eisblau&honigsüß

der Tag, an dem ich wirklich nicht mehr wollte

Dienstag. Missverständnisse. In meinem Kopf wiederholen sich die immer gleichen Sätze: sie lassen mich auch nur im Stich, sie wollen mir nicht helfen, sie werden mir nicht helfen, ich bin Dreck, ich bin nicht wichtig, ich bin wertlos, ich kann nicht mehr, kann nicht mehr, kann nicht mehr.

Ich will nicht mehr in der Klinik bleiben. Ich muss raus – es ist kein Problem, ich habe schon bei der Aufnahme vier Stunden Einzelausgang bekommen. Meine paar Sachen stopfe ich in die Handtasche, die Pflege öffnet mir die Tür. Sie denkt, ich gehe spazieren – sie ahnt nicht, dass ich nicht vorhabe, wieder zurück zu kommen.

Nach Hause. Ich erinnere mich kaum an die kurze Zeit in meiner Wohnung. Ich habe geweint und währenddessen ein paar Sachen in meinen Rucksack gestopft. Tavor geschluckt, 5mg. Vor mich hingemurmelt – es ist aus, es geht nicht mehr.

Ich gehe zur nächsten Bushaltestelle. Ich muss mich noch von T. verabschieden. Ihn noch einmal sehen, fühlen, bevor ich in den Zug steige und an einen schönen Ort fahre. Ich möchte an einem Platz sterben, an dem es mir gefällt, an dem es ruhig und friedlich ist.

Bei T. breche ich völlig zusammen. Weine nur noch. Schlucke nochmal 5mg Tavor. Stammel vor mich hin – ich geh nicht zurück in die Klinik, ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr, ich muss zum Bahnhof, ich muss hier wegfahren, ich werde mich umbringen.

Er versucht mich zu beruhigen, vergebens. Ich weine weiter, klammere an meinem Plan fest. Ich lege mich eine Weile in sein Bett. Er kocht Kaffee. Reden, rauchen, weinen, Kaffee trinken.

Es klingelt an der Tür. Ich schaue T. an und weiß Bescheid.

Kurzes Gespräch mit den Polizisten. Sie bringen mich in die Klinik zurück. T. begleitet mich. Er ist beim Arztgespräch dabei. Spricht selbst nochmal kurz unter vier Augen mit Dr. H. Ich weine nicht mehr, bin durch das Tavor betäubt, erschöpft durch die Emotionen. T. bleibt noch eine Weile bei mir, wir sprechen miteinander, ich sage ihm immer wieder, dass es okay war und dass ich ihm nicht böse bin.

Einzelgespräch mit Dr. H. Wir klären die Missverständnisse. Er sagt mir, dass sich T. wirklich große Sorgen gemacht hätte und sich nicht anders zu helfen wusste, als die Polizei zu rufen. Er sei mit Tränen in den Augen vor ihm gesessen…

Dr. H. hat trotz diesem Vorfall Vertrauen in mich. Er gibt mir eine Stunde Ausgang, damit ich am Abend noch einen kurzen Spaziergang machen kann. Ich brauche das, er weiß das, er kennt mich. Ich muss hoch und heilig versprechen , auch wirklich wieder zurück zu kommen. Ich schlafe eine Weile. Gehe dann spazieren. Schlafe wieder.

Den Tag darauf – Mittwoch, gestern – bekomme ich wieder meine üblichen vier Stunden Einzelausgang. Wieder mit dem Versprechen, in die Klinik zurück zu kommen, keinen neuen Suizid-Flucht-Versuch zu unternehmen. Ich nutze den Ausgang nicht aus, bin nur auf Station, immer wieder Flashbacks. Selbstverletzungen. Anstrengende Gespräche.

Ich ertrage es nicht mehr, in der Klinik zu sein. Das Eingesperrt-Sein macht mich fertig, da nützen mir auch die paar Stunden Ausgang nichts. Ich will entlassen werden, Dr. H. würde mich gehen lassen, wenn er wüsste, dass es gut geht. Ich gebe zu, dass es nicht gut gehen würde. Wir einigen uns darauf, dass ich über Nacht nach Hause darf, das schaffe ich.

Wie es weitergeht? Ich habe keine Ahnung. Um 9 Uhr muss ich in die Klinik zurück. Ich muss mit der Sozialarbeiterin sprechen, wegen der Prüfung morgen, die ich unmöglich machen kann. Fragen, ob man den Termin verschieben kann. Ich hoffe es – im Prüfungsblock im September sind noch Plätze frei.

