eisblau&honigsüß

Berichte aus der Anstalt (6)

Freitag habe ich Dr. H. gefragt, wie lange ich noch stationär bleiben soll. Er meinte, wenn das Wochenende gut geht, könne ich am Montag nach Hause.

Ich will nicht nach Hause. Es ist noch zu früh für Entlassung. Eindeutig zu früh. Es würde nicht lange gut gehen.

Es ist nicht so, dass er mich morgen rauswerfen wird. Die „Entlassungsankündigung“ war vermutlich eher so gemeint, dass er mich nicht länger als nötig in der Klinik festhalten wird. Zur Beruhigung, quasi. Er kennt mich ja. Er weiß, dass ich stationäre Kriseninterventionen immer so kurz wie möglich halte. Oft nur eine Nacht. Selten mal ein paar Tage.

Vermutlich dachte er, dass ich mit der Frage darauf hinweisen wollte, dass ich nicht mehr allzu lange in der Klinik bleiben will.

Dabei meinte ich das Gegenteil. Ich will noch bleiben. Ich will noch nicht entlassen werden. Ich bin seit über einer Woche stationär, und das ist für meine Verhältnisse eine recht lange Krisenintervention. Aber noch nicht genug. Hätte das Drogenscreening nicht wieder das ganze Trauma aufgerissen, dann wäre ich wohl wieder stabil genug für Entlassung. Aber so ist es eben nicht. Alles geht drunter und drüber im Kopf, ich bin kaum stabiler als bei der Aufnahme, immer wieder Flashbacks, Heulkrämpfe, Selbstverletzungsdruck, Suizidgedanken.

Aber ich kann das so nicht sagen. Ich kann das nicht. Wenn er morgen in der Visite die Entlassung vorschlägt, würde ich mich nicht trauen, zu widersprechen. Ich würde nicken, meine Sachen packen und nach Hause gehen. Wissend, dass das nicht funktionieren wird.

Wie gut, dass er Entlassung davon abhängig macht, ob die Wochenendbeurlaubung klappt. Ich muss nur heute Mist machen, dann wird er ganz bestimmt keine Entlassung vorschlagen.

Und mir ist auch wirklich so sehr danach, Mist zu machen. Gestern Abend bzw. über Nacht war ich bei T. Ich könnte mich ohrfeigen für meine Dummheit. Das Trauma ist aufgerissen, die kleinste Kleinigkeit triggert den nächsten Flashback, und ich habe nichts besseres zu tun als mit ihm ins Bett zu gehen. Seltsamerweise war es wähenddessen sogar ganz gut. Nur hinterher habe ich mich miserabel gefühlt. Dreckig und benutzt. Ich fühle mich noch immer so widerwärtig. Ich würde gerade wirklich gerne Mist machen. Sehr sehr gerne.

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Berichte aus der Anstalt (5)

Eigentlich ein Bericht von zu Hause, aber egal.

Mir geht’s gar nicht gut. Ich weine nur noch. Sitze über meinen Lernsachen und weine, weil ich mir einfach nichts merken kann. Ich kann einen winzigen Bruchteil des Stoff, einen winzigwinzigen Bruchteil. Und am Mittwoch ist schon Prüfung. Ich bekomme das niemals alles bis dahin in meinen Kopf. Ich versuche es, ich versuche es so sehr.

Ärzte loben mich, ermutigen mich, sagen, dass ich das gut mache und sie das toll finden, wie ich mich halte.

Sehen sie denn nicht, wie vergeblich alles ist? Warum loben sie mich fürs Skillen und Stabilisieren und trotz-allem-lernen, wenn es doch zu nichts führt? Ich werde durchfallen am Mittwoch.

Ich pauke Strukturformeln und habe sie fünf Minuten später wieder vergessen. Ich gehe Reaktionsfolgen durch und wenn ich beim Endprodukt ankomme, weiß ich schon nicht mehr, von welcher Substanz ich ausgegangen bin und welche Zwischenstufen kamen. Nichts, nichts bleibt hängen.

Ich mag nicht mehr lernen. Es ist so zwecklos. Ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr. Tabletten schlucken würde ich jetzt gerne. Nichts Schlimmes, nur – den Kopf ausschalten für eine Weile. Die Trauma-Erinnerungen töten.

Jederzeit könnte ich zurück in die Klinik. Ich habe zwar die Erlaubnis bekommen, das Wochenende komplett zu Hause zu verbringen, also mit Übernachtung, aber ich darf natürlich jederzeit zurück, wenn es nicht geht. Geht es?

