eisblau&honigsüß

Kliniksehnsucht

Ich sehne mich so sehr nach einer Auszeit. Meine Gedanken kreisen immer wieder darum, wie schön es wäre, ein paar Tage in der Klinik zu sein. Dabei geht es mir gar nicht mal sooo schlecht. Ich sorge dafür, dass ich von morgens bis abends beschäftigt bin und möglichst wenig Raum für Gefühle und Grübeleien bleibt.

Es ist so anstrengend. Immer beschäftigt zu bleiben, die Gedanken auf „sinnvolle“ Dinge zu fokussieren und jedes Gefühl noch im Keim zu ersticken. Verdrängen, dass ich nicht leben möchte. Verdrängen, wie gut sich Schmerz anfühlen würde. Verdrängen, wie wunderbar es wäre, eine Weile in den Tablettennebel zu entfliehen.

Klinik empfinde ich manchmal als unglaublich entlastend. Dort wird mir ein Großteil der täglichen Entscheidungen abgenommen. Ich muss mich um kaum etwas selber kümmern. Bin ganz offiziell krank, muss nicht funktionieren und Leistung bringen, kann einfach den ganzen Tag im Bett rumgammeln. Niemand erwartet mehr von mir, als dass ich schlicht am Leben bleibe – und wenn auch das zu viel ist, wird mir selbst diese Verantwortung noch abgenommen.

Eine Art Urlaub vom Leben. Ausruhen, nur ausruhen und die Zeit vergehen lassen.

Aber ich würde momentan niemals freiwillig in die Klinik gehen. Habe ich die Behandlung beim Ambulanzpsychiater doch erst vor zwei Wochen abgebrochen und erst vor ein paar Tagen zu Dr. H. gesagt, dass ich keine Hilfe mehr will, von niemandem, ambulant nicht und stationär schon gar nicht. Wie würde es da aussehen, wenn ich jetzt in die Klinik ginge und um Aufnahme bitten würde… Der diensthabende Arzt würde es tags drauf bei der Übergabe erzählen und der Ambulanzpsychiater und Dr. H. würden sich vielsagend anschauen, spöttisch und naserümpfend. „Hmpf! War ja klar, dass die wiederkommt! Wie immer – große Worte machen und dann doch wieder angekrochen kommen!“

Ja, ich weiß, dass das vermutlich bloß in meiner Phantasie so abläuft. Meine Phantasie, die mein miserables Selbstwertgefühl widerspiegelt. Den Ambulanzpsychiater kann ich nicht so recht einschätzen, aber Dr. H. würde vermutlich eher denken: „Gut, dass sie hergekommen ist und sich doch wieder helfen lässt!“

Sie würden besprechen, wie man mir helfen könnte. Die Angebote wiederholen, die sie mir ohnehin schon gemacht haben. Der Ambulanzpsychiater, der mich ohne weiteren Termin gehen ließ, aber mit dem Angebot, jederzeit wiederkommen und die Behandlung fortsetzen zu können, und dem Hinweis, dass Notfallvorstellungen jederzeit möglich sind, Tag und Nacht. Und Dr. H., der ohnehin zumindest Email-Kontakt mit mir halten möchte und mir ganz ausdrücklich die Möglichkeit offengelassen hat, dass wir uns auch wieder sehen können, wenn ich das möchte oder für sinnvoll halte, und dass mir das nicht peinlich sein müsse und ich ihn auch ganz gewiss nicht nerve.

Dennoch, es wäre mir so wahnsinnig unangenehm. Zugeben zu müssen, dass die aktuelle „Krise“ schlicht dadurch ausgelöst wurde, dass Dr. H. bald nicht mehr da sein wird. Abhängigkeit von Hilfe, von Menschen empfinde ich als die ultimative Schwäche. Es war schwierig genug, Dr. H. gegenüber diese Schwäche zuzugeben. Aber die anderen Ärzte – nein, das ist unvorstellbar, ihnen diese Schwäche zu zeigen, mir die Blöße zu geben. Nein nein nein.

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verlachmuskelkatert

Wieder mal kann ich nur sagen, wie toll ich die Mädels aus meiner Praktikumsgruppe finde. Ich bin wirklich sehr sehr froh, dieses Semester mit ihnen zusammen zu sein. Wenn ich mir vorstelle, dass ich ein weiteres Semester in meiner „alten“ Gruppe zubringen müsste – nee danke.

Die Arbeitsatmosphäre mit meinen beiden Mädels ist so gut, dass es keine Steigerung mehr gibt. Egal, ob im Praktikum, in den Testaten, beim gemeinsamen Lernen, Protokoll oder Hausarbeit schreiben – immer genau die richtige Mischung zwischen Ernsthaftigkeit und Vergnügen. Ich glaube, wir könnten als Musterbeispiel für gelungene Gruppenarbeit herhalten.

