eisblau&honigsüß

ach, und da wäre noch…

Noch einen kurzen extra-Artikel gleich hintendran, damit auch die Erfolgserlebnisse einen angemessenen Platz haben und nicht im Chaos untergehen…

Ich war heute tatsächlich bei der Chefarzt-Visite. Jawoll! Keine Entlassung direkt davor, keine Selbstverletzungen um während der Visite in die Chirurgie flüchten zu können, keine Verweigerung. Ich bin zitternd und mit klopfendem Herzen in die Visite gegangen und: es war gar nicht mal so schlimm! Wirklich. Der Chefarzt ist nett, kein Vergleich zu dem Arschloch damals in der Jugendpsych. Keine Vorwürfe und Schuldzuweisungen, nur ein freundliches, interessiertes Gespräch darüber, wie es mir geht und wie man mir helfen könnte. Ja, entgegen meiner Erwartung hat sich meine Angst ziemlich schnell gelegt und ich konnte sogar ganz normal mit ihm reden und habe nicht nur schweigend dagesessen. Er hat auch nicht rumgezickt, als ich seinen ersten Medikamentenvorschlag abgelehnt habe – kein Problem, wenn ich das Medikament nicht nehmen will, dann ist das okay, es gibt ja auch andere. Oh, und er kann lächeln – das habe ich beim Chef aus der Jugendpsych nie erlebt!

Außerdem habe ich die Gutachten für meine Bachelorarbeit: beide Gutachter haben mir eine 1,3 gegeben. Eine topp Note, oder? Allemal wenn man bedenkt, wie beschissen es mir im vergangenen Jahr ging und dass ich die Arbeit eher „nebenher“ gemacht habe, weil meine meiste Kraft fürs bloße Überleben draufging.

Und ich möchte euch allen ganz herzlich dafür danken, dass ihr mich mit euren Kommentaren so unterstützt! Ich meine das ehrlich. Ich danke euch für jedes liebe Wort! Dass ihr hier lest und mir Mut macht bedeutet mir unglaublich viel. Danke!

 

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Gewitterwolken am Horizont

Ich habe meinen Eltern ein gedrucktes Exemplar der Bachelorarbeit geschickt. Morgen werden sie es bekommen. Mal schauen, was sie dazu sagen – ob sie was dazu sagen.

Ebenfalls mitgeschickt habe ich die Quittungen für Zuzahlungen bei stationärer Behandlung. Ihr wisst schon, diese 10€ pro Tag Krankenhausbehandlung. Vater will das haben, wegen Steuererklärung oder so. Dummerweise wissen meine Eltern nur von meinem Aufenthalt im Herbst. Ich bin gespannt, wie sie reagieren werden, wenn sie die Quittungen vom Sommer sehen…

Aber dann ist das zumindest auch mal auf dem Tisch. Nein, es war verdammt nochmal nicht nur eine kleine Herbst-Krise. Mir ging es schon lange nicht gut und mir geht es auch jetzt nicht gut. Vielleicht begreifen sie dann, dass sie meine Krankheit nicht einfach beiseite schieben können. Vielleicht begreifen sie, dass ich noch immer mit meinem Leben kämpfe.

Vielleicht können sie dann auch erahnen, welche Leistung die Bachelorarbeit wirklich war…

Erstmal wird es sie aber schocken. Dass ich schon vor Herbst mehrfach in der Klinik war. Das werden sie nicht gut finden – dass ich krank bin, dass ich es nicht gesagt habe… Blabla. Die Vorwürfe sind mir gewiss. Aber vielleicht, vielleicht, vielleicht kommt es ja auch mal zu einem offenen, ehrlichen Gespräch… Die Hoffnung stirbt zuletzt.

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Stunden zählen (Krisenintervention?)

Die Nacht gut überstanden dank reichlich Tavor. Lieber hätte ich eine Überdosis der anderen Tabletten geschluckt, aber naja, falls ich mich heute Abend wirklich überwinde und in die Klinik gehe, dann wäre eine akute Intox doof. Weil dann läuft’s wie im Herbst: Giftnotruf wird sagen ich soll auf die Überwachung, und da muss ich dann hin, krieg den Körper bedeckt  mit Kabel und Schläuchen und was die Medizin sonst noch so zu bieten hat, es wird ein ständiges Geben und Nehmen (Blut raus, Medikamente rein). Und am Ende des Aufenthalts sehe ich völlig verwrackt aus und genau so schicken sie mich wieder rüber in die Psych. Nee, mag ich nicht.

Also denn. Noch ein paar Stunden zusammenreißen.

Gleich rausgehen (will nicht), Päckchen von Post holen (will Päckchen, will nicht zur Post), Bücher in der Bib abgeben (der Weg dahin, so viele Menschen – will nicht). Dann noch Wohnung in Ordnung bringen, wenn ich die Kraft dazu aufbringen kann (kann nicht), ansonsten schlafen. Und heute Abend mal vorsichtig Richtung Psychiatrie schleichen und an den einen Punkt oben bei der Chirurgie hinstellen – der Punkt, von dem man einen Teil der Akutstation sehen kann, und mit etwas Glück eben auch, welcher Arzt Dienst hat. Bitte, bitte Dr. G., lass bitte bitte Dr. G. Dienst haben…

Überlege , ob ich mich vor heute Abend noch schneiden soll. Auf Station kann ich mich zwar auch verletzen (man findet immer Wege, wenn man will…), aber so ein richtiges kleines Blutbad wie hier, das geht dort nur sehr sehr schwer. Und irgendwie juckts mich in den Fingern, noch ein kleines Blutbad zu veranstalten. Sozusagen die letzten Momente Freiheit voll auskosten, bevor ich mich vor mir selbst schützen und mir helfen lasse. (Was ziemlich doof ist, irgendwie, weswegen ich es eher lassen werde.)

