eisblau&honigsüß

der Ex

Ich wusste gar nicht, dass mein Ex immer noch hier in der Stadt wohnt. Ich dachte, er sei längst weggezogen. Ich dachte, ich würde ihm nie wieder begegnen müssen.

Falsch gedacht.

Er ist immer noch hier. Vorhin bin ich ihm über den Weg gelaufen.

Wir haben nicht miteinander gesprochen. Warum auch? Es gibt schon lange nichts mehr, was gesagt werden müsste zwischen ihm und mir. Nur ein langer langer langer Blickkontakt, während wir aneinander vorbeigegangen sind.

Was ihm dabei durch den Kopf ging, weiß ich nicht.

In meinem Kopf explodierten die Erinnerungen.

… Ich sitze an seinem Computer, suche ein Dokument, das ich ihm ausdrucken und ins Krankenhaus bringen soll. Ich finde das Dokument nicht. Suche ein wenig, stoße auf ein Verzeichnis mit Pornographie. Nicht weiter schlimm, ich habe kein Problem mit Pornographie. Wären da nicht diese verstörenden Verzeichnis- und Dateinamen. Fotos und Filme, feinsäuberlich nach dem Alter der Kinder sortiert, die dafür missbraucht wurden…

… Nachdem ich mich übergeben habe, verlasse ich seine Wohnung. Schreibe ihm eine SMS, was das bitte sein soll. Hoffe, glaube, dass er das nur versehentlich heruntergeladen hat. Nein, schreibt er, er steht auf sowas…

… Nochmal kotzen. Er kennt meine Geschichte. Er sieht an mir, was Missbrauch anrichtet. Und schreibt ohne Umschweife und Ausreden, dass ihn Kinderpornos geil machen…

… Ist er nur mit mir zusammen, weil es ihn erregt sich vorzustellen, wie ich als Kind missbraucht wurde?…

… Ich stehe eine Ewigkeit in der Kälte der Winternacht vor dem Polizeirevier. Mein Herz schlägt heftig, als ich die Wache betrete und mein Anliegen vortrage. Ich weine, kann kaum sprechen. Der Polizist führt mich in einen ruhigen Raum. Hört zu. Glaubt mir. (Oh, er glaubt mir! Er glaubt mir!) Ruft einen Kollegen der Kripo, der sich darum kümmern wird…

… Eine kurze Panikattacke, als der Kripo-Beamte – ein Mann – den Raum betritt. Aber er ist freundlich. Ich fasse Vertrauen. Sage ihm, dass das jetzt alles nicht leicht für mich ist zu erzählen, aufgrund meiner eigenen Geschichte. Er hat Verständnis, versucht Rücksicht zu nehmen auf meinen Seelenzustand. Detailliert nachfragen muss er trotzdem, nach den perversen Dateinamen beispielsweise, oder was auf den Fotos und Videos zu sehen war, an die mich erinnern kann. Er gewährt mir Pausen, wenn es zu viel wird, und dafür bin ich ihm unendlich dankbar. Selbstverständlich ist es nicht. Die Aussage sollte eigentlich ohne Unterbrechung aufgenommen werden. Er lässt mich trotzdem mal eine rauchen gehen, mal auf Toilette, mal ein paar Minuten ans offene Fenster um durch die kalte Luft klar zu werden…

… Nach der Aussage. Irgendein Geschäft. Eine Flasche billigen Vodka. Das erste Mal in meinem Leben, dass ich mich hemmungslos betrinke…

… Flashbacks, Alkohol, Selbstverletzung, noch mehr Flashbacks, noch mehr Alkohol, noch mehr Selbstverletzungen…

… Wochen später. Zusammengekauert in meinem Badezimmer. Der Ex steht vor der Wohnungstür. Er kann nicht rein, ich weiß das, ich habe trotzdem panische Angst. Seine Wohnung wurde in den Morgenstunden von der Polizei durchsucht, Computer, CDs, DVDs beschlagnahmt. Ich habe Angst, so große große Angst…

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Mainacht

Die Nacht zum ersten Mai ist wie Halloween, nur hundertmal schlimmer. In manchen Regionen, wie z.B. hier in der Gegend, ist es üblich, „Maistreiche“ zu machen. Vorzugsweise von dummen Kindern pubertierenden Halbstarken. Oft sind die sogenannten „Streiche“ kein bisschen witzig, sondern die Mainacht wird als Freifahrtschein für Verschmutzung, Sachbeschädigung und Diebstahl missbraucht. Irgendwie scheinen manche zu glauben, dass in der Mainacht Vandalismus legal ist…

Klingelstreiche sind da noch sehr harmlos. Wenn man mal davon absieht, dass ich jedes Mal eine Panikattacke bekomme, wenn es klingelt. Und Klingel abstellen kann ich hier leider nicht. Ohrstöpsel hilft auch nur bedingt – das Klingeln kommt dann zwar nur noch gedämpft bei mir an, aber es reicht trotzdem, um den Puls schlagartig zu verdoppeln und verdreifachen. Ruhe gefunden habe ich deswegen gestern Abend nicht.

