eisblau&honigsüß

Exmatrikulation

“ blabla… für die Rückmeldung zum Wintersemester gesperrt… blabla“

Nachfrage beim Studiensekretariat. Sehr unfreundliche Frau. „Regelstudienzeit… blabla… weit überzogen… blabla… mit Ende dieses Semesters exmatrikuliert… blabla.“

Wie im Taum (einem schlechten Traum) taumele ich nach draußen. Das war’s also? Mein Traum vom Studium. Die vielen vielen Kämpfe, um meinen Traum zu verwirklichen. Aus Ende Vorbei.

Zu krank. Zu gestört. Nicht die erforderlichen Leistungen geschafft. Zu schwach. Versagerin, Versagerin, Versagerin. Versagerin!

Keine Rückmeldung mehr möglich. Kein weiteres Semester.

Ein paar Wochen habe ich noch, bis Ende September, bis das Sommersemester vorbei ist. Solange bin ich noch immatrikuliert. Und dann – Ende.

Tränen. Bitterheiße Tränen.

Psychiatrie.

Sie reden auf mich ein. Ich höre ihre Worte, der Sinn kommt kaum durch. „Chronische Erkrankung… Attest… Härtefall… Sozialarbeiter… bestimmt noch Möglichkeiten…“

Ich nicke ab und zu. Die meiste Zeit starre ich blicklos aus dem Fenster. Bäume und Himmel, grün und blau. Schön. Beruhigend. Das Gerede wie Wellenrauschen im Hintergrund. Ohne Inhalt, aber beruhigend. Die Welt stürzt ein, aber ich bin hier, in dieser grünblauen Welt mit Wellenrauschen. Alles ist gut. Alles ist gut.

Später, viel später. Viele Tränen später. Viel Verzweiflung später.

Nochmal Gespräche, in der grünblauen Wellenwelt. Keine Hoffnung, aber Gleichgültigkeit. „Wir können natürlich nicht über Ihren Kopf hinweg etwas machen. Aber wenn Sie zustimmen…?!“ Ich nicke. Keine Ahnung, worum genau es geht. Dass sie mit der Uni Kontakt aufnehmen dürfen? Dass sie die Sozialarbeiterin hinzuziehen dürfen? Irgendwie sowas wird es wohl sein. Sollen sie mal machen. Zu verlieren habe ich nichts. Jetzt nicht mehr. In dieser grünblauen Wellenwelt kann ich für immer bleiben.

Viel viel später. Zu Hause. Konfuse Erinnerungen. Terminzettel in der Hand. Ein vages Gefühl, dass die Welt doch nicht untergeht. Dass ich nicht alleine bin. Dass sie mir helfen.

Schlafen. Ich muss schlafen. Auch wenn es mitten am Tag ist. Overload. Zu viele Gedanken, viel zu viele Gefühle. Schlafen. Schlafen. Schlafen.

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Freunde… Treffen… so gut…

Ich glaube, das war jetzt das erste Mal, dass ich eine Freundin kontaktiert und um ein Treffen gebeten habe, weil es mir nicht gut geht und ich jemandem zum Reden brauchte. Sowas habe ich noch nie gemacht. Im Grunde habe ich selbst bei meinen besten Freunden immer die Fassade gewahrt. „Ach ja, mir gehts nicht so gut. Aber egal. Wie gehts dir???“

Bloß von mir selbst ablenken. Nicht zu viel über mich reden. Nicht preisgeben, was mich bewegt.

Ich bin froh, dass ich mich mit E. getroffen habe. Dass ich sagen konnte, dass es gerade ganz und gar nicht gut ist und ich reden muss. Dass ich dann auch geredet habe.

Natürlich ändert es nichts daran, dass ich eine verdammte Autoimmunerkrankung habe. Diese Störung ist da. Egal, wie viel und mit wem ich rede.

Aber es tat gut, darüber zu reden. Mit einer Freundin, nicht mit Ärzten. Ich will nicht hören, was diese Problematik medizinisch gesehen für mich bedeutet. Das weiß ich auch so.

Ich will nur darüber reden. Einfach nur reden. Über meine Gedanken dazu, meine Gefühle, meine Ängste. Und vielleicht auch über die Chancen, die mir die Diagnose bringt.

Kein medizinisches Blabla. Keine Werte diskutieren. Keine Ängste kleinreden.

Nur darüber reden, dass es eben so ist. Dass es doof und unfair ist. Dass es aber auch nicht nur tiefdunkelschwarz ist. Ohne krampfhaften Optimismus, ohne Schönreden. Nur darüber sprechen, wie es eben ist.

Ich bin froh, dass ich E. gefragt habe, ob sie kurzfristig Zeit hat. Dass wir uns getroffen haben. Wenn es auch nur kurz war, mit Blick auf die Uhr, bis sie wieder zur Arbeit musste. Sie hat ihre Mittagspause für mich geopfert. Für mich!

Ein kurzes Treffen, dass mir doch so gut getan hat. So verdammt gut.

