eisblau&honigsüß

4:3

Wieder einen bösen Absturz gestern. Mein Verehrer – es überfordert mich. Eine drohende Beziehung. Ein Mann. Körperlichkeiten.

Mittags Tavor genommen. Mit Wärmflasche und Kuscheldecke ins Bett verkrochen, geweint, gewimmert. Körpererinnerungen, Hände auf dem Körper, Berührungen, denen ich nicht entgehen kann, mich nicht entwinden kann.

Geduscht, versucht, die nicht existenten Finger von meiner Haut zu waschen. Runterzuschrubben. Wegzumachen.

Geschnitten.

Hilflosigkeit. Verzweiflung. Flucht in die Klinik.

Gespräch mit Arzt. Tavor. Wunden desinfizieren und verbinden.

Kann keine Ruhe finden. Fühle die Berührungen, wie ekelhafter Schleim auf meiner Haut.

Erinnerungen in meinem Kopf. Ich schlage die Stirn gegen das Gitter am Balkon. Immer wieder. Immer weiter. Bis Patienten eine Schwester rufen. Sofort Gespräch mit dem Arzt. Nochmal Tavor.

Ich bin angespannt, stehe unter Druck, werde diese scheußlichen Berührungen nicht los. Trotz mittlerweile 5,5mg Tavor laufe ich unruhig hin und her, will mir weh tun, die Haut wegmachen, alles grün und blau schlagen.

Gespräch mit dem Arzt. Taxilan. Irgendwann wird es besser. Ob es das Gespräch war oder das Taxilan oder schlicht die Erschöpfung – ich weiß es nicht.

Die Nacht verbringe ich in der Klinik. Damit habe ich in der vergangenen Woche nur 4 Nächte zu Hause geschlafen, und 3 auf der Geschlossenen. Niederschmetternde Statistik.

Ich schlafe unruhig. Träume schlecht. Werde oft wach. Lange vor den anderen Patienten bin ich schon wieder auf den Beinen. Koche Kaffee. Rauche. Plaudere mit denen, die so allmählich wach werden.

Um 8 Uhr ist Dienstwechsel bei den Ärzten. Direkt nach der Übergabe kommt der Arzt zu mir. Gespräch. Besprechen, wie es mir geht. Kopf untersuchen lassen – nichts Schlimmeres passiert, zum Glück, „nur“ eine Beule, die fast meine gesamte Stirn ziert. Falls Kopfschmerzen auftreten, soll ich mich aber unbedingt beim ärztlichen Notdienst vorstellen.

Ich werde entlassen. Manche Patienten kennen das schon von mir. Ich komme und gehe scheinbar so, wie ich es will. Die Ärzte entlassen mich, selbst wenn ich am Abend zuvor oder in der Nacht eine richtig schlimme Krise hatte. Andere Patienten würden nach solchen Nächten noch zur Beobachtung dabehalten.

Oberarzt: „Wir bemühen uns wirklich, Ihrem Bedürfnis nach Autonomie so weit es geht nachzukommen und Ihnen so viele Freiheiten zu lassen, wie möglich.“

Anfangs konnte ich das nicht so sehen. Aber je mehr ich die Abläufe dort kennenlerne und sehe, wie es bei anderen Patienten ist, und je mehr ich auch bewusst darauf achte, wie die Ärzte mit mir umgehen – desto klarer wird mir, dass sie mir wirklich sehr viel Freiheit gewähren. Natürlich würde mich kein Arzt gehen lassen, wenn ich eindeutig akut suizidal wäre. Aber ansonsten – ich kann kommen, wann es nötig ist, und werde entlassen, wenn ich darum bitte. Ich kann Gespräche haben oder das Gespräch ablehnen und nur Bedarfsmedikation einnehmen. Ich habe ein Mitspracherecht bei der Bedarfsmedikation, bekomme von den Ärzten eher Angebote, die ich annehmen, ändern oder ganz ablehnen kann. Selbst als ich die Nacht im Überwachungszimmer sein musste, hatte ich die Chipkarte bekommen, um den Raum verlassen zu können, wurde dort nicht eingesperrt, schon gar nicht fixiert.

