eisblau&honigsüß

das Wochenende in zwei Worten

Mein Wochenende lässt sich gut und vollständig mit zwei Worten zusammenfassen: geschlafen, geweint.

Der nie so ganz verarbeitete Tod meines Bruders tut dieses Jahr besonders weh. Ich weiß nicht, warum. Ich manchen Jahren sind es nur flüchtige Gedanken an ihn. In anderen Jahren wirft mich die Trauer nieder, als ob er erst gestern gestorben wäre. Es tut so weh.

Mit E., einer sehr guten Freundin, habe ich mich heftig gestritten. Momentan herrscht Funkstille. Auch das tut weh. Der Streit kam so plötzlich, kein lange schwelender Konflikt. Ich denke, dass wir uns irgendwann aussprechen werden und dann wieder alles okay ist. Mehr oder weniger okay – sie ist nachtragend. Wie mit anderen blöden Situationen, so wird sie mir auch das immer wieder unter die Nase halten und darauf hinweisen, wie scheiße das für sie war. (Und ignorieren, dass ich rein gar nichts dafür konnte, es nicht meine Schuld ist, und sie erheblich dazu beigetragen hat, dass eine vorher nur blöde Situation schließlich eskalierte.)

Mittwoch habe ich nochmal einen Termin in meinem zukünftigen Labor. Die Doktorandin, an deren Projekt ich mitarbeiten werde, möchte mich auch mal kennenlernen bevor es losgeht. Sympathie-Check. Ich hasse sowas. Ich sei ein sympathischer Mensch, wird mir immer wieder bestätigt. Dummerweise muss ich erstmal auftauen, bevor das zum Vorschein kommt. Gegenüber Fremden bin ich sehr distanziert und wirke oftmals kalt und abweisend. Aber sofern sie nicht denkt, dass sie mit mir absolut gar nicht arbeiten kann, ist es okay.

Die Klinikleute – Dr. H., der Herr Psychiater, die Pflege – freuen sich alle sehr, dass ich endlich eine Stelle gefunden habe und bald die Masterarbeit machen kann. Sie glauben, dass mir das gut tun wird. Alltagsstruktur, sinnvolle Beschäftigung, eine Arbeit, die mir Spaß macht. Ich glaube das auch. Die erste Zeit wird vermutlich sehr schwierig werden, weil erstmal noch einiges nerviges Zeugs geregelt werden muss, fremde Umgebung, fremde Menschen, Einarbeiten, von langer Zeit Nichtstun wieder auf reguläre Arbeitstage umstellen etc. etc. Aber ich denke, ich werde von Seiten der Klinik maximale Unterstützung bekommen und dann wird das auch klappen, irgendwie.

Suizidgedanken sind nach wie vor sehr präsent, aber gut kontrollierbar. Nur ab und zu werden sie übermächtig. Aber dann nehme ich Bedarf oder geh in die Klinik. Schwieriger ist der Selbstverletzungsdruck. Der ist nur schwer zu ertragen und mit Skills komme ich momentan auch nicht weit. Vermutlich, weil ich gar nicht skillen will – ich will mich verletzen. Warum ich es dann nicht einfach tue? Keine Ahnung. Vielleicht, weil ich es nicht zu 100% will. Ich will mich verletzen und will es gleichzeitig auch doch nicht. Ich hänge irgendwo dazwischen, kann mich nicht zum Verletzen durchringen, aber skille auch nur halbherzig.

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Zu viele Gedanken, zu viele Gefühle. Zu viel, als dass ich über irgendetwas davon schreiben könnte. Ich weiß nicht, wo ich anfangen und wo ich aufhören sollte. Wie Reiskörner im Trichter – die Körner verkanten und nichts, nichts, nichts fließt durch den Trichter.

Dr. H. hat sich gestern sehr viel Zeit für mich genommen. Dadurch konnte ich wenigstens ein bisschen was herauslassen. Ich habe wenig geredet, dafür viel geweint. Sehr viel geweint. Irgendwie hat es gut getan. Dass er da gewesen ist. Bei mir saß, während ich weinte. Nicht allein zu sein mit der Trauer und dem Schmerz.

Nach der Therapie hat er mich auf die Geschlossene gebracht. Ich wäre nicht in der Lage gewesen, den Heimweg zu bewältigen. Es war okay, nein, es war gut. Zwei Stunden auf Station, beruhigen, mich wieder fassen, die Welt fassen. Dann nach Hause.

Er hat EMDR vorgeschlagen. Ich weiß nicht, ob ich das machen will. Als ich 17 war, hatte ich EMDR angefangen. Es war ein Desaster. Rückblickend kann ich mehrere Faktoren benennen, warum es damals so schief gelaufen ist. Aber ob es jetzt besser klappen würde? Keine Ahnung. Muss ich noch in Ruhe mit ihm besprechen.

