freunden, und viel Unterstützung durch die Klinikmenschen übers Wochenende. Ich denke, sie werden sich freuen zu hören, dass ich den Mut aufgebracht habe und wirklich ins Labor gegangen bin, trotz aller Ängste und Zweifel und Sorgen und Probleme. Ich jedenfalls – ich bin stolz auf mich.

Advertisements
4 Kommentare »

zweites Vorstellungsgespräch

Vorhin war ich nochmal in dem Labor, in dem ich meine Masterarbeit machen werde. Zweites Vorstellungsgespräch, sozusagen. Nachdem ich den Arbeitsgruppenleiter kennengelernt und er mich angenommen hatte, wollte auch die Ärztin, an deren Projekt ich mitarbeiten werde, mich mal kennenlernen. Sichergehen, dass ich wirklich geeignet bin. Bin ich wohl. Sie hat keinen Einspruch erhoben, dass ich meine Masterarbeit dort machen werde.

Also ist von der Labor-Seite aus jetzt wirklich alles in trockenen Tüchern. Muss nur noch die Uni zustimmen. „Nur“, haha. Wenn ich ehrlich bin, habe ich keine Ahnung, wie ich vorgehen muss. Meine alte Masterarbeit läuft ja offiziell noch weiter (mit ärztlichem Attest immer wieder verlängert, aber nie abgebrochen). Ich fühle mich überfordert, weil ich so gar keinen Plan habe, wie ich jetzt vorgehen muss, und auch niemanden kenne, der das auch hinter sich hat. Wie mache ich ein sauberes Ende unter den Erstversuch? Muss ich das irgendwem melden, begründen? Brauche ich die Zustimmung meiner Betreuerin vom Erstversuch? Vom Prüfungsausschuss? Oder einfach die nächste Frist verstreichen lassen und damit ist alles automatisch wieder auf Anfang? Welche Frist gilt dann für die Anmeldung des Zweitversuchs? Muss ich schon vorher den Extern-Antrag schreiben oder reicht das noch, wenn ich schon im Labor bin? Fragen über Fragen.

Vermutlich ist deswegen der Selbstverletzungsdruck nach dem heutigen zweiten Kennenlerngespräch so enorm hochgeschossen: jetzt muss ich mich mit den bürokratischen Fragen auseinandersetzen. Jetzt kann ich mich nicht mehr damit herausreden, dass die Ärztin vielleicht doch was gegen mich haben könnte und eh alles wie eine Seifenblase zerplatzen wird. Kann die Bürokratie nicht mehr aufschieben, weil die Ärztin ja doch noch alles kippen könnte. Keine Ausflüchte mehr.

Vielleicht werde ich (mal wieder) die Hilfe der Sozialarbeiter in Anspruch nehmen. Irgendwie komme ich mir zwar immer sehr erbärmlich vor, wenn ich wegen Uni-Problemen die Sozialarbeiter um Hilfe bitte (schließlich schaffen so viele ihr Studium ohne Sozialarbeiter!), aber letztlich sind sie ja dafür da. Also warum verzweifeln, wenn es Hilfe gibt… Ich habe genug Schwierigkeiten, mit denen ich zurecht kommen muss. Es ist okay, mir helfen zu lassen. Egal, bei was.

2 Kommentare »

das Wochenende in zwei Worten

Mein Wochenende lässt sich gut und vollständig mit zwei Worten zusammenfassen: geschlafen, geweint.

Der nie so ganz verarbeitete Tod meines Bruders tut dieses Jahr besonders weh. Ich weiß nicht, warum. Ich manchen Jahren sind es nur flüchtige Gedanken an ihn. In anderen Jahren wirft mich die Trauer nieder, als ob er erst gestern gestorben wäre. Es tut so weh.

Mit E., einer sehr guten Freundin, habe ich mich heftig gestritten. Momentan herrscht Funkstille. Auch das tut weh. Der Streit kam so plötzlich, kein lange schwelender Konflikt. Ich denke, dass wir uns irgendwann aussprechen werden und dann wieder alles okay ist. Mehr oder weniger okay – sie ist nachtragend. Wie mit anderen blöden Situationen, so wird sie mir auch das immer wieder unter die Nase halten und darauf hinweisen, wie scheiße das für sie war. (Und ignorieren, dass ich rein gar nichts dafür konnte, es nicht meine Schuld ist, und sie erheblich dazu beigetragen hat, dass eine vorher nur blöde Situation schließlich eskalierte.)