Tabletten, ich denke nur noch an Tabletten. Und daran, dass ich sie nicht nehmen kann, weil ich T. versprochen habe, den Abend zu ihm zu kommen. Und weil ich doch einen klaren Kopf brauche zum Lernen. Will mich zudröhnen, so so so sehr, und weine, und verzweifle, und muss mich doch zusammenreißen, muss lernen, muss nachher zu T., muss bis morgen Abend durchhalten, muss sagen, dass das Wochenende gut war. Muss es gut machen, die Ärzte sagen doch immer, dass ich es gut mache, ich muss, ich muss.

So erschöpft. So kraftlos. Nur am Weinen. Hysterischer Lachkrampf, als eine Träne mitten auf eine Strukturformel fällt. Jetzt ist das Molekül in Wasser gelöst, denke ich, und in meiner Verzweiflung ist das wahnsinnig komisch, ihr müsst das nicht verstehen, ich drehe einfach nur durch.

Tabletten, Tabletten, gebt mir Tabletten und macht den Kopf aus und infundiert mir den Lernstoff intravenös während ich schlafe, während die Dialyse das Trauma aus mir filtert. Legt mich ins Koma und macht ein Wunder, egal was, lasst die Welt gut sein, wenn ich wieder aufwache, lasst mich gut sein, lasst alles gut sein.

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Berichte aus der Anstalt (4)

Schon drei Tage vergangenen seit dem letzten Eintrag und so viel passiert. Ein einziges Auf und Ab, Krisen und Stabilisierung und wieder zusammenbrechen.

Mittwoch Abend noch langes Gespräch mit Dr. H. gehabt. Er war betroffen von den Erinnerungen, die ich für den einen Pfleger aufgeschrieben hatte. Vorischtig über andere Dinge aus der Kindheit versucht zu reden. Das reinste Minenfeld. Egal, was er sagte oder fragte, irgendwas Blödes kam immer hoch. Viel viel geweint in dem Gespräch. Wollte dann entlassen werden, weg von allem, nach Hause, fliehen. Er hat mich nicht gehen lassen. „Ich lasse Sie nicht alleine, ich lasse Sie nicht alleine“ – wie ein Mantra, immer wieder. Hat mir Bedarf gegeben und zwei Stunden Ausgang „verordnet“, weil er weiß, dass es mir immer gut tut, spazieren zu gehen. Überlegung, einfach nicht mehr zurückzukommen. Bin aber dann doch wieder in die Klinik gegangen, pünktlich. Später noch mehr Bedarf genommen, abgeschossen, wollte nichts mehr hören von der Welt. Tiefer, traumloser Schlaf.

Donnerstag die Erinnerungen etwas besser im Griff. Konnte sogar ein bisschen für die Prüfung lernen. Aber die Konzentrationsfähigkeit liegt am Boden und ich bin so müde und so labil. Kleinigkeiten, und ich rutsche wieder in Flashbacks. Nachmittgas wieder Gespräch mit Dr.H. Er verspricht mir, dass ich ihm keine schlimmen Dinge erzählen muss. Fängt dann an, nach den schönen Kindheitserlebnissen zu fragen. Ich könnte schreien, weil da verdammt nochmal nichts ist. Oder nichts, worunter nicht direkt gleich wieder das Trauma lauert. Heulkrampf im Gespräch, Ausgang, ich will nicht mehr zurück in die Klinik. Liege Ewigkeiten auf einer Bank, beobachte das Eichhörnchen und lasse mir die Abendsonne auf die Haut scheinen. Deutlich zu spät kehre ich doch in die Klinik zurück. „Wir hatten uns schon Sorgen um Sie gemacht.“

Ich bekomme keinen Ärger dafür, dass ich zu spät zurück komme. Ich bekomme für gar nichts mehr Ärger. Das Pflegepersonal ist auf einmal so scheiß freundlich zu mir, seit sie Details vom Missbrauchs-Trauma wissen.

Donnerstag Nachmittag kam der Pfleger, dem ich am Dienstag den Erinnerungs-Brief geschrieben habe, zu mir. Sagte, wie betroffen ihn (und den Rest vom Team) das gemacht hat. Wie schlimm er das findet. Zeigt auf einmal ganz viel Verständnis dafür, dass ich nicht so viel spreche über das, was in meinem Kopf ist. Schenkt mir ein Buch (ich habe es noch nicht ausgepackt). Als Entschuldigung, weil er auf mir rumgehackt hat? Aus Mitleid? Als Wiedergutmachung für das, was mir angetan wurde? Weil ich nach so viel Scheiße einfach mal eine nette Geste verdient habe? Keine Ahnung. Ich freue mich jedenfalls. Es gibt nicht viele Patienten, die von Pflegern ein Geschenk bekommen.

