eisblau&honigsüß

irgendwie… unbefriedigend

Ich weiß nicht, wieviel Faden die beiden Chirurgen vernäht haben, bis mein Bauch nicht mehr an zig Stellen aufklaffte. Ich weiß auch nicht, wielange sie insgesamt gebraucht haben, um alle Schnitte zu flicken.

Ich glaubte, es würde mir wenigstens einen Moment Ruhe verschaffen. Ruhe in meinem aufgewühlten Kopf, Ruhe in meiner Seele.

Normalerweise funktioniert das. Genäht werden.

Dieses Mal hat es nicht funktioniert. Überhaupt nicht. Ich weiß nicht, wieso. Vielleicht war es einfach zu viel. Zu unkontrolliert. Keine Ahnung.

Ich bin müde. Der Bedarf wirkt langsam.

Morgen ist ein neuer Tag.

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manchmal kommt eben eins zum anderen und dann knallt’s

Nein, es ist nichts Schlimmes passiert. Kein katastrophales Ereignis, das mich aus der Bahn geworfen hat. Der gestrige Tag war einfach von Anfang bis Ende doof. Viele Kleinigkeiten, die für sich allein genommen kein allzu großes Problem gewesen wären.

… eine schlaflose Nacht… eine Schlägerei im Bus… ein Panikanfall durch einen Anruf von der Klinik (ich bin aus lauter Angst nicht dran gegangen)… ein verknackster Fuß… ein Brief von der Uni… ein Brief von der Krankenkasse… eine Mail von den Eltern, die ich mich nicht traute zu lesen… und dies noch, und das noch, und jenes noch…

Am Abend dann Bedarf genommen. Nachdem ich den ganzen Tag geskillt habe wie blöd, wollte ich einfach nur noch meine Ruhe haben und schlafen… der Schlaf kam dann auch zügig. Hielt nur nicht lange an. Beim Aufwachen hat das Hirn wieder Mist gebaut – Schlafparalyse. Die Horror-Version mit Halluzinationen. Das hat mir den Rest gegeben.

Psychiatrie, mitten in der Nacht. Gespräch mit Pflege. Beruhigen. Selbstverletzung beichten…

Dann Chirurgie. Nach 3 Monaten ohne Selbstverletzung ziemlich bitter. Immerhin waren sie sehr freundlich. Die Schwester ist sowieso ein Goldstück, und sogar der Arzt konnte Humor aufbringen, obwohl er meinetwegen aus dem Bett geklingelt wurde.

Wieder zurück in die Psychiatrie. Arztgespräch. Auch von der Ärztin keine Vorwürfe (Warum auch? Die mache ich mir ohnehin selber mehr als genug!) Eher Verständnis und Anerkennung, dass ich es drei Monate ohne SVV geschafft habe, und auch in der Nacht gekommen bin, bevor es noch weiter eskaliert. Ich hätte endlos weiterschneiden können!

Noch ein paar Stunden auf Station. Gespräche, Ablenkung, Skills, Gespräche.

Hört dieser Mist denn nie auf? Kämpfen und auf die Fresse fallen, aufstehen, kämpfen, fallen, aufstehen, kämpfen, fallen…

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Psychiatrie-Konsil

Als er fertig ist mit Nähen, fragt er, ob ich einverstanden damit bin, wenn er jetzt in der Psychiatrie anruft und mich zur Weiterbehandlung dorthin schickt.

So oft bin ich schon zum Nähen dort gewesen im Lauf der letzten Jahre. Nur ein einziges Mal wurde ich in die Psychiatrie weitergeschickt. Normalerweise konnte ich nach der Wundversorgung immer direkt nach Hause gehen.

Normalerweise bin ich aber auch sehr ruhig und gefasst, wenn ich dort bin.

Normalerweise liege ich nicht heulend, zitternd und nicht-ansprechbar auf der Behandlungsliege.

Heute war es einfach alles zu viel. Zu viele Erinnerungen, zu viele aktuelle Probleme, zu viele Zukunftssorgen. Zu viele Alpträume, zu viele Gefühle, zu viel Schmerz. Zu viel Verzweiflung.

Am Anfang war ich noch gewohnt ruhig und gefasst. Erst als der Chirurg die ersten Stiche machte, brach alles zusammen. Ich habe nur noch geweint, geweint, geweint. Peinlich geheult wie ein kleines Kind.

