eisblau&honigsüß

so oder so

„Und was würdet ihr machen, wenn ich einfach nicht zum Termin komme?“ – „Dann bitten wir die Polizei, Sie zum Gespräch herzubringen.“

Na wunderbar. Entweder freiwillig oder mit der Polizei. Aber so einfach lassen die mich wirklich nicht in Ruhe. Nicht, wenn sie den Eindruck haben, dass ich alleine Mist machen würde.

Soll ich das jetzt gut finden?

7 Kommentare »

Hilfe annehmen

Mir fällt es immer noch schwer, die Hilfe anzunehmen, die mir die Ärzte in der Klinik anbieten. Ich habe Angst um meine Autonomie, meine Selbstständigkeit, meine Freiheit. Angst, von denen abhängig zu werden, Angst, dass sie Entscheidungen treffen, die mir nicht gefallen. Ich habe Angst zu vertrauen und verletzt zu werden, fallen gelassen zu werden wie immer und überall.

In irgendeinem Gespräch letzte Woche habe ich dem Oberarzt gesagt, dass ich glaube, sie werden mich früher oder später fallen lassen, weil ich zu anstrengend, zu kompliziert bin. Er sagte ganz klar nein, sie würden mich nicht fallen lassen. Aber das sagen sie immer… Sobald sie mich besser kennen, sieht es anders aus.

Ich versuche wirklich, mich auf die Hilfe einzulassen. Der Termin heute war auch ganz gut. Habe für meine Verhältnisse wirklich sehr viel geredet, meinen ganzen Frust wegen meinem Betreuer und der Bachelorarbeit abgelassen, mir bestätigen lassen, dass ich krank bin – nicht faul.

Habe erzählt, dass es gestern Abend wieder arg schlimm war. Mit Suizidgedanken, dem Wunsch mich mit Tabletten zu betäuben, dem Wunsch nach Selbstverletzung. Habe erzählt, dass ich die Wunde von Sonntag wieder aufgemacht habe – nicht, dass sie wirklich zu gewesen wäre, es fängt ja immer wieder an zu bluten.

Die Ärztin sagte, dass sie die Wunde gerne sehen würde, aber mich nicht dazu zwingt. Sie „zwingen“ nur Patienten zum Zeigen von SVV-Wunden, wenn sie der Meinung sind, dass der Patient die Verletzungen alleine nicht gut versorgen kann bzw. nicht in der Lage ist zu beurteilen, ob es z.B. entzündet ist etc. Das tut mir jetzt natürlich wieder gut – dass sie mir was zutrauen, dass sie denken, ich kann meine Verletzungen selber versorgen.

Und weil sie mich nicht gezwungen und ein bisschen mein Ego gestreichelt hat, habe ich es ihr dann doch gezeigt. Kaum hatte sie den Verband abgemacht, lief auch schon wieder ein dünnes Blutbächlein mein Bein hinab. Sie hatdie Verletzung angeschaut und desinfiziert und Druckverband gemacht. Der soll bis morgen Nachmittag – bis zum nächsten Termin – draufbleiben. In der Hoffnung, dass es dann mal endgültig aufhört zu bluten.

Am liebsten würde ich den Verband runtermachen. Es fällt so schwer, da nicht dranzugehen. Irgendwie will ich ja, dass es weiterblutet… Außerdem widerstrebt es mir, dass da ein Arzt dran rumgemacht hat. Das ist meine Verletzung, die habe ich gemacht, mein Werk, meine Sache. Ein normaler Verband, wie ich es heute Früh hatte, wäre ja okay gewesen. Aber Druckverband, morgen wieder kontrollieren lassen… Das ist eine Behandlung, und ich habe schon so lange keine SVV-Wunden mehr ärztlich behandeln lassen, es ist so schwer das zuzulassen.

Davon abgesehen nervt der Verband. Duschen mit Frischhaltefolie, Plastiktüte, Gummibändern. Sehr toll…

Zumindest scheint es so, dass ich kein absolutes Schneideverbot habe. Nur wenn ich zum Termin komme und sie das Gefühl haben, dass ich kurz vor einer schlimmeren Selbstverletzung stehe, dann lassen sie mich nicht so einfach wieder gehen. Und wenn ich mich ganz, ganz massiv verletzt hätte, dann würden sie mich auch dabehalten. Tabletten schlucken ist natürlich völlig Tabu – wenn ich ’ne Überdosis schlucke und sie erfahren davon, dann behalten die mich erstmal stationär – nachvollziehbar, irgendwie.

