eisblau&honigsüß

Rosenangst

So lange sie denken konnte, hatte die junge Frau panische Angst vor Rosen. Ihr Anblick, ihr Duft versetzte sie in Angst und Schrecken.

„Vor Rosen?“, wurde sie oft ungläubig gefragt. „Warum denn vor Rosen? Diese wundervollen Blumen – wie kann man davor denn Angst haben?“ Die Menschen um sie herum verstanden es nicht, und wenn sie ehrlich war, verstand sie selbst es auch nicht. Rosen. Was war daran denn so schlimm, dass bei ihrem Anblick das Herz schlug wie wild und die Luft wegblieb?

Sie kannte alte Photographien aus dem Familienalbum. Sie, ein junges Mädchen, kaum den Windeln entwachsen, glückselig lächelnd mit Rosen in der Hand. Da hat sie wohl noch keine Angst vor diesen Blumen gehabt. Aber mehr als diese Photographien gab es nicht, keine Erinnerungen an Zeiten, in denen die Rosen ihr nicht den Schweiß auf die Stirn trieben.

Sie litt sehr unter ihrer Angst. Rosen – sie waren so allgegenwärtig in jener Zeit. In jedem Park wuchsen sie, jeder Blumenhändler bot sie an. Ein Spaziergang durchs Grüne, ein Bummel über den Markt – unvorstellbares Grauen war das für sie.

Einmal, das war nun schon Jahre her, wollte eine Freundin ihr eine Freude machen und sandte ihr einen Strauß Rosen. Zitternd und weinend schlug sie dem Boten die Tür vor der Nase zu, kroch in ihr Bett, zog die Decke über ihren Kopf und brauchte Stunden, ehe sie sich beruhigen konnte.

Oder ein anderes Mal, als sie sich einen hochgelobten Film im Kino ansehen wollte. Mitten in der Geschichte brachte der Filmheld seiner Liebsten einen üppigen Strauß Rosen. Sie sprang aus ihrem Sitz, rannte hinaus, rannte in die Nacht, rannte und weinte, rannte und weinte, eine Ewigkeit, in der dunklen Nacht.

Ärzte suchte sie auf, und auch so manchen Psychologen. Niemand konnte ihr helfen. Die Ärzte gaben ihr Tabletten, die nicht halfen, und die Psychologen suchten erfolglos nach Ursachen ihrer Angst. Manche versuchten ihr die Angst zu nehmen, indem sie sie mit ihrem Schrecken konfrontierten – Rosen sehen, Rosen riechen, Rosen berühren – es war grauenhaft, und es half ihr nicht. Die Angst blieb.

Rosen. Ihre Gegenwart in einem Garten, ihr Duft in einem Parfüm, ihr Anblick auf einem Gemälde, ja, ihre bloße Erwähnung in einem Buch oder Gespräch. Ihr Herz schien stehen zu bleiben in diesen Momenten.

Eines Morgens – sie dachte an nichts Bestimmtes, stand vor ihrem Spiegel und kämmte ihr Haar – da machte es „Plopp!“ in ihrem Kopf. Wie eine Seifenschaumblase, die zerplatzt. Und sie erinnerte sich. Erinnerte sich an diese Dinge, die so lange her waren, dass sie sie vergessen glaubte.

Die Rosen.

Die Angst.

Gleich einem Erdbeben bewegten sich sich die Dinge. Ihre Erinnerungen. Ihre Gedanken.

Wie von unsichtbarem Wind getragen fügten sich die Puzzleteile zu einem Bild.

Eine unsichtbare Hand knüpfte lose hängende Fäden zusammen.

Und sie sah.

Und verstand.

Und sank zu Boden.

Weinte. Weinte und weinte und weinte und konnte gar nicht mehr aufhören zu weinen, jetzt, da sie sah und verstand… und verstand… verstand…

(Geschrieben an einem Morgen, an dem eine Erinnerungsblase platzte und ich begriff – wirklich begriff – warum mir etwas so fürchterlich Angst macht… und warum niemand je helfen konnte.)

Advertisements
Hinterlasse einen Kommentar »

damals

Damals war ich 11 Jahre alt. Mein Bruder war vor wenigen Monaten gestorben. Jetzt sollte Mama ins Krankenhaus und operiert werden.

Ich wusste, dass es Mama schon einige Zeit nicht gut ging. Seelisch, natürlich, aber auch körperlich. Sie war mehrfach beim Arzt gewesen. Irgendwas mit der Schilddrüse war nicht in Ordnung.

