eisblau&honigsüß

hier-und-jetzt

Im Hier-und-Jetzt verankern. Wieder in der Gegenwart ankommen. Es ist so schwer, obwohl ich doch nur ein paar Tage in der Kindheit gewesen bin. In mir wütet noch immer die Vergangenheit. Der Schmerz, das Schlecht-sein und Schuld-sein. Ankämpfen mit Alltäglichkeiten. Dinge, die ich als erwachsene Frau in meinem Leben nunmal tue. Aufräumen, putzen, einkaufen, an die Uni fahren, Freunden mailen, verabreden. Nichts, was ich damals getan habe, nur Dinge, die ich heute tue. Heute ist nicht damals. Ich bin nicht mehr das hilflose Kind von damals. Die Familie hat keinen so großen Einfluss mehr. Ich bin erwachsen, verdammt nochmal, ich habe meine Freunde, mein Studium, meine Wohnung. Ich bin nicht mehr wie früher. Ich will nicht mehr so sein. Ich. Will. Nicht. Auch wenn die Eltern mich als Enttäuschung ansehen.

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aufgewühlt

Wieder zurück in Unistadt nach vier Tagen Besuch bei meinen Eltern. Ich fühle mich nicht gut. Die Besuche in der Heimat wühlen immer so viel altes Zeug auf. Ich könnte gerade gar nicht sagen, was mir durch den Kopf geht. Irgendwie fühle ich mich komplett in die Kindheit und Jugend zurückgeworfen.

Vieles ist dort noch immer so wie damals. Die Feindseligkeit und Boshaftigkeit, die Beschuldigungen und Angriffe. Gespräche, die sich nur um Belangloses drehen und Gespräche, die ich teilweise auswendig kenne, weil sie immer und immer wieder absolut identisch geführt werden, wie beliebte Theaterstücke. Das Gefühl, eine Enttäuschung zu sein, nicht gut genug, oder zumindestens nicht so, wie mich meine Familie gerne hätte. So viele Schuldgefühle und Scham und Selbstabwertung, dass ich mich schon am zweiten Tag dort verletzt habe, weil ich so unerträglich war.

An der Wand im Wohnzimmer hängen noch immer die gleichen Fotografien. Von meinem Bruder, meinem Bruder und nochmals meinem Bruder. Und ein Foto von meinem Bruder und mir zusammen. Keines nur von mir.

Geändert hat sich, dass es jetzt einen Schlüssel für meine Zimmertür gibt. Wie habe ich mich in der Jugend danach gesehnt, einfach mal die Tür absperren zu können! Aber angeblich gab es für meine Tür keinen Schlüssel… (Nun gut, zugegeben: ich war erfinderisch und habe auch ohne Schlüssel eine wirkungsvolle Barrikade gefunden, die meine Eltern nie aufbekommen haben.) Jetzt steckt ein Schlüssel im Schloss.

Geändert hat sich auch die Anzahl der Schnapsflaschen auf dem Regal hinten im Keller. Es sind deutlich weniger als bei meinem letzten Besuch. Eine Flasche ganz vorne ist halbleer. Ich weiß, dass Papa manchmal einen Schluck trinkt, wenn er im Keller ist. Ein Schluck direkt aus der Flasche, wenn er „kurz was aus dem Keller holen“ geht. Ob Mama das weiß? Eher nicht, denn sonst könnte er die Flasche ja auch einfach in der Wohnung hinstellen und dort trinken.

Geblieben ist die Puppe ganz hinten in meinem Schrank, dieses arme zerschundene Ding, mit dem ich Missbrauchsszenen nachgespielt habe, in aller Heimlichkeit. Manchmal denke ich, es wäre besser, sie wegzuwerfen. Aber ich bringe es dann doch nie über mich. Genausowenig, wie ich es lassen kann, sie bei jedem Besuch aus dem Schrank zu holen und anzuschauen und mich zu erinnern.

Immer wieder aufwühlend, diese Besuche bei meinen Eltern. Nicht nur schlecht, aber insgesamt doch sehr kraftraubend und destabilisierend. Naja. Jetzt erstmal wieder Ruhe finden.

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Elternwissen

„Sag mal, Kind – was studierst du eigentlich?“

Biochemie, Papa. Ich studiere Biochemie. Seit drei Semestern schon. Anderthalb Jahre. Ich bin kurz vor meinem Masterabschluss. Ich habe übrigens auch sehr gute Noten. Du könntest stolz auf mich sein. Könntest – wenn du irgendetwas von meinem Leben mitbekommen würdest. Wenn du dich dafür interessieren würdest. Dann wüsstest du auch, was ich seit anderthalb Jahren an der Universität treibe.

