eisblau&honigsüß

ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr

Zu Tode erschöpft. Wieder eine Nacht mit wenig Schlaf. Müdigkeit. Anspannung. Jetzt Uni, zu viele Menschen, zu viele Geräusche, zu viele Bewegungen, zu viel von allem. Zu viel im Kopf, zu viel Ich.

Die Vorlesung gleich höre ich mir noch an. Die am Abend nicht. Mir fehlt die Kraft, mich von 18-20 Uhr zu konzentrieren. Sowieso schon eine blöde Zeit zum Konzentrieren, aber heute geht das gar nicht. Gar nicht! Muss Kommilitonen fragen, ob jemand auf der Anwesenheitsliste für mich unterschreibt. Macht bestimmt jemand.

Statt zur Vorlesung gehe ich vielleicht-wahrscheinlich-hoffentlich in die Psych. Ich kann nicht mehr, ich kann wirklich nicht mehr. Nur ein Gespräch, oder eine Nacht dort sein, oder länger, oder egal. Alles egal gerade, alles so egal.

Erschöpfung, keine Kraft mehr für irgendwas, ich möchte schlafen, endlos schlafen, nie wieder aufwachen.

Scheiß auf die Angst vor dem neuen Oberarzt und scheiß drauf, dass ich „schon wieder“ psychiatrische Hilfe brauche, und scheiß auf Missverständnisse und darauf, dass C. auf Station ist. Egal, alles egal.

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Wird vielleicht mal wieder Zeit…

… mir psychiatrische Hilfe zu holen. So kann es doch nicht ewig weitergehen. Fünf Mal Chirurgie in anderthalb Wochen, zig genähte Schnitte, mehrere Dutzend Stiche insgesamt. Suizidgedanken, permanent, Handlungsdruck hoch. Tränenreiche Zusammenbrüche, zuletzt am vergangenen Abend, in T.s Armen, der es kaum mehr ertragen kann, mich so zu sehen, und der Angst hat, Angst um mich.

Ich wünschte, die Chirurgen würden mir die Entscheidung „Psychiatrie ja-nein?“ abnehmen. Ich wünschte, sie würden mich einfach rüberschicken, mich zwingen, mir dort helfen zu lassen. Oder wenigstens fragen, ob ich einen Psychiater sprechen möchte und sie dort anrufen und mich anmelden sollen.

Ich weiß nicht, warum es mir so schwer fällt, mich in der Psych zu melden. Ich war so oft dort – ich kenne das doch schon. Warum kann ich mich jetzt nicht überwinden? Gut, am Montag war ich dort, zum Gespräch, aber selbst da hat es mich soo viel Überwindung gekostet. Eine Aufnahme – und sei es nur für eine Nacht – ist unvorstellbar.

Vielleicht hält mich die Angst ab, dass es dieses „nur für eine Nacht“ nicht mehr gibt. Die Geschlossene hat ja einen neuen Oberarzt, seit einem Monat. Ich kenne den Arzt, hatte im Notdienst schon mit ihm zu tun und eigentlich einen ganz guten Eindruck von ihm. Cooler Typ, ziemlich locker drauf, ich bin immer gut mit ihm klargekommen. Aber fuck – das war eben immer im Notdienst. Woher soll ich wissen, wie er als Oberarzt drauf ist? Ob er da auch noch so locker ist? Ob er mir genauso vertraut, wie es der alte Oberarzt getan hat, und ob ich weiterhin meine Freiheiten bekomme und mitreden und entscheiden darf?

Und überhaupt, hätte der alte Oberarzt mich nach nur einer Nacht wieder gehen lassen? So, wie es mir im Moment geht? „Es gibt Grenzen“, sagte er einmal. Nur weiß ich dummerweise nicht, wo die Grenzen sind. Wieviel tolerieren sie und wann müssen sie eingreifen? Ist es mit dem Schneiden derzeit so schlimm, dass sie handeln müssten? Und die Suizidgedanken? Und die Depression, die ich angeblich vielleicht möglicherweise oder auch doch nicht habe?

