eisblau&honigsüß

es wird wirklich alles gut

Er wird mich wieder übernehmen. Dr. H. wird mich „ja, klar, selbstverständlich!!“ wieder nehmen. Ich bin soooo erleichtert. So unglaublich erleichtert.

Und ich bin froh, dass wir uns noch immer verstehen. Dass wir uns nicht fremd geworden sind und sich die alte Vertrautheit sofort wieder eingestellt hat. Ich hatte da wirklich ein bisschen Angst, wie das werden würde, wenn wir uns nach so langer Zeit wieder zum Gespräch gegenüber sitzen. Manchmal sind solche Gespräche total verkrampft und unangenehm – man kennt sich so gut und zugleich überhaupt nicht mehr. Mit ihm war das zum Glück nicht so. Natürlich hat er ein Jahr meines Lebens verpasst und ist nicht auf dem neuesten Stand, aber davon abgesehen war das Gespräch so locker und vertraut wie eh und je.

Ein bisschen Gewissensbisse habe ich, dass ich das jetzt so kurzerhand hinter dem Rücken der Therapeutin geklärt habe. Drücke ich damit nicht indirekt irgendwie aus, dass ich ihr nicht zutraue eine gute Lösung für mich zu finden? Dass ich ihr nicht vertraue? Dass ich ihre Arbeit mit eigenmächtigen Handlungen untergrabe?

Ich bin mir auch nicht sicher, was sie davon hält, dass mich Dr. H. wieder übernimmt. Traumaspezialist ist er schließlich nicht, aber genau das will meine Therapeutin eigentlich für mich haben. Ich persönlich sehe zwar ein, dass ein Traumatherapeut gut für mich wäre, aber im Moment überwiegt der Wunsch, nicht wieder neu anfangen zu müssen, nicht wieder Vertrauen aufbauen müssen, mich nicht wieder auf einen Fremden einlassen müssen. Ich möchte einfach weitermachen, mit einem vertrauten Menschen, der mich kennt und den ich kenne. Ich weiß nicht, ob die Therapeutin das verstehen wird.

Vielleicht werde ich auch erstmal bei Dr. H. bleiben und parallel einen Traumatherapeuten suchen. Der Zeitdruck ist jetzt ja weg (Dr. H. wird ziemlich sicher für mindestens zwei Jahre da sein). Da kann ich in Ruhe schauen, welche Therapeuten für mich in Frage kommen, kann Vorgespräche machen und langsam Vertrauen aufbauen. Ich habe jetzt ja nicht mehr das Problem, möglichst schnell wieder eine tragfähige Beziehung zu einem neuen Therapeuten aufbauen zu müssen. Das kann ich jetzt alles ganz in Ruhe angehen.

Ab wann ich zu Dr. H. kann ist noch offen. Auf jeden Fall dieses Jahr noch. Er muss sich erstmal wieder in der Klinik einleben, möchte sich auch von Ambulanzpsychiater und Frau Therapeutin informieren lassen, was so alles losgewesen ist bei mir und wo ich aktuell stehe. Vermutlich werde ich dann im Dezember schon wieder die ersten Gespräche mit ihm haben, während ich parallel die letzten Abschlusstermine bei der Frau Therapeutin haben werde. Ein fließender Übergang wie auch letztes Jahr, kein abruptes Ende hier und Anfang dort.

Es bleibt also noch ein bisschen Organisatorisches zu klären und es wird wohl ein langes Gespräch brauchen, um Dr. H. alles zu erzählen, was sich im vergangenen Jahr ereignet hat. Das ist okay. Für den Augenblick bin ich einfach nur sehr erleichtert, dass er mich wieder nehmen wird – und dass die Vertrautheit mit ihm noch immer da ist.

(Und ich wage zu behaupten, dass er sich gefreut hat, mich wiederzusehen und dass er mich wirklich gerne wieder übernehmen möchte.)

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plopp!

Wie an so vielen Tagen, so sitzen wir auch heute wieder nach mehrstündiger Gruppenarbeit erschöpft, aber zufrieden zusammen und plaudern noch ein bisschen. Über Uni, Stress, anstehende Prüfungen und die beiden Praktika nächste Woche.

„Ich hab total Schiss vor dem Sinnes-Praktikum“, sage ich leise.

„Wieso? Wird ziemlich nervig werden, so nach allem, was man von den anderen hört. Aber den Stoff kannst du doch eh, haben wir beide doch schon alles im Bachelor gehabt. Also, das Testat zu dem Versuch wird für uns bestimmt nicht sooo schwer, und der Prof. R. ist ja auch voll nett“, erwidert L.