Was die Schilddrüse sein soll, wusste ich nicht. Irgendein Organ. Keine Ahnung, wozu man das braucht oder was es tut. Aber dass die Schilddrüse im Halsbereich ist, das wusste ich. Vermutlich hatten meine Eltern mir das gesagt. Woher sonst sollte eine 11-jährige wissen, wo sich die Schilddrüse befindet?

Hals. Damals glaubte ich, dass der Hals ein unglaublich empfindliches Körperteil ist und jede Verletzung des Halses fast zwangsläufig zum Tode führt.

Da sollte sie also operiert werden. Von Operationen hatte ich natürlich auch keine Ahnung. Aber das man dazu irgendwas aufschneiden muss, das war mir klar. Man würde Mama also den Hals aufschneiden.

Ich habe viel geweint, damals. Heimlich, allein in meinem Zimmer. Mama’s OP-Termin setzte ich gleich mit dem Tag, an dem sie sterben würde. Ihr Hals würde verletzt, ihr Hals würde aufgeschnitten, das kann sie nicht überleben. Niemand kann das überleben. Das glaubte ich damals. Deswegen habe ich geweint. Erst meinen Bruder verloren, und jetzt auch noch meine Mama.

Natürlich ist sie nicht gestorben. Sie wurde operiert, die Schilddrüse wurde entfernt, sie war ein paar Tage im Krankenhaus, erst Intensivstation, dann Normalstation, dann durfte sie wieder nach Hause. Keine Komplikationen, nichts Dramatisches.

Damals kam es mir vor wie ein Wunder. Ich habe so fest daran geglaubt, dass ich sie verlieren würde, und dann lebte sie doch weiter, war zu Hause, ging nur ab und zu zum Arzt, aber sie lebte, Himmel, sie lebte!

Seltsam, wie man solche Dinge vergessen kann. Es ist Jahre her und in all den Jahren habe ich nie daran gedacht. Klar, meine Mutter hat die OP-Narbe am Hals, aber ich habe nie darüber nachgedacht. Ich habe nie daran gedacht, wie das damals eigentlich gewesen ist. Wie ich mich gefühlt hatte. Wie groß meine Angst gewesen ist, nach meinem Bruder auch noch meine Mutter zu verlieren.

Hinterlasse einen Kommentar »

Nicht geklaut, …

… nur nicht zurückgegeben.

Ich bin zu Besuch bei meinen Eltern. Manchmal, wenn ich hier bin, stöbere ich in den Schränken meines ehemaligen Zimmers, in denen noch immer allerlei Dinge von mir lagern.

Vorhin fiel mir dabei ein kleines Taschenbuch in die Hände. Irgendeine Abenteuergeschichte für Kinder und Jugendliche. Ich bin mir nicht sicher, ob ich dieses Büchlein irgendwann mal ganz gelesen habe oder ob ich nie über die ersten paar Seiten hinausgekommen bin. Vermutlich blieb es bei ein paar Seiten – diese Art von Geschichte ist nicht mein Ding und vermutlich habe ich auch damals lieber Löcher in die Luft gestarrt als mich durch das Buch zu lesen.

Damals, das war als ich 16 war. Nach dem Suizidversuch. In der Jugendpsychiatrie. Der allererste Aufenthalt dort.

Ich kann mich nicht erinnern, aber ich nehme an, dass mir ein Pfleger dieses Buch gab zur Beschäftigung, zur Ablenkung, und weil lesen mir immer Halt und Trost gegeben hat. Ein paar Bücher gab es auf Station, die bei Bedarf den Patienten ausgeliehen wurden.

Ausgeliehen, ja. Man wollte etwas zu Lesen, man bekam etwas zu Lesen, und wenn man fertig war oder entlassen wurde, gab man es zurück.

Ich hätte es zurückgeben müssen. Ich kann mich gut erinnern, wie sehr mich das schlechte Gewissen plagte, als ich das Buch vor meiner Entlassung in meiner Reisetasche verstaute. Wie oft ich in der Zeit danach Schuldgefühle hatte, weil ich das Buch nicht zurückgegeben hatte. Sowas tut man nicht, das dachte ich schon damals, es ist Diebstahl.

Ein Diebstahl aus Angst.

Damals hatte ich noch sehr mit Ängsten und Mutismus zu kämpfen. Soziale Ängste können einen ganz schön einschränken; gepaart mit Mutismus wird vieles kompliziert bis unmöglich.

