eisblau&honigsüß

körperlich zu Besuch

Es überrascht mich jedes Mal aufs Neue, wie übermächtig die Dissoziationen sind, wenn ich bei den Eltern zu Besuch bin. Alles, was mir in Uni-Stadt normalerweise hilft, da zu sein, versagt hier vollständig. Es ist, als ob ich zwar körperlich anwesend sein kann, die Psyche sich aber beharrlich weigert, in Heimatstadt und im Elternhaus zu sein.

Werbeanzeigen
Hinterlasse einen Kommentar »

Therapie und Suizidalität

Über die gestrige Therapiestunde könnte ich mindestens fünf Artikel schreiben. Mindestens. So vieles ist in Bewegung geraten, so vieles, über das ich noch nachdenken muss. Ich weiß nicht, ob die Stunde gestern gut oder schlecht gewesen ist. Anstregend war sie auf jeden Fall, in mehr als einer Hinsicht.

Immerhin konnte ich endlich aussprechen, was mich schon seit einigen Wochen sehr beschäftigt, auch wenn es fast bis zum Ende der Stunde gedauert hat, bis es endlich draußen war. Es fällt mir grundsätzlich schwer, über Suizidalität zu sprechen, wenn das Thema wieder so stark meine Gedanken beherrscht und sich die bloßen Gedanken an Suizid mehr und mehr zu konkreten Plänen entwickeln.

Ich kann darüber reden, wenn ich den Gesprächspartner gut genug kenne und abschätzen kann, welche Reaktion kommt. Die Thera kenne ich inzwischen zwar einigermaßen, aber so starke Suizidalität war eben noch nie Thema in den Stunden mit ihr, was es schwierig macht vorherzusagen, wie sie reagieren könnte – ob sie mich gleich in die Geschlossene bringt oder ob sie (erstmal) ambulant daran arbeitet.

Ich bin auch jetzt noch nicht ganz sicher, ob es gut oder schlecht gewesen ist, das Ausmaß der Suizidgedanken vor ihr offen zu legen. Sicher, sie hat mich nicht auf die Geschlossene verfrachtet, wohl auch, weil ich sicher zusagen konnte, dass ich nächste Woche noch da sein werde und zur Therapie komme. Das glaubt sie mir und das finde ich gut – ich darf bei ihr also auch die Suizidalität ansprechen, ohne dass sie gleich in Panik gerät. Sehr positiv.

Trotzdem wirkte sie „etwas“ besorgt. Oder überrascht? Ich hatte den Eindruck, dass sie nicht wusste und auch nicht erwartet hat, wie sehr ich momentan ans Sterben denke.

Ich weiß nicht, was sie tun wird, wenn die Suizidgedanken bis nächste Woche nicht auf wundersame Weise abgenommen haben. Oder vielleicht sogar stärker geworden sind. Ich weiß nicht, wieviel Sorge sie aushalten kann, wieviel Suizidrisiko sie bereit ist hinzunehmen. Irgendwo wird auch sie eine Grenze haben, ab der sie sagt: „Zu gefährlich, ich bringe Sie jetzt auf die geschlossene Station.“

Irgendwo hat da jeder Helfer seine eigene Grenze, abhängig von Erfahrung, Persönlichkeit, und sicherlich auch davon, wie gut sie mich kennen und einschätzen können. Manche gehen sehr auf Nummer sicher und stecken mich lieber sofort auf die Akutstation. Andere bleiben auch bei sehr starken Suizidgedanken bei ambulanter Behandlung. Manche sogar, wenn es eher Pläne als Gedanken sind und ich nicht zu 1000% verspreche, zu einem weiteren Termin zu kommen. Es ist so verschieden, bis wohin die Helfer bei ambulanter Behandlung bleiben und ab wann sie zu stationär wechseln. Ich weiß noch nicht, wie es mit der Thera ist – wo ihre Grenze liegt.

