eisblau&honigsüß

überfordert und allein

Ich fühle mich komplett überfordert und vor allem so unglaublich allein gelassen. Das Leben stellt Forderungen, denen ich mich nicht gewachsen fühle. Über viele Dinge spreche ich auch nicht – über viele Dinge kann ich nicht sprechen.

Vielleicht gibt es Menschen in meinem Leben, die mir zuhören und helfen würden. Ziemlich sicher sogar gibt es diese Menschen. Aber was bringt mir das, wenn ich nicht sprechen kann?

Zum Schweigen erzogen. Familiäres „Wir haben keine Probleme, alles ist super!“ Anerzogenes Fassadenleben.

Zum Schweigen verdammt. Täterumfeld. „Wenn du irgendjemandem davon erzählst, dann…!“ Schmerz. Ja, danke, ich hab’s verstanden: Klappe halten ist besser.

Ich möchte reden, aber kann es nicht. Über viele Dinge kann ich nicht einmal schreiben. Nicht hier, und auch nicht in unveröffentlichten Texten für mich selbst.

Manche Dinge zensiert mein Kopf schon beim bloßen Daran-Denken.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass das niemand versteht. Niemand verstehen kann. Oder niemand verstehen will. Keine Ahnung.

Ich müsse nur über meinen Schatten springen, mich trauen, einfach reden. Sagen manche. Ärzte und so.

Im Grunde liegt die Schuld also bei mir: Ich will einfach nicht reden. Ich versuche es nicht mal. Ich strenge mich nicht genug an. Ich könne reden. Nichts hindere mich daran.

Klar.

Ich müsste nur wollen und dann wäre ich glücklich und lebensfroh.

Ich müsste nur wollen, dann wäre ich gesund.

Klar doch.

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nicht ausreichend, nicht genug

Ich weiß nicht, ob ich Dr. H. nachher von den Verbrennungen erzählen soll. Die Verletzungen sind schließlich eine Strafe für einen -ich sag mal- „Vorfall“, an dem er direkt beteiligt war. Natürlich liegt die Schuld bei mir. Ich habe mich falsch verhalten. Naja, er auch ein bisschen.

Aber er könnte das falsch verstehen. Wenn ich ihm sage, dass ich mich wegen des „Vorfalls“ selbstbestrafe, könnte er das als Vorwurf auffassen. So nach dem Motto: „Da, schauen Sie, die ganzen Verletzungen sind nur Ihretwegen entstanden!“ Und das stimmt so ja nicht. Ich verletze mich nicht um ihm einen Vorwurf zu machen oder sowas.

Ich merke nur, dass ich das Verbrennen momentan so gar nicht im Griff habe. Ich hatte mir ein Ziel gesetzt, wie schlimm ich es mache, und dann wäre es ausreichend, genug Strafe. Aber es war nicht genug. Es ist nicht genug. Egal wieviele Brandwunden meine Haut nun schon verschandeln – ich habe nicht das Gefühl, dass es reicht.

Vielleicht würde es helfen, mit Dr. H. über diesen dummen „Vorfall“ zu sprechen. Vielleicht würde ich dann glauben können, dass ich mich nicht durch Selbstverletzung bestrafen muss (ein kleiner rationaler Teil in mir weiß, dass ich dafür überhaupt keine Strafe verdiene, schon gar nicht durch Verbrennungen). Naja, vermutlich würde ich das nicht glauben können, egal wie oft er es mir sagen und versichern würde. Aber vielleicht könnte ich glauben, dass ich mich genug bestraft habe? Wenn er sich die Wunden ansehen und mir bestätigen würde, dass das schon eine harte Strafe ist, die ich mir da auferlegt habe. Aber normalerweise will er keine Selbstverletzungswunden gezeigt bekommen; da müsste ich ihn dann schon zum Hingucken zwingen und das ist auch irgendwie doof. Und vielleicht würde er die Wunden auch wirklich lächerlich finden, zu wenig, zu harmlos…

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Schuld

Ist dieses „Du bist nicht schuld!“ letztlich nicht auch nur wieder eine Floskel? Einer dieser Sätze, die man einfach zu sagen hat. Ein vorgegebener Kurzdialog.

„Wie gehts dir?“
– „Gut, und dir?“
„Auch, danke.“

„Ich fühl mich schuldig.“
– „Du bist nicht schuld!“
„Ich weiß.“

So sagt man das einfach. Ob’s stimmt oder nicht spielt keine Rolle. Man wirft niemandem zur Begrüßung an den Kopf, dass man sich beschissen fühlt. Und man sagt niemandem, er sei an etwas schuld.

Es geht mir gut, ich habe keine Schuld, und jeder ist für sein Leben selbst verantwortlich. Punkt. Keine Diskussion.

Wen will man damit eigentlich belügen? Den anderen? Sich selbst?

Und warum eigentlich? Weil es so bequemer ist? Weil es sich mit ein bisschen Selbstbelügen leichter leben lässt? Oder weil „Schuld“ für unsere Gesellschaft geschichtlich bedingt ein zu heißes Eisen ist?

Und ist das überhaupt so? Würde es nicht manchmal leichter sein, wenn man sich mit unbequemen Wahrheiten auseinandersetzen dürfte anstatt sich den Rest des Lebens belügen zu müssen?

