eisblau&honigsüß

Tadaaaa! -.-

Es erstaunt mich immer wieder, wie rasch sich die Essstörung in mein Leben drängen kann. Oder, nein, hineindrängen ist das falsche Wort. Sie spring hinter dem dunklen Bühnenvorhang hervor, Spotlight an, tadaaaa, hier bin ich! Das Publikum reißt überrascht die Augen auf, hier und da sind ob dieser plötzlichen Erscheinung verdutzte Lacher zu vernehmen, der Applaus setzt ein. Da ist er ja, der Star der Show!

Von einem Tag auf den anderen ändert sich alles. Habe ich tags zuvor noch ganz normal gegessen, ohne groß auf Nährwerte zu achten, ohne den Energieverbrauch bei meinen Spaziergängen zu berechnen, so ist es tags darauf das genaue Gegenteil.

Der Kühlschrank wird ausgemistet, die verbotenen Lebensmittel entsorgt (also, gefressen und erbrochen, denn Lebensmittel wegwerfen tut man nicht als ob kotzen so viel besser wäre!). Im Supermarkt werden erlaubte Lebensmittel gekauft, um den leeren Kühlschrank wieder aufzufüllen. Die aufs Gramm genaue Küchenwaage wird aus ihrer Verbannung im hintersten Winkel des Schranks zurückbeordert und bekommt wieder einen Ehrenplatz in der Küche. Jeder Bissen wird akribisch dokumentiert. Das Sportprogramm wird hochgefahren – von 0 auf 100 – und sauber verzeichnet. Das Körpergewicht mehrfach täglich überprüft, man kann ja nicht sicher wissen, ob man nicht allein durch die Atemluft plötzlich 10 Kilo zugenommen hat…

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weil sie keinen Platz für anderes lässt

Warum ich die Essstörung momentan gar nicht loswerden will? Nicht einmal ansatzweise? Weil sie den Kopf füllt, mit Gedanken, die tausendmal leichter zu denken sind als alles, das sonst im Kopf wäre.

Mit „nur“ Selbstverletzung könnte ich den Kopf nicht einmal annähernd so gut beschäftigt halten. Auch dann nicht, wenn ich mich wieder massiv verletzen würde, mehrfach täglich, mit Chirurgie. Es wäre immer noch Platz für den anderen Gedankenmist. Zu viel Platz im Kopf, zu viele unerträgliche Gedanken, zu viel Überforderung und Hilflosigkeit und Verzweiflung und Nicht-weiter-wissen.

Die Essstörung schafft es mühelos, allen Denkraum in meinem Kopf einzunehmen. Das merken und vergleichen der mehrfach täglichen Waagen-Besuche. Wieviel ich mich bewegt habe und wieviel Energie ich dabei verbraucht habe. Wieviel ich dann essen darf. Was ich esse. Welches Nahrungsmittel besser oder schlechter ist als ein anderes. Wieviel Bewegung ich absolvieren muss, wenn ich mehr essen will. Ob ich so viel gegessen habe, dass es angebracht wäre, kotzen zu gehen. Stundenlanges Lesen im Internet oder der Bibliothek, über Gewicht, Ernährung, Essstörungen, Sport…

Der Kopf hat genug mit diesen Dingen zu tun. Da ist kein Platz mehr für alles andere. Für die Probleme, mit denen ich mich eigentlich auseinandersetzen sollte – aber nicht auseinandersetzen will, weil es so viel, so überwältigend, so überfordernd, so unkontrollierbar und so auswegslos ist.

Die Essstörung gibt Halt. Sie gibt eine Aufgabe. Sie beschäftigt. Sie bietet Erfolgserlebnisse. Sie bietet Kontrolle. Sie ist fordernd – aber nicht überfordernd.

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nur scheinbar besser

Dass es mit den Selbstverletzungen momentan ganz gut aussieht, finden die Klinikmenschen super. Vor allem, dass es trotz des Krisenstresses wegen der Masterarbeit zu keinen Selbstverletzungen kam. Ewig nicht mehr in der Chirurgie gewesen, nur selten ein paar oberflächliche Wunden, lieber Krisenintervention als sonst was – wie toll!