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schwierige Zeiten, Jahrestage

Es ist diese Zeit des Jahres, die für mich immer besonders schwierig ist. Der Spätsommer und frühe Herbst. Zu viele Tage sind in dieser Zeit mit traurigen, schlimmen Ereignissen verknüpft.

In manchen Jahren ist es leichter auszuhalten, in anderen fühle ich mich ins Damals zurückversetzt, erlebe diese Zeit wieder und wieder, mit all den Gedanken und Gefühlen, die ich damals als Kind hatte.

Sein Geburtstag. Die Notärzte, die unser Haus frequentierten. Die Reanimationen. Der Tag, an dem er nicht mehr aufstehen konnte und Vater ihn deswegen schlug. Das Weglaufen von zu Hause. Mein Geburtstag, als er doch noch einmal aufstand, mir zu liebe, als die Eltern nicht da waren. Der letzte Abend, das grüne Kuschelkissen. Der letzte Notarzt-Besuch. Der letzte erfolglose Reanimationsversuch. Sein Todestag. Die Tage danach. Die Beerdigung. Die Zeit nach der Beerdigung. Die Demütigungen in der neuen Schule. Die erste bewusste Selbstverletzung. Die erste Tablettenüberdosis.

So viel ist damals in diesen Wochen, Monaten passiert. So vieles, das ich als Kind nicht allein bewältigen konnte. Hilfe für mich gab es nicht. Nur für die Eltern, immer nur für die Eltern. Warum glauben so viele, dass der Tod eines Kindes für die Eltern eine Katastrophe ist, aber die Geschwister damit ganz locker klarkommen? Vielleicht dachten sie, ich sei noch zu jung, um begreifen zu können, was passiert ist.

Ich habe vieles verdrängt in dieser Zeit. Was hätte ich auch sonst tun sollen? Alleine war ich überfordert mit dem Sterben und dem Tod meines Bruders. Zum Reden gab es niemanden. Es war einfacher, alles ganz tief in meinem Kopf wegzusperren.

Jahre später, in der Jugendpsychiatrie, sprach ich das erste Mal darüber. Weinte viel. Trauerte. Wirklich verarbeitet habe ich es aber auch damals nicht. Es ist immer noch eine nicht richtig verheilte Wunde, die von Zeit zu Zeit aufreißt und blutet und schmerzt.

Ich weine noch immer um ihn. Sein Tod schmerzt. Ich vermisse ihn.

Manchmal verschwimmt die Zeit, manchmal bin ich wieder das kleine Mädchen, nur dass ich jetzt weiß, wie die Geschichte weitergehen wird. Statt der bangen Fragen, ob er gesund wird, ob er weiterleben wird, oder – später – wie lange er noch leben wird, ist es jetzt ein Film, den ich schon hundert Mal gesehen habe. Und bei dem ich trotzdem mitfiebere und mitleide. „Morgen wird Papa dich schlagen, weil dir die Kraft fehlt, zum Mittagessen aufzustehen.“, „Donnerstag wirst du reanimiert.“, „Freitag wirst du mir die Wunden auf deiner Brust zeigen, die von der Reanimation geblieben sind.“

Ich fühle mich zerrissen, mein Ich ist zerrissen. Ich weiß nicht, wer ich bin, wo ich bin, wie alt ich bin. Ich bin erwachsen, ich bin 11 Jahre alt, ich habe eine Wohnung in Unistadt, ich sitze in meinem kleinen Dachzimmer im Elternhaus, ich freue mich über den Masterarbeitsplatz, ich komme in der neuen Schule nicht zurecht, ich treffe meine Freunde, ich muss zur Beerdigung, alles ist gut, die Trauer frisst mich auf.

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die Unerträglichkeit

Der Tag gestern war einer der Tage, an denen die Unerträglichkeit alles andere überdeckte. Ist unerträglich ein Gefühl? Keine Ahnung. Ich empfinde es so. Ich kann mich glücklich fühlen, oder traurig, oder wütend, oder aufgeregt, oder eben unerträglich.

Wirklich beschreiben kann ich nicht, wie sich unerträglich anfühlt. Ich weiß auch nicht, was genau denn so unerträglich ist. Irgendwie alles und nichts zugleich. Es ist wie diese sonderbare Traurigkeit, die ich manchmal spüre, wenn ich tief in einer Depression stecke. Eine grundlose Traurigkeit, keine Traurigkeit wegen etwas Bestimmten. Eine Traurigkeit, die tief und allumfassend ist und einfach da ist. So ist es auch mit der Unerträglichkeit. Manchmal überkommt sie mich, durchdringt mich bis in den letzten Winkel meines Seins, ist einfach da, ohne dass ich sagen könnte, was so unerträglich ist.

