eisblau&honigsüß

in der Klinik

Ich bin schon seit einiger Zeit in der Klinik. Nachdem es zu Hause einfach nicht besser wurde, egal, was ich probierte und wie sehr ich kämpfte. Es wurde nur schlimmer, mit jedem Tag ein bisschen dunkler, ein bisschen unerträglicher. Ins Labor bin ich nur noch unregelmäßig gegangen, an vielen Tagen fehlte schon die Kraft um überhaupt aufzustehen. Geschlafen hatte ich kaum noch, und wenn doch, dann quälten mich böse Träume. Suizid wurde zum dominierenden Thema in meinen Gedanken. Die Selbstverletzungen häufiger und schlimmer.

Inzwischen geht es mir wieder ein wenig besser. Nicht „gut“, aber eben doch spürbar besser.

Die erste Zeit in der Klinik war schrecklich. Ich war so müde und erschöpft, hatte keine Energie um irgendwas zu machen, lag oder saß die meiste Zeit nur rum, oft meilenweit vom Hier-und-Jetzt entfernt, leer und tot irgendwo im Nirgendwo, jeder Tag, jeder Stunde, jede Minute eine endlos lange Qual. Hätte ich die Kraft gehabt, ich wäre wohl zur Brücke oder zu den Schienen marschiert um diesem Leid ein Ende zu setzen.

Meine Medikamente wurden umgestellt. Das Absetzen war kein großes Problem, das Ansetzen dafür umso mehr. Ein eigentlich recht gut verträgliches Medikament, in geringer Dosierung, und mein Körper hat sich verhalten, als ob er vergiftet würde. Mir ging es hundsmiserabel. Drei Tage hat es gedauert, dann haben die Ärzte es wieder abgesetzt. Und gleich ein anderes Medikament verordnet. Das immerhin vertrage ich recht gut, allerdings ist die Wirkung auch eher suboptimal („Das wirkt stark sedierend, Sie werden davon so müde, dass Sie gar nicht anders können als zu schlafen!“ – Tja, schön wär’s…).

Für nächste Woche stehen eine Reihe körperlicher Untersuchungen an. Die sollten eigentlich schon längst gemacht sein, aber naja, ich und körperliche Untersuchungen… *hüstel* Zum Glück werde ich zu nichts gezwungen. Mir wurde zwar nahegelegt, bestimmte Untersuchungen vornehmen zu lassen, aber es wurde akzeptiert, dass ich manches nicht will oder kann, obwohl es schon sinnvoll wäre.

Meine Nieren scheinen deutlich geschädigt zu sein, das sollte eigentlich dringend abgeklärt werden, aber die angedachten Untersuchungen sind absolutes No-Go für mich.

Den Herz-Untersuchungen habe ich zugestimmt, mit ein paar Bedingungen, die es mir leichter machen.

Blut dürfen die Ärzte mir meinetwegen täglich abzapfen, wenn sie wollen. (Wollen sie nicht – niemand reißt sich darum, meine schlechten Venen treffen zu müssen.)

Oberbauch-Sono bin ich noch unentschlossen. Das habe ich schon mal über mich ergehen lassen müssen und es war absolut furchtbar. Aber meine Leber scheint angegriffen zu sein, es wäre sinnvoll, das mal anzuschauen.

Für die Lumbalpunktion habe ich mir etwas Bedenkzeit erbeten. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mir von irgendeinem Arzt ’ne Nadel in den Rücken stechen lassen möchte?!

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nichts gebracht und dennoch… dennoch

Die Krisenintervention gestern hat mir kein bisschen geholfen. Außer, dass ein paar Stunden Zeit verstrichen sind, in denen ich mir nichts angetan habe. Davon abgesehen ging es mir nach der Krisenintervention eher schlechter als vorher. Also keine sehr erfolgreiche Aktion insgesamt.

