eisblau&honigsüß

Kopfgefängnis

Wieder ist eine Therapiestunde vergangen, in der ich es nicht geschafft habe, über die schlimmen Gedanken zu reden. Immerhin weiß die Frau Therapeutin jetzt, dass es da was gibt, das mich seit Wochen sehr belastet und worüber ich nicht so einfach sprechen kann. Aber außer, dass sie das weiß, bin ich auch heute nicht weiter gekommen. Ewig drumherum geredet, aber trotzdem nicht aussprechen können, was in meinem Kopf herumspukt.

„Werden Sie wieder ärgerlich mit sich sein, dass Sie es nicht ausgesprochen haben?“ – „Ja, klar.“, antworte ich, aber schüttel dann trotzdem den Kopf, als sie fragt, ob ich es nicht vielleicht doch aussprechen will.

Ich habe Angst, dass irgendetwas Schlimmes passiert, wenn die Gedanken erstmal meinen Kopf verlassen haben. Im Kopf machen sie mich zwar verrückt, aber sie sind dort eingefangen im Kopfgefängnis, sicher verwahrt, ungefährlich für alles außerhalb meines Kopfes. Eingesperrt wie ein wildes Raubtier, das man einfach nicht aus seinem Käfig freilassen kann, weil man nicht weiß, welchen Schaden es dann anrichtet. Lieber hinter Gittern lassen.

Die Frau Therapeutin würde sicherlich auch akzeptieren, wenn ich schreibe anstatt zu sprechen. Aber auch das geht nicht. Weder hier im öffentlichen Bereich, noch unter Passwortschutz, und auch nicht nur für mich. Nicht im Blog, nicht in einer Textdatei, nicht auf einem Stück Papier.

Ich kann es in Worte fassen. Das ist nicht das Hindernis. Es ist keines von diesen Problemen, für das die Worte fehlen. Im Kopf kann ich alles sehr gut formulieren. Nur kann ich es nicht nach draußen lassen.

Es belastet und es macht mich kirre und ich will darüber reden, oder vielleicht nicht unbedingt lang und breit darüber reden, aber es aussprechen, raus aus meinem Kopf haben, nicht alleine sein mit diesen schlimmen Gedanken.

Und ich versuche es, versuche es seit Wochen, immer und immer wieder. Es geht nicht. Es geht einfach nicht.

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Wohin mit alten Büchern?

Ja, mal ein ganz lebenspraktischer Eintrag: Was macht man mit Büchern, die man nicht mehr braucht und „loswerden“ will? Speziell geht es um naturwissenschaftliche und medizinische Fachbücher, die ich während meines Studiums gebraucht habe.

Ich weiß, die einfachste Variante wäre ein Inserat am Schwarzen Brett der Uni. Aber ehrlich gesagt gruselts mich davor, dass ich die potentiellen Käufer ja dann persönlich treffen müsste zwecks Buch-/Geldübergabe. Kommt nicht wirklich in Frage.

Ebay und Amazon sind mir zu kompliziert. Vielleicht bin ich zu dumm um zu kapieren, wie das da alles läuft. Mag sein. Scheidet als Option also irgendwie auch aus.

Buchankäufe via Internet scheinen recht unkompliziert zu funktionieren. Allerdings bekommt man da kaum mehr als ’n paar Euro. Wenn ich bedenke, wieviel die Bücher ursprünglich gekostet haben und dass sie in tadellosem Zustand sind… Nee. Da kann ich sie auch gleich der Uni-Bibliothek schenken (warum eigentlich nicht, hm).

In die Altpapiertonne werfen ist definitiv keine Möglichkeit.

An Freunde verschenken würde mir am besten gefallen. Aber das kann man eigentlich nur bei Romanen etc. machen. Bei Fachbüchern findet man schwerer interessierte Leser. Die meisten meiner Freunde haben ihr Studium hinter sich und brauchen keine Lehrbücher mehr; der Rest meines Freundeskreises hat mit Studium nichts am Hut und würde mit Chemie-, Physik- oder Medizin-Lehrbüchern nichts anzufangen wissen.

Deswegen meine Frage an euch: Was macht ihr mit Büchern, speziell Fachbüchern, die ihr nicht mehr benötigt? Irgendwelche Ideen, Tipps?

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happy pills

Ich gebe zu: ich habe mir im Lauf meiner Psychiatrie-Karriere eine stattliche Tablettensammlung aufgebaut. Ich habe schachtelweise Tabletten, teilweise seit Jahren abgelaufen. Medikamente, die ich in meiner Jugend genommen oder ausprobiert hatte. Manche wirkungslos, manche mit zu vielen Nebenwirkungen, manche mit guter Wirkung, aber trotzdem aus verschiedensten Gründen abgesetzt. Schachtelweise Tabletten, die ich nicht mehr nehme und vermutlich auch nie mehr nehmen werde.

Trotzdem habe ich alles sorgsam aufbewahrt. Aufgehoben für den Fall, dass ich sie irgendwann aus irgendeinem Grund vielleicht doch noch brauchen könnte. Man weiß ja nie, was kommt. Es könnte doch sein, dass ich irgendwann denke: „Die ABC-Pillen haben da geholfen, die nehme ich wieder.“ Und der Herr Psychiater lehnt es ab. Welch ein Segen wäre es dann, wenn ich in meine ganz eigene Psychopillen-Apotheke greifen könnte, in der zig Schachteln Tabletten vorrätig sind und die meisten längst abgelaufen.

Ja, es ist ein Vertrauensproblem. Ich habe Angst, im Stich gelassen zu werden. Ich habe Angst, dass meine Medikamentenerfahrungen ignoriert werden. Ich habe Angst, irgendwann keine Hilfe mehr zu bekommen. Ich habe Angst, dass mir ein Arzt aus purer Lust am Quälen ein Rezept verweigert.