Im Grunde hatte der Oberarzt schon Recht – sie lassen mir wirklich viel Freiheit. Aber eben nur unter der Voraussetzung, dass ich zuverlässig bin, mich an Absprachen halte, kompromissbereit bin… und nicht anstrebe, mich hemmungslos zu zerstören.

Hinterlasse einen Kommentar »

eine kleine Krise

Gestern Abend hat’s wieder arg gekriselt. Eine Weile habe ich mit dem Gedanken gespielt, in die Klinik zu gehen. Einfach ein paar Sachen in den Rucksack stopfen und rübermarschieren, klingeln, „Hallo, mir geht’s schlecht, darf ich hier schlafen?“ Letztlich habe ich mich nicht getraut und irgendwie wollte ich auch nicht. Ich komme doch sonst auch alleine klar, wieso sollte ich jetzt wegen einer kleinen Krise in die Klinik?!? Lächerlich.

Das Problem war nur das „Schneideverbot“. Ich habe die Verletzung von Sonntag wieder aufgekratzt, die Kruste runtergemacht, damit es wieder blutet. Hat auch geblutet und jedesmal, wenn ich den Verband löse, fängt es wieder an. (Nebenbei gefragt: Wie kriegt man Blutflecken aus’m Teppich? Habt ihr einen Tipp?)

Jetzt weiß ich nicht, was ich später erzählen soll. Bekomme ich auch Probleme, wenn ich alte Wunden wieder aufmache? Davon war ja keine Rede, das wurde mir nicht explizit untersagt…

Egal, zurück zu gestern Abend. Habe gewartet, bis die Blutung so halbwegs aufgehört hat, dann verbunden. Mich angezogen, rausgegangen. Ewig ziellos durch die Straßen gegangen, zu viel geraucht, zu viel geweint. In den nahegelegenen kleinen Park gegangen, ganz am Rand geblieben, in der Nähe einer Laterne. Als Frau ist es besser, nachts nicht zu weit in dunkle Parkecken zu gehen – merkwürdige Gestalten unterwegs.

Auf eine Bank gesetzt, geraucht, geweint. Ein Mann kam, ich dachte erst „Wieder so ein Arsch, der mich belästigen will“. Aber er entpuppte sich als netter Kerl. Einfach ein normaler Mensch, der noch kurz einen Spaziergang machen wollte und sich Sorgen macht, wenn er eine Frau alleine weinend dasitzen sieht.

Viel von meinen Gefühlen und der derzeitigen Situation habe ich ihm nicht erzählt. Er ist halt doch ein Fremder, es geht ihn nichts an. Aber ein bisschen haben wir geredet, über mich, aber auch einfach Smalltalk. Tat irgendwie gut. Auch, dass er mich in den Arm genommen hat, als ich so sehr geweint habe – erst ganz vorsichtig, fragend, ob es okay sei. Und es war okay, irgendwie spürt man, ob man aus Mitgefühl berührt wird oder aus anderen Absichten…

Es war schon nach Mitternacht, als ich wieder nach Hause kam. Tabletten genommen – Lyrica, Tavor – dann geduscht, Kakao getrunken, ins Bett verkrochen. In der Vorlesung heute früh war ich nicht, habe lieber ausgeschlafen… Aber nach so einem Abend ist es doch auch okay, wenn man nicht zur Uni geht, oder?

Ich fühle mich gerade immer noch ein bisschen benommen. Vermutlich vom Tavor. Gleichzeitig habe ich Angst vor dem Termin in der Klinik.

Was wird die Ärztin tun, wenn ich ihr von der Krise gestern erzähle? Davon, dass ich ernsthaft überlegt habe, alle Absprachen zu ignorieren, Tabletten zu schlucken oder mich zu schneiden? Letztlich habe ich es ja nicht getan, das ist doch gut – oder zählen die Gedanken mehr als die Handlungen?

Und was wird sie dazu sagen, dass ich die Wunde von Sonntag wieder aufgerissen habe? Bekomme ich weniger Ärger, wenn ich ihr die Wunde zeige? Letztes Mal habe ich mich geweigert, es zu zeigen… Wenn sie es heute sehen darf – wenn ich erlaube, dass es ein Arzt sieht und korrekt versorgt – vielleicht bin ich dann „kooperativ“ und bekomme deswegen keinen Stress?

