eisblau&honigsüß

Bruderherz (ein weiteres Jahr ohne Dich)

Alles Gute zum Geburtstag, Bruderherz!

Ein weiteres Jahr ist vergangen. Ein weiteres Jahr, in dem du nicht älter wurdest und einzig in den Erinnerungen derer lebst, die dich lieben.

Ich vermisse dich. Immer noch. Egal, wie lange du nun schon fort bist. Egal, wie oft ich höre, dass dein Tod doch nun schon so lange her sei und ich darüber hinweg sein sollte.

Vor Tagen erst habe ich etwas in einem Roman gelesen: „Die restliche Welt versteht, dass man den Verlust eines Kindes niemals verwinden kann, aber den Verlust eines Bruders? Nach fünfunddreißig Jahren? Inzwischen hätte er darüber hinweg sein müssen. (…) Vielleicht behält er es deshalb so sehr für sich.“

Die Welt versteht so vieles nicht, und über so vieles spreche ich deswegen gar nicht erst.

Sie würden mich für verrückt erklären, wenn ich erzähle, wie es gewesen ist in dieser frühen Morgenstunde, als du gegangen bist. Wenn ich erzählen würde, dass ich wach wurde, nein – nicht: wach wurde – ich wurde aufgeweckt. Später erfuhr ich, dass auch Mama und Papa geweckt wurden. Du hast nicht nach uns gerufen, nicht geschrien oder sonst etwas. Aber wir waren alle wach, als du gingst, und ich glaube nicht, dass es Zufall war.

Ich glaube, du hast uns geweckt, bevor du gegangen bist. Du hast deinen Geist wandern lassen, durch unser kleines Reihenhaus, bist zu jedem von uns gekommen um Lebewohl zu sagen. Eine letzte Berührung, ein letzter Abschiedskuss.

Mama stand auf und ging in dein Zimmer. Sie war bei dir in den letzten Augenblicken. Es tröstet mich, was sie später erzählte. Es gab keinen Todeskampf, keine Panik, keinen Schmerz, kein verzweifeltes Ringen nach Luft. Du lagst da, ganz friedlich, ganz entspannt. Und dann war es einfach vorbei. Kein Atemzug mehr. Sie hat nicht versucht, dich ins Leben zurückzuzerren. Nicht panisch den Rettungsdienst gerufen. Sie wusste, dass es für dich an der Zeit war, zu gehen. Wir alle wussten es.

Du wusstest es auch. Du hast dich von uns verabschiedet, still und leise, und bist gegangen, als die Sonne eben das Dunkel der Nacht zu vertreiben begann.

Ich liebe dich.

Immer und für immer.

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die Vergangenheit endet nie

Heute Früh war ich nochmal zur Blutabnahme beim Arzt wegen der Schilddrüsenwerte. Der erste Versuch klappte gar nicht – kein Tröpfchen Blut wollte fließen. Mein Arzt fragte, ob es okay ist, wenn er es an einer anderen Stelle nochmal probiere. Klar, warum nicht, meine Venen sind mies, das weiß ich, es braucht oft mehrere Versuche, das bin ich gewohnt und es ist auch okay. Auch beim zweiten Versuch hat es nicht auf Anhieb funktioniert.

„Zwei Blutabnahmen innerhalb von einer Woche ist auch bisschen viel verlangt“, meint er.

Instinktiv ziehe ich den Kopf ein. Flüstere eine Entschuldigung. Verkrampfe und – ja, das ist bescheuert – warte darauf, dass er mich schlägt. Oder Schlimmeres.

Aber er schlägt mich nicht.

Natürlich schlägt er mich nicht.

Er hält nur kurz inne. Schaut mich an. „Nein… Frau P. – ich meine nicht Sie. Dass Sie bei den Werten nochmal eine Kontrolle möchten, ist absolut in Ordnung und auch sinnvoll. Ich meinte nur Ihre Venen… Die sind ja eh schon nicht so begeistert von Blutabnahmen, und zweimal in so kurzer Zeit… Naja, das gefällt denen wohl nicht…“

Ich nicke nur, halte still und starre ins Leere. Ich brauche eine Weile, bis ich mich wieder gefangen habe. Bis ich ihm wirklich glauben kann, dass er nicht böse auf mich ist und mir nichts tun wird.

