eisblau&honigsüß

Verletzungen

Die letzte Selbstverletzung war Anfang August. Über 11 Wochen habe ich es jetzt durchgehalten. Trotz der panischen Verzweiflung bevor die Masterarbeit anfing und trotz des emotionalen Chaos und der Daueranspannung seit ich wieder im Labor bin.

Hardcore-Psychoanalytiker würden vielleicht zweifelnd die Augenbrauen hochziehen. Keine bewussten Verletzungen, ja, stimmt schon, aber… aber irgendwie eine erhöhte Neigung, mir unabsichtlich die Hände zu verletzen. Mal gieße ich mir aus Versehen heißes Wasser über die Hand, mal verbrenne ich mir die ganze Fingerkuppe an einer heißen Herdplatte, mal rutsche ich mit dem Messer beim Gemüse schnibbeln ab.

Ich halte eigentlich nicht viel davon, in jeden Unfall eine unbewusste Selbstverletzung hinein zu interpretieren. Andererseits frage ich mich so langsam dann doch, ob es wirklich zufällige Unfälle sind, wenn ich mir alle paar Tage irgendwo irgendwie an den Händen Verletzungen zuziehe. Vielleicht versuche ich unbewusst ja doch, mir die Hände so kaputt zu machen, dass ich nicht arbeiten kann (nicht arbeiten muss)? Vielleicht ist es auch einfach nur Unachtsamkeit durch den erhöhten Stresspegel, der zu vermehrten Unfällen führt. Wer weiß.

Wie ist es gerade im Labor? Hm. Schwierige Frage. Ich bin inzwischen ganz gut eingearbeitet, kenne mich im Labor aus, kann/darf/soll meine Versuche selber planen und bekomme auch das meiste selbstständig hin, ohne dass jemand danebenstehen und mir alles erklären muss. Es fängt so langsam an, Spaß zu machen. Langsam beginne ich, mir die Arbeit zuzutrauen und fühle mich nicht mehr ständig überfordert und bombardiert von zu viel Informationen.

Mit dem Chef hatte ich bisher wenig zu tun. Eine kleine Auseinandersetzung gab es mit ihm, aber ansonsten kann ich mich nicht beschweren. Auch mit den anderen Leuten komme ich ganz gut klar.

Bis auf eine Ausnahme: eine TA aus meiner Arbeitsgruppe. Ich weiß nicht, was ich ihr getan habe, aber sie gibt sich seit dem ersten Tag Mühe, mich zu verletzen. Zickt mich wegen banalen Dingen an, wirft mir Dinge vor, die ich nicht getan habe, bemüht sich aktiv, mich aus der Gruppe auszuschließen. Es ist schwer, in Worte zu fassen, was sie tut. Vieles ist sehr subtil. Aber ich kenne das alles, ich kenne es so so so scheißgut. Was sie tut, ist nichts anderes als Mobbing. Und ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll. Ich weiß nur, dass es mich kaputtmacht…

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die Welt ist klein

Und plötzlich steht er mitten im Raum. Er, dessen Namen ich mir gar nicht gemerkt habe, als wir uns begegneten, vor ein paar Monaten, in der Psychiatrie. Ich als Patientin, er als Famulus im weißen Kittel.

Er scheint die Leute im Labor zu kennen. Hat er hier seine Doktorarbeit gemacht? Vermutlich. Warum sonst sollte ein Medizinstudent sich hier auskennen?

Ich erkenne ihn. Er erkennt mich. Er scheint – wie ich – einen Moment nachdenken zu müssen, woher man sich kennt. Ich kann in seinem Gesicht den Moment erkennen, in dem er die Verbindung herstellt. Zwischen meinem Gesicht und seiner Famulatur in der geschlossenen Psychiatrie.

Er schaltet blitzschnell um. Nur ein kurzer Moment, in dem ich sehen kann, dass er mich als Patientin wiedererkennt. Danach – ganz professionell. Nie gesehen, nichts bekannt. Wir beide wissen es besser, er und ich. Er weiß so verdammt viel über mich, so viel Intimes.

Und auch wenn ich weiß, dass er aufgrund der Schweigepflicht nichts preisgeben darf – so bin ich doch erleichtert, dass er so tut, als ob wir uns zum ersten Mal sehen…

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zwei Wochen

Und wieder ist seit dem letzten Eintrag so viel Zeit vergangen. Und wieder so viel passiert, worüber ich schreiben könnte.

Zwei Wochen habe ich nun in meinem neuen Labor hinter mir. Geht es mir gut damit? Ich weiß es nicht. Ich bin vor allem erschöpft und müde, so unendlich müde. Es ist anstrengend, nach so langer Zeit wieder arbeiten zu gehen. Morgens aufstehen, mich den ganzen Tag konzentrieren, neue Techniken lernen, und natürlich das ganze soziale Gedöns, dass die Arbeit in einer Gruppe eben so mit sich bringt.

Wenn ich morgens aufwache, muss ich mich sehr dazu zwingen, aufzustehen. Am liebsten würde ich liegen bleiben, für immer und ewig. Die ersten Stunden des Tages beherrschen Suizidgedanken meinen Kopf. Alles ist so schwer und anstrengend und (über)fordernd, dass ich am liebsten aufgeben möchte. Zum Glück legen sich die Suizidgedanken im Lauf des Vormittags immer.