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Beratungsgespräch

Heute hatte ich einen Termin in einer Beratungsstelle der Uni. Die Psychiater wissen nach wie vor nicht, dass ich mich an diese Stelle gewandt habe, und das ist auch okay. Ich habe für mich entschieden, dass erstmal niemand was davon wissen muss. Vermutlich könnte ich es auch erzählen und niemand wäre deswegen verärgert. Aber andererseits: wozu sollte ich es erzählen? Momentan sehe ich dazu keine Notwendigkeit, und irgendwie tut es auch gut, mal ganz unbhängig von der Psychiatrie Hilfsangebote wahrzunehmen.

Über das Gespräch gibt es eigentlich nicht viel zu erzählen. Typisches „erstes Gespräch“ eben. Bisschen Biographie, dann aktuelle Situation, aktuelle Probleme, und schlussendlich: wie weiter, was tun?

Im Grunde war das Ergebnis ziemlich genau das, was ich mir schon vorher gedacht habe: meine Probleme – oder viel eher: meine psychische Erkrankung – sprengt den Rahmen der dortigen Hilfsmöglichkeiten. Das ist nichts, das man mit ein paar Beratungsgesprächen in den Griff bekommt.

Fast hätte ich jetzt beim Schreiben den selben Denkfehler gemacht wie vorhin im Gespräch. Fast hätte ich geschrieben: wieder einmal festgestellt, dass ich irgendwo falsch bin und mir nicht geholfen werden kann, dass ich zu kompliziert, zu krank bin. Aber das stimmt so nicht. Ich bekomme ja Hilfe! Ich wurde nicht einfach weggeschickt und das war’s. Nö. Es wurde nur festgestellt, dass mir die Beratungsstelle bei meinen Problemen nicht wirklich helfen kann und dass ich – Überraschung, Überraschung! – bei einem Psychotherapeuten besser aufgehoben wäre. Und dabei, einen Psychotherapeuten zu finden, kann mir die Beratungsstelle durchaus helfen.

Die Dame, mit der ich heute gesprochen habe, wird sich mit der Leiterin der Beratungsstelle zusammensetzen. Die kennt sich besser aus mit Psychotherapeuten, hat mehr Überblick, wer hier in der Stadt für mich in Frage kommen könnte, hat bessere Kontakte. Sie (die Leiterin) wird sich dann bei mir melden und einen Termin mit mir vereinbaren. Dann kann ich mit ihr in Ruhe besprechen, wie ich denn nun am besten an einen geeigneten Therapeuten komme. Und welche Unterstützung ich dabei event. brauche (einfach mal wo anrufen geht ja nicht, beispielsweise).

Ich finde das gut so. Klar hatte ich mir auch schon gedacht, dass die Beratungsstelle nicht wirklich das Richtige für mich ist und dass sie mir zu einer Psychotherapie raten werden. Allerdings dachte ich, dass es nur bei diesem Rat bleiben wird – nicht, dass sie mir helfen werden, einen Therapeuten zu finden. Das hat mich wirklich positiv überrascht.

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hinter ihrem Rücken

Ich habe meiner Ex-Therapeutin eine Mail geschrieben. Letzte Woche schon, in einem Moment absoluter Verzweiflung. Solche Momente gibt es oft derzeit. Momente, in denen ich nicht mehr ein und aus weiß, keine Ahnung habe, was richtig ist oder falsch, was ich tun soll, kann, darf.

Es war keine lange Mail. Im Grunde nur eine kurze Schilderung der aktuellen Situation und die Frage, ob irgendwie irgendeine Möglichkeit bestünde, dass ich mit ihr sprechen könnte. Dass ich gerade dringend Hilfe brauche und nicht wisse, an wen ich mich wenden solle – nachdem Dr. H. mich fallengelassen hat und auch die Station derzeit keine Option ist, nach dem letzten Debakel mit dem Oberarzt (der furchtbare letzte Termin hatte natürlich auch noch ein genauso unschönes Nachspiel).

Sie hat gerade Urlaub, würde sich dann nächste Woche nochmal bei mir melden. Sie schien es mir nicht übel zu nehmen, dass ich sie nach so langer Zeit einfach so angeschrieben habe. Sie verstehe das total.

Ein schlechtes Gewissen habe ich dennoch. Sie ist ja nicht mehr meine Therapeutin, schon lange nicht mehr. Ich habe kein Recht, ihr zu schreiben. Oder gar nach einem Termin zu fragen. Und das auch noch während sie Urlaub hat! (Okay, das mit dem Urlaub konnte ich nicht wissen, aber trotzdem!)

Natürlich habe ich niemandem davon erzählt. Weder der Herr Psychiater noch der Herr Oberarzt wissen, dass ich Kontakt zur Ex-Therapeutin aufgenommen habe, weil ich mich von ihnen nicht ausreichend unterstützt fühle. Weil ich mich missverstanden und im Stich gelassen fühle. Was wird passieren, wenn sie irgendwann vielleicht herausfinden, dass ich hinter ihrem Rücken anderswo Hilfe gesucht habe? Ist das ein Verrat? Eine Abwertung? Eine Zurückweisung?