Himmel, ich hab so Angst. Ich will hin, weil ich dort Hilfe bekomme bekommen könnte. Andererseits will ich nicht hin, weil die so viel Macht haben. Ich betrete die Station zum Gespräch, und ob ich sie wieder verlassen darf, entscheiden die Ärzte.

4 Kommentare »

nervig

Die Mail von meinem BA-Betreuer bringt alles wieder zum Einsturz. Vorwürfe und Vorwürfe, nichts als Vorwürfe.

Jetzt fühle ich mich wieder als faules, undankbares Miststück.

Ich kriege Ärger, wenn ich mich tief schneide. Ob ich wenigstens oberflächlich ritzen darf? Bzw. wenn ich tief schneide, es müsste doch niemand davon erfahren. Wenn ich bloß eine bessere Lügnerin wäre…!

Ziel ist, dass ich möglichst schnell wieder einen normalen Alltag führen kann. Zu meinem normalen Alltag gehören aber Selbstverletzungen. Merken die eigentlich, was für einen Schwachsinn sie als Ziel ausgewählt haben? Wieder den Zustand von vor der Krise erreichen – aber dies nicht und jenes nicht und überhaupt und sowieso – also, eigentlich genau wie vorher, nur ganz anders.

Ja nee, ist klar.

Ich hungere wieder. Habe eh kaum Appetit, es fällt mir nicht schwer, gar nichts mehr zu essen. Und von der Essstörung wissen sie ja nichts, das können sie mir also nicht auch noch verbieten. Nicht ganz so effektiv wie schneiden, aber immerhin ein bisschen Kompensation.

Was würde passieren, wenn ich morgen nicht zum Termin gehe? Sie können mir ja wohl kaum die Polizei auf den Hals hetzen, nur weil ich einen Termin nicht wahrnehme… Oder doch?

Mir gefällt das nicht. Dieses klare Ansage, dass Selbstverletzungen nicht akzeptabel sind. Dass ich keine Tablettenüberdosis schlucken soll – okay, sehe ich ein, ist ein Spiel mit dem Feuer. Aber eine Schnittverletzung, meine Güte! Die übertreiben.

„Wir lassen Ihnen schon so viel Freiheit wie möglich.“

Klar. Mit dem Zwang, zu Terminen zu kommen, und dem Verbot, mein Leben auf meine Art zu regeln. Sehr frei, wirklich.

Je länger ich mir alles durch den Kopf gehen lasse, desto eher tendiere ich wieder in Richtung „Tschüß Leben!“ Oh, natürlich, ich darf mich ja nicht umbringen. Auch verboten. Aber mal ehrlich – wenn ich tot bin, interessiert mich das dann noch?

Und mit welcher Rechtfertigungen wollen die mich eigentlich zu einer weiteren Behandlung zwingen? Dürfen sie doch eigentlich nicht. Jeder Patient hat selbst das Recht zu entscheiden, ob er behandelt werden möchte oder nicht. Sie können mir keine Behandlung aufzwingen. Ich bin ja auch nicht wirklich krank. Es gibt bei mir nichts zu behandeln.

Ach, die sollen mich einfach in Ruhe lassen, verdammt!

6 Kommentare »

und fast wieder Klinik

Also, eines muss  man denen in der Klinik lassen: die greifen notfalls knallhart durch.

Einfach alles hinwerfen, keine Termine mehr, keinen wirklichen Plan für die nächste Zeit? Vergiss es, akzeptieren sie nicht.

Verharmlosen von selbstschädigenden Verhaltensweisen? Keine Chance, was potentiell lebensgefährlich ist, wird nicht als harmlos akzeptiert.

Du kannst nicht garantieren, dich bis zum nächsten Termin nicht tief zu schneiden und keine Tabletten zu schlucken? Gut, dann bleibst du hier, Punkt.

Ganze fünf Stunden habe ich gebraucht, bis ich wieder gehen durfte. Dabei war ich doch nur zu einem ambulanten Nachsorgetermin hingegangen. Kurz erzählen, wie es mir so geht, und dass ich nicht mehr kommen will… dachte ich. Fast hätten sie mich da behalten, notfalls auch gegen meinen Willen.

Nein, einfach in die Selbstzerstörungen rennen lassen die mich nicht.

Leider?

19 Kommentare »