Ich verschweige lieber, dass das nur eine Seite der Medaille ist. Im Grunde ist es kein bisschen besser geworden. Klar, die „klassische“ Selbstverletzung durch Schneiden und Verbrennen habe ich gut im Griff. Dafür läuft’s eben an anderer Stelle aus dem Ruder.

Eigentlich fing’s ganz harmlos und vernünftig an: mit den typischen Neujahrs-Vorsätzen „gesünder ernähren“ und „mehr bewegen“. Nimmt sich das nicht irgendwie fast jeder zu Beginn eines neuen Jahres vor…? Ist ja eigentlich auch okay, vor allem wenn man sich wirklich ungesund ernährt, kaum bewegt und starkes Übergewicht hat.

Problematisch wird’s, wenn man essgestört war ist. Das ist ein Problem, über das ich nur ungern rede. Mit den Klinikmenschen habe ich noch nie darüber gesprochen. Nur mal beiläufig erwähnt, dass ich in der Jugend bulimisch war.

Haha – als ob das längst der Vergangenheit angehört und Essstörung kein Thema mehr wäre!

Es ist nach wie vor ein Thema. Aktuell ein sehr großes Thema – für mich selbst jedenfalls; mit den Klinikmenschen spreche ich ja nicht darüber, also ist es für sie überhaupt kein Thema.

Ganz am Anfang des Jahres war’s noch okay – ein bisschen auf die Ernährung achten, ein bisschen mehr bewegen. Es hat nicht lange gedauert, bis es zu viel des Guten wurde. Ob meine derzeitige Ernährung gesund oder ungesund ist, darüber kann man streiten; zu wenig ist es sicherlich. Dass ich es mit „mehr bewegen“ übertreibe, steht hingegen außer Frage: jeden Tag fast bis zur Erschöpfung, egal ob ich Lust habe oder nicht, egal ob ich mich kaum mehr auf den Beinen halten kann, egal ob die Muskeln und Gelenke schmerzen. Notfalls wird der Kreislauf eben mit Koffein aufgeputscht und die Schmerzen mit Tabletten bekämpft. Einfach mal ausruhen und sich den Körper erholen lassen? Nein! Kommt nicht in Frage!

Ich habe Angst vor dem Tag, an dem die Klinikmenschen mich auf den Gewichtsverlust ansprechen werden. Denn Gewicht habe ich sehr viel verloren und das sieht man auch. Mir sind auch nicht die Blicke mancher Ärzte und Pfleger entgangen. Sie registrieren das sehr wohl, auch wenn bisher noch niemand was dazu gesagt hat, zumindest nicht direkt…

Andererseits wünsche ich mir fast, dass irgendjemand irgendetwas dazu sagt. Nicht, weil ich unbedingt darüber reden möchte – dafür schäme ich mich zu sehr für mein Gewicht. Aber einfach damit klar ist, dass lobende Worte bezüglich Selbstverletzung nicht angebracht sind, weil es eben nicht wirklich besser geworden ist, sondern sich nur auf ein anderes Problem verlagert hat. Und vielleicht auch, damit jemand ein Auge auf meine körperliche Gesundheit hat… Hungern, gelegentlich erbrechen, exzessive Bewegung und regelmäßige Einnahme von Schmerzmitteln – das ist für den Körper schließlich auch nicht so ganz ohne…

Ich denke, Ambulanzpsychiater wird mich nicht darauf ansprechen. Der sieht mich jede Woche und wenn man jemanden oft sieht, bemerkt man auch starke Gewichtsabnahme nicht so sehr, weil es seit dem letzten Treffen ja immer nur „ein bisschen“ weniger Gewicht ist. Andererseits wurden in den letzten Wochen meine Blutwerte auffallend oft kontrolliert; vielleicht hat er doch was bemerkt.