Ich habe Angst, dass sie mich nächste Woche nicht mehr gehen lassen wird. Oder viel eher: ein Teil von mir hat Angst davor, oder vielleicht nicht Angst, eher Wut. Ein Teil von mir will sterben und dieser Teil findet die Vorstellung überhaupt nicht toll, dass irgendjemand dazwischenfunken könnte. Es ist schwierig, mit diesem Teil von mir umzugehen. Er flucht und schimpft und wütet in mir, weil ich geredet habe, weil ich nicht die Klappe gehalten habe, weil es jetzt jemanden gibt, der sich einmischen und sämtliche Pläne durchkreuzen könnte.

Der kleine Teil in mir, der weiterleben möchte, ist aber erleichtert, dass das Thema Suizid angesprochen wurde. Offen und ehrlich, ohne irgendetwas zu beschönigen oder wegzulassen oder herunterzuspielen. Dieser kleine Teil hofft, dass es doch noch Hilfe gibt, sei es ambulant oder notfalls eben auch stationär.

Irgendwie ist es eine Erleichterung, dass die Thera jetzt weiß, wo ich in puncto Suizid gerade stehe. Wieviel von mir sterben will – und wie wenig sich noch am Leben festklammert. Ich habe keine Ahnung, wie es weitergehen wird. Ob es weitergehen wird. Wie lange es weitergehen wird. Vielleicht werden mir die Gespräche helfen, jetzt, da die Thera weiß, dass die Suizidalität das Thema ist, das erstmal Vorrang in der Therapie hat. Vielleicht wird ambulant nicht ausreichen, vielleicht wird sie entscheiden, dass ich wieder stationär muss, vielleicht werde ich zustimmen, vielleicht wird sie gegen meinen Willen handeln müssen. Ich habe wirklich keine Ahnung und im Moment kann ich nicht einmal sicher sagen, ob ich froh bin oder es bereue, so offen zur Thera gewesen zu sein.

Aber erstmal weiterleben. Irgendwie weiterleben. Wenigstens bis zum nächsten Termin.

1 Kommentar »

Puzzleteile

Ich finde es immer wieder merkwürdig, wenn ich meinen Klinik-Menschen außerhalb der Psych begegne. Sei es in der Stadt, im Supermarkt, beim Spaziergang den Fluss entlang oder am Arbeitsplatz. Mir ist es unangenehm, wenn sie mich im „Leben außerhalb der Klinik“ sehen. Ich weiß auch nicht so genau, warum mich das stört. Vielleicht, weil ich mir dann immer vorstelle, was sie in den Momenten denken – über mich, wie ich aussehe, wie ich wirke, wie ich mich verhalte. Wenn ich Patientin bin, ist das okay. Da wird eben alles beobachtet und dokumentiert. Aber ich will im Alltag nicht als Patientin gesehen werden.

Sehr unangenehm ist es mir, wenn sie mich während der Arbeit sehen. Da bin ich eben so gar nicht Patientin und will auch nicht so betrachtet werden. Ich frage mich, ob die Ärzte und Pfleger ihren „Klinik-Blick“ auf mich wirklich ganz ablegen können oder ob sie nicht auch in solchen Momenten ein bisschen auf mich als Patientin schauen.

Wenn der Herr Oberarzt am Fenster meines Labors vorbeigeht und einen Blick auf mich erhascht – was denkt er dann wohl? „Oh, Frau P. ist bei der Arbeit – liegt also nicht depressiv im Bett. Schwatzt und lacht mit Kollegin – Stimmung scheint also okay zu sein, und sie scheint sich dort ganz wohl zu fühlen – sehr gut, das gibt Stabilität. Blabla.“

Wenn die Pflege-Schülerin mir auf dem Flur begegnet und einen Moment irritiert schaut – was geht ihr durch den Kopf? Ich kann es nicht wirklich deuten. Diesen irritierten Blick. Sicher, muss seltsam sein, wenn man jemanden nur als Patientin kennt, dekompensiert, heulend, mit blutigen Armen… Und dann kommt einem die Patientin zwei Wochen später entgegen, zielstrebig und selbstsicher, mit weißem Kittel, der so klar zeigt: „Ich bin keine Patientin. Ich arbeite hier, ich kenne mich aus, ich weiß, was ich tue.“

Und was denkt die Chirurgin, die mich schon so oft wieder zusammenflicken musste? So oft hat sie mich schon vor sich liegen gehabt, mit Schnitt- und Brandwunden, die ich alleine nicht mehr versorgen konnte. Sie hat so oft die Verletzungen versorgt und die Seele gestreichelt mit Fürsorge und lieben Worten. Sie hat mich einmal während eines Flashbacks erlebt, und sie hat mich einmal gegen meinen Willen nach der Wundversorgung in die Psychiatrie verlegt. Und da treffen wir uns auf dem Flur, wir beide mit weißen Kitteln, im Grunde als Kollegen. Und doch bleibt immer auch die Rollenverteilung Arzt-Patient dabei, ein bisschen jedenfalls.