Je mehr ich darüber nachdenke, desto klarer sehe ich, wie sehr sie darauf achten, mir Freiheit zu lassen so weit es eben geht. Manchmal ist es schon fast so, dass ich das Sagen habe und die Ärzte meinen Wünschen nur noch Folge leisten…

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das hat mir noch gefehlt

Hatte ich anfangs noch Zweifel, so weiß ich nach dem heutigen Zusammentreffen ganz sicher, dass er Interesse an „mehr“ hat.

Ich hab ’nen Verehrer.

Da will ein Mann mich kennenlernen.

Oh. Mein. Gott.

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O. (1)

Ich habe ja schon an anderer Stelle kurz von O. erzählt.

Wenn ich den Mut aufbringe, gehe ich sie heute besuchen. Es ist eine merkwürdige Vorstellung, nur zu Besuch in die Psychiatrie zu gehen, und nicht, weil ich selbst mal wieder nicht klarkomme. Hingehen, klingeln und „Mir geht’s nicht gut, kann ich reinkommen, kann ich einen Arzt sprechen?“ habe ich ja inzwischen ganz gut drauf. Aber „Hallo, ich möchte O. besuchen“ – das ist etwas Neues. Mal gucken, ob ich das hinbekomme.

Ich frage mich noch immer, warum O. ausgerechnet zu mir Vertrauen gefasst hat. Sie ist so still und in sich zurückgezogen, sie lässt niemanden wirklich an sich heran. Warum mich? Warum darf ich sie umarmen – richtig fest und lange, nicht nur flüchtig – wenn andere ihr nicht einmal die Hand auf die Schulter legen dürfen? Es ging eindeutig von ihr aus. Sie wollte diese Umarmungen, es war ihr Wunsch.

Warum wünscht sie sich ausgerechnet bei mir, dass ich sie besuchen komme? Warum wünscht sie sich ausgerechnet mich wiederzusehen?

Ich verstehe wirklich nicht, was ich getan habe, dass sie mich so nahe an sich heranlässt. Sich vielleicht sogar eine Freundschaft wünscht? Liebe Worte, ein kleines Geschenk – ich wette, dass sie das auch schon von vielen anderen Mitpatienten bekommen hat. Aber umarmen durfte sie trotzdem noch nie jemand…

Ein bisschen habe ich Angst, worauf ich mich da einlasse. Was, wenn sie in mir ihre „Retterin“ sieht? Wenn sie mich idealisiert? Ich kann sie nicht therapieren. Ich bin doch selber nur Patientin, habe auch einen Haufen Probleme zu bewältigen. Ich habe Angst, dass sie zu viel von mir erwartet und böse abstürzen wird, wenn sie irgendwann erkennt, dass ich nicht perfekt bin und keine Wunder vollbringen kann. Wenn ich mich vielleicht sogar klar abgrenzen muss, um mich selbst zu schützen.

Und falls sich da wirklich ein längerer Kontakt, eine Freundschaft, entwickelt – was werden die Ärzte dazu sagen? Früher oder später würden sie ja merken, dass sich zwischen O. und mir was entwickelt. Was, wenn die Ärzte auch die Gefahr sehen, dass O. mich zu stark idealisiert, mir Therapeutenfunktion zuschiebt, und dadurch sich selbst oder mir schadet? Vielleicht würden sie uns den Kontakt verbieten…? Würden mit mir „schimpfen“, weil ich mich verdammt nochmal um meine eigenen Probleme kümmern soll? Damals, in der Jugendpsychiatrie, waren Freundschaften unter den Patienten nicht unbedingt gern gesehen…

Andererseits – wenn man sich nunmal mag?! Wenn man sich anfreundet – kann das denn so schlecht sein? Solange ich auf mich aufpasse, ist doch eigentlich nichts Schlimmes daran.

Freundschaften können einem sehr gut tut.

Aber eine Freundschaft mit O. würde sicherlich nicht einfach werden. Bin ich stark genug?

