eisblau&honigsüß

die Bibliothek

Die Bibliothek ist wieder zu meinem Zufluchtsort geworden. Ich bin froh, dass ich dort wieder die Ruhe finden kann, die mir Bibliotheken seit jeher gegeben haben. Bibliotheken sind Orte mit einer ganz eigenen Atmosphäre, mitten in der Stadt und doch Welten entfernt, losgelöst von allem. Eine Weile konnte ich nicht einmal dort zur Ruhe kommen, fühlte mich selbst in der eigentümlichen Stille gejagt und gehetzt.

Jetzt ist die Bibliothek wieder meine Insel geworden, in der Welt, im Leben. Die Bücher beruhigen mich, ihre bloße Gegenwart. Wie andere Menschen Trost finden, wenn sie ein Haustier streicheln, streiche ich mit den Fingerspitzen über die Bücher und finde Frieden.

Oft sitze ich stundenlang in der Bibliothek. Immer im ersten Stock, in dem grauen Sessel in der Ecke. Das Personal kennt mich, niemand stört sich daran, wenn ich tagein, tagaus dort sitze. Sie lächeln mich an, sie grüßen mich, niemand nötigt mich zum Reden und Erklären. Ich darf dort sein, einfach so, nur sein, ohne Anforderungen und Erwartungen, einfach nur sein, nur sein.

Manchmal sitze ich dort und lese. Weit komme ich meistens nicht. Die Gedanken schweifen ab, mal hierhin, mal dorthin. Ich könnte nicht sagen, was mir durch den Kopf geht. Es ist auch nicht wichtig. Es sind ruhige Gedanken, es ist ruhig in mir drin, nur das ist wichtig.

Die Welt außerhalb ist so weit entfernt. Ich schaue aus dem Fenster, beobachte die Menschen, die vorbeigehen. Manche schlendern durch die Straße, andere eilen geschäftig vorbei. Sind sie glücklich? Ich weiß es nicht. Ich wünsche es ihnen.

Fast immer leihe ich mir ein Buch aus. Die Bücher retten mir derzeit das Leben. Ich schlafe kaum, und schlaflose Nächte sind endlos, und endlos gefährlich. Ich muss das Gehirn beschäftigen, nachts, wenn es eigentlich schlafen sollte, aber nicht schlafen kann. Beschäftige ich es nicht, kreisen die Gedanken recht bald um Suizid. Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte; achte auf deine Worte, denn sie werden Taten. Ich möchte weiterleben. Also ersticke ich die Gedanken an Suizid schon im Keim, gebe dem Kopf keine Zeit, daran zu denken.

Wie es weitergehen kann, weiß ich nicht. Es kostet mich alle Kraft, nicht zu ertrinken. Ich habe nicht die Kraft, auch noch ans Ufer zu schwimmen, und einen Rettungsring wirft mir niemand zu. Mit dem Herrn Ambulanzpsychiater habe ich vor Wochen das letzte Mal gesprochen und ich möchte ihn nach wie vor nicht sehen. Mit Dr. H. hatte ich letzte Woche dann doch wieder einen Termin, der vorerst letzte, denn bestimmte Dinge gehen einfach gar nicht, z.B. wenn er – wortwörtlich von ihm so ausgedrückt – mich zwingen will, wieder zum Herrn Ambulanzpsychiater zu gehen. Zwang ist Gewalt, und Gewalt hat in einer Therapie nichts verloren.

Die Akutstation ist momentan auch keine Option mehr, denn mit dem Oberarzt geht es gerade gar nicht, was schade ist und frustriert, lief es doch eine ganze Weile gut mit ihm. Jetzt ist wieder der Wurm drin, ich verstehe ihn nicht, er versteht mich nicht, wir verbringen viel Zeit damit, Missverständnisse zu klären oder es wenigstens zu versuchen, mir fehlt die Kraft für diese ermüdenden Diskussionen und er verliert allmählich auch die Geduld mit mir.

So ist es also derzeit bei mir. Ich tue das, was ich schon immer getan habe und am besten kann: mich alleine durchkämpfen, tagein, tagaus. Es ist einfacher, unkomplizierter und weniger anstrengend als „Hilfe anzunehmen“. Mir helfen zu lassen habe ich erst spät in meinem Leben gelernt, oder zu lernen versucht, es ist noch immer fremd und ungewohnt. Alleine sein, alleine durchschlagen, das kenne ich von Kindheit an, das bin ich gewohnt, das ist mir vertraut, und manchmal ist es immer noch der einzige Weg, den ich gehen kann, und das ist okay, alles ist okay, wenn es hilft, am Leben zu bleiben.