Die Gedanken an Selbstverletzung sind da hartnäckiger. In den letzten Wochen gab es kaum einen Moment, an dem ich nicht das Verlangen hatte, mir die Haut aufzuschneiden. An vielen Tagen bin ich nach der Arbeit ein paar Stunden in die Klinik geflüchtet, um Unterstützung und Schutz zu bekommen. So bin ich inzwischen auf 2 1/2 Monate ohne Selbstverletzung gekommen, was für mich eine sehr lange Zeit ist, allemal, wenn man den Stress durch die neue Arbeitsstelle berücksichtigt.

Ich bin froh, dass ich von den Psych-Menschen so viel Unterstützung bekomme und dass sie sich nach Kräften bemühen, die Kriseninterventionen so zu gestalten, dass ich trotz meines eher labilen psychischen Zustandes ins Labor gehen kann und nicht tage- oder wochenlang zur Stabilisierung stationär behandelt werden muss.

Ich hoffe sehr, dass ich mich schnell an den Arbeitsalltag gewöhne und dann auch ohne ständige Kriseninterventionen klarkomme. So langsam fange ich an, mich im Labor zurecht zu finden, selbstständig arbeiten zu können, die Leute zu kennen. Trotzdem weine ich mich nach wie vor fast jeden Abend in den Schlaf. Hoffentlich wird das bald besser…

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überhaupt nicht ruhig

Es ist so ruhig hier geworden, auf meinem Blog. Dabei gäbe es so viel zu erzählen. So so so unendlich viel. Denn mein Leben ist momentan bei weitem nicht so ruhig.

In mir ist es chaotisch, die Emotionen fahren Achterbahn, Tag und Nacht. Im einen Moment lache ich so sehr, dass es im Bauch weh tut, im nächsten kann ich nicht mehr aufhören zu weinen. Mal rede ich wie ein Wasserfall, nur um Minuten später keinen Laut mehr über die Lippen zu bekommen. Bodenlose Verzweiflung schlägt plötzlich in pure Lebensfreude um. Ich weiß nicht mehr, wo mir der Kopf steht.

Ich war viel in der Klinik in den letzten Wochen. Nie stationär, was irgendwie beeindruckend ist. Aber oft, teilweise täglich, für ein paar Stunden.

Was mich so sehr stresst, lässt sich nur schwer sagen. Viele viele Kleinigkeiten. Streit mit einer sehr guten Freundin, Probleme mit den Eltern, gesundheitliche Beschwerden (körperlich), Angst nach einem bewaffneten Einbruch und größerem Polizeieinsatz in unserem Haus (zum Glück wurde nicht in meiner Wohnung eingebrochen!!).

Der Schmerz um meinen Bruder ist dieses Jahr extrem heftig. In manchen Jahren komme ich gut mit seinem Tod klar. In anderen gar nicht. Ich habe stundenlang um ihn geweint, ich vermisse ihn, es tut so weh, so unendlich sehr weh. Samstag war Jahrestag, sein Todestag, es war schrecklich, es war, als sei er wirklich erst an diesem Tag verstorben und nicht schon vor Jahren.

Studium – nach wie vor bürokratische Probleme, an denen ich verzweifeln würde. „Würde“, weil sich die Sozialarbeiterin darum kümmert und ich ihr vertraue. Sie hilft mir gerade sehr, diesen ganzen Mist mit Masterarbeit abbrechen/neu anfangen bürokratisch zu regeln. Offiziell läuft momentan immer noch meine alte Masterarbeit weiter, warum auch immer, denn eigentlich sollte sie jetzt endlich als „nicht bestanden“ verbucht sein.

Meine neue Masterarbeit habe ich heute begonnen, den ersten „Arbeits“tag habe ich hinter mir. Ich bin so erschöpft von all den neuen Eindrücken. So viele Gesichter, Namen, Räume, Informationen. Nur ein Bruchteil davon ist hängengeblieben, aber das ist okay. Die TA, die mich einarbeitet, ist supernett und geduldig, ich muss nicht schon alles können und ich muss mir auch nicht sofort alles merken. Wir haben uns schnell darauf geeinigt, es ganz langsam angehen zu lassen – jeden Tag ein bisschen was.

Ich hatte sehr große Angst vor meinem ersten Tag im neuen Labor. Die vergangene Woche war es ein ziemliches Auf und Ab. Von „etwas nervös, aber hauptsächlich neugierig und vorfreudig“ bis zu „Ich pack das nicht! Ich geh da nicht! Auf gar keinen Fall geh ich da hin!!!“ Ich bin dankbar, dass die Klinikleute mich immer und immer wieder aufgefangen, beruhigt, stabilisiert haben. Dass Ausnahmen gemacht wurden, um mir wirklich ausreichend helfen zu können, noch mehr Ausnahmen als es dort ohnehin schon für mich gibt. Vom Herrn Oberarzt bin ich wieder einmal mehr als positiv überrascht worden.

Nachher habe ich noch Therapie bei Dr. H., morgen früh sehe ich den Ambulanzpsychiater. Vermutlich warten sie beide gespannt darauf, wie der erste Tag lief – und ob ich überhaupt hingegangen bin. Freitag, als ich die beiden das letzte Mal gesehen hatte, war ich so panisch und überfordert, dass ich mir absolut nicht vorstellen konnte, ins Labor zu gehen. Aber ich bin dagewesen, mit viel mir-selber-gut-zureden, viel Mutmach-Nachrichten von meinen Freunden, und viel Unterstützung durch die Klinikmenschen übers Wochenende. Ich denke, sie werden sich freuen zu hören, dass ich den Mut aufgebracht habe und wirklich ins Labor gegangen bin, trotz aller Ängste und Zweifel und Sorgen und Probleme. Ich jedenfalls – ich bin stolz auf mich.

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