eisblau&honigsüß

irgendwann mal medikamentenfrei?

Natürlich wurde mir bei der Krisenintervention routinemäßig Blut abgenommen. Natürlich sind die Leberwerte wie immer grenzwertig-normal bzw. erhöht. Das ist bei meiner Medikation kein Wunder.

Ambulanzpsychiater hält das für vertretbar. Sooo krass hoch sind die Werte nicht. Muss zwar regelmäßig kontrolliert werden, aber wirklich Sorgen machen muss ich mir deswegen nicht. Und: „Das ist ja auch nur für einen begrenzten Zeitraum. Sie werden schließlich nicht den Rest Ihres Lebens Medikamente nehmen.“

Ich muss reichlich irritiert geguckt haben… Für ihn scheint es klar zu sein, dass ich die Psychopharmaka irgendwann alle absetzen kann. Und werde. Und dass das dann auch gutgeht.

Für mich ist das irgendwie nicht vorstellbar bzw. ich habe mir darüber noch nie wirklich Gedanken gemacht. Aber ich vermeide es eh, allzu weit in die Zukunft zu schauen. Die Vorstellung, noch 10, 20, 30, 40 Jahre Leben vor mir zu haben, ist beängstigend…

Trotzdem bin ich immer davon ausgegangen, die Medikamente noch sehr lange zu nehmen. In meiner Vorstellung existiert kein Zeitpunkt, an dem ich ohne Medikamente (oder Kriseninterventionen, oder Psychiatertermine, oder Therapie, oder Symptome, oder…) sein werde. Die psychischen Probleme gehören mit allem Drum und Dran so sehr zu meinem Leben, dass ich mir einfach nicht vorstellen kann, dass das alles mal ganz weg sein könnte. Ich gehe davon aus, dass ich immer in psychiatrischer Behandlung sein werde – zwar irgendwann weniger intensiv als momentan und mit schwächerer Symptomatik, aber eben nie ganz gesund.

Ich weiß nicht, ob ich zu pessimistisch bin oder Ambulanzpsychiater zu optimistisch ist… Eigentlich sollte es mich doch auch ermutigen und hoffnungsvoll stimmen, dass er so selbstverständlich davon ausgeht, dass ich irgendwann komplett ohne Medikamente zurechtkommen werde. Tut es aber nicht. Es ist irritierend – und macht Angst.

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wohin, was tun, und überhaupt und sowieso

Heute ist wieder so ein Tag, an dem ich einfach nicht weiß, wohin mit mir. Es scheint keinen Ort zu geben, an dem es erträglich ist, zu sein. Egal, wohin ich gehe, ich halte es nirgendwo aus. Halte es mit mir nicht aus.

Die Zukunftsängste sind so überwältigend. Ich weiß nicht, wohin mein Weg gehen soll. Wohin ich will. Was ich will. Und wen ich auch frage – die Antworten sind so verschieden, die Ratschläge so verwirrend und widersprüchlich.

Die Chefin sagt, ich solle bei ihr promovieren. Oder wenn nicht bei ihr, dann anderswo. Aber auf jeden Fall promovieren.

Freunde sagen, dass Promotion bei meinen Berufsvorstellungen eher nicht so empfehlenswert ist (eigentlich überhaupt nicht zu empfehlen).

Das trotzige Ich, das der Welt beweisen will, dass es etwas kann und stark ist und kein Versager, will unbedingt promovieren.

Das rationale Ich will lieber einen Job suchen.

Das ängstliche Ich will am besten gar nichts tun, weil ja sowieso überall unüberwindbare Hürden sind.

Die Frau Therapeutin rät mir zur Promotion, auf jeden Fall aber in Uni-Stadt bleiben, noch ein paar Jahre, bis die Therapie weit genug fortgeschritten ist und mir ein Ortswechsel nicht wieder völlig den Boden unter den Füßen wegziehen würde.

Das trotzige Ich will lieber sofort umziehen, um zu beweisen, dass das sehr wohl auch jetzt schon geht.

Das ängstliche Ich bekommt schon allein beim Gedanken, irgendwann mal umzuziehen, Todespanik.

Gute Freundin will umzuziehen, am besten mit mir zusammen, gerne auch erst in zwei, drei Jahren, irgendwo Richtung Bodensee oder ans Meer.