Ich habe wirklich ein mulmiges Gefühl, mich auf eine Freundschaft mit O. einzulassen. Ich habe Angst, dass sie mich jetzt idealisiert und Dinge erwartet, die ich ihr nicht geben kann. Und dass sie meinetwegen irgendwann wieder ganz tief stürzen wird…

Ich kann ihr nur Freundschaft bieten, ein bisschen Sympathie und Zuneigung, das Gefühl, gemocht zu werden und nicht allen völlig egal zu sein. Ich kann ihr zuhören, sie in den Arm nehmen, ihr vielleicht ein bisschen Mut machen und Zuversicht geben. Aber ihre Probleme kann ich nicht wegzaubern. Ich kann sie nicht heilen. Ich kann nicht alles wieder gut machen.

Ich weiß noch nicht einmal so richtig, was überhaupt mit ihr los ist. Sie spricht so wenig, ist so verschlossen. Man munkelt, dass sie vergewaltigt wurde. Dass sie seit längerer Zeit suizidal ist. Dass sie Glasscherben schluckt. Aber davon abgesehen weiß ich nur, dass es ihr sehr schlecht geht. Sie ist ja schon einige Zeit auf der Geschlossenen, und sie ist auch oft in der Überwachung.

Ich muss aufpassen. Dass sie nicht anfängt mich zu idealisieren und auch, dass ich nicht anfange mir einzubilden, ich könnte ein Wunder bei ihr vollbringen. Denn diese Vorstellung ist natürlich sehr verlockend – sie „retten“ zu können. Etwas Besonderes zu sein. Ich muss aufpassen, dass ich mich nicht für sie opfere. Dass ich nicht anfange, sie therapieren zu wollen, sondern klar bei einer Freundschaft bleibe. Aufpassen, aufpassen, aufpassen.

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gleiches Recht für alle

Als wollte der Körper sagen: Wenn die Psyche rumzicken darf, dann darf ich das auch!

Jetzt habe ich also auch noch einen ordentlichen grippalen Infekt mit Halsschmerzen, Schnupfen, Kopfweh, erhöhter Temperatur…

Ich verkrümel mich dann mal wieder ins Bett…

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Gemeinschaft und Vertrauen

Was mir auf der Geschlossenen immer wieder auffällt und was mich wirklich positiv beeindruckt, ist der Zusammenhalt unter den Patienten. Das Gemeinschaftsgefühl, die bedingungslose Hilfsbereitschaft.

Ich finde das wirklich unglaublich schön.

Jeder hat irgendein verdammtes Problem, sonst wäre er nicht dort gelandet. Manchen merkt man es nicht wirklich an, man fragt sich, warum sie überhaupt da sind. Bei anderen merkt man die Probleme sofort. Trotzdem wird jeder akzeptiert. Egal, wie schwierig jemand aufgrund seiner Krankheit sein mag, jeder wird so angenommen, wie er nunmal ist. Es wird nicht gelästert, niemand wird gemobbt oder abgelehnt, es herrscht ein Klima aus Toleranz, Rücksicht, Verständnis und Nachsicht.

Man hilft sich gegenseitig. Irgendwie scheint jeder trotz seiner Probleme das Bedürfnis haben, sich nützlich zu machen. Man hört sich gegenseitig zu, man nimmt sich in den Arm. Man bietet Zigaretten und Feuer an, wenn mal wieder jemand völlig plötzlich und ohne irgendetwas dabei zu haben auf Station ankommt. Zeigt Neuankömmligen, wo auf Station was ist. Leiht Klamotten aus, wenn jemand nicht mehr hat als das, was er gerade trägt, und niemand Kleidung zum Wechseln von zu Hause bringen kann. Versorgt völlig aufgelöste Neuankömmlige mit Essen und Trinken, Umarmungen und lieben Worten.