Was soll ich ihnen überhaupt erzählen, was los ist? „Ach, wissen Sie – als ich das letzte Mal entlassen wurde, da hab ich Sie angelogen. Ich war mitnichten von den Suizidgedanken distanziert. Dummerweise hat mir dann doch der Mut gefehlt. Tja, und daran verzweifel ich derzeit. Ich will so so so sehr sterben, aber ich krieg’s nicht hin, den letzten Schritt zu gehen. Ganz schön doof ist das, wissen Sie. Kann einen echt fertig machen, dieses Weiter-Leben-Müssen.“

Dann gibt’s wieder diese endlosen, fruchtlosen Gespräche über den Grund der Suizidgedanken. Verdammt, es gibt keinen Grund. Tut mir leid. Kein konkreter Auslöser oder so. Ich mag einfach nicht leben, ich wollte es noch nie. Ich mag das Leben nicht, es reizt mich nicht. That’s it. Aber keiner versteht’s.

Wenn ich mich aufnehmen ließe, dann wäre ich auch zwangsläufig wieder mit C. zusammen. Ich will nicht mit ihr auf der gleichen Station sein. Ich ertrage es nicht, mit Menschen zusammen zu sein, mit denen ich „gestritten“ und es nicht geklärt habe. Da steht dann immer was Doofes im Raum und das kann ich nicht ertragen. Vielleicht würde es von ihr dann auch früher oder später böse Worte geben, Vorwürfe, Beleidigungen oder so. Das kann ich jetzt wirklich nicht brauchen. Ich habe genug andere Sorgen.

Ach, und was ist, wenn sie mir vorwerfen, dass ich am Montag einfach so abgehauen bin? Ich hätte ja nochmal mit der Ärztin reden sollen, bevor ich gehe. Wollte ich ja auch, eigentlich. Aber verdammt, es war ein Missverständnis! Lückenhafte Übergabe bei der Pflege, und ich war zu sehr in Gedanken, ich habe erst auf dem Heimweg gemerkt, dass da irgendwas falsch gelaufen ist und ich doch nochmal mit der Ärztin hätte reden sollen. Ich bin nicht einfach abgehauen, es war einfach nur ein dummes Missverständnis, keine Absicht, verdammt, keine Absicht!

Und ich will nicht schon wieder in die Psych. Okay, zugegeben – ich bin deutlich seltener dort als letzten Sommer. Es ist besser geworden. Besser in dem Sinne, dass ich wieder längere Zeit alleine zurecht komme. Aber trotzdem. Die letzte Entlassung ist gerade mal knapp fünf Wochen her. Fünf Wochen! Wieso kann ich nicht mal ein paar Monate – oder Jahre – ohne Psych auskommen? Es ging doch früher auch.

Gerade mal fünf Wochen irgendwie allein durchgekämpft und dann würde ich da wieder auf der Matte stehen. Würde Dr. H. gegenübersitzen und beichten müssen. Ja, ich habe Sie angelogen. Ja, ich wollte sterben. Ja, ich habe die Wochen seit der Entlassung überaus destruktiv verbracht. Ja, ich habe wieder Drogen genommen. Ja, ich habe geschnitten, geschnitten, geschnitten. Ja, ich bin schuld, dass es einer Ihrer anderen Patienten (C.) schlecht geht. Ja, ich bin erbärmlich und trotzdem so unverschämt, wieder Hilfe zu fordern.

Irgendwie ist es ein Kräfte-Messen in mir drin. Wozu werde ich mich zuerst überwinden – Psych oder Strick? Welche Hemmungen werde ich zuerst besiegen? Es ist mir schon fast egal. Hauptsache, ich kann mich bald mal zu irgendwas durchringen. Am besten Psych. Aber wenn nicht, dann ist es mir auch egal – nur so weitergehen soll es nicht mehr.

