eisblau&honigsüß

Was erzähle ich meinen Eltern?

Heute mal wieder eine Wundkontrolle in der Chirurgie. Natürlich ist das immer noch weit entfernt von „abgeheilt“. Meiner Meinung nach sieht es sogar eher schlimmer als besser aus. Zumindest tut es deutlich mehr weh.

Den Chirurgen wär’s am liebsten gewesen, wenn ich morgen oder übermorgen wiederkomme. Geht nicht – bis Montag Abend fahre ich zu meinen Eltern. Gut, dann soll ich mich dort im Krankenhaus vorstellen.

Ähm – ja. Kann ich machen. Nur was sage ich meinen Eltern? Denen habe ich ja erzählt, dass ich doof gestürzt bin, mir das Handgelenk verstaucht und deswegen Gipsschiene habe… Sie wissen auch, dass ich heute nochmal zur Kontrolle in die Chirurgie musste. Ich bezweifel, dass sie mir ohne weiteres abkaufen, dass ich Ostermontag schon wieder zur Kontrolle muss, wenn es doch nur ’ne unkomplizierte Verstauchung ist. Das klingt nicht mal in meinen eigenen Ohren plausibel.

Also was mache ich jetzt? Einfach drauf hoffen, dass sie mir diese Geschichte trotzdem abkaufen? Den „Unfall“ noch ein bisschen ausschmücken und eine größere Schürfwunde dazudichten, die sich dummerweise entzündet hat? Nicht ins Krankenhaus gehen und selber Verbandswechsel machen (ohne die Salbe, die drauf muss und die dummerweise verschreibungspflichtig ist)?

Heimlich ins Krankenhaus gehen scheidet aus – meine Eltern würden es auf jeden Fall mitbekommen. Die Wahrheit erzählen ist auch keine wirkliche Option.

Irgendwie habe ich auch ein bisschen Angst, in unser kleines Provinzkrankenhaus zu gehen. Hier in der Chirurgie kennen mich die meisten Ärzte, und mit Selbstverletzungen haben die auch täglich zu tun. Aber bei uns in der Provinz? Die kennen mich nicht, Selbstverletzungen sehen die vermutlich auch nicht jeden Tag. Ich bin mir nicht sicher, ob die das so problemlos behandeln wie die Chirurgen hier. Verheimlichen, dass das Selbstverletzung war, kann ich auch nicht – das steht mehrfach klar lesbar im Brief, den ich dort abgeben soll. Behaupten, dass mir kein Brief mitgegeben wurde, kaufen die mir sicher nicht ab… Ich habe echt Angst, dass die mich in die nächstbeste Psychiatrie schicken, wenn ich mit meinem Arm dort aufkreuze – und was erzähle ich meinen Eltern dann?!?

Hm. Es war auf jeden Fall eine verdammt dumme Idee, meinen Unterarm kurz vor einem Elternbesuch so übel zuzurichten, dass da am besten täglich ’n Arzt nach schauen sollte :-/ Aber zum Spaß macht man sowas ja nicht, stimmt’s?

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so tun, als ob

Ich könnte sagen: Mir geht’s wieder besser. Von außen betrachtet mag das stimmen. Ich war gestern und heute fast den ganzen Tag an der Uni, habe geredet und gelacht und so getan, als ob mich das alles interessieren würde. Ich habe meine Wohnung aufgeräumt, war einkaufen, habe gekocht, gegessen, geduscht, geschlafen. Kurz: Alles, was man normalerweise eben so tut, was aber weitgehend auf der Strecke bleibt, wenn es mir nicht gut geht.

Im Grunde mache ich gerade nichts anderes, als „so zu tun, als ob“. Ich belüge mich selbst und tue so, als ob es die Depression gar nicht gibt und es mir wunderprächtig geht und alles ganz toll ist. Ich bin gut im Mich-selbst-belügen – fast glaube ich selbst daran, dass es mir gut geht.

