eisblau&honigsüß

Schlafen? Warte, mal im Terminkalender nachgucken…

Kurz vor 6 Uhr morgens. Nach einer langen Labornacht endlich zu Hause. Ein bisschen Schlafmedis nehmen, ein paar Stunden schlafen, hoffentlich, bevor die Arbeit wieder ruft.

Diese Woche ist Stress pur. Viel zu tun im Labor – einen ganzen Haufen langwierige Versuche, Routinearbeiten, ein Versuch mit absolut bekloppten Zeitabständen, Arbeit von einer erkrankten Kollegin übernommen. „Nebenher“ noch Umzugshelfer und Seelentröster für eine sehr gute Freundin. Arzttermine. Im Terminkalender schon vorab markiert, wann ich vermutlich Zeit zum Schlafen habe.

Ich bin völlig erledigt und sehne mich nach Ruhe, Entspannung, Nichtstun, einem freien Tag. Gleichzeitig fühle ich mich aber super. Vielleicht, weil in dem ganzen Stress einfach keine Zeit bleibt um darüber nachzudenken, wie es mir geht, was mir Sorgen macht, welche Probleme ich habe wann ich das nächste Mal in die Chirurgie gehe.

Klar, ein Dauerzustand kann das nicht sein. Mal eine oder zwei Wochen halte ich das durch. Danach würde mich der Stress zusammenbrechen lassen. Irgendwo sind dann eben doch Grenzen, psychisch, aber vor allem auch körperlich. Vermutlich wird mich der Herr Psychiater schimpfen, wenn er mitbekommt, wie mein Schlaf-Wach-Rhythmus momentan aussieht („Oh, 6-9 Uhr früh und 20-21 Uhr abends habe ich Zeit – da könnte ich schlafen!“).

Egal. Im Moment fühle ich mich gut. Das ist alles, was zählt.

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In was für einer Welt…

… leben wir eigentlich?

Da steht ein Mann in einer größeren Bankfiliale. Steht? Nicht wirklich. Er liegt halb bewusstlos über dem Kontoauszug-Drucker. Es ist offensichtlich, dass irgendetwas nicht stimmt.

Menschen kommen in die Filiale. Heben Geld ab, drucken ihre Kontoauszüge keinen halben Meter neben ihm. Blicke werden getauscht. Verunsicherte Blicke, Schulterzucken. Die Menschen nehmen ihr Geld, ihre Kontoauszüge. Werfen sich noch einen kurzen Blick zu und gehen.

Niemand, niemand, niemand geht zu dem Mann. Niemand spricht ihn an. Niemand fragt ihn, ob alles okay ist. Ob es ihm gut geht. Ob er Hilfe braucht.

Die Menschen nehmen ihn durchaus wahr. Merken, dass irgendetwas nicht stimmt. Aber niemand tut etwas. Es werden nur stumme Blicke getauscht und dann wird weitergegangen.

Ich will nicht behaupten, dass ich eine Heilige bin. Auch ich habe mich erstmal nicht anders verhalten. Auch ich habe den Mann schon beim Betreten der Filiale bemerkt und registriert, dass da irgendetwas nicht in Ordnung ist. Auch ich habe erstmal in aller Ruhe Geld abgehoben, meine Kontoauszüge gedruckt, Blickkontakt zu anderen Kunden gesucht. Auch ich war schon auf dem Weg nach draußen bevor ich dachte: „Himmel, das kannst du nicht machen! Du siehst, dass es da jemandem nicht gut geht. Geh hin und spreche diesen Mann an, Herrgottnochmal!“

Und ja, auch ich war verunsichert, hatte fast schon Angst, als ich zu ihm hinging und ihn ansprach, ihm auf die Schulter klopfte als keine Reaktion kam. Ja, auch ich habe mich unwohl gefühlt, als von ihm keine verständliche Antwort kam und ich mich entschloss den Rettungsdienst anzurufen. Ja, auch mein erster Impuls war, einfach zu gehen – habe ich doch Blickkontakt mit anderen Kunden gehabt und habe ich die Bestätigung bekommen, dass andere den Mann auch bemerkt und entschieden haben, nichts zu tun. Was die Mehrheit tut, wird schon richtig sein.