Das Buch bei der Entlassung zurückgeben? Heute wäre das nicht der Rede wert. Damals zerbrach ich mir tagelang den Kopf, was ich mit dem Buch tun soll. Es den Pflegern aushändigen? Oh Gott, die könnten dann ja mit mir reden, wie es mir gefallen hat und so! Sie könnten denken, ich habe dieses dumme Buch wirklich gelesen, und mich verachten, dass ich so anspruchlose Literatur konsumiere (dabei mag ich diese Buchsorte nicht einmal)! Einfach liegen lassen? Dann sprechen sie mich beim nächsten Aufenthalt vielleicht darauf an (irgendwie war mir da schon klar, dass es nicht mein letzter Aufenthalt in der KJP sein würde). Ich hatte noch einige andere Ideen, aber umsetzbar war keine – zu viel Angst vor dem Kontakt zur Pflege, zu viel Angst, was sie denken könnten, zu viel Angst, dass ich sprechen müsste. Schlussendlich nahm ich es mit Skrupeln, schlechtem Gewissen und Schuldgefühlen mit nach Hause.

Und da ist’s immer noch. Das vermutlich nie gelesene, nicht-geklaut-nur-nicht-zurückgegebene Jugendbuch. Ein verblasster blauer Stempel weist noch immer darauf hin, dass es sich um Eigentum der KJP handelt. Erschreckend, wieviele schlaflose Nächte mir dieses Buch damals bereitet hat. Wie unkompliziert das heute doch alles laufen würde…!

Hinterlasse einen Kommentar »

Tagebucherinnerungen

Beim Aufräumen fällt mir ein altes Tagebuch in die Hände. Ich schlage es mittendrin auf. Blättere ein wenig durch die eng beschriebenen Seiten. Kurze Einträge, akkurat mit Datum und Uhrzeit versehen. „Schneiden“ und „verletzen“ scheinen mit Abstand die häufigsten Worte zu sein. Ich lege das Büchlein zur Seite, habe zu große Angst, dass es triggern könnte.

Später nehme ich es dann doch nochmal in die Hände. Ich setze mich an meinen Schreibtisch und lege das Tagebuch vor mich hin. Ein paar Teelichter und eine Tasse dampfenden Winterzaubertees stehen schon bereit.

Diesmal beginne ich ganz vorne, beim allerersten Eintrag. Ich tue mich schwer, die Handschrift meines 13 Jahre jüngeren Ichs zu entziffern. Die Buchstaben sind winzig, die Worte folgen dicht aufeinander, der Zeilenabstand ist minimal, oft gehen die Buchstaben zweier Zeilen ineinander über.

Noch bevor ich mich ihren Worten zuwenden kann, driftet mein Blick ins Leere. Das Schriftbild zeigt so eindrücklich, wie ich mich damals fühlte und wie ich über mich dachte. Ich wollte verschwinden, nicht da sein, keinen Raum einnehmen. Ich kauerte mich Stunden und Tage in meinem Bett zusammen, die Angst hatte mich so fest im Griff. Ich konnte nicht aus mir herausgehen, fühlte mich gefangen, gehetzt, gejagt. Meine Arme umklammerten stets schützend den Körper. Vielleicht sah ich damals genauso aus wie die Buchstaben auf dem Blatt vor mir: eng verschlungen, fast schon wie eine massive, abweisende Wand, die nichts und niemand durchdringen kann.

Ich beginne zu lesen. Viele Einträge umfassen nur eine handvoll Worte. Mehr als ein paar Sätze sind es nie. Ich bekomme Gänsehaut am ganzen Körper, immer und immer wieder. Ich sehe dieses gequälte Mädchen vor meinem inneren Auge. Es tut mir im Herzen weh, sie so leiden zu sehen. So einsam, so verzweifelt, so hoffnungslos. Selbstverletzung ist das alles beherrschende Thema in ihrem Tagebuch. Selbstverletzung und Suizid und Enttäuschungen und Ängste.

Ich weiß nicht, wie es mit mir weitergehen soll. Ich habe keine Hoffnung.

Mein Körper ist völlig zerschnitten. Ich habe keinen Zentimeter heile Haut mehr. Die Ärzte schimpfen mit mir.

Seit gestern wieder in der geschlossenen KJP. Habe Tabletten geschluckt und eine Ader aufgeschnitten. Dr. P. will, dass ich länger hierbleibe. Monate?

Die haben das mit dem Metall rausgefunden. Muss mich jetzt jeden morgen bis auf die Unterwäsche ausziehen und untersuchen lassen. Es ist so erniedrigend!!! Ich will doch nur sterben.

Ich fühle mich hilflos. Weiß nicht mehr weiter. Starke Suizidgedanken.

Polizei war da. Fast zwei Stunden Zeugenaussage. Für einen Vorfall, der gerade mal zwei Minuten dauerte. Wieso konnten die nicht wenigstens eine Frau herschicken? Ich fühle mich so schmutzig. Will mich verletzen.

Ich bin eine Versagerin. Ich werde es niemals schaffen. Das beste wäre es, wenn ich mich umbringe.