Ambulanzpsychiater scheint einfach davon auszugehen, dass ich nach dem Master selbstverständlich auch promovieren werde.

Ich hätte nicht gedacht, dass allein die Aussicht auf das Studienende schon so viel Angst und Chaos in mir auslösen würde. Ich dachte, wenn es wirklich so weit ist – exmatrikuliert, Zeugnis in der Hand – dann wird es schwierig werden. Aber schon Monate zuvor? Ich dachte, die Monate bis zum endgültigen Ende würden noch okay werden.

Ich frage mich, ob das jetzt die ganzen nächsten Monate so bleiben wird? Monatelang Zukunftsangst, monatelang Heulattacken und Überforderung. Und was wird dann erst passieren, wenn es wirklich so weit ist? Es ist doch jetzt schon kaum mehr auszuhalten! Wie wird’s mir dann erst in ein paar Monaten gehen, wenn ich das Abschlusszeugnis in der Hand halte?

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nichts Neues

Was es denn so Neues gebe, fragt Mama mich am Telefon. Ich erzähle ihr vom Studium. Von der letzten Vorlesung, dem letzten Seminar, der letzten Klausur. Davon, dass das Studium so langsam zu Ende geht.

„Hm. Hier gibt’s auch nicht viel Neues“, meint sie, als ich fertig erzählt habe.

Nicht viel Neues? Das Ende vom Studium ist nicht viel Neues?? Hast du mir überhaupt zugehört, Mama? Mein Studium geht dem Ende entgegen. Bald beginnt ein neuer Lebensabschnitt. So vieles wird sich ändern. So viele offene Fragen sind zu klären. Und das ist für dich nicht viel Neues?

Okay. Danke. Dann weiß ich jetzt wenigstens, bei wem ich mich nicht wegen meinen Zukunftsängsten ausheulen kann.

Wie gut, dass ich Freunde habe, die mehr Verständnis für meine Sorgen und Ängste habe, und die mir zuhören und meine Hand halten und mich in den Arm nehmen und mir Mut zusprechen und die da sind, wenn ich Angst habe und Halt brauche.

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die letzten…

Und dann ist es endlich so weit und ich weiß gerade nicht, was ich fühle. Ob ich mich freue und stolz bin, oder ob ich traurig bin, oder ob ich einfach nur Angst habe. Oder eine Mischung aus allem? Nein. Ich habe Angst. Ich habe ganz fürchterlich Angst.

Um 10 Uhr ging die letzte Vorlesung zu Ende. Um 14 Uhr das letzte Seminar. Nicht die letzten für dieses Semester – nein, die letzten in meinem gesamten Studium. Das letzte Mal im Hörsaal sitzen, das letzte Mal nach versteckten Hinweisen für die Klausur-Fragen Ausschau halten, das letzte Mal mit Kommilitonen über den Prof lästern, das letzte Mal Seminaraufgaben diskutieren, das letzte Mal auf die Uhr schauen und die Minuten bis zum Ende der Stunde zählen.

Es ist ein seltsames Gefühl. Das Studium ist so sehr Bestandteil meines Lebens geworden. Die Atmosphäre an der Uni, die Vorlesungen, Seminare, Hörsäle, Studentengeschichten. Das Student-Sein.

Noch eine Klausur bleibt zu bewältigen, dann liegt auch das hinter mir. Der Lernstress, das Wälzen von Mitschrieben und Skripten und Büchern. Das Lernen bis spät in die Nacht an der Uni.

Die Masterarbeit ist im Grunde der Eintritt ins Berufsleben. Keine Vorlesungen, keine Seminare. Einfach arbeiten, forschen, im Labor sein, Tag für Tag, Woche für Woche. So wird die Zukunft aussehen, die nächsten Jahre und Jahrzehnte (ohgottohgottohgott) meines Lebens.

Etwas endet, und etwas Neues beginnt. Ich habe Angst. Einfach nur Angst. Und ich mag gerade nichts Positives hören dazu, kein Lob, keine Anerkennung, keine Glückwünsche. Ich habe Angst und ich mag weglaufen und mir ist nach heulen zumute.