Schuld daran – wenn man dabei überhaupt von Schuld sprechen kann – bin ich selber. Ich lehnte Gespräche ab, obwohl so viel in mir drin ist, das ausgesprochen werden will und müsste. Aber ich kann (oder will) nicht sprechen, kann die aufgestauten Worte nicht aus meinem Mund fließen lassen. Würde ich anfangen zu reden, würde ein tosender Wasserfall aus mir herausbrechen und alles und jeden mit sich fort reißen.

Sie können mir nicht helfen, so lange ich nicht rede. Das weiß ich.

Andererseits war gestern auch niemand dort, mit dem ich wirklich hätte reden können. Der doofe Pfleger, der mich angeschrien hatte und der mich jetzt nicht einmal mehr grüßt (kindisch, irgendwie). Der Dienstarzt, mit dem ich noch nie wirklich gut reden konnte, trotz zahlreicher Versuche. Er ist kein guter Zuhörer und er nimmt sich auch keine Zeit für Gespräche. Mein längstes Gespräch mit ihm dauerte knapp drei Minuten. Das war ein Aufnahmegespräch. Ich hatte auch schon „Aufnahmegespräche“ mit ihm, die komplett ohne Gespräch stattfanden – ein bisschen indirekte Kommunikation mittels der Pfleger und das war’s.

Mit der anderen Pflegerin gestern hätte ich reden können. Vielleicht. Sie ist okay – mittlerweile ist sie okay. Vor Jahren, als ich sie kennenlernte, war sie ein ziemlicher Drache. Grob, hart, nicht einfühlsam. Wir hatten irgendwann in diesem Jahr mal darüber gesprochen, dass ich damals regelrecht Angst vor ihr hatte und dass ich sie jetzt als viel verständnisvoller erlebe. Dass sie sich verändert habe. Sie meinte, dass das nicht nur an ihr liege (auch wenn sie durch viele Fortbildungen inzwischen wohl wirklich mehr Verständnis aufbringen kann). Auch ich hätte mich verändert. Wir hätten uns beide so weit geändert, dass wir nun wirklich miteinander reden können, ohne dass es nach zwei Sätzen in Abwehr und Streit ausartet. Trotzdem hat sich mein Trauma-Ich gemerkt, dass diese Frau mal weh getan hat und warnt vor zu viel Vertrauen. Wie auch beim Herrn Oberarzt. Auch mit ihm komme ich inzwischen gut zurecht (meistens), aber er hat früher weh getan, also Achtung! Kann beißen, bitten halten Sie Abstand, nicht füttern, nicht streicheln.

Aber auch wenn (oder gerade weil?) es mir nach der Krisenintervention schlechter ging als vorher, spielte ich mit dem Gedanken, stationär zu bleiben. Ich spiele noch immer mit diesem Gedanken – stationäre Aufnahme, ein paar Tage, vielleicht auch wieder Wochen. Wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben, dass ich zu Hause kaum mehr zurecht komme. Der Ambulanzpsychiater würde es wohl auch begrüßen, wenn ich mich für eine stationäre Behandlung entscheide…

Nur was sollte das bringen? Sie würden sehen, dass meine Medikation derzeit ein einziges Chaos ist und versuchen, da wieder Ordnung reinzubringen. Sie würden sehen, dass ich depressiv bin und die Depression behandeln und glauben, dass sie damit auch die Ursache für Selbstverletzung und Suizidalität bereinigen. Ich müsste reden, reden, reden, damit sie überhaupt verstehen könnten, dass das nicht viel ändern wird. Es würde nicht die Probleme beseitigen, die mich so sehr an Suizid denken lassen. Denn das ist nicht Folge der Depression. Aber das verstünden sie nur, wenn ich endlich spreche über meine Probleme, und das ist so unvorstellbar. Also würden sie fleißig meine Medikamente in Ordnung bringen und wären zuversichtlich, dass alles gut wird, wenn nur die Depression wieder abklingt. Sie würden die Gartenlaube reparieren, während das Wohnhaus weiter an allen Ecken und Enden zerbröckelt und zu Staub zerfällt. Sie würden an der falschen Baustelle arbeiten und glauben, es wäre die richtige.