Ich bin nicht besser als andere. Ich kann auch nicht sagen, was mich letztlich dazu bewogen hat, hinzugehen und ihn anzusprechen. Letztendlich bin ich zwar froh darüber – wurde mir doch später vom Notarzt bestätigt, dass das eine verdammt gute Entscheidung war – aber mein erster Impuls war eben doch, einfach wegzuschauen und zu gehen.

In was für einer Welt leben wir, in der offensichtlich hilfsbedürftige Menschen gesehen – und sich selbst überlassen bleiben?

Und was für ein Mensch bin ich, dass ich fast genauso gehandelt hätte?

Ich kann verstehen, dass Menschen nicht eingreifen, wenn eine Gewalttat im Gange ist. Jeder hat den Drang sich selbst zu schützen. Wenn das Risiko besteht, selbst verletzt zu werden – oder Schlimmeres – ergreift man lieber die Flucht. Das verstehe ich. Wie man das moralisch bewerten will, sei dahingestellt, aber im Grunde ist es absolut natürlich, vor Gefahren zu fliehen.

Aber in diesem Fall? Welche Gefahr bestand denn? Im schlimmsten Fall wäre man hingegangen und hätte festgestellt, dass doch alles okay ist. Vielleicht wäre man ausgelacht worden, wäre in eine peinliche Situation geraten, weil man ein Problem aus etwas gemacht hätte, das kein Problem war. So what!? Man wäre weder verletzt noch getötet worden. Also – so what!?

Es stimmt mich nachdenklich. Und traurig.

In was für einer Welt leben wir und was für Menschen sind wir? Was für ein Mensch bin ich?!?

Und hätte es einen Unterschied gemacht, wenn der Mann einen schicken Anzug und eine lederne Aktentasche getragen hätte anstatt heruntergekommener Kleidung und einer Discounter-Plastiktüte? Vielleicht… Wer weiß…

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es fühlt sich noch immer gut an

Lange her, dass ich das letzte Mal in die Chirurgie musste durfte.

Lange her, dass ich das letzte Mal dagelegen bin, während ein Chirurg meine klaffende Haut wieder zusammenflickte.

Lange her, dass ich das letzte Mal Fäden in meiner Haut betrachtete.

Lange her, dass ich das letzte Mal die chirurgische Wundversorgung genossen habe.

Genossen. Ja, ich gebe es zu: ich habe es genossen. Ich wollte mich tief schneiden, ich wollte klaffende Wunden, ich wollte in die Chirurgie, ich wollte genäht werden. Ich wollte versorgt werden. Ich wollte das alles und ich habe es bekommen und es hat sich gut angefühlt, so verdammt gut.

Ich weiß, dass es nicht gut gewesen ist, was ich da getan habe. Ich hätte andere Strategien anweden sollen, ich hätte skillen sollen (wie ich dieses Wort hasse – Skills!). Oh, sicher, ich habe Skills angewendet, habe mich in der Psychiatrie vorgestellt, habe Bedarfsmedikamente genommen. Habe ich getan – halbherzig. Weil ich im Grunde schon längst entschieden hatte, dass ich schneiden will. Skills helfen nur, wenn man auch will, dass sie helfen. Ich wollte nicht.

Und nun? Ich weiß es nicht. Ich könnte es als Rückfall verbuchen. Kann mal passieren, dass man in alte Verhaltensmuster zurückfällt. Das kommt vor und das ist im Grunde nicht weiter tragisch. Ich bin mir nur nich sicher, ob das wirklich ein einmaliger Ausrutscher gewesen ist. Ob ich will, dass es bei diesem einen Ausrutscher bleibt.

Denn ja, es hat gut getan. Es hat so verdammt gut getan. Es war wie früher, als ich noch regelmäßig in der Chirurgie gewesen bin. Dieses Gefühl tiefster Ruhe und Entspannung, das Loslassen-Können, das Vergessen aller Sorgen für einen Moment.

Ich will es nicht verherrlichen. Aber ich will auch nicht lügen. Ich will nicht behaupten, wie sehr ich es bedauere wieder so tief geschnitten zu haben, wenn ich es eben nicht bedauere.

Es hat sich gut angefühlt. Punkt.