Nachts um zwei habe ich die Polizei gerufen, als ich hörte, wie sich irgendwelche Idioten in unserem Hinterhof am Motorrad meines Nachbarn und den Fahrrädern zu schaffen machten. Ein Blick durchs Fenster zeigte mir, dass das schon krasse Sachbeschädigung ist, was die da treiben – also nicht nur so Klassiker wie „mit Klopapier einwickeln“. Polizei war recht zügig da, zum Glück. Die Idioten Jugendlichen waren ziemlich angepisst; ich habe einige üble Beleidigungen zu hören bekommen. Handgreiflichkeiten wurden durch die Polizisten unterbunden…

Meine ohnehin schon strapazierten Nerven lagen danach völlig blank. An Schlaf nicht mal zu denken. Versuche, mich wieder zu beruhigen – duschen, warmer Vanillepudding, Tee, lesen, Wärmflasche, Kuscheldecke… Gegen 6 Uhr dann Tavor und daraufhin ein paar wenige Stunden unruhigen Dämmerschlaf.

Das war keine gute Nacht. Keine schöne Nacht. Ich hasse die Nacht zum ersten Mai. Ich hasse hasse hasse sie.

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Geschützt: der Polizeibesuch

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couragiert

Couragiert sagte Dr. H. dazu, dass ich T. angezeigt habe. Irgendwie macht mich das stolz, dass er das gesagt hat. Es bedeutet mir viel, dass er es anerkennt und würdigt, dass ich den Schritt zu Polizei gemacht habe.

Ich selbst bin innerlich noch immer sehr zerrissen wegen dieser Geschichte. Denn trotz allem – T. bedeutet mir noch immer etwas. Ich will ihn nicht fertig machen, ich will ihm keinen Ärger aufhalsen. Und doch weiß ich, dass die Anzeige sein musste. Egal, wie es jetzt weitergeht – ob die Kripo irgendwas bei ihm findet oder nicht, ob er eine Strafe bekommt oder nicht. Aber bei sowas die Klappe halten, das geht einfach nicht. Irgendwie ist man es den Kindern, die für diesen „Markt“ missbraucht werden, schuldig, etwas zu sagen. Die Kinder können sich oftmals nicht wehren. Die Erwachsenen sind es, die Partei ergreifen und für sie sprechen müssen.

Ich habe mich ein bisschen in die Thematik eingelesen. Es gibt interessante Studien. Viele bleiben ihr Leben lang dabei, sich „nur“ Fotos und Filme anzuschauen. Aber es gibt auch einen beträchtlichen Prozentsatz, die irgendwann einmal zu realen Tätern werden… Kann man schweigen, wenn man weiß, dass bei irgendjemandem dieses Risiko besteht? Noch dazu bei einem angehenden Arzt?

Davon abgesehen – Kinderpornographie ist ein Markt wie jeder andere auch. Die Nachfrage bestimmt das Angebot. Je mehr sich diese Scheiße ansehen, desto mehr Kinderseelen werden zerstört, um neues Material zu produzieren… Und wieder sehe ich die Fotos des Mädchens mit den unendlich traurigen Augen vor mir…

Wenn alle wegsehen und so tun, als ob nichts sei, wird sich nichts ändern.

Das Introjekt verlangt trotzdem permanent danach, dass ich mich töte. Es ist täteridentifiziert. Täter-verseucht. Es glaubt allen Ernstes, dass Täter um jeden Preis geschützt werden müssen. Es ist wie „ein Täter in mir drin.“ Und Täter wollen eben nicht verraten werden… Es verlangt den Tod, denn wer tot ist, kann nicht mehr reden. Nicht mehr belasten.

Ich halte stand. Ich kämpfe. Zu wissen, dass es Menschen gibt, die voll und ganz hinter mir stehen und es gutheißen, was ich getan habe, gibt mir die Kraft, am Leben zu bleiben.