Manche der Aufgaben, die zu bearbeiten sind, machen eigentlich keinen Spaß. Eigentlich. Stupide Messungen, ellenlange Berechnungen, Diskussion zweifelhafter Publikationen. Nicht unbedingt die spannendsten Dinge in meinem Studium. Aber gemeinsam mit L. und J. ist es gar nicht mehr sooo ätzend. Wir halten uns schon irgendwie bei Laune 😉

Ich fühle mich wohl in meiner Gruppe. Jede von uns hat ihre Schwächen und wir wissen das. Keine von uns ist perfekt und keine versucht, perfekt zu wirken. Wir nehmen uns gegenseitig auf die Schippe und liegen tränenlachend auf dem Tisch und wissen, dass jedem klar ist, dass alles nur Spaß und in keinster Weise ernst gemeint ist.

So komme ich auch heute nach einem langen Hausarbeit-und-Protokoll-Schreib-Marathon nach Hause. Müde, aber gut gelaunt und mit Muskelkater im Bauch vom vielen Lachen. „Verlachmuskelkatert“ wurde dieser Zustand heute in völlig alberner Stimmung nach mehreren Stunden konzentrierten Schreibens und einigen Bechern Kannen Kaffee kurzerhand getauft.

Und ich denke mir: Ja, vorgestern im Praktikum bin ich in die Vergangenheit gestürzt und sie haben das zitternde, weinende Mädchen in mir gesehen. Na und? Es hat nichts verändert. Wir können noch genauso unbefangen miteinander umgehen wie sonst auch. Niemand wirft mir verstohlene Blicke von der Seite zu, niemand fässt mich mit Samthandschuhen an. Es ist alles wie immer, locker, unbeschwert, unverkrampft. Kein Grund mir Sorgen zu machen, was sie von mir denken könnten. Alles ist okay, alles ist gut. Ein paar Tränen bringen die Welt nicht zum Einstürzen.

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das letzte Gespräch

Ich kann nicht sagen, ob der Termin bei Dr. H. gut war oder nicht. Es war seltsam, irgendwie. Seltsam, und sehr sehr ruhig. Ich hatte Streit und Vorwürfe und böse Worte erwartet, aber das gab es gar nicht. Es war eines der ruhigsten Gespräche, die ich je mit ihm geführt habe.

Eine „gute“ Lösung, wie es weitergehen könnte, haben wir nicht wirklich gefunden. Erwartungsgemäß war er nicht sehr begeistert von meinen Zukunftsplänen. Als ich ihm schilderte, wie ich mir meine Zukunft vorstelle und welche alten Verhaltensweisen ich wieder in mein Repertoire aufzunehmen gedenke, habe ich zum ersten Mal gesehen, dass „den Kopf auf die Tischkante hauen“ nicht nur eine leere Floskel ist…

Er hätte es lieber, wenn ich mich auf irgendeinen seiner Vorschläge eingelassen hätte. Letzten Endes war ihm aber auch klar, dass er es akzeptieren muss.

Er wird eine Zusammenfassung der Therapie schreiben. Einfach, damit die anderen Ärzte in der Klinik sich über das Wichtigste, das es zu mir zu wissen gibt, informieren können und ich nicht alles erzählen muss, falls ich irgendwann doch wieder zur Krisenintervention dort lande. Ich habe ihn gebeten, mir eine Kopie davon zu schicken, damit ich weiß, was drinsteht und was die anderen Ärzte dann gegebenfalls über mich lesen werden.

Wir haben keinen weiteren Termin vereinbart. Ich sehe keinen Sinn darin. Er fand das schade und fragte, ob er mir wenigstens dann und wann mailen dürfe – weil er mich ja nun doch lange begleitet hat und wissen möchte, wie es mir geht (vermutlich auch, um notfalls eingreifen zu können, falls doch alles zusammenbricht…). Das finde ich okay und fair.

Die Möglichkeit, dass wir uns in den kommenden vier Monaten doch wieder sehen, hat er mir ganz ausdrücklich offengelassen. Sei es als Einzelgespräch oder weil ich mich doch umentscheide und die verbleibende Zeit für regelmäßige Termine nutzen möchte. Ich dürfe mich jederzeit wieder bei ihm melden.

Im Grunde haben wir also keinen tollen, idealen Zukunftsplan gefunden. Es ist und bleibt eine beschissene Situation. Trotzdem war es irgendwie gut, dieses Gespräch geführt zu haben. In Frieden auseinanderzugehen und nicht im Streit.

Trotzdem fühle ich mich gerade wieder gar nicht gut. Tränen, so viele Tränen.