Nachdenklich…

(Ausnahmsweise die Bitte, das einfach mal so stehen zu lassen und nicht zu kommentieren. Danke.)

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vor einem Jahr

Es ist jetzt ein Jahr her. Ein ganzes Jahr, seit C. sich in den Tod stürzte, und es tut noch immer weh. Ich denke noch immer an sie und ja, manchmal ist der Schmerz kaum zu ertragen.

Ich fühle mich noch immer schuldig. Ich weiß nicht, ob die Schuldgefühle jemals ganz vergehen werden. Vielleicht werden sie immer irgendwo tief in mir sitzen und niemals ganz verschwinden. Und habe ich nicht auch genau das verdient?

Ich wünschte, ich könnte die Zeit zurückdrehen. Ich wünschte, ich könnte es wiedergutmachen.

Es tut mir so leid.

Ich habe als Freundin versagt. Einfach auf ganzer Linie versagt. War zu egoistisch, mir selbst zu wichtig. Zu sehr auf meine eigenen Probleme fixiert. Ich schäme mich sehr dafür, dass ich in der Zeit vor ihrem Tod nicht für sie dagewesen bin. Dass ich genervt gewesen bin und sie wiederholt abgewiesen habe.

Es war zwei Monate vor ihrem Suizid, dass wir darüber sprachen, wie schwierig es manchmal ist, sich selbst Hilfe zu holen. Wie man sich dann verhält, um andere auf die Not aufmerksam zu machen und dazu zu bringen, Hilfe zu organisieren. Ich kannte ihre Strategien. Rückblickend hat sie in den Tagen vor ihrem Suizid all das getan, worüber wir gesprochen hatten. Ich habe es nicht bemerkt. Nein, schlimmer: ich habe es nicht bemerken wollen.

Dann kam dieser eine verhängnisvolle Abend. Der kurze Email-Austausch, bei dem ich alles, wirklich alles falsch gemacht habe. Aber das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Ich war nur froh, dass keine Mails mehr kamen und ich meine Ruhe hatte. Oh wenn ich nur gewusst hätte, dass ich nie wieder etwas von C. hören würde! Nie nie nie wieder.

C., es tut mir so leid. So unendlich leid. Ich werde dich niemals vergessen, aber was bringt das schon? Es ändert nichts daran, dass ich als Freundin versagt und dich im Stich gelassen habe. Es tut mir so leid.

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Schuld, immer wieder Schuld

Der heftige Schmerz, den ich nach C.s Suizid gefühlt habe, ebbt allmählich ab. Ich weine nicht mehr jeden Tag stundenlang, denke nicht mehr permanent an sie und dass sie nicht mehr ist.

Die Schuldgefühle aber bleiben. Wie lange noch? Es zermürbt so sehr. Und egal, wieviel ich darüber rede und schreibe, egal, was mir gesagt wird – es ändert sich nichts. Es wird eher schlimmer als besser. Mit jedemTag fühle ich mich mehr und mehr schuld an ihrem Tod.

Ich sehne mich noch immer danach, mich wieder zu verletzen. Möglichst schlimm und möglichst schmerzhaft. Ich nutze Selbstverletzung selten als Bestrafung. Aber momentan habe ich sehr das Bedürfnis, mich mit Schmerz zu bestrafen. Manchmal denke ich daran, mich auch zu töten, weil es einfach irgendwie fair wäre – ich habe sie im Stich gelassen und jetzt ist sie tot, also habe ich es doch auch nicht besser verdient.

Dass mich die Ärzte unterstützen, ist zwar angenehm, aber irgendwie falsch. C. war schließlich eine ihrer langjährigen Patientinnen. Sie sollten wütend auf mich sein, mir Vorwürfe machen, mich hassen, abweisen, wegschicken, sich weigern mich zu behandeln. Stattdessen unterstützen sie mich, reden mit mir, bieten mir Schutz. Es ist falsch, so verdammt falsch.

Aber klar – sie weigern sich ja, mich schuldig zu sprechen. Sagen nur, es sei nicht meine Schuld, ich könne nichts dafür blabla. Selbst der Arzt am Montag hat lediglich akzeptiert, dass ich mich schuldig fühle – aber dass ich schuldig bin, das hat er auch standhaft abgestritten. Selbst, als ich ihm x Gründe aufgezählt habe, warum ich schuldig bin, hat er sich geweigert, mich schuldig zu sprechen.

Ich weiß wirklich nicht, wie ich mit der Schuld weiterleben soll. Wie ich damit glücklich werden soll. Wie ich mich noch ruhigen Gewissens in der Psych behandeln lassen kann.

Ich möchte gerade einfach alles kaputtmachen, was ich mir aufgebaut habe. Das Studium aufgeben, nicht mehr ins Labor gehen, Freundschaften beenden, Medis absetzen, keine Ärzte mehr sehen, Therapie abbrechen. Fallen lassen, in ein tiefes dunkles Loch stürzen lassen und am Boden liegen bleiben – und jeden beißen, der sich mir nähert um zu helfen. Ich habe keine Hilfe verdient. Ich habe überhaupt nichts Gutes verdient.

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