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Chirurgie-Quickie

„So, nicht erschrecken, gleich piekst es ein bisschen, ich spritze Ihnen das Betäubungsmittel.“
-„Öhm – stopp? Haben Sie nicht noch was vergessen?“
„Hm?“
-„Desinfizieren…?“
„Oh! Hat die Schwester das noch nicht gemacht?“
-„Nein…“

Immer wieder schön, diese gut geregelte Aufgabenverteilung in der Chirurgie…

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weniger als Luft

C. ist noch immer – oder wieder? – auf der Geschlossenen. Wir haben uns Montag Abend dort gesehen. Oder vielmehr: nicht gesehen, denn sie hat sich größte Mühe gegeben, so zu tun, als ob ich gar nicht da wäre. Kein Blick, kein Wort, nicht einmal ein kurzes Hallo.

Die Stunden, die ich dort gewesen bin, hat sie überwiegend auf ihrem Zimmer verbracht. Ungewöhnlich für sie. Normalerweise ist sie viel im Aufenthaltsraum oder auf dem Raucherbalkon. Ich habe den Eindruck, dass sie nur deshalb auf ihrem Zimmer war, damit sie mir nicht über den Weg laufen muss.

Ich bin traurig, dass es so geworden ist. Wir haben uns so gut verstanden und so viele schöne Stunden miteinander verbracht. Es ist wirklich schade, dass sich die Intensität der Freundschaft nicht auf ein normales Maß bringen ließ. Ich hätte sie gerne als Freundin gehabt. Als lieben Menschen, mit dem ich mal quatschen, mal was unternehmen kann, den ich verstehe und der mich versteht. Aber es gibt C. nur ganz oder gar nicht, kein Kontakt oder 24 Stunden am Tag. Das geht nicht, das geht einfach nicht. Ich möchte eine Freundschaft, keine Symbiose.

Es hat mich ein bisschen verletzt, wie sie sich gestern Abend mir gegenüber verhalten hat. Diese völlige Ignoranz – nach allem, was war. Wie oft bin ich in der Klinik gewesen um sie zum Ausgang abzuholen, weil sie alleine nicht rausdurfte? (Und das war schon ein Privileg, denn eigentlich durfte sie nur mit Angehörigen raus. Mit mir war eine Ausnahme, weil die Ärzte mich kennen und mir vertrauen.) Wie oft bin ich sogar mit zu ihr nach Hause, damit sie dort nach dem Rechten sehen kann? Und was war an dem Tag, an dem wir bei ihr zu Hause waren und alles drunter und drüber ging, und wir nie und nimmer rechtzeitig zurück in der Klinik gewesen wären – wer hat da letztlich per Telefon mit dem Arzt diskutiert und dafür gesorgt, dass wir später kommen können und nicht gleich die Polizei vorbei geschickt wird?

Und jetzt bin ich Luft. Weniger als Luft. Luft, die nicht da zu sein hat. Luft, die ignoriert wird, mit Missachtung und Eiseskälte gestraft.

Ich wollte das nicht. Nicht so. Ich wollte weniger Kontakt, vielleicht auch gar keinen, aber im Guten getrennt, sodass man trotzdem noch miteinander reden kann, wenn man sich mal zufällig trifft. Mir war das zu viel, das Klammern, die zig Anrufe und SMS pro Tag, die mehrfach tägliche Frage „Treffen wir uns??“. Es war zu viel, viel zu viel. Ich will um keinen Preis diesen Zustand wieder zurück.

Aber ich wollte ihr auch nicht weh tun. Ich wollte sie nicht verletzen. Nur eine Grenze setzen und den Kontakt etwas minimalisieren. Offenbar habe ich das Ziel völlig verfehlt und ihr weh getan. Vielleicht bin ich sogar mitschuld daran, dass sie wieder oder immer noch in der Klinik ist? Vielleicht wäre sie längst wieder draußen (oder gar nicht erst in der Klinik gelandet), wenn ich sie nicht weggestoßen hätte? Wenn ich dagewesen wäre? Sie unterstützt hätte?

Ich wollte nicht, dass es so wird. „Anders“ sollte es werden, weil die Enge der Freundschaft mir die Luft abgeschnürt hat. Anders – aber nicht so. Nicht so, verdammt.