Dass er mir nicht weh tun wird, weil kein Blut fließt.

Schon seltsam, wie die Vergangenheit nachwirkt und in welchen Momenten sie zum Vorschein kommt. Eine Blutabnahme, die schon vor Tagen vereinbart und als sinnvoll erachtet wurde… und trotzdem bekomme ich Angst, dass mein Arzt – mein Arzt!!! – böse auf mich ist und mir weh tun wird.

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Hashimoto – spinnt die Schildkröte jetzt völlig?

Vor etwa einem Jahr habe ich die Diagnose Hashimoto bekommen. Die Schilddrüsenwerte waren auffällig, es gab die übliche weitere Diagnostik (Antikörper, Ultraschall…) und mir wurde nahegelegt, L-Thyroxin einzunehmen.

Es war hart am Anfang. Ich habe mega empfindlich reagiert. Was wohl relativ normal ist, wenn man schon lange mit (unerkannter, latenter) Unterfunktion rumläuft. Der Körper braucht Zeit, um sich wieder auf ein normales Niveau einzupendeln – er ist an zu wenig Hormone gewöhnt und hat sich schlicht daran angepasst. Ich habe es durchgestanden, habe viel geweint, oft gezweifelt, aber am Ende hat es sich gelohnt. Mir ging es so gut wie lange nicht mehr, die Werte waren top und stabil.

Während ich in der Psychotherapie-Klinik war, ist irgendwas passiert. Ob es bei Hashimoto Schübe gibt oder nicht, ist ja etwas umstritten. Ich behaupte, dass es Schübe gibt. Ich hatte nichts an der Medikation geändert, Dosis und Hersteller blieben gleich. Trotzdem sind die freien Werte durch die Decke geschossen und TSH auf fast 0 gesunken.Die Symptome waren entsprechend…

Ein paar Tage durfte ich keine Hormone mehr einnehmen. Dann mit einer niedrigeren Dosis weitermachen.

Letzten Dienstag war ich wieder zur Kontrolle bei meinem Arzt. Gut geht es mir nicht. Heute gab es die Ergebnisse. Mein TSH ist bei über 27!!! Ja, Siebenundzwanzig!! Freie Werte niedrig, aber noch in der Norm.

Ich bin ratlos. Ich verstehe die Werte nicht. Einen so hohen TSH hatte ich nicht einmal, als ich noch gar nicht substituiert wurde… Und die freien Werte sind in der Norm – also warum zur Hölle so ein hoher TSH?!

Was macht mein Körper da gerade?! Dreht die Schilddrüse jetzt völlig durch oder was ist los?!

Nächste Woche machen wir nochmal eine Blutabnahme. Ich habe darum gebeten. Mein Arzt findet das auch sinnvoll.

Trotzdem hat mich das gerade ziemlich zu Boden geworfen und entmutigt. Ich hatte wirklich den Eindruck, dass die Schilddrüseneinstellung wichtig für mein Wohlbefinden ist. Körperlich, aber auch psychisch. Und ich war gut eingestellt. Ich verstehe nicht, was da plötzlich so dermaßen schiefläuft. Und was ich jetzt tun soll. Mehr nehmen? Weniger nehmen? Abwarten? Oder dieses verdammte Organ einfach rausschneiden… damit endlich Ruhe ist.

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Schlafparalyse

Ich weiß nicht, wann ich das erste Mal eine Schlafparalyse erlebte. Ich kann es wirklich nicht sagen. Sie waren schon immer da. Mal häufiger, mal selten.

Früher haben sie mir Angst gemacht. Ist ja auch verständlich – man wacht auf und ist komplett bewegungsunfähig. Man will sich bewegen, aber nichts passiert. Absolut nichts. Wach und gelähmt. Es ist schrecklich, unangenehm, beängstigend.

Irgendwann ist die Angst gewichen. Ich habe mich irgendwie an die Schlafparalysen gewöhnt. Habe gelernt, nicht in Panik zu geraten. Habe gelernt, wie ich damit umgehen kann. Wie ich diese Zustände schnell beenden kann.