Vielleicht finde nur ich solche Begegnungen merkwürdig und unangenehm. Vielleicht ist es für Ärzte und Pfleger nichts Besonderes und sie denken sich dabei gar nichts. Vielleicht ist es nicht mehr für sie als „Oh, die kenne ich doch!“ – ein Erkennen, ein Gruß, und schon wieder vergessen.

Vielleicht bin es nur ich, die Schwierigkeiten hat mit diesen verschiedenen Rollen. Mal Patientin, mal stinknormale Privatperson, mal Kollegin im weitesten Sinne. Mir fällt es schwer, damit umzugehen. Es fühlt sich in mir oft falsch und unstimmig an, dass ich einerseits psychisch krank bin, zur Therapie gehe, Medikamente nehme, immer wieder in der Akutpsychiatrie bin. Und dass doch auch so vieles einfach ganz normal ist in meinem Leben. Einerseits so krank, und andererseits so normal. Es passt nicht zusammen in meinem Kopf.

Ein bisschen wie zwei Puzzle-Teile. Manchmal passen Teile ineinander, perfekt und mühelos. Aber die Farben stimmen nicht, man sieht sofort, dass die Teile nicht zusammengehören, obwohl sie ineinander passen. Tiefblauer Himmel mitten in saftiggrüner Wiese. Die Teile passen von ihren Form her zusammen, aber trotzdem sieht jeder sofort, dass es falsch ist, dass es nicht stimmen kann.

Denken die Ärzte und Pfleger das, wenn sie mich „draußen“ sehen? Dass etwas nicht stimmen kann, dass ich lüge, nicht ehrlich bin? Weil einfach nicht zusammenpasst, was sie von mir sehen – die heulende Akutpsychiatrie-Patientin und die selbstsichere Weißkittel-Frau?

7 Kommentare »

Hin und Her

Aufstehen nachts um zwei. Warum auch nicht? Der Schlaf ist eher anstrengend als erholsam, die Alpträume plagen mich, das ständige Hochschrecken und orientierungslose Daliegen.

Eine Mail an die Frau Therapeutin geschrieben. Im letzten Termin (Dienstag) verkündet, dass das jetzt wirklich der letzte Termin gewesen ist. Schon bereut, kaum dass die Worte den Mund verließen, aber nicht den Mut, einen Rückzieher zu machen. Nach dem Termin heulend auf einer Bank vor der Klinik gesessen, gehofft, dass ein Wunder geschieht, ein Engel kommt und mich rettet irgendjemand auf mich aufmerksam wird, mich anspricht, mir zuhört, meine Hand nimmt, mit mir zur Therapeutin geht und alles wieder ungeschehen macht. Passierte natürlich nicht. Nach Hause gegangen, nicht zur Arbeit, wozu auch, alles so sinnlos. Noch mehr geheult, Tabletten geschluckt, Dämmerschlaf.

Ich schäme mich sehr für diesen Kurzschlussreaktions-Therapieabbruch. Die Mail an die Thera zu schreiben dauerte ewig, obwohl es letztlich nur wenige Worte wurden. Eigentlich nicht mehr, als ob ich wiederkommen dürfe. Ich warte auf ihre Antwort, ich habe Angst davor, weiß nicht, ob ich die Mail überhaupt werde lesen können, könnte sie doch so sehr weh tun.