Ach, und da ich eh zur Post muss, werde ich auch ein Exemplar meiner Bachelorarbeit mitnehmen. Adressiert an meine Eltern. Vielleicht kommt ja doch ein Gefühl von Stolz auf, wenn sie die Arbeit in Händen halten… Die Hoffnung stirbt zuletzt.

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den Eltern egal sein

Vorhin mit Eltern telefoniert. Ich bin so enttäuscht, so verdammt enttäuscht. Wir telefonieren regelmäßig, erzählen uns, was so los ist. Natürlich nicht, wie es uns geht – Gefühle sind Tabu. Aber was man so getan und erlebt hat, oder auch mal Aktuelles aus den Nachrichten. Was halt so passiert, im Leben und in der Welt.

Sie wissen, dass ich am Montag meine Bachelorarbeit abgegeben habe. Das ist ein wichtiges Ereignis. Ich hätte schon ein „Herzlichen Glückwunsch!“ oder sowas in der Art erwartet. Irgendwas. Von ihnen ausgehend. Aber nicht: „Montag hab ich ja meine Bachelorarbeit abgegeben – endlich!“ – „Ach ja, schön, dann bist du ja so gut wie fertig mit dem Studium. Übrigens, die Frau Nachbarin hat blablabla…“

Danke. Danke für euer Interesse an meinem Leben. Danke, dass ihr euch so sehr mit mir freut, dass ich die Bachelorarbeit endlich fertig habe. Dass ich sie überhaupt fertig bekommen habe. (Denn das war ein harter Kampf, aber wir reden ja nicht über Gefühle, also wisst ihr das vermutlich nicht einmal. Dass ich letztes Jahr wieder in der Psychiatrie war, wird ja auch schon wieder tot geschwiegen – ich bin gesund, alles ist super und perfekt, plüschweich und rosarot.)

Irgendwie hätte ich mir doch etwas mehr erhofft. Wie gesagt, ein ehrlicher Glückwunsch, oder ein Daumen-Drücken für die Gutachten, ein bisschen mitfreuen, oder vielleicht sogar ein bisschen Stolz. Ich meine – ich bin ihre Tochter. Ich habe vor ein paar Tagen meine Abschlussarbeit abgegeben. Ich habe mein Bachelorstudium jetzt so gut wie geschafft (eigentlich ist alles weitere nur noch abwarten und Formalitäten). Ich habe etwas geschafft, etwas geleistet.

Sind sie denn kein bisschen stolz auf mich? Ist ihnen mein Leben so egal? Freuen sie sich nicht einmal ein wenig darüber?

Ich bin wirklich traurig und gekränkt und enttäuscht. Irgendwie hatte ich doch gehofft, dass sie sich mit mir und für mich freuen werden. Das es ihnen so egal ist – tut weh. Tut einfach nur verdammt weh.

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So – und jetzt?

Meine Bachelorarbeit ist fast fertig. Betreuer hat tatsächlich kaum was korrigiert. Mal hier ein Wort gestrichen und dort eines eingefügt, den einen oder anderen Tippfehler beseitigt. Bei den meisten Dingen konnte ich einfach „Änderung akzeptieren“ anklicken. Nur ein paar Sätze im Methodenteil musste ich noch neu schreiben, und zwei weitere Quellen in mein Literaturverzeichnis einbasteln. Ansonsten – passt alles.

Heute Mittag habe ich den Druckauftrag abgeschickt. Geht ja heutzutage alles sehr bequem via Internet. Montag Mittag kann ich die Arbeiten abholen, die eidesstattliche Erklärung unterschreiben, und kann dann abgeben.

Fertig.

Und nun?

Es ist ein seltsames Gefühl, die Arbeit geschafft zu haben. Außer abholen, unterschreiben und abgeben habe ich jetzt nichts mehr zu tun. Sie ist fertig. Versuche durchgeführt, Daten ausgewertet, recherchiert und geschrieben.

Die Bachelorarbeit hat die letzten Monate – nein, eigentlich das gesamte letzte Jahr – einen ziemlich großen Teil meiner Gedanken ausgemacht. Viel Zeit im Labor und später am Laptop verbracht. Viel Stress. So manche Krise. Die Arbeit war ein dominierendes Thema, und jetzt – jetzt ist es so gut wie vorbei.

Leere. Etwas fehlt. Das, wofür ich die letzte Zeit so sehr gekämpft habe. Kämpfen, zusammenreißen, Kraft zusammenkratzen. Ins Labor, an den Laptop, unbedingt diese Arbeit fertig bekommen. Ein Fixpunkt, ein Ziel. Jetzt bin ich da und weiß nicht, woran ich mich orientieren soll. Ich habe kein Ziel mehr. Keine Aufgabe. Nichts, das ich erreichen will oder muss. Nichts, das mir Halt gibt.

Ich fühle gerade keine Erleichterung. Keine Freude über die fertige Arbeit, keinen Stolz auf meine Leistung.

Ich fühle mich nur leer und haltlos und ziellos und habe Angst. Angst vor dem Leben. Angst vor der Zukunft. Angst vor mir?

Ich habe einen Fehler gemacht: Ich habe nie weiter gedacht als bis zur Abgabe der Bachelorarbeit. Warum auch? So oft habe ich schließlich gezweifelt, ob ich sie jemals fertig bekommen werde… Tja, und in ein paar Tages werde ich sie abgeben können, und dann stehe ich da und habe meinen Halt verloren. Ich habe nie an das „Danach“ gedacht. Kein weiteres Ziel, keine Träume, keine Zukunftspläne.

Der Boden bröckelt unter meinen Füßen.

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