Ich müsste reden. Reden. Reden. Anders hätte eine stationäre Behandlung keinen Sinn und würde nichts bringen. Ein paar Mal wollte ich reden. Habe es versucht. Aber die Lippen wollten sich nicht öffnen, die Zunge klebte bewegungslos irgendwo in meinem Mund, die Stimmbänder weigerten sich, auch nur den leisesten Ton von sich zu geben. Es ist ein bisschen wie früher, in der Jugend, als ich nicht mehr gesprochen habe. Nur nicht ganz so extrem. Damals habe ich oft tagelang kein Wort gesagt und an „Sprechtagen“ konnte ich die Worte, die meinen Mund verließen, mühelos an den Fingern abzählen. Jetzt rede ich noch, manchmal, über belangloses Zeugs, zwanglose Plaudereien. Nur wenn es um mich geht, um meine Gefühle, meine Sorgen, dann verstumme ich wieder.

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Die kalte Morgenluft strömt durch die weit aufgerissenen Fenster. Fast schon zu kalt für T-Shirt und halblange Hose. Ich habe ein bisschen Gänsehaut. Aber egal – nach der Hitzewelle kann ich noch immer nicht genug bekommen von der frischeren, kühlen Luft. Die Kälte erdet mich, zeigt mir, wo ich bin. Wo die Welt anfängt und wo der Körper aufhört. Klar spürbar, diese Grenze, wenn die Luft so kalt über die Haut streicht.

Vielleicht, so hoffe ich, wird die Klarheit der Morgenluft auch das Chaos im Kopf klären. Mit der stickigen Schlafzimmerluft werden auch die Alpträume, die Ängste, die Verzweiflung zum offenen Fenster hinaus verschwinden.

Ich bin noch immer aufgewühlt vom Psychiater-Gespräch. Satzfetzen springen durch meinen Kopf wie Pingpong-Bälle, hin und her, hin und her. Ich glaubte, dass ich ihm egal bin, dass er genervt ist von mir, ja, sogar dass er sich sehnlichst wünscht, mich endlich für immer und ewig loszuwerden. Dieser Glaube tat weh. Nach diesem einen Gespräch zu wissen, dass meine Wahrnehmung gar nicht fälscher hätte sein können – es tut genauso weh. Nur auf eine andere Art.

Was ist schlimmer, wenn man nicht mehr weiterleben mag? Zu wissen, dass man allen egal ist und niemand einem eine Träne hinterherweinen würde? Oder zu wissen, wieviel Schmerz man bei den Zurückgebliebenen hinterlassen würde?

Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich weiß nicht, was richtig und gut ist. Wenn ich ehrlich bin: Ich will weiterleben. Trotz allem, aber ich habe das Leben nie wirklich gehasst. Ich habe immer leben wollen (sonst wäre ich wohl auch längst nicht mehr hier).

Andererseits sind da aber diese ganzen Problemen… Vor allem dieses eine Problem, über das ich nie mit jemandem gesprochen habe. Über das ich auch hier nicht schreibe, nicht schreiben kann. Über das ich nicht einmal wirklich nachdenken kann. Dieses eine Problem, das gelöst werden muss, wenn ich weiterleben will, aber dass ich nicht lösen kann. Alleine nicht. Und wie sollen es andere lösen, wenn ich niemandem sagen kann, dass es dieses Problem überhaupt gibt?

Rational betrachtet spricht vieles dafür, mein Leben zu beenden. Der Verstand flüstert unaufhörlich, dass es das Vernünftigste wäre. Der einzige Weg. Dass ein Weiterleben mit all den Problemen nicht möglich ist und sich die Probleme aber nunmal auch nicht lösen lassen.

Das Herz, das Gefühl – sie protestieren, lautstark, tagein, tagaus. Weiterleben, nicht aufgeben, es geht immer irgendwie weiter, es gibt Hilfe, es gibt Lösungen, es gibt andere Wege.