Mittwoch habe ich nochmal einen Termin in meinem zukünftigen Labor. Die Doktorandin, an deren Projekt ich mitarbeiten werde, möchte mich auch mal kennenlernen bevor es losgeht. Sympathie-Check. Ich hasse sowas. Ich sei ein sympathischer Mensch, wird mir immer wieder bestätigt. Dummerweise muss ich erstmal auftauen, bevor das zum Vorschein kommt. Gegenüber Fremden bin ich sehr distanziert und wirke oftmals kalt und abweisend. Aber sofern sie nicht denkt, dass sie mit mir absolut gar nicht arbeiten kann, ist es okay.

Die Klinikleute – Dr. H., der Herr Psychiater, die Pflege – freuen sich alle sehr, dass ich endlich eine Stelle gefunden habe und bald die Masterarbeit machen kann. Sie glauben, dass mir das gut tun wird. Alltagsstruktur, sinnvolle Beschäftigung, eine Arbeit, die mir Spaß macht. Ich glaube das auch. Die erste Zeit wird vermutlich sehr schwierig werden, weil erstmal noch einiges nerviges Zeugs geregelt werden muss, fremde Umgebung, fremde Menschen, Einarbeiten, von langer Zeit Nichtstun wieder auf reguläre Arbeitstage umstellen etc. etc. Aber ich denke, ich werde von Seiten der Klinik maximale Unterstützung bekommen und dann wird das auch klappen, irgendwie.

Suizidgedanken sind nach wie vor sehr präsent, aber gut kontrollierbar. Nur ab und zu werden sie übermächtig. Aber dann nehme ich Bedarf oder geh in die Klinik. Schwieriger ist der Selbstverletzungsdruck. Der ist nur schwer zu ertragen und mit Skills komme ich momentan auch nicht weit. Vermutlich, weil ich gar nicht skillen will – ich will mich verletzen. Warum ich es dann nicht einfach tue? Keine Ahnung. Vielleicht, weil ich es nicht zu 100% will. Ich will mich verletzen und will es gleichzeitig auch doch nicht. Ich hänge irgendwo dazwischen, kann mich nicht zum Verletzen durchringen, aber skille auch nur halbherzig.

2 Kommentare »

Freude und Angst

Die Zusage für den MA-Platz hat ein ganz ordentliches emotionales und gedankliches Chaos ausgelöst. Der Druck, mich zu verletzen, ist enorm – einfach etwas Gewohntes, Vertrautes tun, etwas, das für mich mit Sicherheit verbunden ist und Ruhe ins Innenleben bringt. Aber ich kämpfe, ich will mich nicht verletzen, nicht wegen etwas so Positivem.

Ich freue mich sehr über die Zusage und ich habe auch ein gutes Gefühl bei dieser Stelle. Ich habe von mehreren Leuten Aussagen zu dieser Arbeitsgruppe gehört und die waren durchweg positiv. Auch mein Eindruck war positiv. Mein zukünftiger Betreuer scheint ein sehr cooler, entspannter Typ zu sein, mit einem guten Sinn für Humor. Außerdem machte er auf mich einen recht kompetenten Eindruck. Ich werde eine klar definierte Fragestellung bekommen, ein Teil eines größeren Projekts. Er hat es sich so überlegt, dass ich im ersten Teil erstmal Standardversuche mache, bei denen mit fast 100%iger Wahrscheinlichkeit brauchbare Daten herauskommen werden (und falls doch nicht, gibt es einen absolut sicheren Plan B). Sobald ich einen soliden Datensatz habe, aus dem ich meine Masterarbeit schreiben kann, kommen im zweiten Teil Versuche, bei denen auch er nicht absolut sicher sein kann, ob was Gutes bei rauskommt – aber da habe ich ja dann schon ausreichend Daten und es wäre nicht tragisch, wenn die Versuche nicht klappen, also kann man das Risiko eingehen und ein bisschen Rumspielen. Mich hat seine Projektplanung wirklich überzeugt, denn insgeheim habe ich natürlich Angst, dass es (wieder) nicht klappt – das wäre es dann mit dem Studium, weil mehr als diesen zweiten Versuch habe ich nicht.