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Winterkind

Der Winter ist meine Jahreszeit. Ich liebe die Kälte, ich liebe den Schnee. Ich liebe Tage wie heute, an denen die Welt unter einer dicken Schnee- und Eisschicht begraben liegt und sich die Wiesen und Felder in endlosem Weiß vor mir ausbreiten. Selten fühle ich mich so entspannt, so tiefenglücklich, so vollständig.

Bei ausgedehnten Winterspaziergängen fällt es mir leicht, meine Gedanken ohne Wertung schweifen zu lassen. Die Kälte klärt meinen Kopf und mein Innenchaos. Für eine Weile ist alles, wie es nunmal ist, und ich bin, wie ich bin, und das ist okay, mehr als okay.

Ich liebe die Ruhe und die Stille, die Schnee und Eis mit sich bringen. Ich verstehe die Menschen nicht, die trotzdem durch die Straßen eilen und hetzen, und über die rutschig-glatten Wege schimpfen. Man kommt doch auch an sein Ziel, wenn man einen Gang zurückschaltet und dann und wann einen Moment innehält und den Winterzauber genießt.

Selbst die Mischlingshundedame, die mir auf meinen Spaziergängen durch die Wiesen und Felder manchmal begegnet (in Begleitung ihres Herrchens, versteht sich), tollt heute etwas langsamer durch die Schneelandschaft. Übermütig wie immer, aber ein wenig ausgebremst durch den hohen Schnee. Es scheint sie nicht zu stören – sie wirkt glücklich und aufgedreht, und verteilt zur Begrüßung eine ordentliche Ladung Schnee auf mir.

Für mich könnte es immer Winter sein. Ich war noch nie ein Sommerkind und werde es vermutlich auch nie werden. Kälte, Schnee und Eis – das ist meine Welt. Im tiefsten Winter fühle ich mich am wohlsten, bin so sehr im Einklang mit mir und der Welt wie zu keiner anderen Zeit im Jahr.

 

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zu Hause, und die Sache mit den ?-Anfällen

Endlich bin ich wieder zu Hause! Ich kann gerade nicht sagen, ob Weihnachten besser oder schlimmer oder genau wie erwartet gewesen ist. Aber anstrengend ist es auf jeden Fall gewesen und ich bin sehr froh, jetzt wieder in meinen eigenen vier Wänden zu sein und auch in den nächsten Tagen keine Verpflichtungen zu haben.

Getrübt wird die ich-bin-wieder-zu-Hause-Erleichterung jedoch durch das erneute Auftreten von (Störungen der Motorik? des Gleichgewichts?), die mir heute recht heftig zugesetzt haben. Die Kopfschmerzen scheinen abzuklingen, dafür scheint Willkürmotorik und Gleichgewicht zunehmend stärker beeinträchtigt zu sein. Statt nur einer oder zwei Minuten zog sich das heute deutlich länger hin. Eigentlich über Stunden, mit schwankender Intensität von „nur etwas schwierig auf den Beinen zu bleiben“ bis hin zu „ich muss mich festhalten, sonst kann ich nicht einmal aufrecht sitzen, von stehen oder gehen ganz zu schweigen“.

Ich weiß, ich weiß. Sinnvoll wäre es gewesen, noch heute einen Arzt aufzusuchen. Ich weiß auch nicht so genau, warum das für mich so gar nicht in Frage kommt. Angst vor der Untersuchung? Angst vor dem Urteil des Arztes? (Von Innenohrentzündung über Schlaganfall bis zu Multiple Sklerose könnte alles sein.) Einfach der übermächtige Wunsch, jetzt erstmal einfach nur meine Ruhe zu haben, niemanden zu sehen, nicht reden und nichts tun zu müssen? Oder vielleicht auch einfach nur die simple Erfahrung, dass nahezu alle körperlichen Beschwerden, die ich bisher in meinem Leben hatte, sich auch ohne ärztliches Zutun gebessert haben?

