eisblau&honigsüß

Sparschwein

Ich habe heute in der Apotheke ein Sparschwein geschenkt bekommen…

Bin etwas irritiert. Taschentücher, Creme, Duschgel – kennt man ja als Apotheken-Geschenke. Aber ein Sparschwein… Nun, das hatte ich noch nie. Mal was anderes?!

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irgendwie… unbefriedigend

Ich weiß nicht, wieviel Faden die beiden Chirurgen vernäht haben, bis mein Bauch nicht mehr an zig Stellen aufklaffte. Ich weiß auch nicht, wielange sie insgesamt gebraucht haben, um alle Schnitte zu flicken.

Ich glaubte, es würde mir wenigstens einen Moment Ruhe verschaffen. Ruhe in meinem aufgewühlten Kopf, Ruhe in meiner Seele.

Normalerweise funktioniert das. Genäht werden.

Dieses Mal hat es nicht funktioniert. Überhaupt nicht. Ich weiß nicht, wieso. Vielleicht war es einfach zu viel. Zu unkontrolliert. Keine Ahnung.

Ich bin müde. Der Bedarf wirkt langsam.

Morgen ist ein neuer Tag.

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rauf, runter, rauf, runter

Gestern Blutabnahme mal wieder. Mein Arzt war so nett, mir die Werte heute zukommen zu lassen.

TSH wieder deutlich zu hoch. Wieder im zweistelligen Bereich.

Langsam bin ich wirklich frustriert und gernervt. Und neidisch auf all diejenigen, die Hashimoto haben und problemlos eine gute Einstellung hinbekommen.

Klar, bei mir war es auch eine ganze Weile gut. Aber seit Juni ist der Wurm drin. Überdosiert, unterdosiert.

Entsprechend geht es mir auch. Von „viel zu gut“ bis zu „Lebe ich eigentlich noch?“.

Es ist so anstrengend, diese krassen Schwankungen mitzumachen. Arzt meint, dass meine Hashimoto wohl gerade ziemlich aktiv ist…

Morgen muss ich zum Ultraschall. Ich hasse diese Untersuchung. Ich hasse dieses Gefühl, wenn auf meinem Hals rumgedrückt wird. Hoffentlich untersucht mich morgen ein Arzt mit etwas Feingefühl, der mir das Ultraschall-Dingens nicht ganz so feste in den Hals drückt…

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21 Jahre

21 Jahre kein Wort. Kein Gespräch. Kein Versuch, darüber zu sprechen.

Und dann fängt sie an darüber zu sprechen. Erzählt von den ersten Wochen, in denen man noch glaubte, alles sei okay. Erzählt von der Angst, die langsam aber sicher Mitglied unserer Familie wurde. Erzählt von Erlangen, erzählt von München.

Nur über das Ende, darüber spricht sie nicht.

Und natürlich auch nicht über mich.

Sie erzählt nur von ihm, von Papa, von sich.

Ein Teil von mir will aufstehen und schreien. Will ihr all den Schmerz ins Gesicht schreien, den sein Tod in meinem Herzen hinterlassen hat. Will ihr die Einsamkeit ins Gesicht brüllen, all die Stunden, die ich mir selbst überlassen bliebt oder missbraucht wurde von denen, die auf mich aufpassen sollten. Will sie fragen, wo verdammt nochmal ich gewesen bin in dieser schlimmen Zeit. War da überhaupt ein Platz für mich? Hat sie je daran gedacht, wie es mir damit ging, meinen Bruder sterben zu sehen? Wie ich mich fühlte, wenn es statt Ausflügen in den Zoo oder ins Freibad nur Besuche in Krankenhäuser gab? Stundenlange Autofahrten in der glühenden Sommerhitze, Krankenhäuser mit ihrem klinisch-sterilen Geruch. In München durfte ich meinen Bruder wenigstens auch sehen. In Erlangen nicht Kinder unter zwölf sind eine zu große Keimquelle.

Stunden allein zu Hause. Stunden bei Tätern. Stunden auf der Autobahn. Stunden in Krankenhäusern.

Das war mein Sommer 1996.

Ich will es ihr ins Gesicht schreien, ich will weinen und um mich schlagen.

Aber ich tue es nicht.

Ein Teil in mir – klein, aber mächtig – hindert mich daran. Zwingt mich, ruhig sitzen zu bleiben und sie zum Erzählen zu ermutigen.

Wie ein trockener Schwamm sauge ich alles auf. Jedes Wort, jede Silbe, jeden Buchstaben. Ich will mehr wissen über damals. Und niemand kann mir etwas darüber erzählen außer meinen Eltern. Also höre ich zu. Egal, wie sehr es schmerzt.


Später.

Stunden später bereue ich es ein bisschen. Als ich mich in der geschlossenen Psychiatrie wiederfinde, weinend und zitternd dem Arzt gegenübersitzend. Was in der Zeit dazwischen passiert ist, zwischen dem Gespräch mit Mama und der Psychiatrie? Keine Ahnung.

Ich weiß auch nicht, wie der Arzt aus den wirren Gesprächsbrocken irgendetwas verstanden haben könnte. Irgendwie hat er es aber wohl geschafft. Er rät mir dringend, den Kontakt zu meiner Mama erstmal zu minimieren – „Das ist eine unkontrollierte Trauma-Exposition, die Sie da gerade machen!“

Recht hat er. Streite ich gar nicht ab. Aber – den Kontakt reduzieren?! Jetzt?! Vielleicht ist das jetzt die einzige Chance, jemals mehr darüber zu erfahren, was damals passiert ist… Und ich muss es wissen. Das kann er nicht verstehen. Aber ich muss es einfach wissen. Was passiert ist. Damals. Aus ihrer Sicht. Nicht nur aus meiner angstvernebelten Kindersicht.

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zusammenflicken

Himmel, wie gerne würde ich mich jetzt verletzen! Oder nein: ich will mich eigentlich nicht verletzen. Schon gar nicht tief schneiden. Ich habe das nie gemocht, nie Erleichterung bei der Verletzung empfunden.

Es ist das „Danach“, das mich lockt. Ich möchte versorgt werden, genäht werden, schwach sein dürfen.

Ich sehne mich danach, dass andere sich um mich kümmern.

Es ist zu viel gerade. Die Krankenhaus-Besuche, die (erste) OP meiner Mutter, die emotionale Achterbahnfahrt, die damit einhergeht. Überhaupt der viele Kontakt zu meinen Eltern gerade.

Ich tue so, als ob ich stark wäre. Kümmere mich, bin da, helfe und stütze so gut es eben geht.

Innerlich zerbreche ich.

Ich will eine Pause. Will einen Moment, in dem ich nicht stark sein muss. In dem ich schwach bin und andere sich um mich kümmern. Meinetwegen eben Chirurgen. Wer soll es denn auch sonst tun? Wer kann einen zusammenflicken, wenn nicht Chirurgen?

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