Kein Wunder, dass der Chirurg mich nicht direkt nach Hause gehen lassen wollte. Er kennt mich, er hat mich schon einige Male wieder zusammengeflickt. Auch der Pfleger war schon oft dabei, wenn ich mit frischen Selbstverletzungen dort aufkreuzte. Sie kennen mich beide lange und gut genug um zu wissen, dass ich normalerweise nicht so aufgelöst daliege.

Begeistert war ich trotzdem nicht. Wirklich widersprochen habe ich aber auch nicht. Irgendwie war es mir egal. Viel zu erschöpft für lange Diskussionen. Ob ich mit der Verlegung in die Psychiatrie einverstanden sei? Schulterzucken – „Mir egal.“

So ganz egal war und ist es mir aber doch nicht. Es fühlt sich zu sehr nach Niederlage und Versagen an. Nach Kontrollverlust. So fühlt sich die gesamte Selbstverletzung von heute an. Ich habe bei Selbstverletzungen (fast) immer das Gefühl, selber entscheiden zu können, ob ich mich verletze oder nicht. Und wenn ich mich verletze, dann wo und wie und wie viel und wie schlimm. Heute hatte ich schon beim Verletzen nicht wirklich das Gefühl, die Kontrolle darüber zu haben. Ausnahmsweise nach der Wundversorgung in die Psychiatrie geschickt zu werden, passt also irgendwie dazu. Fühlt sich trotzdem schrecklich an. Ich hasse Kontrollverlust.

Anyway. Der diensthabende Psychiater war okay. Ich kenne ihn nicht so gut, aber er ist okay. Das Gespräch hat gut getan, irgendwie. Keine Probleme gelöst, aber doch ein bisschen entlastet. Er bot an, dass ich die Nacht dort verbringen könne – „Nur ein Angebot. Sie müssen nicht.“ Ich lehnte es ab. Ein bisschen Kontrolle zurückgewinnen, nach Hause gehen, selber klarkommen. Ich brauche das.

Ich brauche Ruhe. Die habe ich dort nicht. Zu viele Menschen, zu viele unruhige Mitpatienten. Es ist besser zu Hause, gerade. Die Schlafmedis habe ich schon genommen, sie fangen langsam an zu wirken. Noch ein bisschen lesen, dann schlafen, schlafen, schlafen.

Und morgen ist ein neuer Tag. Eine neue Chance auf einen besseren Tag als den heutigen.

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es fühlt sich noch immer gut an

Lange her, dass ich das letzte Mal in die Chirurgie musste durfte.

Lange her, dass ich das letzte Mal dagelegen bin, während ein Chirurg meine klaffende Haut wieder zusammenflickte.

Lange her, dass ich das letzte Mal Fäden in meiner Haut betrachtete.

Lange her, dass ich das letzte Mal die chirurgische Wundversorgung genossen habe.

Genossen. Ja, ich gebe es zu: ich habe es genossen. Ich wollte mich tief schneiden, ich wollte klaffende Wunden, ich wollte in die Chirurgie, ich wollte genäht werden. Ich wollte versorgt werden. Ich wollte das alles und ich habe es bekommen und es hat sich gut angefühlt, so verdammt gut.

Ich weiß, dass es nicht gut gewesen ist, was ich da getan habe. Ich hätte andere Strategien anweden sollen, ich hätte skillen sollen (wie ich dieses Wort hasse – Skills!). Oh, sicher, ich habe Skills angewendet, habe mich in der Psychiatrie vorgestellt, habe Bedarfsmedikamente genommen. Habe ich getan – halbherzig. Weil ich im Grunde schon längst entschieden hatte, dass ich schneiden will. Skills helfen nur, wenn man auch will, dass sie helfen. Ich wollte nicht.

Und nun? Ich weiß es nicht. Ich könnte es als Rückfall verbuchen. Kann mal passieren, dass man in alte Verhaltensmuster zurückfällt. Das kommt vor und das ist im Grunde nicht weiter tragisch. Ich bin mir nur nich sicher, ob das wirklich ein einmaliger Ausrutscher gewesen ist. Ob ich will, dass es bei diesem einen Ausrutscher bleibt.

Denn ja, es hat gut getan. Es hat so verdammt gut getan. Es war wie früher, als ich noch regelmäßig in der Chirurgie gewesen bin. Dieses Gefühl tiefster Ruhe und Entspannung, das Loslassen-Können, das Vergessen aller Sorgen für einen Moment.