Anyway. Ich warte jetzt noch das Wochenende ab. Schaue, wie es da sein wird. Ob diese „Anfälle“ nochmal auftreten oder nicht. Und gehe dann vielleicht Anfang der Woche zum Arzt. Oder nach dem Jahreswechsel? Keine Ahnung.

Das ist eine neue Erfahrung für mich. Normalerweise habe ich sehr großes Vertrauen, dass der Körper die meisten Probleme selbst in den Griff bekommt. Und normalerweise kann ich auch sicher einschätzen, was der Körper alleine schafft und wann ein Arzt helfen muss. Aber dieses Mal – Ratlosigkeit. Alles ganz harmlos? Akut gefährlich? Chronisch schlimm? Keine Ahnung. Ich kenne das nicht und weiß nicht, woher das kommt. Aber ich kenne vom Studium zig mögliche Ursachen, von völlig harmlos bis zu richtig böse. Ein Arzt könnte Klarheit schaffen.

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Ruhe nach dem Sturm

Es ist Sonntag Früh, ich bin in der Uni und es ist so still hier, dass es fast schon unwirklich erscheint. Zu keiner anderen Zeit ist die Uni so ausgestorben wie am frühen Sonntag Morgen.

Ich mag die Stille. Die Ruhe, das Alleine-hier-sein, das Gefühl, dass ein Ort für eine Weile mir gehört, nur mir ganz allein.

Wenn ich bedenke, wie turbulent die vergangene Woche war, dann wirkt diese Stille – so angenehm sie auch ist – trotzdem merkwürdig deplatziert. Unpassend. Wie kann nach einer Woche mit so viel Chaos und Verzweiflung noch ein so ruhiger, gelöster Sonntag Morgen möglich sein?

Ich habe seit langer Zeit endlich wieder das Gefühl, dass es vielleicht, ganz vielleicht, irgendwann wieder bergauf gehen könnte. Vor allem, da ich jetzt wieder die Unterstützung von Dr. H. habe. Es tut gut, ihn wieder zu sehen, mit ihm zu reden, mich auszuheulen, und seinen Worten zu lauschen. Es tut gut, dass er wieder da ist.

Am Mittwoch hatten wir nur kurz miteinander gesprochen. Er hätte eigentlich in der Chefarztvisite sein sollen, als ich wie eine Furie vor ihm aufgetaucht bin… Dafür hat er sich dann am Freitag wirklich viel Zeit genommen. Es hat so gut getan.

Er möchte mich zweimal pro Woche sehen, bis es mir wieder besser geht. Ich weiß noch nicht, ob ich das gut finde oder nicht. Es ist positiv, weil ich gerade wirklich nicht gut alleine klarkomme und Hilfe brauche. Aber es ist auch anstrengend – zweimal pro Woche die Seele nackig machen, und zum Ambulanzpsychiater muss ich ja auch noch wöchentlich, also muss ich mich jede Woche zu drei Terminen aufraffen – puh!

Dr. H. würde mich am liebsten eh stationär sehen, glaube ich. Er weiß, dass er mich nicht zwingen kann, aber er fände es gut, wenn ich wenigstens mal ein paar Tage auf Station wäre. Ich möchte es eigentlich nicht. Noch nicht. Ich habe nicht das Gefühl, dass es mir sehr viel helfen würde.

Erstmal hoffe ich, dass es reichen wird, wenn ich wieder regelmäßig Dr. H. sehen kann. Er hat mir gefehlt in den letzten Wochen. Ich bin so unglaublich erleichtert, dass sich alles nur als ein großes Missverständnis entpuppt hat und er nie, nie, nie die Absicht hatte, mich loszuwerden. Dass er im Gegenteil immer wieder überlegt hat, ob er mich kontaktieren soll, und er mir sofort einen Termin gegeben hätte – wenn er nur gewusst hätte, dass ich einen haben möchte…

„Ich finde es wirklich schön, dass Sie wieder da sind, Frau P.“

Und ich glaube es ihm. Es klang so ehrlich, so absolut ehrlich. Ich glaube ihm, dass er mich nicht als nervige Irre empfindet, die er leider Gottes behandeln muss. Ich glaube es ihm wirklich. Und es tut gut – willkommen zu sein.

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Geschützt: (k)eine Schachtel Bonbons

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