Freitag/gestern war bis zum Abend okay. Visite am Vormittag mit leitendem Oberarzt. Ohne Druck mal das Thema Traumatherapie in den Raum gestellt. Ansonsten soll ich erstmal einfach solange bei ihnen bleiben, bis ich mich entlassfähig fühle. Wenn sie was für mich tun können, soll ich Bescheid geben. Medikation überlassen sie mir, ich kenne mich ja aus. Dr. H. wird sich gleich am Montag Morgen mit der Traumatherapeutin der Klinik zusammensetzen, um von ihr einen „Crashkurs“ zu bekommen, wie man mit Menschen wie mir am besten umgeht.

Tagsüber versucht für die Prüfung zu lernen. Ich bekomme nicht so viel in meinen Kopf, wie ich unter normalen Umständen könnte. Jeder Buchstabe ist eine Qual. Kaum eine Formel, kaum eine Gleichung, die tatsächlich hängen bleibt. Aber ich bin ehrgeizig, ich will diese Prüfung bestehen, und so quäle ich mich weiter durch den Stoff. Schlafe eine Stunde, lerne eine halbe, und bin dann wieder so erschöpft, dass ich eine Stunde Schlaf brauche.

Im Ausgang am Abend stürze ich ab. Denke zu viel über die falschen Dinge nach. Alles sinnlos, Prüfung schaffe ich eh nicht, Leben ist nicht lebenswert. Dann kommen die Flashbacks. Ich liege weinend auf meiner Bank, entdecke eine geeignete Glasscherbe, mache sie zurecht und tue mir weh. Beruhige mich. Zurück auf Station merkt niemand was, ich halte den Arm unauffällig verborgen.

Am späteren Abend stürzt die halbe Station ab. Eine Patientin hat gekifft. Eine andere bekommt es mit und fühlt sich schuldig deswegen, schneidet sich den Arm auf, so dass es der Rest der Station auch mitbekommt (Dramaqueen). Ein weiterer Mitpatient fühlt sich nun schuldig, weil Dramaqueen geschnitten hat, und schneidet sich auch mal eben den Arm auf. Ein anderer Patient schneidet sich „nur so“ in den Unterarm, kein Grund, wollt’s halt auch mal machen, und das erzählt er mir wie den besten Witz des Jahres. Ich drehe durch, schieße mich mit Bedarfsmedikamenten ab. Spreche kurz mit dem Arzt. Erst da merken sie, dass ich im Ausgang geschnitten habe. Will noch mehr Bedarf, Arzt und Pflege diskutieren ewig, ich habe keinen Nerv zu warten und verbrenne mich am Handgelenk. Werde trotzdem kaum ruhiger, Flashbacks brechen wieder durch, bekomme doch noch mehr Bedarf. Mit maximaler Dosis Tavor + Zopiclon falle ich schließlich in einen unruhigen Schlaf.

Wochenende darf ich zu Hause sein, mit Übernachtung. Bis eben habe ich im Bett gelegen und meinen Tablettenrausch ausgeschlafen. Jetzt versuche ich wach zu werden. Für die Prüfung zu lernen. Ich kann nicht, kann nicht, kann nicht. Ich fühle mich so überfordert.

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Berichte aus der Anstalt (3)

Gestern Früh: Der Geruch von Cannabis weht vom Raucherbalkon über den Stationsflur. Drogenscreening für alle Patienten. Pinkeln unter Aufsicht (!). Ich drehe durch, Traumaerinnerungen überfluten mich. Alte Erinnerungen, neue Erinnerungen. Ein Schalter wird in meinem Kopf umgelegt und ein Tor öffnet sich und ich sehe wieder ein bisschen mehr von dem, was mir angetan wurde.

Flucht aufs Zimmer. Als Dr. H. einen Moment später reinkommt, ist es schon zu spät. Weinend sitze ich auf dem Balkon, das Feuerzeug in der Hand, frische Brandwunden am Handgelenk. Ich bin froh, dass Dr. H. da ist und Schlimmeres verhindert (ich verletze mich nicht vor „Zuschauern“), und gleichzeitig wünsche ich mir, dass er sich verpisst, damit ich weiter brennen kann, mir die Haut vom ganzen Körper abflammen kann. Er geht natürlich nicht, bleibt neben mit sitzen.