Ihr steht hinter mir und Dr. H. ebenfalls. Wenn so viele sagen, dass ich richtig gehandelt habe, und nur das Introjekt das Gegenteil behauptet… Dann war meine Handlung vermutlich richtig. Egal, was in der Zukunft dadurch noch auf mich zukommen mag (Ärger von T., Zeugenaussage vor Gericht). Ich klammere mich an jeden positiven Zuspruch. Lese eure Kommentare tausendmal. Sauge jedes anerkennde Wort von Dr. H. auf wie ein trockener Schwamm. Jeder Satz ein Stein in der Mauer, die dem Introjekt Einhalt gebietet.

Was mir Sorgen macht: Dr. G., mein Psychiater in der Klinik-Ambulanz. Beim letzten Termin habe ich ihm erzählt, dass ich ein schlechtes Gewissen habe, weil ich T. angezeigt habe. Dass ich mir Sorgen mache und Angst habe, dass T. Probleme bekommen wird. Sein Kommentar: Ob ich T. nicht warnen könne? Ihm sagen, dass ich bei der Polizei war und er die Dateien löschen soll? Ich weiß nicht. Irgendwie – nimmt er T. in Schutz. Überlegt sich, wie T. heil aus der Geschichte kommt. Anstatt mir zu helfen, mit meinem Zwiespalt umzugehen. Anstatt mir den Rücken zu stärken. Er nimmt einen Täter in Schutz anstatt mich zu stützen. Gefällt mir gar nicht und verunsichert mich sehr. Böser Gedanke: Ist er vielleicht selber pädophil??

Morgen sehe ich Dr. G. wieder. Ich will ihn nicht sehen. Es widert mich an, dass er mehr an T.s Wohlergehen denkt als an meines. Dass er Täter in Schutz nimmt anstatt zu bekräftigen, dass Pädophilie nicht tolerierbar ist. Ich will keinen Arzt, der sich mehr für den Täter interessiert als für mich…

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Anzeige, Studium, Durcheinander

Ich schwanke zwischen „ich gebe auf“ und „ich werde mich da durchboxen“. Im einen Moment bin ich sicher, dass Suizid der einzige verbleibende Weg ist. Im nächsten werde ich zur Kämpferin und bin überzeugt, alles irgendwie zu packen.

Das Täterintrojekt ist verdammt stark. Es gibt nicht auf. Flüstert ununterbrochen, dass ich mich töten muss. Ich glaube, Dr. H. war beim letzten Termin etwas überfordert damit. Sonst hätte er wohl kaum die Traumaspezialistin angerufen und um Rat gefragt. Vermutlich war ihm nicht klar, wie anstrengend Traumatherapie werden wird und was da alles passieren kann. Welche schwierigen, kritischen Situationen auf ihn zukommen werden. Ich habe so Angst, dass er das jetzt erst realisiert und mich dann fallen lässt, weil es ihm zu heikel ist.

Das Wochenende war durchwachsen. Gute Momente, schlechte Momente. Die Apfelernte war herrlich – Erinnerungen an die unbeschwerten Kindheitsmomente. Klettern in den Bäumen, der Geruch von Herbstlaub, der Duft und Geschmack von frisch gepflückten Äpfeln, hoch oben auf der Leiter im Sonnenschein sitzen und in die saftigen, süßen Früchte beißen.

Negativ: Die Eltern finden es nicht so toll, dass ich T. angezeigt habe. Sie machen sich Sorgen, dass er sich an mir rächen könnte etc. pp. Das ist wieder so typisch! Sie regen sich drüber auf, dass „alle immer wegschauen“, aber selber würden sie es nicht anders machen. Es könnte ja unangenehme Folgen für sie selbst haben. Sie finden es zwar abscheulich, dass mein Ex offenbar eine Vorliebe für Kinder hat, aber – lieber wegschauen… Ich habe so gehofft, dass sie mir den Rücken stärken würden. Naja. Vergeblich – mal wieder.

Ich selber bin nach wie vor zwiegespalten, was die Anzeige angeht. Ich habe noch immer Gefühle für T. und es tut mir weh, ihm das alles zuzumuten. Wobei ich noch nicht einmal weiß, was „das alles“ überhaupt ist. Ich habe die Anzeige gemacht. Die Kripo ermittelt. Aber was genau dabei rauskommt und wie es weitergeht – keine Ahnung. Ich hoffe, dass es für ihn nicht allzu schlimm werden wird… Die Ungewissheit ist zermürbend. Ich hasse es, wenn ich nicht genau weiß, was läuft. Derzeit weiß ich nicht einmal, ob T. schon von der Anzeige erfahren hat oder nicht. Und das Täterintrojekt ist nach wie vor äußerst unzufrieden, weil ich bei der Polizei war. Hätte ich nicht tun dürfen, jetzt muss ich sterben. Sagt es.