Montag habe ich außerdem einen Termin bei einer Beratungsstelle. Noch sowas, wovon niemand etwas weiß. Dass ich die Beratungsstelle kontaktiert habe, dass ich einen Termin vereinbart habe. Dass ich – fernab der Klinik und hinter dem Rücken meiner Behandler – anderswo Rat und Hilfe suche.

Wenn ich nur daran denke, ziehe ich schon instinktiv den Kopf ein. In Erwartung von Strafe, Vorwürfen, Ärger, Schlägen. Ja, so absurd das auch klingt, aber irgendwie erwarte ich, dass ich geschlagen werde, wenn die Ärzte jemals erfahren, dass ich – ohne ein Wort zu sagen – Klinik-externe Hilfsangebote suche.

Ich will nicht, dass sie sich hintergangen fühlen. Aber ich habe einfach das Gefühl, dass das etwas ist, dass ich alleine machen sollte. Ohne vorher irgendwen um „Erlaubnis“ zu fragen. Ohne mich dafür zu rechtfertigen. Es gibt andere Hilfsangebote als die der Klinik. Die gibt es und die darf ich auch in Anspruch nehmen. Das darf – und kann – ich selber machen. Ich muss niemanden vorher fragen, ob das okay ist.

(Trotzdem: Kopf einziehen. Luft anhalten. Augen schließen. Schläge abwarten.)

Vielleicht wird es keine Schläge geben. Schließlich bin ich nicht verpflichtet, dem Psychiater oder gar dem Oberarzt offenzulegen, wann ich wo welche Termine in Anspruch genommen habe. Das ist meine Sache, das müssen sie nicht unbedingt wissen. Und wenn ich nichts sage, wird das auch niemand erfahren. Die Beratungsstelle unterliegt der Schweigepflicht. Meine Ex-Therapeutin wird mit Sicherheit auch niemandem etwas sagen.

Aber selbst wenn die Klinik-Leute was erfahren würde: vielleicht wären sie gar nicht böse auf mich. Könnte ja sein, dass sie es sogar als positiv werten – dass ich aktiv geworden bin, dass ich mich nach passenden Hilfsangeboten umgeschaut habe, dass ich Termine vereinbart habe. Kann man ja auch positiv auslegen. Kann man… theoretisch.

(Kopf einziehen… Luft anhalten… Augen schließen… Schläge abwarten…)

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zweites Vorstellungsgespräch

Vorhin war ich nochmal in dem Labor, in dem ich meine Masterarbeit machen werde. Zweites Vorstellungsgespräch, sozusagen. Nachdem ich den Arbeitsgruppenleiter kennengelernt und er mich angenommen hatte, wollte auch die Ärztin, an deren Projekt ich mitarbeiten werde, mich mal kennenlernen. Sichergehen, dass ich wirklich geeignet bin. Bin ich wohl. Sie hat keinen Einspruch erhoben, dass ich meine Masterarbeit dort machen werde.

Also ist von der Labor-Seite aus jetzt wirklich alles in trockenen Tüchern. Muss nur noch die Uni zustimmen. „Nur“, haha. Wenn ich ehrlich bin, habe ich keine Ahnung, wie ich vorgehen muss. Meine alte Masterarbeit läuft ja offiziell noch weiter (mit ärztlichem Attest immer wieder verlängert, aber nie abgebrochen). Ich fühle mich überfordert, weil ich so gar keinen Plan habe, wie ich jetzt vorgehen muss, und auch niemanden kenne, der das auch hinter sich hat. Wie mache ich ein sauberes Ende unter den Erstversuch? Muss ich das irgendwem melden, begründen? Brauche ich die Zustimmung meiner Betreuerin vom Erstversuch? Vom Prüfungsausschuss? Oder einfach die nächste Frist verstreichen lassen und damit ist alles automatisch wieder auf Anfang? Welche Frist gilt dann für die Anmeldung des Zweitversuchs? Muss ich schon vorher den Extern-Antrag schreiben oder reicht das noch, wenn ich schon im Labor bin? Fragen über Fragen.

Vermutlich ist deswegen der Selbstverletzungsdruck nach dem heutigen zweiten Kennenlerngespräch so enorm hochgeschossen: jetzt muss ich mich mit den bürokratischen Fragen auseinandersetzen. Jetzt kann ich mich nicht mehr damit herausreden, dass die Ärztin vielleicht doch was gegen mich haben könnte und eh alles wie eine Seifenblase zerplatzen wird. Kann die Bürokratie nicht mehr aufschieben, weil die Ärztin ja doch noch alles kippen könnte. Keine Ausflüchte mehr.

Vielleicht werde ich (mal wieder) die Hilfe der Sozialarbeiter in Anspruch nehmen. Irgendwie komme ich mir zwar immer sehr erbärmlich vor, wenn ich wegen Uni-Problemen die Sozialarbeiter um Hilfe bitte (schließlich schaffen so viele ihr Studium ohne Sozialarbeiter!), aber letztlich sind sie ja dafür da. Also warum verzweifeln, wenn es Hilfe gibt… Ich habe genug Schwierigkeiten, mit denen ich zurecht kommen muss. Es ist okay, mir helfen zu lassen. Egal, bei was.

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