Spricht mit mir. Er hatte Nachtdienst, geht jetzt gleich nach Hause. Ich soll ein Stück mitkommen, ihn ein paar Schritte begleiten. Er gibt mir Tavor, bevor wir zusammen die Station verlassen. Seltsam, einen Arzt ein Stück auf seinem Heimweg zu begleiten. Aber es tut gut. Wir reden. Er begreift, dass ich das Drogenscreening nicht ohne Grund verweigere. Trauma. Ich biete alternativ Blutabnahme an. Er ruft auf Station an, klärt das, ich werde nicht unter Aufsicht pinkeln müssen. Sagt auch, dass ich noch etwas draußen bleibe, dass er das erlaubt und dass ich nicht zur Chefarztvisite muss. Wir verabschieden uns.

Ich laufe eine Weile ziellos umher. Erinnerungen. Tränen. Überlegungen, mich auf die Gleise zu legen. Schließlich doch zur Station zurück.

Will mit einem Arzt sprechen, irgendeinem. Frage immer wieder nach einem Arzt. Niemand hat Zeit. Dabei bräuchte ich nur fünf Minuten, maximal. Nur kurz reden, ein bestimmtes Medikament in den Bedarf. Niemand hat Zeit. Ich schlucke Tavor, gehe in Ausgang. Komme zurück, frage nochmal nach einem Arzt, warte vergebens, nochmehr Tavor, wieder Ausgang.

Zugedröhnt liege ich auf einer Bank im Grünen, habe Flashbacks, weine, und bin traurig, dass ich meine Kamera nicht dabei habe, um das wunderschöne rotbraune Eichhörnchen zu fotografieren, dass sich mir bis auf einen Meter nähert. Das wären tolle Fotos geworden.

Zurück auf Station. Pleger zickt mich an, dass ich nicht reden würde. Wie sollen sie mir da helfen?! Ich verstehe ihn, aber erwartet er wirklich, dass ich frei von der Leber weg über die perversen Dinge spreche, die mir als Kind angetan wurden? Ich kanalisiere meine Wut ins Schreiben, denke nicht nach, schreibe Bruchstücke meiner Erinnerungen schonungslos auf und drücke ihm den Zettel in die Hand. Flüchte wieder in den Ausgang.

Als ich zurückkomme, hat plötzlich eine Ärztin Zeit für mich. Ich will nicht mit ihr reden. Den ganze Tag lassen sie mich leiden und zicken mich an. Jetzt will ich auch nicht mehr sprechen. Ich schlage ihr die Badezimmertür vor der der Nase zu und dusche eine Ewigkeit. Ich bekomme den Schmutz nicht vom Körper. Meine Haut stinkt nach Urin. Selbst, als sie rot vom Schrubben ist, spüre ich den Urin auf mir.

Später wieder heftige Flashbacks. Ich weine. Hole mir Tavor. Pflegerin hackt auf mir herum. Ich weine noch mehr, will sterben. Schlage den Kopf gegen die Wand. Später kommt die Pflegerin zu mir, will mit mir sprechen. Ich stimme dem Gespräch zu. Sie macht mir noch mehr Vorwürfe. Hackt auf mir herum. Ich bin erbärmlich, selbstmitleidig, alles mache ich falsch. Flüchte mich in Dissoziation, höre ihr gar nicht mehr zu. Nutze den erstbesten Zeitpunkt zur „Flucht“ und beende das „Gespräch“. Schlage den Kopf gegen eine Metallstange bis der Schmerz das Denken und Fühlen übertönt.

Hole mir später noch mehr Tavor (bei einer anderen Pflegerin). Schlafe unruhig. Habe Alpträume. Erbreche mitten in der Nacht, weil ich den Uringeschmack nicht aus meinem Mund bekomme. Weine. Fühle mich unerwünscht. Fühle mich schmutzig. Mache alles falsch. Ich bin am Boden, und alle treten nochmal ordentlich zu.

Heute.

Weine den halben Vormittag. Spreche kaum. Mitpatienten sind lieb. Meine türkische Zimmernachbarin ist ein Engel. Hält mich einfach nur im Arm. So warm, so geborgen. Ich weine in ihren Armen. Sie ist so ein wunderbarer Mensch.

Visitengespräch mit Dr. H. Ich will entlassen werden. Er will mich nicht gehen lassen, wegen Suizidgedanken. Ich erzähle ihm vom Tag zuvor. Er will mit der Pflege reden, und wissen, welche Erinnerungen durch dieses verfickte Drogenscreening hochgeholt wurden. Ich sage ihm, er soll den Zettel suchen, den ich dem Pfleger gestern geschrieben habe, und das lesen. Ich wette, er wird kotzen dabei. Perversität kennt keine Grenzen.