Irgendwie hat mir die Frage ziemlich weh getan. Aber vielleicht erwarte ich auch zu viel? Vielleicht ist es normal, dass Eltern nicht wissen, welchem Beruf/welchem Studium ihre Kinder nachgehen.

Wissen eure Eltern, als was ihr arbeitet oder was ihr studiert oder welche Ausbildung ihr macht oder wasauchimmer?

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Schlechte Atmosphäre. Der Umgangston – schockierend. Kann man nicht ein bisschen freundlicher und respektvoller miteinander umgehen? Die Familie kann es wohl nicht. Wird es wirklich immer schlimmer oder kommt es mir nur so vor? Nach der langen Zeit, die ich nicht mehr hier gewesen bin und andere Menschen um mich hatte, ist es wie ein Schlag ins Gesicht, dass hier immer noch alles beim Alten ist. Kalt und verletzend.

(Kommentarfunktion für diesen Artikel deaktiviert. Ich mag nicht über die Familie reden und nichts dazu geschrieben bekommen.)

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Reden ist Silber und Schweigen ist Gold – von wegen!

Spontan würde ich sagen: „Die Prüfung war schrecklich!“ und das war sie auch. Nicht, weil ich nichts wusste oder so – ich habe eine sehr gute Note bekommen. Aber emotional. Bei schriftlichen Prüfungen bin ich die Ruhe in Person, aber mündliche stressen extrem. Deswegen kann ich mich gerade auch noch gar nicht so richtig darüber freuen, dass ich es hinter mir und mit top Note bestanden habe. Gerade bin ich einfach nur erschöpft.

Nach der Prüfung sagte mir mein Prüfer, dass ich zu wenig frei rede. Dass ich zwar ein solides Wissen hätte und auch sehr gut Bezüge zwischen den Themen herstellen und Dinge logisch ableiten könnte und so… Aber dass meine Schweigsamkeit es dem Prüfer schwer mache, mein Wissen zu erkennen – einfach weil ich es von mir aus kaum preisgebe. Ich solle mutiger sein, mein Wissen offensiver zeigen blabla. Er hat das nicht böse gesagt, eher wie ein guter Freund, der einem einen Tipp gibt für die Zukunft.

Ich weiß, dass ich dieses Sprechproblem habe und ich ärgere mich selbst darüber. Oft kenne ich die Antwort, kann mich aber nicht zum Sprechen überwinden. Das ist so ein typisches Trauma-Folge-Problem bei mir, an das viele Ärzte/Therapeuten gar nicht denken, obwohl es für mich im Alltag weit mehr Schwierigkeiten macht als Flashbacks. Nicht reden können. Verstummen. Erstarren.

Ich versuche mich für diese „Schwäche“ nicht selbst runterzumachen. Versuche mir vor Augen zu halten, dass eben auch das zu meinem Krankheitsbild dazugehört und dass es verständlich ist, warum ich in Stress-/Angstsituationen schweige. Es war damals sinnvoll, wenn nicht sogar lebensnotwendig, in gewissen Situationen möglichst nichts zu sagen. Keinen Laut von mir zu geben. Still und starr zu werden.

Und ich versuche mir vor Augen zu halten, dass ich schon einen weiten Weg gegangen bin heraus aus der Schweigsamkeit. In meiner Jugend habe ich fast gar nicht mehr gesprochen, tagelang kein Wort, und selbst an redseligen Tagen konnte man die Anzahl der Worte mühelos an den Fingern abzählen. In vielen Situationen kann ich heutzutage ganz normal und unbefangen sprechen. Stresssituationen sind nach wie vor schwierig, aber selbst da ist es besser geworden. Immerhin kann ich überhaupt in einer mündlichen Prüfung sprechen. Ich erinnere mich noch gut an eine mündliche Prüfung vor knapp drei Jahren, als ich keinen Ton herausbrachte und schließlich weinend dagesessen bin und die Prüfung abgebrochen wurde…

Verglichen mit der völligen Stummheit in der Jugend und den sprachlosen Prüfungen im Bachelorstudium, bin ich also weit gekommen. Trotzdem schaffe ich es nicht ganz, mich nicht doch ein bisschen über mich zu ärgern und abwertend über mich zu denken. Ich müsste doch einfach nur den Mund aufmachen und drauflosplappern! Andere können das doch auch! 😦

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