eisblau&honigsüß

An manchen Tagen wache ich morgens auf und habe nicht den leisesten Schimmer, wie ich den Tag durchstehen soll. Was ich mit der vielen vielen Zeit anfangen soll. Was ich mit mir anfangen soll.

Alles zu viel und gleichzeitig zu wenig. Zu viel Gefühl in einer allesfressenden Leere. Zu viel zu erledigen und zu wenig Motivation, irgendwas in Angriff zu nehmen. Zu viele Gedanken, doch keiner führt zu irgendwas Sinnvollem.

Zudröhnen, doch wieder. Was soll’s! Sollen die Ärzte doch ruhig Recht behalten. Ich pack’s nicht. Alleine nicht, und Hilfe steht mir nicht zu.

Egal. Alles egal gerade. Ich will nur noch, dass der Tag vorbei geht. Dass morgen ist. Und dass morgen besser ist als heute. Oder dass nichts mehr ist. Wäre auch gut.

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Lob und Tadel

Meine Güte war das heute Früh ein Kampf, mich zum Gespräch in die Klinik zu bewegen. Die Pillen gegen die Entzugssymptome hauen ganz schön rein. Bei Dr. H. war ich auch ein paar Mal kurz davor einzupennen. Ähem. Ja. Er hat’s mir nicht übel genommen.

Ich hatte ein bisschen Schiss, was er zu meinem Drogenausflug sagen wird. Klar, er wusste, dass ich irgendwas nehme. Aber nicht, was. Da ich aber am Sonntag beim Notdienst zwangsläufig ehrlich sein musste und er durch die Übergabe dann auch alles erfahren hat… Naja.

Dummerweise hat er auch ein bisschen Anschiss bekommen wegen der Geschichte. So nach dem Motto: „Du siehst die Patientin jede Woche – wie kann es da sein, dass sie sich wochenlang mit Substanz-X zuballert und du weder davon weißt, noch etwas dagegen tust?!“ Finde ich irgendwie nicht fair. Er hatte ja mehrfach gefragt, was ich nehme, aber was soll er machen, wenn ich nichts sage? Mich aufs Fixierbett schnallen und solange foltern, bis ich den Mund aufmache? Wohl kaum. Genauso: Wie hätte er es verhindern sollen? Akute Selbstgefährdung ist das nicht, also kein Grund für Zwangsmaßnahmen. Mehr als mir ins Gewissen reden hätte er nicht tun können (und damit wäre er nicht weit gekommen bei mir).

Naja, er hat mir versichert, dass ich mich nicht schuldig fühlen muss, nur weil er sich meinetwegen rechtfertigen musste. Er sei froh, dass ich mich am Sonntag beim Notdienst vorgestellt habe… Auch wenn es ihm lieber gewesen wäre, wenn ich den Entzug unter ärztlicher Aufsicht gemacht hätte und nicht zu Hause auf eigene Faust… vor allem: kein kalter Entzug – bei der Dosis hätte jeder vernünftige Arzt langsam ausgeschlichen… Was soll ich dazu sagen? Recht hat er schon – aber so hat’s auch funktioniert 😉

Den schlimmsten Teil habe ich jetzt wohl hinter mir. Zumindest fühle ich mich wieder deutlich besser. Die Pillen gegen die Entzugserscheinungen werde ich trotzdem noch ein paar Tage nehmen. Ganz übern Berg bin ich noch nicht und ich habe Angst, dass es ohne die Pillen doch noch arg unangenehm wäre und ich wieder zu meinen Substanzen greife um das zu mildern. Also lieber kein Risiko eingehen und das Zeugs noch ein paar Tage nehmen bis ich den Entzug ganz sicher hinter mir habe.

Falls ich es nicht schaffe, die Finger von den Substanzen zu lassen, und der Entzug misslingt, soll ich es bitte-bitte nicht nochmal so urplötzlich auf eigene Faust probieren. Nochmal das ausdrückliche Angebot (eher schon eine Forderung), bei Bedarf Dr. H. Bescheid zu geben und den Entzug auf seiner Station zu machen.

Jaja, ich habe die Botschaft durchaus verstanden. „Es ist super, dass Sie mit den Drogen endlich wieder aufgehört haben – aber solche Entgiftungsaktionen machen Sie bitte nie nie NIE wieder allein zu Hause!!“ (Erinnert mich ein bisschen an eine Freundin aus meiner Kindheit: Wollte der Mama eine Freude machen und hat ihr einen Blumenstrauß gepflückt. Mama hat sich sehr gefreut – bis sie entdeckt hat, dass Kindchen für den Strauß das Blumenbeet im Garten geplündert hat… „Gute Idee – schlechte Umsetzung!“)

Was Dr. H. wohl etwas Sorgen gemacht hat (und mir inzwischen auch), ist die Tatsache, dass ich querbeet alles konsumiert habe, was so ungefähr zu dieser einen Gruppe von Drogen zählt. Manchmal konnte ich mir sicher sein, was die Qualität und Dosis der Substanzen angeht. Manchmal nicht… So rückblickend betrachtet war das schon ein bisschen Russisch Roulette… Eigentlich ist mir das erst am Sonntag so richtig klar geworden, als ich der Ärztin gar nicht so genau sagen konnte, was ich überhaupt genommen habe und wieviel.

Was mir persönlich aber weitaus mehr zu denken gibt: Ich kann mich an die letzten Wochen kaum erinnern. Und an das vergangene Wochenende wirklich überhaupt nicht. Es ist, als ob das Wochenende schlicht gar nicht stattgefunden hat. Ich weiß nur, dass ich Sonntag Abend in der Klinik war. Alles andere, was an diesem Wochenende war, ist wie ausgelöscht. Nur das vage Gefühl, dass es grässlich war… Vielleicht gar nicht mal so schlecht, dass ich keine Erinnerung daran habe. Wenn auch ziemlich unheimlich.

