eisblau&honigsüß

X. oder: noch ’ne Veränderung

Wer mich kennt, der weiß: ich bin ein Gewohnheitstier. Ich mag es, wenn Dinge immer gleich bleiben. Berechenbar. Einschätzbar. Ich mag keine Veränderungen. In keinster Weise. Mein Leben soll in gewohnten Bahnen verlaufen, mit vertrauten Menschen und bekannten Situationen. Bloß nichts Neues, nichts Anderes…!

Da ist X. … Eine meiner besten Freundinnen. Ein Mensch, dem ich wirklich viel zu verdanken habe. Als ich sie im ersten Semester kennenlernte, konnte ich sie nicht ausstehen. Ich war damals ziemlich depressiv, und sie so gnadenlos lebensfroh, dass es mir fast schon weh getan hat… Aber wir lernten uns kennen, freundeten uns an… Es war gut. Sie hat im Laufe der Zeit von meiner kranken Psyche erfahren und mich nie verurteilt oder abgelehnt. Im Gegenteil. Sie war da, egal, was los war.

Und jetzt? Jetzt ist sie fertig mit ihrem Masterstudium. Sucht nach einer Doktoranden-Stellung. Vor ein paar Tagen hatte sie ein Vorstellungsgespräch in der Schweiz. Ihr gefiel es dort – der Chef, die Arbeitsgruppe, das Forschungsprojekt. Sie ist optimistisch, dass es dort klappen könnte.

Als Freundin drücke ich ihr natürlich die Daumen. Dass sie dort eine Zusage bekommt. Einen guten Arbeitsplatz. Nette Kollegen. Ein Projekt, dass ihr Spaß macht.

Insgeheim hoffe ich, dass sie eine Absage bekommt… Dass sie sich für irgendeine Arbeit hier in der Stadt bewirbt, eine Zusage bekommt und bleibt. Ich weiß nicht, wie ich es verkraften soll, wenn sie hunderte Kilometer weit weg zieht… Therapeutenwechsel, Masterarbeit – es reicht mir mit Veränderungen… Muss jetzt auch noch eine meiner besten Freundinnen wegziehen?!

Ich fühle mich schäbig, weil ich hoffe, dass sie eine Absage aus der Schweiz bekommt. Freunde sollten ihren Freunden doch das Beste wünschen… Aber, fuck, ja, ich will nicht, dass sie wegzieht. Sie soll hierbleiben. In meiner Nähe. Ich habe so Angst, sie zu verlieren 😦

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Zeit lassen

Drei Sitzungen und ich weiß noch immer nicht, ob ich mit der Psychologin arbeiten kann oder nicht. Wie lange dauert es, bis man das weiß? Manchmal weiß ich schon nach einem Gespräch, ob’s geht oder nicht. Manchmal brauche ich Wochen. Die Psychologin findet das okay. Ich solle mir ruhig Zeit lassen mit dem Kennenlernen.

Ich will mir aber keine Zeit lassen. So lange ich nicht entschieden habe, ob ich mit ihr arbeiten kann, ist das Thema „Therapie“ so sehr in der Schwebe. Mache ich die Therapie bei ihr, oder nicht, und wenn nicht bei ihr – bei wem dann, oder einfach gar keine Therapie mehr, oder oder oder. Ich will mich festlegen, will die Unsicherheiten weghaben, und das möglichst bald.

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Herbstzauber

Nach langem habe ich wieder einen ausgedehnten Spaziergang durch den Wald gemacht. Die Luft roch so wunderbar nach Herbst – nach Sonne und Laub. Die Blätter raschelten unter meinen Schritten, die Bäume bewegten sich sachte im Wind. Zwei Eichhörnchen huschten zwischen den Bäumen und über den Weg, beide eifrig damit beschäftigt, die besten Nüsse für den Winter zu verscharren.

Ich blieb stehen und sah ihnen eine Weile zu. Sie sahen mich zunächst skeptisch an, störten sich dann aber nicht mehr an meiner Anwesenheit. Sie sprangen so dicht an mir vorbei, dass ich sie hätte greifen können. So viel Leben in diesen beiden kleinen wuseligen Geschöpfen. Eine Freude, ihnen zuzusehen.

Ein Mann kam aus der anderen Richtung. Er sah irritiert aus, als er mich da stehen sah, ganz reglos mitten auf dem Weg. Dann bemerkte er die Eichhörnchen. Lächelte. Und blieb stehen. Da standen wir beide, er und ich, minutenlang, und um uns herum legten die Eichhörnchen ihren Wintervorrat an. Wir folgten den Tieren mit unseren Blicken. Sahen uns an. Lächelten und schwiegen. Sprachen auch kein Wort, als wir beide wieder unserer Wege gingen. Manche Augenblicke sind so zauberhaft, dass es keine Worte braucht.