Und hat der Herr Psychiater nicht eben erst bewiesen, dass er dableiben wird? Wenn ich weiterlebe, wenn ich mich gegen Tag X entscheide, wenn ich mich ihm anvertraue. Egal, was ich brauchen würde, er würde Himmel und Hölle in Bewegung setzen um es mir zu ermöglichen. Weil es eben nicht egal ist, wenn ich mich töte. Weil es ihm weh tun würde. Weil es allen in der Klinik weh tun würde. Weil ich nicht egal bin.

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nächtliches Skillen und Mail an den Psychiater

Eine Mail an den Herrn Psychiater geschrieben. Ob ich heute notfallmäßig einen Termin haben könnte. Peinlich, irgendwie. Morgen Früh hätte ich sowieso einen Termin bei ihm. Sollte doch eigentlich in der Lage sein, mich die kurze Zeit bis dahin noch zusammenzureißen. Sollte ich. Schaffe ich aber nicht. Irgendwie ist es mir auch fast egal, ob er mich jetzt für schwach hält (tut er vermutlich gar nicht).

Der Suizid des Mitpatienten hat meine eigenen Suizidgedanken ziemlich angeheizt. Und so viele Gedanken und Gefühle ausgelöst, dass ich völlig überfordert bin, keine Ruhe finde und keine Ordnung in meinem Kopf schaffen kann.

Schlafen tue ich wenig. Heute bin ich um kurz nach 3 Uhr aufgestanden. Anspannung und Kopfchaos und Gefühlsdurcheinander vom Feinsten. Skillen. Nachts um 3 Uhr. Zwei Stunden Spaziergang durch die kühle, frische Nacht. Nach Hause gehen als es anfing hell zu werden. Duschen. Tee trinken. Mein effektivstes Skill-Programm. Heute hat es nur wenig gebracht. Also noch Tavor genommen. Bringt auch nur wenig Entlastung.

Also die Mail an den Herrn Psychiater. Ich hoffe, er hat Zeit und kann mich heute irgendwann, irgendwo noch einschieben. Auf Station will ich nicht. Noch immer nicht vergeben und vergessen, dass ich dort angeschrien wurde und mit Türen geknallt wurde, weil meine Worte ihnen nicht passten. Außerdem mag ich die Ärzte, die dort momentan arbeiten, nicht. Ein arrogantes Arschloch. Ein dem-Chef-in-den-Arsch-Kriecher. Eine Miss-interessiert-mich-nicht-wirklich-wie-es-Ihnen-geht. Ein Pfleger, der mich anschreit. Ein petzender Macho-Arschkriecher-Pfleger. Seltsam, dass der Herr Oberarzt dort gerade so ziemlich die einzige Person ist, zu der ich noch halbwegs Vertrauen habe, wo ich ihn anfangs doch so gar nicht mochte und mir überhaupt nicht vorstellen konnte, wie das klappen soll, mit ihm, als Oberarzt.

Jetzt warten. Warten auf Antwort vom Herrn Psychiater. Ich weiß, dass er morgens vor der Arbeit immer in seine Emails schaut. Er wird das schon rechtzeitig lesen. Und erfahrungsgemäß auch sofort antworten. Hoffentlich hat er einen Termin frei oder findet eine Lücke, in die er mich quetschen kann.

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wieder einer

Wieder einer weniger von uns. Wieder einer weg von den „Stammgästen“, von den chronisch Erkrankten, den Dauerpatienten, den Immer-wieder-in-der-Psychiatrie-Weilenden.

Er war einer der ersten Mitpatienten, die ich hier in der Klinik kennenlernte. Er war stationär als ich das erste Mal auf die Geschlossene gebracht wurde. Er war stationär als ich das letzte Mal dort gewesen bin. Ich weiß nicht, wie oft wir zeitgleich stationär waren. Oft jedenfalls.

Jetzt ist er tot.

Wieder ein Suizid. Wieder ein Mitpatient, der es nicht mehr ertragen hat. Das Leben, das Kranksein.

Ich hoffe, er hat jetzt Frieden gefunden.

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