Aber wie das Monster unterm Bett, so wartet die Depression nur auf einen günstigen Moment, um wieder zuschlagen zu können. Sie ist nicht weg. Ich fühle sie, in mir. Sie lauert und wartet, bis ich einen Augenblick lang nicht aufpasse und mein Lügengebilde zusammenbricht. Dann wird sie hervorkriechen und mich spöttisch angrinsen. „So viel zu deinem lächerlichen Versuch, mich zu ignorieren.“ Vielleicht wird sie dabei sogar ein bisschen mitleidig auf mich herabschauen.

Was soll’s. Für den Moment ist es okay. Ich belüge mich selbst, aber zumindest fühlt sich dann nicht alles ganz so schlimm an. Es verschafft mir wenigstens ein bisschen mehr Zeit, um einen Ansatz zu finden, der die Depression wirklich bessert.

Schlimm ist nur die Anspannung. Das Wissen, dass alles gerade mehr Schein als Sein ist und dass ich das nicht ewig durchhalten werde. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ich keine Kraft mehr habe, mich so grandios selbst zu belügen. Irgendwann schaffe ich es nicht mehr und dann wird wieder alles dunkelschwarz. Ich will weglaufen vor diesem Moment, ganz weit weg, von mir, von meinem Leben, irgendwohin, wo alles anders ist und es keine Lügen braucht, um gut zu sein. Irgendwohin, wo ich festen Boden unter den Füßen habe und nicht auf rissigem dünnen Eis herumschleiche.

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die tiefe dunkle Sehnsucht

Ich kann die Sehnsucht nach dem Tod für eine Weile verdrängen. Den Kopf mit anderen Dingen beschäftigen, die Gefühle mit anderen Gefühlen überdecken.

Aber sie ist nie ganz weg, diese tief in mir sitzende Sehnsucht. Nie.

Wenn der Wunsch, das Leben zu beenden, so konstant da ist, über Jahre, immer immer immer da ist… Was ist dann so falsch daran, sich diesen Wunsch zu erfüllen?

Es sind keine einzelnen suizidalen Momente. Auch keine abgegrenzten suizidalen Krisen. Die Gedanken an den Tod sind immer da, ausnahmslos immer. Selbst in Momenten völliger Zufriedenheit sehne ich mich nach einem Ende.

Nein, der Unterschied zwischen „suizidalen“ und „nicht suizidalen“ Phasen besteht nicht darin, ob ich Suizidgedanken habe oder nicht. Ich habe sie immer. Der Unterschied liegt darin, wie gut es mir gelingt, die Todessehnsucht zu verdrängen. Nichts anderes sind die „guten Phasen“ nämlich – Zeiträume, in denen ich es schaffe, mich besonders gut selbst zu belügen und meine Sehnsucht niederzuknüppeln.

Ich glaube nicht daran, dass die Suizidgedanken jemals weichen werden. Ich möchte nicht leben. Ich möchte es einfach nicht. Und steht es mir dann nicht frei, meinem Wunsch entsprechend zu handeln? Müsste ich es nicht sogar tun, einfach, weil es konsequent wäre? Es heißt doch immer, dass man nichts tun soll, das man nicht tun will…

Nachdenklich.

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Doppelleben

„Ich mach mir Sorgen um dich.“
„Wieso? Seh ich grad so fertig aus?“, erwidere ich und lächel ihn strahlend an.
„Nein… Aber ich hab dich ein paar Mal in der Nähe der Klinik gesehen. Du warst wieder stationär, oder?“
„Hm, ja. Aber kein Grund zur Sorge. Ich meine – ich hol mir Hilfe, wenn’s nicht mehr geht. Aber gerade ist alles okay.“ Überzeugend lächeln.

Es ist seltsam, ehemalige Mitpatienten wiederzusehen. Ich neige dazu, in solchen Situationen zu lügen. Mich macht es selbst immer traurig, wenn ich liebe Mitpatienten sehe und erfahre, dass es ihnen (wieder) nicht gut geht. Ich fühle mich verpflichtet, positiv zu wirken und Stärke und Mut auszustrahlen und Hoffnung zu machen.