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es gibt auch gute Chirurgie-Erfahrungen

Nein, nicht jede Behandlung in der Notfallambulanz ist schrecklich. Diesen Eindruck wollte ich mit dem vorherigen Post wirklich nicht erwecken. Die meisten Behandlung dort waren absolut okay. Einige wenige sogar richtig gut. Heute z.B.

Klingeln und von der besten Chirurgie-Schwester überhaupt in Empfang genommen werden. „Ich komm zum Nähen.“ – „Ah, Sie sind die, die uns rübergeschickt wurde von…“ – „Ja, genau.“ Danke, danke, danke, dass sie nicht im vollen Warteraum gesagt hat, dass ich von der geschlossenen Psychiatrie komme. Wir – die Schwester und ich – wir wissen Bescheid, und ansonsten muss diese Tatsache niemand kennen.

Relativ kurze Wartezeit, obwohl der Wartebereich gut gefüllt ist. Ich hatte mich auf etwa drei Stunden eingestellt. Nach weniger als einer halben Stunde wurde ich schon aufgerufen. Es hat wirklich Vorteile, von der Psych aus in die Chirurgie zu gehen. Wenn der Kollege einen Patienten schickt, dann ist das was anderes, als wenn der Patient selbst auftaucht. Und wenn man dann noch weiß, dass der Patient von der Geschlossenen kommt, mit Tavor ruhiggestellt wurde und kein Pfleger zur Begleitung dabei ist… dann geht das nochmal schneller. Nicht, dass die Verrückte zu wenig Tavor bekommen hat und dann durchdreht und kein Psychiatrie-Pfleger weit und breit, der das wieder unter Kontrolle bringt… Ängste können die Arbeit manchmal erheblich beschleunigen 😉

Im Behandlungszimmer wieder meine Lieblings-Schwester. Eine Strahlefrau, eine Berufungs-Pflegerin. Die Art von Pflege, die Menschen mag, alle Menschen, und die den Menschen im Rahmen ihrer Arbeit Gutes tun will. Die, die immer lächelt und die mit mir plaudert und auch mal Scherze macht. Die, die den alten Verband ganz vorsichtig runtermacht und zum Desinfizieren (selbstverständlich!) ein nicht brennendes Mittel nimmt.

Der Chirurg, der reinkommt und kurz stutzt, mich dann mit warmem Händedruck begrüßt, „wir kennen uns doch schon?“ Und der dann ohne Vorwürfe die neuesten Wunden begutachtet und versorgt. Mir anbietet zu reden über wasauchimmer mich so belastet. Der sich ehrlich für mich interessiert und für diese Krankheit. Der aber kein Gespräch erzwingt, mir immer die Wahl lässt, worüber ich sprechen mag und worüber nicht. Der Galgenhumor versteht und mir dadurch hilft, mit der Krankheit leichter fertig zu werden (ja, manchmal ist es wohltuend, die Krankheit auf die Schippe zu nehmen).

Der die Seite sieht, die viele übersehen: welche Leistung es ist, trotz allem ein geregeltes Leben zu führen. „Sie stehen so unter Hochspannung, liegen Abend für Abend hier und lassen sich Ihre Wunden zusammenflicken, und am nächsten Morgen stehen Sie auf und gehen zur Uni, als ob nichts wäre. Das ist enorm. Trotz dieser allabendlichen Tiefpunkte jeden Tag wieder aufzustehen und ein normales Leben zu führen.“

Dann wieder Auftritt der Lieblings-Schwester, die die Blutspuren von der Haut wischt und dreimal nachschaut, dass auch alles sauber ist, und die erst dann einen äußerst kunstvollen Verband anlegt, so, dass nichts verklebt, der Verband nicht verrutscht, und ich nicht mit allergenem Material in Kontakt komme.

Und dann ein herzlicher Abschied, ein „Alles Gute!“, das ehrlich klingt, Fürsorge und Mitgefühl und vielleicht auch einen Funken Bewunderung in den Augen.

Das sind die Behandlungen, nach denen ich mich nicht wie Dreck fühle. Nach solchen Erfahrungen verlasse ich die Chirurgie und trete der Welt ein kleines bisschen stärker entgegen. Als Mensch behandelt zu werden – das gibt mir viel.

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