Andererseits bin ich stolz auf mich, dass ich diesen Schrtt gegangen bin. Zu viele schauen weg. Zu viele schützen damit Täter. Für mich macht es keinen Unterschied, ob jemand real ein Kind missbraucht oder sich „nur“ Aufnahmen davon anschaut. Kinderpornographie ist ein Markt wie jeder andere auch – die Nachfrage diktiert das Angebot. Je mehr sich an diesen Dateien aufgeilen, desto mehr neue Bilder und Videos werden erzeugt. Desto mehr Kinder müssen leiden…

Und die Vorstellung davon, dass T. irgendwann Arzt sein wird… mit diesen Neigungen… Ja, ich weiß, nicht jeder, der sich solche Fotos anschaut, würde auch real einem Kind etwas antun. Aber allein der Gedanke, dass er ein Kind untersucht und sich (dabei oder später) am Körper des Kindes aufgeilt – widerlich. Wenn man sich schon beim Arzt ausziehen muss, dann will man doch auch sicher sein, dass man „medizinisch“ betrachtet wird. Ich zumindest. Ich will nicht als Sexualobjekt herhalten müssen, und ich will erst recht nicht, dass irgendwelche Kinder das tun müssen.

Die gemachte Anzeige bestimmt derzeit mein Denken. Studium – ja, hat auch wieder angefangen, aber es ist so nebensächlich für mich. Ich sitze in den Vorlesungen und denke nur darüber nach, ob T. schon weiß, was ich getan habe. Ob es richtig war oder falsch. Ob ich mich jetzt besser töten sollte. Ob ich weiterleben darf. Weiterleben kann. Wie es weitergehen wird. Ob es eine Gerichtsverhandlung geben wird. Ob ich dort als Zeugin nochmal aussagen muss. Ob ich das verkrafte.

Ich denke daran, wie stark ich wirke. Und wie labil ich in Wirklichkeit bin. Als ich meine Aussage bei der Kripo machte, hatte ich keinerlei Probleme, irgendwelche sexuellen Worte in den Mund zu nehmen. Der Beamte hat mir nicht angemerkt, wie sehr ich mit Flashbacks kämpfe. Wie kann man nach außen so stark und selbstsicher wirken, während man innerlich weinend zerbricht?

Ich habe Angst vor jedem Tag. Die Kripo hat meine Handynummer. Sie melden sich, falls sie noch Fragen haben. Jeden Tag hoffe ich, dass sie mich nicht anrufen. Ich habe so viel gesagt – es muss doch reichen. Noch eine Befragung ertrage ich nicht.

Ich weiß nicht, wie ich die nächste Woche überstehen soll. Ich lebe von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde. Schaue ich zu weit nach vorne, fühle ich mich so überfordert, dass unweigerlich Suizidgedanken aufkommen, weil „das schaffe ich alles nicht!!“. Also schaue ich nichtnach vorn. Lebe jetzt. Meistere den Augenblick. Setze mich nur mit dem Moment auseinander.

Wie lange ich das durchhalte – keine Ahnung. Dr. H. wollte mich schon beim letzten Termin stationär aufnehmen. Was wird beim nächsten Termin? Ich will mit ihm reden und doch – will ich ihn nie wieder sehen. Habe Angst vor ihm. Habe Angst, weil ich mich ihm viel zu sehr geöffnet, ihm viel zu viel anvertraut habe. Weglaufen…

Ich komme mir so fremd vor an der Uni. Meine neuen Kommilitonen sind nett. Aber – so unbeschwert. Ich fühle mich wie eine Außerirdische – so völlig anders. Sicher, wir sitzen in den gleichen Vorlesungen und Seminaren. Wir machen uns um die gleichen organisatorischen Probleme Gedanken. Aber ich bin die einzige, die unlängst ihren Ex-Freund angezeigt hat. Wer von meinen Kommilitonen hatte wohl je mit der Polizei zu tun? Wer war schon mal bei der Kripo? Wer hat jemanden angezeigt? Wer von denen hat schon mal unfreiwillig Kinderpornographie angeschaut und sich dabei fast übergeben müssen?

Tut mir leid. Wirrer Eintrag. Aber so sieht es auch in mir aus: wirr und durcheinander.

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