„Nein, der Stoff macht mir keine Sorgen. Da ist wirklich nicht viel Neues dabei. Aber… naja… wir machen da ja Versuche an uns selbst… und… naja, ich hab ’n Gehörschaden… das wird man bei den Messungen total deutlich sehen… ist mir peinlich… hm.“

Instinktiv ziehe ich den Kopf ein. Jetzt ist es raus – das Geständnis meiner körperlichen Unzulänglichkeit. Aber Angriff ist bekanntlich die beste Verteidigung. Wenn sie es nicht wüssten, würde ich mich verrückt machen vor Angst, dass sie es im Praktikum bemerken könnten, mir Ausreden und Ausflüchte überlegen und im Praktikum krampfhaft versuchen, über mein Defizit hinwegzutäuschen.

J. meint, dass man das aber gar nicht merken würde und ich erkläre ihr, dass es im normalen Alltag auch keine nennenswerten Probleme dadurch gibt. Nur eben, wenn man bestimmte Dinge misst, dann sieht man ganz deutlich, wie sehr mein Hörvermögen eingeschränkt ist.

„Hast du das eigentlich schon immer? Also angeboren?“

Ich zögere. Aber – warum nicht? Wir verstehen uns super und dass ich psychisch angeknackst bin, wissen sie ja auch und es war immer okay für sie. „Nee, das ist durch ’ne Vergiftung… hatte mit 16 mal ’ne sehr lebensmüde Phase und naja… Tablettenüberdosis geschluckt.“ Okay, nicht ganz die Wahrheit, aber auch nicht völlig falsch.

Ich halte einen Moment die Luft an – und atme weiter, als ich merke, dass die Welt nicht zum Stillstand gekommen ist. Wir reden noch ein bisschen, über mich, über meine Vergangenheit, über Krankheit und Gesundheit. Keine dramatischen Gefühlsausbrüche, keine andere Atmosphäre als sonst. Respektvolle Neugierde, das trifft es vermutlich am besten. Die Mädels sind vielleicht ein bisschen betroffen und wir reden ernster als üblich, aber mehr auch nicht.

Ich fühle mich jetzt besser. Erleichtert. Ich muss mir keine Gedanken mehr darüber machen, wie ich meine Defizite im Praktikum verheimlichen kann oder welche Ausreden als Erklärungen taugen könnten. Die Mädels wissen jetzt die Wahrheit – ich hatte mich vergiftet, mein Gehör hat dadurch Schaden genommen und das werden sie im Praktikum nächste Woche auch sehen. Sie wissen, was Sache ist, und ich weiß, dass sie es wissen und keine Fragen stellen werden im Praktikum. Sie werden nicht lachen, mich damit auch nicht aufziehen, weil sie wissen, dass die Geschichte zu ernst und traurig ist um Witze darüber zu reißen. Sie werden mich nicht in Verlegenheit bringen. Sie werden nicht erstaunt sein und keine Fragen stellen, die ich in Anwesenheit des Profs nun wirklich nicht beantworten mag. (Und der Prof wird hoffentlich genug Distanz- und Taktgefühl haben, um auch nicht nachzufragen – geht ihn ja nichts an.)

Ist es nicht seltsam? Seit ich am Anfang des Semesters erfahren habe, dass dieses Praktikum auf mich zukommt, habe ich mir deswegen Sorgen gemacht. Ausreden, Erklärungen überlegt. Angst gehabt. Und dann – einmal Mut zusammennehmen, die Karten offen auf den Tisch legen – und alles entspannt sich. Das Problem macht einfach plopp! und zerplatzt wie eine Seifenblase.

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gelernt (1)

  1. Ich bin bei weitem nicht mehr so nervös wie früher, wenn ich eine Präsentation machen muss.
  2. Ich kann Vorträge auch in einer Fremdsprache halten und trotzdem frei und ohne stottern reden.
  3. Sich selbst Mut zusprechen und positive Gedanken formulieren hilft ungemein, um nicht panisch zu werden.
  4. Ein ermutigendes Lächeln zum richtigen Zeitpunkt ist Gold wert.
  5. Fragen werden gestellt, weil Interesse am Thema besteht, und nicht, um mich in Verlegenheit zu bringen – niemand will mir etwas Böses und die lieben Kommilitonen von heute haben nichts mit den Idioten zu tun, die mich in der Schule gemobbt haben.
  6. Es ist kein Drama, wenn ich eine Frage nicht beantworten kann.
  7. Ein guter Vortrag, viel Lob und die abfallende Anspannung können richtig high machen 😀

 

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Geschützt: Dr. H.

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Geschützt: Vertrauen ist…

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