Statt der Drogen werde ich demnächst wohl wieder eine anständige Festmedikation bekommen. Lyrica möchte ich unbedingt und das fände auch Dr. H. gut. Beim Antidepressivum sind wir uns noch nicht ganz sicher – ich würde „gerne“ Elontril probieren. Er möchte erst noch mit seinem Oberarzt reden, ob das Sinn macht bzw. welche Alternativen es gäbe. Also abwarten. Nächste Woche wird das dann hoffentlich geklärt sein.

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Gänseblümchen

Und wieder einmal sitze ich da und zupfe einzelne Blütenblätter von der Gänseblümchenblüte.

„Ich gehe morgen zu Dr. H.“ – „Ich gehe nie wieder zu ihm.“ – „Ich gehe morgen zu Dr. H.“ – „Ich gehe nie wieder zu ihm.“

Und wenn das letzte Blättchen sagt: „Ich gehe zu ihm.“ – Tue ich es dann auch wirklich?

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auf dem Drahtseil

Sätze, die für mich verbale Schläge voll in die Fresse sind. Sätze, die nicht gesagt werden dürften. Nicht von „normalen“ Menschen und allemal nicht von Profis.

Das schaffst du nicht.

Das packst du eh nicht.

Lass es bleiben, das wird doch sowieso nicht klappen.

Das kriegst du niemals hin.

Oder von Ärzten speziell auch dieser Satz: Ich weiß eigentlich gar nicht, warum ich Ihnen überhaupt helfen. (Vielleicht, weil du Notdienst hast?!?)

Sätze, die mich auf das schwankende Drahtseil zaubern. Der wacklige Boden unter den Füßen löst sich in Nichts auf und wie von Zauberhand manifestiert sich unter meinen Zehen das dünne, viel viel viel zu dünne Seil. Und wiedereinmal hat die Zauberfee vergessen, mir eine Balancierstange in die Hände zu legen. Danke vielmals.

Ich drehe mich nicht um auf diesem Drahtseil. Nicht, weil ich Angst hätte zu fallen, sondern weil der Blick nach hinten keine Überraschung bereithält. Ich weiß, was ich sehen würde: Das Ende des Seils, fest verankert in einer endlos hohen, endlos weiten massiven Backsteinmauer. Hinter der Mauer der Boden, auf dem meine Füße eben noch standen. Kein Weg zurück dorthin. Worte blockieren Wege. Worte sind Backsteine, aus denen sich Mauern formen.

Vorwärts ein langer Weg über das schwankende Seil. Die Ebene dort hinten – eine Höllenlandschaft. Rauchende Vulkane, züngelnde Feuer, der ausgedörrte Erdboden gespickt mit scharfen Scherben. Meine Wut-Landschaft. Mein Hass in 3D.

Stürzen ist keine drohende Gefahr, mehr eine Verlockung. Der Blick gebannt von rosa kuschelweichen Wattewolken. Fallen in die Wärme, sanft von der Watte umschlossen werden. Dahintreiben. Aufgeben, ergeben, nachgeben. Fallenlassen. Tiefersinken. Keine Kämpfe mehr. Treiben lassen im Wattenebel, der den Kopf ausfüllt, den Körper, Transformation, bis ich eins werde mit der Wattewolke.

Fallen lassen wäre so einfach. So schön. Eine Zukunft in einer warmen weichen Wolke, zu der ich selber werde.

Die Wut zwingt einen Fuß vor den anderen. Schritt für Schritt voran auf dem schwankenden Drahtseil.

Ich schaff das eh nicht, ja? Wartet’s nur ab, ihr werdet schon noch sehen, was in mir steckt. Wenn wir uns wiedersehen, nachdem ich über das Drahtseil balanciert bin und die Wut-Landschaft durchwandert habe, alleine, Schritt für Schritt, nur ich und meine Wut, nur ich und mein Hass. Wir werden uns wiedersehen.

Ihr werdet schon noch sehen, wozu ich fähig bin.

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kalter Truthahn

Nee, ich glaube, heute wird auch nicht besser sein als gestern. Aber muss ich wohl durch, was? Ich bin nur froh, dass ich die restlichen Substanzen nicht mehr in meiner Wohnung habe, sonst würde ich jetztsofortaufderstelle was nehmen, damit diese grässlichen Entzugserscheinungen weggehen. Kein Spaß, das alles.

Ich spiele ernsthaft mit dem Gedanken, in die Klinik zu gehen. Nur reden, nur fragen, wie’s erträglicher wird. Aber nee, besser nicht. Außer Dr. H. weiß dort keiner, was ich die letzte Zeit getrieben habe, und das soll auch so bleiben. Ich will da nicht erstmal ungläubig angeglotzt werden, wenn ich von meinen letzten Drogen-Experimenten erzähle. Ich, die immer so mustergültig mit Medikamenten umging und nie, nie, nie Drogen konsumiert hat. Jaja. Zeiten ändern sich…

Trotzdem, fuck ey. Freitag Mittag habe ich das letzte Mal was genommen. Seitdem scheint es eher schlimmer als besser zu werden. Und morgen muss ich wieder fit genug sein um zur Uni zu gehen. Muss! Muss hin, muss mich konzentrieren können, muss unauffällig bleiben. Muss.

Aktuelle Gefühls- und Gedankenlage: todsterbenskrank und „Wo ist mein Strick?“

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