Visite = Katastrophe. Wurde angemault, weil ich die Testung noch immer verweigere. Wozu soll ich die machen?!? Ich weiß, dass ich dumm bin. Aber das müssen die nicht auch noch schwarz auf weiß haben.

Denke nur ans Schneiden. Hunderte frische Schnitte jeden Tag. Ich kann nicht mehr.

Habe Fr. J. von den Bildergedanken in meinem Kopf erzählt. Und dass mir das ganz arg Angst macht und der Körper wehtut. Sie sagt, dass ich eine Psychose habe. Bekomme jetzt noch mehr Tabletten.

Ich habe Angst vor der Zukunft. Ich schaffe das nicht.

Ich will nicht mehr leben.

Es ist so lange her, diese wirklich wirklich schlimme Zeit. Die Worte kommen mir so fremd vor. Ich kann dieses jüngere Ich nicht mit mir in Zusammenhang bringen. Ich sehe sie vor meinem inneren Auge, losgelöst von mir. Ich möchte zu ihr gehen, sie in die Arme nehmen, sie ganz ganz festhalten und ihr versprechen, dass es besser werden wird, dass sie keine Angst vor der Zukunft haben muss, dass sie es schaffen wird. Dass sie in 13 Jahren auf diese tiefschwarze Zeit zurückblicken wird, wie man nach einer anstrengenden Wanderung vom Berggipfel in das finstere Tal hinabschaut und froh und stolz ist, dass es so weit weg ist und man niemals wieder dorthin zurückgehen muss.

1 Kommentar »

Jenny

Beim Aufräumen und Ausmisten sehe ich mir dieses Mal auch den Bücherbestand wieder etwas genauer an. Nehme zum ersten Mal seit Jahren die Büchlein und Hefte in die Hand, die ich irgendwann im Laufe der Schulzeit als Pflichtlektüren gelesen habe. Wirklich begeistert haben mich die wenigsten Werke, freiwillig nochmal gelesen habe ich keines. Wegwerfen wollte ich sie aber auch nie – irgendwie hängen ja dann doch auch zu viele Erinnerungen daran.

Wohl auch die eine oder andere Erinnerungslücke.

Bei einem der Pflichtlektüre-Heftchen stelle ich beim Durchblättern ziemlich verblüfft fest, dass die erste Seite großzügig mit Kugelschreiber vollgeschrieben wurde. Eine persönliche Mitteilung von „Jenny“ an mich.

So weit, so gut. Aber: Who’s Jenny?!?

Dem hineingekritzelten Text entnehme ich, dass ich mich mit Jenny offenbar ganz gut verstanden habe. Vielleicht waren wir sogar so etwas ähnliches wie befreundet? Könnte sein. Klingt danach.

Ich kann in meinem Hirn herumwühlen, so viel ich will: es gibt keine Erinnerungen daran, dass ich in dieser Zeit so etwas wie Freunde gehabt hätte. Feinde, ja, reichlich. Aber Freunde? Nee.

Und Jenny *grübel* Nicht die Spur einer Erinnerung an eine Jenny. Ich glaube, in der Parallelklasse hieß ein Mädchen so. Hatte ich Sportunterricht mit ihr zusammen? Kann sein. In der selben Klasse waren wir nie. Oder doch? Die Buchnotiz klingt ein bisschen so, als ob wir im Unterricht nebeneinander saßen.

Verwirrung.

Ich weiß, dass mein Gedächtnis lückenhaft ist. Während der Diagnostik ist das mehr als deutlich geworden.

Aber ich dachte, die Amnesien betreffen vor allem Trauma-Inhalte. Irgendwelche schlimmen Dinge, bei denen es gut ist, sie nicht mehr im Kopf zu haben. Oder irgendwo im Kopf zu vergraben, so dass sie nicht weiter stören.

Mich irritiert es etwas, dass es in meiner Schulzeit wohl doch jemanden gab, mit dem ich mich ganz gut verstanden habe. In meiner Erinnerung existierte so jemand nicht. Das erschreckt mich schon etwas: Wie kann man Mneschen so komplett, so vollständig vergessen? Wenn sie einem nichts Schlimmes angetan haben? Müssten sie nicht mit einem Heiligenschein in der Erinnerung aufleuchten, diese wenigen Menschen, die wohlgesonnen waren? Wieso gibt’s in meiner Erinnerung keinen einzigen Fetzen zu „Jenny“, die in meiner Jugend wohl doch eine der wenigen positiv-Menschen gewesen ist? Wie kann die Erinnerung an Menschen, an Freunde, so ganz und vollständig weg sein? Wie kann man einen Menschen so ganz und gar vergessen?!?

Hinterlasse einen Kommentar »