Das ist die Wahrheit: Es hat sich gut angefühlt, genäht zu werden. Ohne Wenn und Aber. Es hat sich gut angefühlt.

Und ich will mehr davon. Auch das ist die Wahrheit. Vielleicht keine schöne Wahrheit, mag sein. Aber so ist es. Würde ich etwas anderes behaupten, müsste ich lügen.

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Enttäuscht werden. Immer wieder aufs Neue.

Warum können Menschen nicht einfach tun, was sie versprechen? Oder einfach nichts versprechen, wenn sie es nicht auch sicher halten können?

Bin ich naiv? Weil ich glaube, dass Versprechen heilig sind und auch gehalten werden? Weil ich selbst meine Versprechen halte?

Vermutlich. Ich bin dumm und naiv. Sonst würde ich nicht immer und immer wieder daran glauben, dass Menschen, die mir wichtig sind, auch das tun, was sie sagen. Ich muss wirklich sehr dumm und sehr naiv sein, dass ich diesen Fehler immer wieder begehe.

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beruhigend, ein bisschen jedenfalls

Es ist zwar noch immer unklar, was in meinem ZNS los ist, aber mit den heutigen Befunden können immerhin ein paar weitere Ursachen ausgeschlossen werden. Es könnte zwar nach wie vor sein, dass ich MS habe, aber eine ganze Reihe an Infektionskrankeiten und Autoimmunreaktionen ist jetzt schon mal vom Tisch.

Überhaupt fand ich das Gespräch mit der Ärztin heute sehr beruhigend. Sie ist schließlich Neurologin und hat viel Erfahrung mit Liquordiagnostik. Sie kennt sich aus und das merkt man auch. Ihr glaube ich, wenn sie mir erklärt, warum ich mir keine allzu großen Sorgen machen soll. Sie hat eben weit mehr Erfahrung in diesem Bereich als die Psychiater.

Trotzdem rät auch sie mir zu weiteren Untersuchungen, die ich auch machen lassen werde. Aber da es z.T. recht spezielle Dinge sind, wird es sich schon noch ein Weilchen hinziehen, bis alles gemacht ist. Ich hätte mir zwar gewünscht, dass das alles schnell über die Bühne geht, aber andererseits ist es mir auch ganz recht, wenn ich nicht von einer Untersuchung zur nächsten rennen muss. Die Untersuchungen werden für mich schwierig genug sein – ein bisschen Pause dazwischen finde ich durchaus hilfreich.

So wie es momentan aussieht, wird sich das alles über mehrere Wochen hinziehen. Ende März habe ich dann einen Termin in einer Spezialambulanz für entzündliche ZNS Erkrankungen, in der ein Fachmensch die bis dahin gesammelten Befunde mit mir durchsprechen wird. Bis dahin bleibt ein gewisses Maß an Ungewissheit (aber ob ich am Ende eine klare Diagnose bekomme, ist auch fraglich).

Ich hoffe jetzt einfach, dass ich die Untersuchungen gut überstehen werde. Das Schlimmste wird vermutlich das MRT sein. Letztes Jahr habe ich es nur ausgehalten, weil ich vorher Tavor genommen hatte. Die Ärztin meinte, dass ich das auch dieses Mal machen könne, das würde auch trotz Kontrastmittel gehen. Werde ich also tun. Und vielleicht schon im Vorraus besprechen, dass ich nach dem MRT gegebenenfalls in der Psych „weiterversorgt“ werde. Überhaupt ist es ja nun nicht mehr das erste MRT meines Lebens und ich weiß vom letzten Mal, was mir hilft, nicht durchzudrehen, und was potentiell triggernd für mich ist.

Wovor ich auch große Angst habe, sind die VEP – visuell evozierte Potentiale. Es ist nur schwierig, Ärzten begreiflich zu machen, warum mir das so Sorgen macht. Wer versteht schon, dass es wirklich problematisch für mich ist, für längere Zeit einen Punkt zu fixieren? Ich weiß noch nicht, wie ich das handhaben soll. Den Psychiatern kann ich die Problematik vielleicht noch erklären. Aber den Neurologen? Eher nicht. Die werden weder das Problem verstehen, noch werden sie mit der Symptomatik umgehen können, die mit dieser Untersuchung fast unweigerlich einhergeht.

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