Bei Dr. H. mache ich mir da schon mehr Gedanken. Der hat mich jetzt ein paar Wochen nicht gesehen, da könnte ihm beim Termin nächste Woche schon auffallen, dass ich deutlich weniger wiege als beim letzten Termin. Ich glaube, bei ihm würde ich mich auch nicht ganz so krass schämen, darauf angesprochen zu werden (auch wenn es immer noch unangenehm wäre).

Panik habe ich davor, dass der Herr Oberarzt was dazu sagt. Der war ja jetzt auch eine Weile im Urlaub und hat mich dementsprechend länger nicht gesehen. Und würde er was sagen, würde ich vermutlich auf der Stelle vor Scham im Erdboden versinken. Er wirkt einfach zu perfekt, zu makellos. Das ist er natürlich nicht, aber er wirkt eben so. Bei ihm schäme ich mich oft für meine Probleme, meine Schwächen, meine Nicht-Perfektion.

Ach, weiß auch nicht. Ich bin momentan sehr zwiegespalten, was die Ess- und Gewichtsproblematik angeht. Ich weiß, dass es ungesund ist, was ich tue und dass das ganz eindeutig wieder eine Eskalation der Essstörung darstellt. Ich sollte mit den Ärzten darüber sprechen. Andererseits ist mir das sehr sehr unangenehm und ich weiß auch nicht, ob ich wirklich ernsthaft ein gesünderes Ess- und Bewegungsverhalten anstrebe.

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Pottwal

Blick auf die Waage schockt. Dass ich zugenommen habe, das wusste ich auch vorher schon. Hosen lügen nicht. Aber so viel, so verdammt viel habe ich schon lange nicht mehr gewogen.

Muss hungern und/oder kotzen. Muss wieder auf ein akzeptables Gewicht kommen. Ab heute wird nichts mehr gegessen. Oder nur Dinge, die sich gut erbrechen lassen. Bis ich wieder „normal fett“ bin. Schlank sein werde ich eh nie. Dazu fehlt mir die Disziplin. Aber ein paar Kilo weniger – das muss ich jetzt schaffen.

Mag so nicht mehr aus dem Haus gehen. Dabei müsste ich, weil ich Dinge zu erledigen habe.

Und weil T. mich sehen mag. Aber ich mag nicht von ihm gesehen werden. Er hat eine gute Figur. Neben ihm fühle ich mich erst recht wie ein Pottwal. Ich will nicht in seiner Nähe sein. Ich will nicht von ihm gesehen werden. Ich will nicht von ihm angefasst werden. Ich will mich nicht ausziehen, ich will nicht, dass er das ganze Fett unverhüllt sieht.

Kalorienreiche Weihnachtszeit + Stress + Frustfressen. Keine gute Kombination. Absolut nicht.

Aber ich bekomme das wieder hin. Ich muss mich nur zusammenreißen. Nichts essen oder kotzen. Bis das Gewicht wieder annehmbar ist.

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ein Stückchen zurück in Richtung Leben

Mit einem zufriedenen Lächeln kann ich heute Abend einige Punkte von meiner Liste zu erledigender Dinge streichen. Zugegeben – das Schreiben der Bachelorarbeit schiebe ich noch immer vor mich hin. Aber immerhin tue ich wieder irgendetwas. Und vor allem etwas Anderes als im Bett liegen, grübeln und meinen Suizid planen und vorbereiten. Ich lebe wieder, zumindest ein kleines bisschen.

Mittlerweile habe ich auch schon wieder eine Woche ohne SVV und Intox geschafft. Morgen werde ich mich dafür belohnen.

Essen klappt auch so mehr oder weniger. Zumindest esse ich wieder und erbreche nicht. Nur etwas chaotisch ist es schon noch. Naja, klappt halt nicht immer alles sofort auf Anhieb perfekt. Nachher gibt’s auf jeden Fall noch Obst – Birnen aus dem elterlichen Garten, die so herrlich nach Honig schmecken.

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