Dann kam irgendwann eine Schlafparalyse mit Halluzinationen. Es war schrecklich. Einfach nur schrecklich. Ich wusste zwar im Nachhinein, dass nichts davon real gewesen ist, aber – es hat sich so verdammt real angefühlt! So. Verdammt. Real.

Nach der ersten Halluzination kamen noch einige weitere derartige Erfahrungen. Schlussendlich habe ich mich meinem Psychiater anvertraut und wurde medikamentös behandelt. Die Halluzinationen haben aufgehört. Ich konnte die Medikamente wieder absetzen.

Die Schlafparalysen sind geblieben. Manchmal halluziniere ich dabei, aber nicht mehr so krass wie damals. Es ist erträglich.

Trotzdem ist die Panik geblieben. Wenn ich jetzt Schlafparalysen habe, gerate ich in Panik. Nicht wegen der Schlafparalyse selbst, sondern wegen der Panik, wieder diese grauenhaften Halluzinationen zu haben wie damals.

Es macht mich fertig. Weil ich in letzter Zeit so oft Schlafparalysen habe. Teilweise mehrere in einer Nacht. Und jedes verdammte Mal gerate ich in Panik, versuche diese Zustände so schnell es geht zu beenden, weil ich so so soooo verdammt Panik vor Halluzinationen habe.

Ich mag schon gar nicht mehr schlafen. Aber muss ich ja. Ohne Schlaf gehts halt nicht. Aber diese Panik… Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll.

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Bruderherz – Abschied

Bruderherz,

mein Lieber. Du weißt, wie sehr ich dich liebe und vermisse.

Es tut mir so unendlich leid, dass ich nicht noch ein letztes Mal zu dir kommen konnte. Es tut in meinem Herzen weh. Richtig weh. Ich wäre so gerne noch ein letztes Mal zu dir gekommen. Ich hätte so gerne nochmal einen letzten Strauß Fuchsschwänze auf dein Grab gelegt. Du hast sie geliebt und warst so stolz auf sie – über einen Meter lang war die Blüte! Sie war so prachtvoll und voller Leben! Wie du es gewesen bist – voller Leben!

Jetzt ist dein Grab weg. „Geräumt“, wie sie es ausdrücken. Nichts von dir ist mehr dort. Es ist nur noch eine Fläche Schutt und Erde.

Du bist weg.

Weg.

Weg.

Es tut so weh.

Ich wäre so gerne noch ein allerallerallerletztes Mal zu dir gekommen. Glaube mir – ich hätte das irgendwie geschafft. Trotz allem. Noch einmal – zu dir. Bei dir. Mit dir.

Schutt und Erde.

Mehr ist nicht mehr.

Schutt.

Erde.

Keine Spur von dir.

Ich vermisse dich. Jede Faser meines Herzens sehnt sich nach dir. Wir gehören zusammen. Du und ich. Geschwísterliebe. Stärker als alles andere.

Wir haben uns beschützt. Du mich, und ich dich. Vielleicht hast du nicht verstanden, was mit mir geschah. Und ich habe nicht verstanden, was mit dir passierte. Aber das spielte keine Rolle. Es spielte keine Rolle, nicht wahr?

Wir waren da. Füreinander da. Du für mich, und ich für dich. Wir haben aufgepasst, aufeinander aufgepasst. Immer. Jederzeit.

Ich weine. Die Tränen laufen über mein Gesicht und verwischen die Buchstaben, die ich schreibe. Das ist egal, nicht wahr? Du weißt, was ich denke und fühle. Du bist da. Irgendwie.

Irgendwie – bist du da.

Seelen sind nicht alleine. Nie. Niemals.

Du bist nirgendwo – und überall. Du bist hier. Du bist bei mir.

Und trotzdem fehlst du.

Trotzdem vermisse ich dich.

Trotzdem weine ich, weil ich nicht ein letztes Mal zu dir konnte.

Ich liebe dich.

Ich liebe dich so sehr.

Du fehlst!

Du fehlst, Bruderherz!

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