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Behandlungsplanung

Was mir Dr. H. von der Fallbesprechung erzählt hat, klang eigentlich ziemlich gut. Er hat meinen Fall vorgestellt, aber ohne irgendwelche Trauma-Details, worüber ich wirklich froh bin, weil das muss nicht jeder wissen. Er hat meinen bisherigen Lebenlauf geschildert und die aktuelle Situation – Behandlung, nahendes Behandlungsende bei ihm, Studium, Leben im Allgemeinen blabla.

Diskussionsschwerpunkt schien zu sein, wie man mir weiterhin helfen kann. Dass es nicht gut wäre, die Therapie jetzt zu beenden, ist klar. Die Ärzte sind der Meinung, dass ich noch längere Zeit Therapie brauchen werde… Eine der Klinik-Psychologinnen wird mich ab Oktober weiterbehandeln, wer ist noch nicht ganz klar. Zwei Psychologinnen stehen zur Auswahl, beide mit reichlich Erfahrung. Ich kenne beide nicht und bin neugierig und ängstlich zugleich…

Jedenfalls werde ich quasi nahtlos von Dr. H. zu einer der Psychologinnen wechseln können, ohne irgendwo monatelang auf ’ner Warteliste zu stehen. Und es wird auf jeden Fall eine Psychologin von der Klinik sein, was die Kommunikation und Absprachen mit den Ärzten deutlich einfacher macht, als wenn ich bei einem externen Therapeuten wäre.

Ambulanzpsychiater wird weiterhin für die medikamentöse Behandlung zuständig sein, und bei ihm kann ich notfalls auch kurzfristig Termine bekommen, wenn’s arg kriselt. Wie lange er noch an der Klinik ist, wusste Dr. H. nicht so genau, aber ein Jahr auf jeden Fall noch. Also kann ich das erstmal als „stabil“ ansehen und muss nicht fürchten, dass auch er bald weg ist und ich wieder ’nen neuen Arzt brauche.

In puncto Medikamenten soll es bei „Minimaltherapie“ bleiben. Antidepressivum über längere Zeit, bei Bedarf zusätzlich was zum Schlafen oder Beruhigen. Nicht wie früher zig Medikamente gleichzeitig. Lieber wenig, aber das dann dauerhaft.

Nicht ganz geklärt, aber für sinnvoll und machbar gehalten wurde die Möglichkeit, dass ich auch regelmäßig eine der Sozialarbeiterinnen sehen könnte. Oft sind es bei mir die alltäglichen Probleme, die mich wahnsinnig stressen und Krisen auslösen. Die Sozialarbeiterinnen wären da eine gute Hilfe, denkt Dr. H. Sie könnten mir bei den ganzen kleineren und größeren Alltagskatastrophen unter die Arme greifen. Ob das klappt, muss Dr. H. aber noch klären.

Über die Notwendigkeit von Traumatherapie wurde auch diskutiert. Meinung der Ärzte: lieber noch eine Weile Stabilisierung machen, damit ich mein Studium abschließen kann. Danach kann man event. in Erwägung ziehen, das Trauma anzugehen. Aber erstmal stabilisieren, stabilisieren und nochmal stabilisieren.

Überhaupt schienen sich die Ärzte ziemlich einig darin zu sein, dass es am Wichtigsten ist, mich zu stabilisieren und meinen normalen Alltag zu erhalten. Also: regelmäßige ambulante Termine, Kriseninterventionen möglichst auch ambulant, und stationäre Aufenthalte so kurz wie möglich. Dr. H. hat mir auch mehrfach versichert, dass der Oberarzt der Akutstation das absolut genauso sieht und mich auf keinen Fall „einsperren“ wird. Heißt ich kann mich weiterhin auch nur für eine Nacht aufnehmen lassen, dort schlafen und am nächsten Morgen zur Uni gehen, und muss nicht fürchten, dass er mich dort festhält…

Insgesamt finde ich das Ergebnis ziemlich gut. Regelmäßige Kontakte ohne ständige Wechsel der Bezugsperson, unterstützen, stabilisieren, in Notfällen da sein. Dr. H. geht weg, was doof ist, aber eine der Psychologinnen wird mich übernehmen. Ambulanzpsychiater bleibt, Oberarzt weiß jetzt gut über mich Bescheid, Assistenzärzte auch. Sozialarbeiter als weitere Hilfe möglich. Passt doch 🙂

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