Und ob ich in der Klinik bleibe, es ist noch offen. Ich halte es dort nicht aus, komme zu Hause aber auch nicht zurecht. Ich fühle mich so verzweifelt, weiß nicht, wohin mit mir. Vielleicht bleibe ich noch heute und morgen, dann übers Wochenende Beurlaubung, und Anfang nächster Woche Entlassung. Vielleicht gehe ich ein paar Tage zu T.? Seine Mitbewohnerin ist ausgezogen, das Zimmer ist derzeit frei, ich könnte sicher für ein paar Tage zu ihm, wenn es bei mir zu Hause nicht geht. Und ambulant in die Klinik, zu Dr.H., auch über längere Zeit, er hat es mir angeboten.

Ich habe das Gefühl, dass die Traumata immer weiter an die Oberfläche drängen. Erinnerungen werden viel schneller getriggert als früher. Worte reichen aus, Blicke, allein schon der Tonfall, in dem jemand spricht, holen Erinnerungen nach oben und lassen mich zusammenbrechen.

Es wird besser, sagen sie. Und dass sie fest daran glauben, dass es mir irgendwann gut gehen wird.

Aber wie soll das sein, wenn doch offensichtlich ist, dass es nur schlimmer und schlimmer wird?

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nur ein paar Worte

Ich bin Montag nach dem Gespräch wieder aufgenommen worden. Es gäbe so viel zu schreiben, mir fehlt die Kraft dazu. Ich bin müde, das bloße Weiterleben kostet so viel Kraft.

Ich habe eure Kommis gelesen und eure Emails, verzeiht, dass ich jetzt nicht darauf reagiere. Ich bin so müde, ich möchte nur ins Bett. (Zum Verständnis: ich bin heute Nacht zu Hause, morgen Früh muss ich in die Klinik zurück)

Aber ich lebe noch. Körperlich zumindest. Meine Seele fühlt sich tot an.

Ich tue mich schwer, den Optimismus der Ärzte zu teilen, dass es mir bald – irgendwann wieder besser gehen wird.

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Geschützt: Alptraum

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Ambivalenz

In rund 7 Stunden ist der Termin und ich will nicht hingehen. Nie zuvor hat sich in mir alles so sehr dagegen gesträubt, zu einem poststationären Termin zu gehen. Ich will da nicht hin. Ich will nicht mit der Ärztin sprechen, die das Einsperren in die Wege geleitet hat. Die es legitimiert hat. Die mich mein Vertrauen so eiskalt missbraucht hat.

Immerhin konnte ich aushandeln, dass wir den Termin nicht im eigentlichen Klinikgebäude machen. Sondern in einem kleinen Anbau daneben. Ohne verschlossene Türen, mit Fluchtmöglichkeit also, ich brauche das. Niemals könnte ich mich jetzt gerade einsperren lassen. Schon gar nicht von ihr.

Ich möchte ihr weh tun. Ich möchte Dinge zu ihr sagen, die sie verletzen. Ich weiß genug von ihr. Es ist eine Fähigkeit, die ich im Laufe der Gewalt-Jahre erworben habe – beobachten und Schwächen finden. Ich möchte meinen Finger in Salz tauchen und dann in ihren wundesten Punkt bohren. Und ich möchte hinterher sagen, dass sie doch einsehen, verstehen muss, dass das notwendig war – ihr den Schmerz zuzufügen, damit sie meinen wenigstens ansatzweise nachfühlen kann.

Und ich möchte den Herrn Oberarzt sprechen und das Gleiche mit ihm machen. Ich möchte ihm weh tun und ihn fragen, ob er nun begreift.

Ambivalenz – ich möchte hingehen und reden und weinen und vom Wochenende erzählen und von allem, was die Zwangsmaßnahme in mir gemacht hat. Ich möchte erzählen, wie weh alles tut und wie schlimm die Flashbacks sind und dass ich jetzt erst Recht keinen Weg mehr sehe, jetzt, da ich mich nicht mehr auf sie verlassen, ihnen nicht mehr vertrauen kann.

Ich kämpfe weiter und sehne mich zugleich so sehr nach einem Nimmererwachen. Ich betäube mich mit Tavor und Lyrica und Alkohol, und pumpe mich später voll mit Koffein um für die Prüfung zu lernen.

Ich kann nicht mehr. Ich bin erschöpft, körperlich und seelisch. Aber ich kann nicht in die Klinik, unabhängig von dieser Geschichte. Ich muss für die Prüfung lernen und ich brauche Internet dazu und das habe ich dort nicht.

Und selbst wenn die Prüfung nicht wäre, ich würde nicht in die Klinik gehen. Mich nochmal von Menschen einsperren lassen, die mich missbraucht haben – nein nein nein.

Und doch – ich weiß, dass ich Hilfe brauche, und ich weiß nicht, wo, wenn nicht dort.

Aber kann man sich von Menschen helfen lassen, die das Vertrauen so missbraucht haben?

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Geschützt: Fliegenwein

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