Sicher wird sie mich zurückweisen. Sie muss doch langsam genervt sein von meinem ständigen Hin und Her, den ewigen Diskussionen, der Unfähigkeit mich zu entscheiden. Vielleicht wird sie mich zu einer Entscheidung drängen, fordern, dass ich mich endlich einmal dauerhaft festlege, wie es denn nun weitergehen soll. Dabei ist doch das gerade die große Frage für mich und ich bin so ratlos, so hilflos, wie ich weitermachen soll. Was ich überhaupt will – von mir, von der Therapeutin, von den Ärzten, von den Pflegern, von meinem Leben, von der Zukunft. Ich weiß es nicht, ich weiß beim besten Willen nicht, wie es weitergehen soll. Ich weiß nicht einmal sicher, ob ich will, dass überhaupt irgendetwas weitergeht. Ob ich will, dass mein Leben weitergeht. Wie soll man Pläne für die Zukunft machen, wenn man schon die Zukunft in Frage stellt?

7 Kommentare »

ultrakurz-Krisenintervention

Schlussendlich dann doch wieder in der Psych gewesen. Dieses Mal aber nur ein paar Stunden. Zwei Gespräche, Bedarfsmedikamente und mich auf Station sicherer fühlen und zur Ruhe kommen.

Immerhin Glück gehabt mit den Pflegern und dem diensthabenden Arzt. Im ersten Gespräch war ich eher schweigsam, aber das war okay irgendwie. Kein Druck zu reden, kein Zwang, irgendetwas zu erzählen. Kein Problem, wenn ich lieber erstmal nur Bedarfsmedis nehmen und auf Station sein möchte. Später dann ein zweites Gespräch, in dem ich mich mit dem Reden nicht mehr ganz so schwer getan habe. Bedarfsmedis und im Schutz der Station zur Ruhe kommen, hilft halt doch oft sehr gut.

Mit dem Arzt gesprochen, wie es weitergehen soll mit der Behandlung. Dass Ambulanzpsychiater mir offensichtlich aus dem Weg geht und ich deshalb annehme, dass er mich nicht mehr behandeln will/wird. Dass ich mir nicht vorstellen kann, zu einem der anderen Ambu-Ärzte zu gehen. Dass ich aber zu irgendeinem aus der Ambulanz gehen muss, weil ich anders ja nicht zur Thera darf. Obwohl ich immer noch nicht sicher bin, ob ich wieder regelmäßig zur Thera möchte… Dass ich auch die Medis abgesetzt habe, einfach weil ich nichts rezeptpflichtiges nehmen will, wenn nicht ein Arzt sicher für mich da ist, der mir das Zeugs verschreibt (und zu dem ich im Idealfall auch Vertrauen habe und mir eine längere Behandlung vorstellen kann).

Ich weiß nicht, ob er mir geglaubt hat, dass Ambulanzpsychiater mir aus dem Weg geht, oder ob er das für ein Produkt aus gestörter Wahrnehmung und schlechten Beziehungserfahrungen ist. So oder so – er hat mein Problem zumindest ernst genommen. Wir haben uns darauf geeinigt, dass er morgen Ambulanzpsychiater darauf anspricht und versucht herauszufinden, wo da das Problem liegt und wie man es lösen könnte. Dass ich keine regelmäßige ambulante Behandlung mehr habe und auch die Medis abgesetzt habe, fand er keine sonderlich gute Lösung…

Naja. Ich kämpfe gerade sehr mit Selbstverachtung. Hätte ich nicht selbst ein Gespräch mit Ambu suchen können? Hätte ich das nicht alleine klären können? Es ist so schwach, mich bei anderen auszuheulen und zu bitten, dass sie sich meines Problems annehmen und es lösen. „Indirekte Kommunikation“, nannte das mal ein Arzt in einer anderen Klinik, und kritisierte dieses Verhalten sehr stark. Die Sätze, die er mir damals um die Ohren haute, glühen gerade in meinem Schädel.

Was soll’s. Dann habe ich eben doch wieder zur verteufelten indirekten Kommunikation gegriffen. Mehr ist eben derzeit nicht drin gewesen. Wer mich kennt, der weiß, dass ich auch direkt kommunizieren kann – und das i.d.R. auch tue. Manchmal geht’s eben nicht. Und dann ist es doch besser, wenigstens so eine Lösung anzustreben, als zu resignieren und aufzugeben.

3 Kommentare »