Ich will es nicht verherrlichen. Aber ich will auch nicht lügen. Ich will nicht behaupten, wie sehr ich es bedauere wieder so tief geschnitten zu haben, wenn ich es eben nicht bedauere.

Es hat sich gut angefühlt. Punkt.

Das ist die Wahrheit: Es hat sich gut angefühlt, genäht zu werden. Ohne Wenn und Aber. Es hat sich gut angefühlt.

Und ich will mehr davon. Auch das ist die Wahrheit. Vielleicht keine schöne Wahrheit, mag sein. Aber so ist es. Würde ich etwas anderes behaupten, müsste ich lügen.

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Nähen, Fäden ziehen, und wie egal das alles ist

Vielleicht hat der Ambulanzpsychiater doch Recht gehabt, als er meinte, dass sich Irgendetwas in mir grundlegend verändert hat. In Bezug auf Selbstverletzung. Ob es gut ist oder nicht, weiß ich nicht, aber es scheint sich wirklich Etwas verändert zu haben.

Wochenlang keine Selbstverletzung, weil ich zu gehemmt war. Es einfach nicht konnte. Mir die Klinge durchs Fleisch zu ziehen oder mit glühenden Zigaretten Löcher in die Haut zu brennen. Ich wollte, und es ging nicht. Sowas kenne ich, allerdings nicht als Dauerzustand über Wochen. Das ist was Neues, dass es so lange anhielt.

Letzte Woche dann doch wieder heftige Selbstverletzungen. Hat es mir was gebracht? Nein. Es war zwar beruhigend, etwas Vertrautes und Gewohntes zu machen, aber mehr auch nicht. Wirklich ruhiger und entspannter war ich danach nicht. Auch die chirurgische Wundversorgung war gefühlt nur eine Notwendigkeit. Nicht schlimm, aber auch nicht toll. Nicht so entspannend wie sonst. Nicht sofort danach die Sehnsucht, das am besten sofort zu wiederholen, weil es sich so gut anfühlt, genäht zu werden.

Die Fäden sind noch drin. Anders als sonst verbringe ich kaum Zeit damit, sie zu betrachten oder zu berühren. Die meiste Zeit denke ich nicht einmal daran, dass noch Fäden vom letzten Nähen in meiner Haut sind. Dass ich die Fäden nach dem nächsten Wochenende rausmachen sollte und dann „fadenfrei“ bin, stresst mich nicht. Ich vergesse eher, dass die Fäden bald gezogen werden sollten und habe es mir sicherheitshalber im Kalender eingetragen.

Ist es nicht seltsam, dass ich vor nicht allzu langer Zeit jeden zweiten Tag mit einer anderen Wunde in die Chirurgie musste und so wahnsinnig Panik geschoben habe, wie es sein wird, wenn ich nicht mehr dorthin darf muss? Und jetzt ist es so unwichtig. Jetzt wurde ich nach so langer Zeit wieder genäht und es hat mir nichts gegeben. Jetzt habe ich nach so langer Zeit wieder Fäden in der Haut und meistens denke ich nicht einmal daran.

Irgendetwas hat sich verändert. Die Chirurgie hat nicht mehr den Suchtfaktor, den sie früher für mich hatte. Das Nähen ist nicht mehr die ultimative Entspannung. Die Fäden bedeuten mir nichts.

Wenn ich jetzt schreibe, dass ich ein bisschen Druck habe, doch wieder tief zu schneiden, dann nicht, weil mir das Nähen etwas gibt. Sondern weil ich Angst vor der Veränderung habe. Weil ich den Urzustand wiederherstellen will. Weil ich daran gewöhnt bin, von Zeit zu Zeit in der Chirurgie zu liegen und meine Wunden versorgen zu lassen. Weil ich nicht weiß, wie es ohne Chirurgie ist und ob es besser ist und ob ich das will. Weil ich Angst habe, dass ich nie wieder zurück kann, wenn ich nicht jetzt sofort umkehre, und ich nicht weiß, was mich erwartet, wenn ich nach vorne laufe und nicht zurück gehe auf das vertraute Terrain.

Was ist passiert? Was ist nur passiert?? Und ist es gut, dass es passiert ist? Ich bin so verunsichert.

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