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Praktikums-Flashback

Praktikum heute war schlimm. Nein, eigentlich war es gar nicht mal sooo schlimm. Eigentlich war die Atmosphäre ziemlich entspannt und wir haben durchaus unseren Spaß gehabt.

Schlimm war nur der Moment, als ich mit dem Tutor allein im dunklen Labor saß, und er mich etwas fragte und ich es nicht wusste, und er nicht locker ließ, und ich zunehmend angespannter wurde, weil ich verdammt nochmal nicht verstanden habe, warum die Messkurve so aussieht und die Anspannung logisches Nachdenken völlig unmöglich gemacht hat.

Die Anspannung, die Angst, das Ausgeliefert-Fühlen, ganz allein, im Dunkeln, mit einem fremden Mann.

Ich habe vage Erinnerungen daran, dass ich irgendwann eine Antwort zusammengestammelt habe, die ihn wohl zufriedenstellte. Und eine Sekunde später saß ich da und die Tränen liefen und ich habe gezittert und kein Wort mehr herausbekommen. Zurückgeworfen in die Vergangenheit, keine erwachsene Frau im Praktikumslabor mehr, sondern wieder das kleine Mädchen im dunklen, kalten Keller.

L. und J. mussten natürlich in genau diesem Moment wieder ins Labor kommen (sie waren für einen anderen Versuchsteil kurz im Nachbarlabor). Und natürlich mussten sie merken, dass was nicht stimmt und dass ich dasitze und heule wie ein kleines Kind.

Ich bin ein paar Minuten rausgegangen. Frische kühle Luft, Wind, rauchen, Stabi-Übungen.

Dann wieder zurück ins Labor. Meine Mädels und der Tutor haben zum Glück nichts gesagt. Ich habe mir auch ziemlich Mühe gegeben, einfach ganz normal weiterzumachen und so zu tun, als ob nichts gewesen sei.

Es ist frustrierend, dass diese miesen Flashbacks völlig aus dem Nichts kommen können und ich nicht mal in normalen Situationen vor ihnen sicher bin. Es macht Angst, nirgendwo sicher zu sein und theoretisch überall von der Vergangenheit verschluckt werden zu können. Es macht alles so anstrengend – immer aufpassen, immer Stabi-Übungen und immer immer immer wieder reorientieren und „normal“ weitermachen, wenn es doch ’nen Flashback gab und ich eigentlich völlig erschöpft bin und mich nur noch ins Bett verkriechen und ausruhen möchte.

Was die Menschen, die das mitbekommen und die nicht wissen, was passiert, von mir denken, mag ich mir gar nicht vorstellen. Ich binde niemandem auf die Nase, dass ich traumatisiert bin und Flashbacks auftreten können. Für die meisten bin ich also eine erwachsene Frau, die aus nichtigen Anlässen anfängt zu heulen. Der Tutor dachte bestimmt, ich flenne rum, weil ich eine Frage nicht beantworten kann – peinlich, einfach nur peinlich *seufz*

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überredet

Morgen doch wieder Termin bei Dr. H.

Gut? Schlecht? Sinnvoll? Oder völlig dämlich?

Ich weiß es nicht. Aber er will mich sehen, unbedingt. Also habe ich zugesagt. Ein Termin mehr oder weniger – das macht jetzt auch keinen Unterschied mehr, denke ich.

Trotzdem, wirklich wohl ist mir nicht bei der Vorstellung, ihn morgen zu sehen. Ich hatte ihm gemailt, ganz offen geschildert, wie es mir geht. Wie abhängig und schwach ich geworden bin. Wie kann ich ihm unter die Augen treten, wenn er weiß, wie erbärmlich ich geworden bin?? Ich schäme mich so sehr und ich habe Angst, dass er auf meiner Schwäche herumhackt oder sie ausnutzt.

Ich glaube irgendwie nicht, dass mir das Gespräch was bringt. Aus meiner Sicht gibt es nach wie vor nichts mehr, worüber wir reden müssten. Er will über das Vorgefallene sprechen. Wozu? Reden ändert doch auch nichts daran! Und er will mit mir darüber sprechen, wie es weitergehen könnte. Sinnlos, weil das für mich ohnehin feststeht und ich bezweifle, dass er meine Pläne toll finden wird, also lohnt es sich eigentlich nicht wirklich, darüber zu reden.

Aber ich habe dem Termin zugestimmt und ihm scheint es auch wirklich wichtig zu sein, mich nochmal zu sehen. Irgendwie fühle ich mich verpflichtet, nachzugeben und nochmal zu ihm zu gehen. Aber ich habe so Angst.

(PS: An alle, die in den letzten Tagen nach dem PW gefragt haben: Ich habe eure Anfragen bekommen und werde euch antworten, sobald es für mich wieder okay ist, Fremde auch die geschützten Einträge lesen zu lassen.)

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