Aber es wird klappen. Denke ich. Glaube ich. Seine Planung hat Hand und Fuß. Er weiß, was er tut. Es ist nicht wie in meinem alten Labor, wo ich nie wirklich eine klare Fragestellung hatte und es keinen roten Faden gab. Wo die Chefin heute dies, morgen jenes haben wollte und in der korrektes wissenschaftliches Arbeiten ein Fremdwort war. Wo sowieso viel meiner Zeit dafür draufging, Dinge zu tun, die nicht in den Aufgabenbereich einer Masterandin fallen und wodurch für meine eigene Arbeit ziemlich wenig Zeit blieb. („Sie hat dich voll ausgenutzt!“, meinte E. wütend, als ich ihr die ganze Geschichte endlich mal so erzählte, wie sie wirklich gelaufen ist. Und damit hat sie nicht ganz unrecht.)

Neben der Freude über die Zusage und der Zuversicht, dass es dort auch klappen wird, spüre ich aber auch sehr sehr viel Angst. Was, wenn es doch nicht klappt? Was, wenn es klappt – was mache ich nach Abschluss meines Studiums? Was, wenn mein Betreuer doch nicht so locker drauf ist und rumzickt, wenn ich wegen Arzt- und Therapieterminen regelmäßig später komme oder früher gehe? Was, wenn ich nach dem monatelangen Nichtstun mit der Arbeitsbelastung gar nicht mehr klarkomme? Was muss ich jetzt überhaupt machen, an Formalitäten und so, damit mein Zweitversuch überhaupt gültig ist? Und überhaupt? Und sowieso?

Durchatmen. Tief und ruhig durchatmen. Ein und aus, ein und aus, ein und aus. Nicht panisch werden. Ruhig bleiben. Alles wird gut. Durchatmen. Ein und aus, ein und aus.

1 Kommentar »

… und dann geht alles ganz schnell

In der Neujahrsnacht habe ich die Entscheidung getroffen, meine Masterarbeit abzubrechen. Seitdem habe ich mehr oder weniger verzweifelt nach einer neuen Stelle gesucht. Keine Antworten, Absagen, Wartezeiten von mehreren Semestern, gruselige Vorstellungsgespräche… Innerlich habe ich mich schon mit dem Gedanken angefreundet, das Studium einfach komplett hinzuwerfen. Nur noch halbherzig weitergesucht und Bewerbungen geschrieben – „wird ja eh nichts“.

Letzten Freitag nochmal jemanden angeschrieben. Schnelle Antwort. Heute Gespräch. Ein sehr unkonventionelles Gespräch: in der Cafeteria, er spendierte mir einen Kaffee, bot mir gleich am Anfang das Du an. Kein förmliches Verhör im Büro, wie ich es anderswo schon erlebt habe.

Warum ich die alte Masterarbeit abgebrochen habe, musste ich nicht groß erklären – der Name meiner Ex-Chefin reichte und er wusste Bescheid, warum ich es dort geschmissen habe… Dazu, dass ich offensichtlich lange Zeit „nichts“ gemacht habe, wie er aus Lebenslauf und Zeugnissen sehen konnte, hat er gar nichts gesagt, kein Wort dazu, nichts, keine Nachfragen.

Ich war im T-Shirt dort. Die Narben hat er bemerkt und mit einem mitfühlenden „Autsch…!“ kommentiert. Mehr nicht. Fand ich irgendwie beruhigend – sicher zu wissen, dass er das realisiert hat, und dass es für ihn kein Kriterium ist, ob er mich nimmt oder nicht. Keine Geheimnisse. Kein Versteckspiel.

Lange Rede, kurzer Sinn: Er nimmt mich! Ich habe eine Zusage! Ich kann meinen Zweitversuch machen und das Studium dann hoffentlich endlich abschließen!

Und das Beste ist: Ich kann schon Ende September/Anfang Obktober beginnen! Keine monatelange Wartezeit, nicht noch mehr Ewigkeiten, die ungenutzt verstreichen.

Ich bin gerade noch viel zu verblüfft, wie schnell und unkompliziert das jetzt doch alles ging. Ich hatte ja schon fast aufgegeben… Und jetzt geht’s weiter, so bald, und ich habe ein gutes Gefühl bei dieser Stelle. Ich glaube, dort werde ich es schaffen, und ich werde gut sein, und ich werde wieder spüren, wofür mein Herz schlägt.

15 Kommentare »