Er will das tun. Mit der Pflege reden, den Zettel lesen. Nachmittag nochmal mit mir reden, in Ruhe.

Ich gehe in Ausgang. Bin jetzt zu Hause, weine wieder, habe Alkohol getrunken. Will nicht mehr zurück in die Klinik. Will mich ins Bett legen und meine Ruhe haben. Will, dass alles aufhört.

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Berichte aus der Anstalt (2)

Tagesurlaub gestern war okay. Bisschen Haulshalt, bisschen für Prüfung gelernt, dann noch bei T. gewesen, zusammen gekocht und lecker gegessen (ich sag’s euch: der Mann kann kochen!).

Abgestürzt erst in der Klinik. Ich brauche Ruhe, aber der Lärmpegel war viel viel viel zu hoch. Und das Gezicke und Gestresse. Ich weiß nicht, wieviel Tavor ich genommen habe. Der Abend verschwimmt. Zimmernachbarin hatte bis halb zwölf immernoch ihr verficktes Radio laufen. Ich war zu müde zum Streiten, habe Kissen und Decke genommen und auf dem Fußboden im Besucherraum geschlafen. Ärztin hat kurz mit mir gesprochen, später auch noch ein Pfleger. Ich weiß nicht mehr, was sie sagten.

Arzt hat Mitpatientin heute angewiesen, das Radio nicht 24 Stunden am Tag laufen zu lassen und Rücksicht darauf zu nehmen, dass andere Patienten hier Ruhe brauchen. Ich bin gespannt, ob das klappt. Sonst schlafe ich eben wieder in einem anderen Raum auf dem Boden. (Nein, Ororpax ist keine Lösung, aber das zu erklären würde jetzt zu weit führen).

Visite heute Vormittag war beschissen. Ich bin so stinksauer auf Dr. H. Dinge gesagt, die mich sehr verletzt haben und die mir auch zeigen, dass er nicht wirklich versteht, wie ich mich fühle und was ich brauche. Ich laufe seit der Visite auf Hochspannung rum. Tavor hilft nicht.

Jetzt bin ich zu Hause (Ausgang), habe verbotenerweise ein Gläschen Wodka-Maracuja getrunken und überlege ernsthaft, ob ich später überhaupt wieder in die Klinik zurückgehe.

Mich kotzt dort gerade alles an. Das Problem ist: sie kennen mich. Und sie glauben, dass ich so bin wie immer. Egal, wie oft ich versuche es ihnen klar zu machen, sie begreifen nicht, dass ich derzeit anders bin. Sie behandeln mich wie immer, und das gibt nur Konflikte, weil meine pychische Verfassung völlig anders ist. Aber das kann ich ihnen sagen und erklären so oft ich will – sie verstehen nicht. Ich bin eben immer so lieb und nett und freundlich gewesen – sie wollen nicht sehen, wieviel Aggression in mir steckt. Es passt nicht in ihr Bild von mir.

Dr. H. hat heute Nachtdienst, er wird also noch da sein, wenn (falls) ich zurück in die Klinik gehe. Er will unbedingt noch mit mir sprechen. Ich aber nicht mit ihm. Ich will mit niemandem mehr sprechen.

Suizidgedanken sind extrem. In der Klinik fühle ich mich gerade überhaupt nicht gut aufgehoben, völlig missverstanden, sie machen es eher noch schlimmer als besser. Aber wenn ich mich entlasse und nach Hause gehe, wird alles eskaliseren. Ich habe also nur die Wahl zwischen Klinik und Entlassung, und beides ist Mist. Und dann gucken mich die Suizidgedanken mit ihrem betörenden Lächeln an…

Himmel, ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich komme zu Hause nicht zurecht, aber in der Klinik geht es auch nicht.

Suizid wäre so naheliegend. Und so einfach.

Anyway, ein kleines Plätzchen für Sonnenscheinmoment: Liebster Kommilitone hat seinen Mitschreib von der Freitagsvorlesung eingescannt und mir gemailt. Ich bin ihm so dankbar dafür. In anderthalb Wochen schreibe ich Prüfung darübe rund ich dachte schon, ich werde auf gut Glück lernen müssen. Lieber Mensch, der kurzerhand alles einscannt und mir mailt. Lieber, lieber Mensch.

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