Also höre ich zu und gebe Rat und versuche Zuversicht zu vermitteln. Und an meinem eigenen Beispiel zu demonstrieren, dass Leben toll ist und alles besser werden kann. „Schau, ich war auch ganz unten, und jetzt ist alles super, Leben lohnt sich, gib nicht auf, auch für dich kommen bessere Zeiten!“

Nie würde ich sagen: „Ja, ich versteh dich. Leben ist nach wie vor beschissen. Mir geht’s auch nicht gut, und auch ich frage mich, warum ich mir das noch antue.“

Es ist ein Doppelleben, das mich innerlich zum Schreien bringt. Stärke zeigen und Optimismus ausstrahlen, gezielt das Positive betonen, Mut machen. Und gleichzeitig hin und her überlegen, ob und wie es weitergehen soll, wann ich das nächste Mal ein Blutbad veranstalten kann ohne dass es jemand mitbekommt, wann ich Zeit habe zum Tabletten schlucken, und ob ein paar Tage Klinik mir gut täten.

„Ach, um mich musst du dir keine Sorgen machen! Ich hol mir Hilfe, wenn es sein muss. Aber gerade geht’s mir gut. Beziehung läuft super, Vorfreude aufs neue Studium, Stimmung okay, wirklich, gerade passt alles!“

Klar doch.

 

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auf sich beruhen lassen

Es juckt mich in den Fingern, eine Antwort auf die Stellungnahme des Chirurgen zu schreiben. Ich hasse es, sowas einfach stehen zu lassen. Ich will, dass er seinen Fehler zugibt. Ich will, dass er sich entschuldigt. Ich will, dass er seine Unterstellungen zurücknimmt und sich auch dafür noch einmal entschuldigt – dafür, dass er mich als Lügnerin darstellt.

Ich will, dass er die Kritik annimmt und dass er lernt. Ich will, dass er einen Moment innehält und sich in meine Lage versetzt.

Denn er hat nichts verstanden. Nichts. Er hat die Kritik nicht angenommen, er hat mir nicht „zugehört“, nicht einmal ansatzweise.

Ich versuche, meinen Frieden damit zu finden, aber ich kann nicht. Es regt mich noch immer so sehr auf, was er geschrieben hat. Es ist einfach nicht fair. Ich habe gesagt, dass ich Betäubung will. Und er hat das auch gehört, denn er hat darauf geantwortet. Mir jetzt zu unterstellen, ich hätte nichts gesagt, ist einfach – einfach beschissen. Es stimmt nicht. Ich weiß, was ich gesagt habe, und er weiß es auch, verdammt nochmal.

Wieso gibt er das nicht einfach zu? Wieso sagt er nicht einfach: „Ja, ich habe einen Fehler gemacht. Ich habe mich falsch verhalten. Das tut mir leid.“ Mehr will ich doch gar nicht. Wirklich, er müsste sich nur entschuldigen, und die Sache wäre okay.

Fehler machen ist menschlich. Jeder verhält sich ab und zu mal falsch. Man ist kein schlechterer Mensch deswegen. Und es ist doch auch eher ein Zeichen von Stärke, wenn man Fehler zugibt und sich entschuldigt. „Entschuldigung“ zu sagen ist keine Erniedrigung. Im Gegenteil: Menschen, die Kritik annehmen und sich entschuldigen können, achte ich mehr als solche, die das nicht tun.

Ich würde ihm gerne erklären, was bei dieser Behandlung in mir vorgegangen ist. Aber das ist vergebliche Mühe. Es interessiert ihn nicht. Er will es nicht verstehen und er wird niemals zugeben, dass nicht alles allein meine Schuld ist. Er wird sich niemals entschuldigen.

Es ist grässlich für mich. Ich will es nicht so stehen lassen, will es nicht einfach auf sich beruhen lassen. Aber ich weiß auch, dass ich bei ihm nichts erreichen kann, egal was ich ihm als Antwort schreibe.

Ich habe Recht, aber er wird es niemals zugeben. Ich werde eine Lügnerin bleiben.

Alles beim Alten. Alles wie immer. Alles wie früher.

Vielleicht sollte ich mich töten und ihn in meinem Abschiedsbrief herzlichst grüßen. Vielleicht versteht er dann.

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