Ich habe noch immer keine wirksame Strategie gefunden, um mit der Unerträglichkeit zurecht zu kommen. Ablenkungen bringt nichts. Angenehme, schöne Dinge tun auch nicht. Stressabbau-Skills bringen ebenfalls keine Linderung. Schreiben funktioniert nicht, schon mangels passender Worte.

So endete der gestrige Tag dann auch damit, dass ich mich Bedarfsmedikamenten in den Schlaf geschossen habe. Es ist nicht ideal, das weiß ich. Aber solange ich keine besseren Strategien habe, ist es immer noch besser, mich schon nachmittags völlig abzuschießen anstatt mir klaffende Wunden zuzufügen mich zu intoxikieren mich zu töten auf die extremeren destruktiven Verhaltensweisen zurückzugreifen. Denn die sehr destruktiven Handlungen machen die Unerträglichkeit ein kleines bisschen weniger unerträglich. Ich wünschte, ich würde endlich nicht-destruktive Wege finden, die das auch können.

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Freude und Angst

Die Zusage für den MA-Platz hat ein ganz ordentliches emotionales und gedankliches Chaos ausgelöst. Der Druck, mich zu verletzen, ist enorm – einfach etwas Gewohntes, Vertrautes tun, etwas, das für mich mit Sicherheit verbunden ist und Ruhe ins Innenleben bringt. Aber ich kämpfe, ich will mich nicht verletzen, nicht wegen etwas so Positivem.

Ich freue mich sehr über die Zusage und ich habe auch ein gutes Gefühl bei dieser Stelle. Ich habe von mehreren Leuten Aussagen zu dieser Arbeitsgruppe gehört und die waren durchweg positiv. Auch mein Eindruck war positiv. Mein zukünftiger Betreuer scheint ein sehr cooler, entspannter Typ zu sein, mit einem guten Sinn für Humor. Außerdem machte er auf mich einen recht kompetenten Eindruck. Ich werde eine klar definierte Fragestellung bekommen, ein Teil eines größeren Projekts. Er hat es sich so überlegt, dass ich im ersten Teil erstmal Standardversuche mache, bei denen mit fast 100%iger Wahrscheinlichkeit brauchbare Daten herauskommen werden (und falls doch nicht, gibt es einen absolut sicheren Plan B). Sobald ich einen soliden Datensatz habe, aus dem ich meine Masterarbeit schreiben kann, kommen im zweiten Teil Versuche, bei denen auch er nicht absolut sicher sein kann, ob was Gutes bei rauskommt – aber da habe ich ja dann schon ausreichend Daten und es wäre nicht tragisch, wenn die Versuche nicht klappen, also kann man das Risiko eingehen und ein bisschen Rumspielen. Mich hat seine Projektplanung wirklich überzeugt, denn insgeheim habe ich natürlich Angst, dass es (wieder) nicht klappt – das wäre es dann mit dem Studium, weil mehr als diesen zweiten Versuch habe ich nicht.

Aber es wird klappen. Denke ich. Glaube ich. Seine Planung hat Hand und Fuß. Er weiß, was er tut. Es ist nicht wie in meinem alten Labor, wo ich nie wirklich eine klare Fragestellung hatte und es keinen roten Faden gab. Wo die Chefin heute dies, morgen jenes haben wollte und in der korrektes wissenschaftliches Arbeiten ein Fremdwort war. Wo sowieso viel meiner Zeit dafür draufging, Dinge zu tun, die nicht in den Aufgabenbereich einer Masterandin fallen und wodurch für meine eigene Arbeit ziemlich wenig Zeit blieb. („Sie hat dich voll ausgenutzt!“, meinte E. wütend, als ich ihr die ganze Geschichte endlich mal so erzählte, wie sie wirklich gelaufen ist. Und damit hat sie nicht ganz unrecht.)

Neben der Freude über die Zusage und der Zuversicht, dass es dort auch klappen wird, spüre ich aber auch sehr sehr viel Angst. Was, wenn es doch nicht klappt? Was, wenn es klappt – was mache ich nach Abschluss meines Studiums? Was, wenn mein Betreuer doch nicht so locker drauf ist und rumzickt, wenn ich wegen Arzt- und Therapieterminen regelmäßig später komme oder früher gehe? Was, wenn ich nach dem monatelangen Nichtstun mit der Arbeitsbelastung gar nicht mehr klarkomme? Was muss ich jetzt überhaupt machen, an Formalitäten und so, damit mein Zweitversuch überhaupt gültig ist? Und überhaupt? Und sowieso?

Durchatmen. Tief und ruhig durchatmen. Ein und aus, ein und aus, ein und aus. Nicht panisch werden. Ruhig bleiben. Alles wird gut. Durchatmen. Ein und aus, ein und aus.

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