Es ist schön, irgendwie. Zu erleben, wie sich völlig fremde Menschen umeinander kümmern. Ohne Vorurteile, mit unendlich viel Geduld und Verständnis und Akzeptanz. Jeder ist bemüht, im Rahmen seiner Möglichkeiten etwas Gutes zu tun. Vielleicht, weil man sich bedanken möchte für die Hilfsbereitschaft, die man selber erleben durfte.

Als ich Mittwoch ziemlich kopflos in die Klinik geflüchtet bin, habe ich natürlich nicht mehr klar nachgedacht, was ich überhaupt brauche. Zigaretten vergessen, Feuerzeug ebenfalls, nicht mal Tampons eingesteckt. Aber egal – egal. Obwohl auf Station gerade ein allgemeiner Mangel an Zigaretten, Tabak und co. herrschte, wurde ich großzügig versorgt. Feuerzeug wurde mir auch geliehen. Und Tampons habe ich auch zugesteckt bekommen. Von einem Mitpatienten wurde ich mit Aprikosen und Joghurt versorgt, als mein Magen lautstark knurrte. Umarmungen, über den Rücken streicheln – das gab es selbstverständlich auch gratis und großzügig.

Viel geben konnte ich an dem Abend nicht, aber das ist okay. Manchmal kann man nur nehmen und selber nichts geben. Am nächsten Tag konnte ich dann meinerseits ein offenes Ohr anbieten und die eine oder andere Umarmung schenken, ein kleines Lächeln zaubern oder ein Tränchen wegwischen.

Als feststeht, dass ich entlassen werde, biete ich an, den Tabak- und Zigarettenmangel zu beenden. Ich nehme Wünsche und Geld entgegen und statt direkt nach Hause zu gehen, suche ich die nahegelegene Tankstelle auf und bringe danach meine „Einkäufe“ auf Station. Dankbares Lächeln, liebe Worte. Man hilft sich eben, wo und wie man kann. Im einen Moment kann man nur nehmen, im nächsten gibt man selbst.

Und außer Tabak und co. kaufe ich noch eine Tafel Nuss-Schokolade. Die stand nicht auf meinem Einkaufszettel und ich bezahle sie auch von meinem eigenen Geld. Es ist ein Geschenk für O., die seit Wochen auf der Geschlossenen ist und eine wirklich schlimme Zeit durchmacht. Ich mag O., sie ist eine so liebe Frau, und sie hat so Lust auf ein Stückchen Nuss-Schokolade, das hat sie erzählt. Ich möchte ihr eine kleine Freude machen, auch wenn ich weiß, dass es nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ihrer Verzweiflung ist.

Sie freut sich riesig, als ich ihr die Schokolade schenke. Sie hat nicht damit gerechnet. Sie zögert einen Moment – und dann umarmt sie mich, ganz fest und lange. Die Patienten, die das sehen, schauen uns ungläubig schweigend an. Denn die O., die darf niemand anfassen, nur ihre Mama. Die O. will nicht umarmt werden. Und jetzt stehen wir da in fester, langer Umarmung mitten auf Station. Vorsichtig löst sie sich von mir und ganz leise fragt sie mich, ob ich sie besuchen komme – sie wünsche sich das so sehr, ich sei so lieb, sie möchte mich so gerne wiedersehen. Ich verspreche es ihr. Dann fragt sie mich, ob sie mich noch einmal drücken dürfe, und natürlich bejahe ich und dann stehen wir noch einmal eine Weile in fester Umarmung da.

Ganz überwältigt von diesem plötzlichen Vertrauen verlasse ich schließlich die Station. Warum ich, geht es mir durch den Kopf. Warum vertraut sie mir, warum lässt sie ausgerechnet mich an sich heran? War es das Gespräch am Vormittag? Aber auch andere Patienten haben ihr doch schon liebe Dinge gesagt! Und eine Tafel Schokolade – eine solche Kleinigkeit – kann das so viel Vertrauen und Zuneigung auslösen? Auch andere Patienten haben ihr schon das eine oder andere Geschenk gemacht. Aber niemals hat sie jemanden ganz offen gebeten, sie zu besuchen. Und niemals – niemals hat sie jemand umarmen dürfen. Niemals – bis gestern.

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