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Angstwellen und so

Ertrinken in Zukunftsängsten. Panikwellen, die tosend über meinem Kopf zusammenschlagen. Überforderungsstrudel, die mich in die Tiefe reißen.

Ich kann das alles nicht. Ich schaffe das nicht. Ich will es auch gar nicht schaffen. Das Leben ist nichts für mich. Zu groß, zu komplex, zu anspruchsvoll. Ich fühle mich dem Leben nicht gewachsen.

Anderthalb Wochen, dann beginnt meine Masterarbeit. Ich will weglaufen. Absagen. Einen tragischen Unfall haben. Was auch immer. Ich fühle mich der Arbeit nicht gewachsen. Ich habe Angst zu versagen, mich zu blamieren. Nicht nur bei der Arbeit selbst. Auch und vor allem zwischenmenschlich. Ich bin oft so unsicher, so unbeholfen im Umgang mit Menschen. Ich weiß nicht, wie ich dort zurecht kommen soll. So viele fremde Menschen, in einer fremden Umgebung. Hilfe…

Ich weiß auch nicht, wie ich einen Vollzeit-Job bewältigen soll. Neun Monate jeden Tag, den ganzen Tag arbeiten. Wie soll das funktionieren?! Mit den Schlafstörungen, der Erschöpfung, den Krisen.

Die Therapeutin. Ich denke zu viel. Lege wieder jedes Wort auf die Goldwaage. Verliere mich in Angst und Wut und Resignation. War ich Anfang der Woche wirklich optimistisch, dass es mit ihr klappen könnte? Wie dumm von mir. Es wird nicht klappen. Zu viele Worte, die missverständlich sind. Sie wird mir keinen Halt geben können.

Ich möchte jetzt gerade nichts lieber als genäht werden. Ein tiefer Schnitt als Eintrittskarte. Und dann daliegen, in der klinischen Sterilität, in der jeder Schritt, jede Handlung berechenbar ist. Ein Weilchen Sicherheit, ein Weilchen Ruhe, weil alles ganz klar und sauber und vorhersehbar ist.

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im Scheinwerferlicht

Wie ein Reh im Scheinwerferlicht, dieses Bild kommt mir in den Sinn. Als ich an der Bushaltestelle stehe, viel zu früh, in der nebelvollen Dunkelheit. Als das Auto einige Meter entfernt von mir am Straßenrand hält, die Scheinwerfer direkt auf mich gerichtet.

Erstarren. Anstarren. Verharren. Nicht bewegen. Das Reh springt nicht davon, das Reh will die Aufmerksamkeit des Jägers nicht auf sich lenken. Tot stellen, nicht da sein, uninteressant sein. Keine Beute sein.

Minuten verstreichen. Das Auto. Die Scheinwerfer. Ich.

In meinem Kopf die absurde Phantasie, dass die kleinste Bewegung meines Körpers das Auto dazu veranlassen könnte, sich auf mich zu stürzen. Das Auto – oder den Fahrer.

Damals bin ich gerannt wie noch nie zuvor in meinem Leben. Damals, als das Scheinwerferlicht uns erfasste und die Männer auf uns aufmerksam machte.

Damals bin ich gerannt, weil ihr Schrei die Erstarrung löste und ihre Hand meinen Arm so fest umklammerte, dass sie meinen Körper mit sich riss, als sie losrannte.

Wir stolperten durch die Dunkelheit, zusammen erst, dann getrennt. Ich lauschte, versuchte sie zu orten, sie wiederzufinden in der Nacht. Sie war mucksmäuschenstill, wie ich. Nicht verraten, nicht bewegen, nicht rufen. Nicht, solange die Männer noch in der Nähe sind.

Wir fanden uns wieder, irgendwie, irgendwann in dieser Schwärze. Flüstern, überlegen, abwägen. Zu gefährlich hier draußen zu bleiben, zu gefährlich sich zu bewegen. Irgendwann rannten wir dann doch, uns an den Händen haltend, ins Licht zurück, ins nächstgelegene Gebäude, in die Sicherheit.

Was geschehen wäre, wenn sie uns erwischt hätten? Zerfetzte Überreste eines gerissenen Rehs.

(Anmerkung: Das Auto bzw. der Fahrer war zu keinem Zeitpunkt eine wirkliche Gefahr für mich. Dass er dort hielt und die Scheinwerfer auf mich gerichtet waren, war bloßer Zufall. Das habe ich allerdings erst nach ein paar Minuten begriffen. Angst vernebelt das Hirn…)

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