Es wird Zeit, die Ängste ein Stück weit loszulassen. Es wird Zeit, mir selbst zu erlauben, meinem Behandlungsteam zu vertrauen. Es wird Zeit, mich von einem Großteil der gehorteten Tabletten zu trennen und daran zu glauben, dass ich bei Bedarf bekommen werde, was ich brauche.

Liebe Happy Pills, vielen Dank für eure beruhigende Existenz in all den Jahren, aber unsere Wege trennen sich nun...

Liebe Happy Pills, vielen Dank für eure beruhigende Existenz in all den Jahren, aber unsere Wege trennen sich nun…

(Bitte keine Kommentare mit „Identifizierungsversuchen“ der abgelichteten Tabletten. Danke.)

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SV-Druck und losgelöste Zeit

Sonntag Morgen. Trotz 10 Stunden durchschlafen, fühle ich mich müde und erschöpft. Der Tag liegt so endlos lang vor mir. Ich habe für heute nichts vor. Die Müdigkeit ist auch keine Hilfe, jetzt irgendwas in Angriff zu nehmen.

„Dann mach’s doch heute,“ säuselt das Stimmchen im Kopf, „nach so langer Zeit und nach dem doofen Geburtstag hast du dir doch wirklich einen Chirurgiebesuch verdient. Und du hast doch auch Druck, nicht wahr?“

Ja. Und wie ich Druck habe. Ich weiß nicht genau, wieso. Irgendwas war in der letzten Therapiestunde, das Selbstverletzungsdruck gemacht hat. Ich weiß nicht, was genau. Eigentlich war die Stunde gut. Jedenfalls soweit ich mich erinnern kann – ein paar Zeitlöcher gibt’s, vielleicht hat da was getriggert. Keine Ahnung.

Ich kämpfe seit der letzten Therastunde permanent dagegen an, den Körper zu verletzen. Nicht mal da kann ich erklären, wieso ich dagegen kämpfe. Wegen der Therapeutin? Weil sie zwar nicht schimpfen würde, aber doch traurig wäre? Weil es ihr leidtäte, wenn es zu Selbstverletzungen kommt wegen irgendetwas, das in der Therapie gewesen ist? Weil sie sich dann ein Stück weit mitverantwortlich fühlen und sich entschuldigen würde? Keine Ahnung.

Vielleicht ist es auch nicht nur wegen der Therapie. Diese eine Woche im Jahr ist immer schwierig. Diese eine Woche ist irgendwie losgelöst aus dem üblichen Zeitgefüge. Die Woche zwischen meinem Geburtstag und dem Todestag von Bruderherz. Es ist schwer in Worte zu fassen, wie sich diese Woche anfühlt. Ich finde dafür keine Worte. „Losgelöst“, was anderes fällt mir nicht ein.

Was macht man sonntags früh, wenn man müde ist und keine sinnvollen Pläne für den Tag hat? Ins Bett zurückkriechen. Nochmal ein Stündchen schlafen. Dann „richtig“ aufstehen, duschen, lecker frühstücken. Vielleicht findet sich ja noch jemand, mit dem ich mich heute kurzfristig verabreden könnte. Aber erstmal: zurück ins Bett.

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Träumerin

… und so verging der Geburtstag und endete wie jedes Jahr mit Traurigkeit und Enttäuschung.

Nein, mir bedeutet der Tag eigentlich nicht wirklich viel. Ich bin froh, wenn niemand daran denkt und ich nicht mit hunderten Glückwünschen überschüttet werde. Meine Freunde bitte ich darum, mir nicht zu gratulieren und mir vor allem bitte nichts zu schenken (sie tun es trotzdem).

Von meinen Eltern jedoch wünsche ich mir ein bisschen Aufmerksamkeit. Das dumme naive kleine Mädchen in mir schaut dem Geburtstag jedes Jahr erwartungsvoll strahlend entgegen und wird Jahr für Jahr bitter enttäuscht.

Ein kleines Päckchen: die Geschenke hat Mama ausgesucht und verpackt, die Karte ist von Mama geschrieben, das Paket hat Mama zugeschnürt. Der Herr Vater hat es lediglich zur Post gebracht.

Der obligatorische Telefonanruf. Eine Viertelstunde Gespräch mit Mama. Irgendwann zwischendurch ein kurzer Einwurf aus dem Off: „Alles Gute!“ Sprach’s und verschwand. Der Herr Vater hat Besseres zu tun als sich ein paar Minuten hinzusetzen und mit mir zu reden.

Auf dem Kontoauszug sehe ich die Überweisung. Die kommt vom Herrn Vater. Ich nehme an, dass Mama nicht einmal davon weiß. Der Herr Vater hat seine Liebe schon immer in Geld ausgedrückt. Oder meine Liebe mit Geld erkaufen wollen. Whatever. Dieses Jahr gibt es sogar noch ein paar Euro mehr – die Oma ist ja verstorben, ihr nun fehlendes Geldgeschenk wird vom Vater offensichtlich kompensiert.

Es ist ernüchternd. Von meinen Eltern erhoffe ich mir doch jedes Jahr, dass sie mir ihre Liebe zeigen, wenigstens diesen einen Tag im Jahr. Der Herr Vater drückt sich mal wieder nur mit Geld aus. Das dumme naive kleine Mädchen starrt auf den Kontostand und wischt sich die Tränchen weg. „Das war’s?“, denkt es, „Das ist alles, was Papa mir zu meinem Geburtstag zu sagen hat?“.

Und es hofft, dass es nächstes Jahr Worte geben wird, die Liebe, Wärme und Zuneigung ausdrücken. Wann hört das dumme Kind endlich auf zu träumen?!

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