eisblau&honigsüß

Studiumabbruch: Wie sage ich es meinen Eltern?

Das Studium ist jetzt definitiv abgebrochen. Meine Betreuer von der Masterarbeit wissen von meiner Entscheidung, es gibt keinen Weg zurück. Es ist zu Ende.

Ich habe noch immer keine klare Vorstellung davon, wie es für mich weitergehen könnte. Ich habe viel darüber gesprochen, mit meinen Freunden und auch mit meinen Ärzten. Es gibt viele Möglichkeiten.

Momentan tendiere ich dazu, mich erstmal auf meine (psychische) Gesundheit zu konzentrieren. Stationäre Therapie in einer Fachklinik. Die Ärzte haben das schon seit Jahren immer wieder vorgeschlagen. Ich habe es immer abgewehrt. Ich war nicht bereit dazu, es passte nicht in meinen Plan, ich wollte erst das Studium abschließen. Blabla. Im Grunde ist das Studium an der Psycho-Problematik gescheitert. Ich glaube, es macht keinen Sinn, mir jetzt sofort einen Job zu suchen. Da würde ich wieder auf die gleichen Probleme treffen und wieder scheitern.

Für mich ist also mehr oder weniger klar, dass ich nach dem Abbruch des Studiums erstmal eine stationäre Therapie machen werde… und danach sehe ich weiter…

Meine Eltern wissen noch gar nichts davon. Weder vom Abbruch des Studiums noch von meiner Absicht, mich in einer Fachklinik behandeln zu lassen. Ich weiß einfach nicht, wie ich es ihnen sagen soll. Sie gehen davon aus, dass es mir ganz gut geht, ich das Studium so gut wie abgeschlossen habe, bald arbeiten werde.

Wie soll ich ihnen sagen, dass das alles nur eine Illusion ist? Mir geht es nicht gut. Ich bin krank, nach wie vor – damals, das war nicht nur eine „schwierige Phase in der Pubertät“… Meine Psyche ist krank und ich bin noch immer in Behandlung, bin oft in der Psychiatrie, weil ich einfach nicht klarkomme. Am Studium bin ich gescheitert. Arbeiten ist momentan nicht möglich, es ist ein ferner Traum.

Ich will meine Eltern nicht enttäuschen. Ich will nicht, dass sie enttäuscht von mir sind. Oder sich vielleicht sogar Sorgen machen.

Ich weiß nicht, wie ich ihnen schonend beibringen soll, dass mein Leben so gar nicht so ist, wie denken?!

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… und wie läuft’s mit dem Studium?

Davor hatte ich schon lange Angst: vor der Frage meiner Eltern, wie es denn mit dem Studium läuft, wann ich (endlich) fertig bin.

War klar, dass sie irgendwann fragen würden. Irgendwann, das war dann gestern.

Eine wirkliche Antwort habe ich nicht gegeben. Das betretene Schweigen hat mehr als genug gesagt.

Und nun? Gibt’s ein Nachspiel?

Ich bin versucht, eine Mail an meine Eltern zu schreiben. Zu erzählen, wie es wirklich ist. Dass die Telefonate nur Show sind, mehr Schein als Sein, die glückliche, zufriedene Tochter nicht existiert. Reinen Tisch machen, Die Wahrheit darauf ausbreiten: Abbruch der ersten Masterarbeit, erfolglose Suche nach einer neuen Stelle, erschwert durch die wiederaufgeflammte Depression, die Lebensmüdigkeit, die notwendigen Psychiatrieaufenthalte, die z.T. wieder massiven Selbstverletzungen, die chirurgische Behandlungen nach sich ziehen. Die vielen anderen Probleme, die ich habe und nicht zu lösen vermag.

Wäre ich dann noch ihre Tochter?

Ich denke, es würde unser ohnehin schon schwieriges Verhältnis nur noch komplizierter machen. Aber die Sehnsucht ist so groß, das kleine Mädchen weint so sehr, will Mama und Papa alles sagen und dann getröstet werden und alles wird gut. Das kleine Mädchen ist naiv, hat es in all den Jahren nicht gelernt. Will es nicht lernen, vielleicht kann es nicht lernen, ich weiß es nicht. Was es sich da erträumt, ist genau das: eine Träumerei. Nur eine Träumerei eines kleines Mädchens von einer liebenden Familie und unterstützenden Eltern.

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versagt

Ich schweige einen Moment. „Ich habe versagt!“, flüstere ich dann, mit hochrotem, gesenktem Kopf.

Denn das ist, was ich fühle: Ich habe versagt. Ich habe es nicht geschafft. Ich bin gescheitert. Ich bekomme sowieso schon nicht viel auf die Reihe, momentan. Und jetzt bekomme ich nicht einmal die Selbstverletzung hin. Wie schwach. Wie erbärmlich. Ich möchte sterben vor Scham, ich möchte im Erdboden versinken.

Es stand doch schon alles fest. Frau Ärztin wusste es, Herr Ambulanzpsychiater, Dr. H. Sie alle wussten, dass ich es einfach nicht mehr aushalte und mich so so so sehr nach Ruhe und Entspannung sehne. Dass ich mich tief schneiden und dann zum Nähen gehen werde. Weil ich nur dort diese tiefe Ruhe und Entspannung finden kann, nach der ich mich so sehne. Sie waren nicht begeistert von diesem Plan, haben aber auch nicht krampfhaft versucht, es mir auszureden. Sie haben es (akzeptiert? hingenommen?).

Die letzten Tage ging es mir recht gut. Wenig angespannt. Wenig Schneidedruck. Weil ja feststand, dass ich es Donnerstag Nachmittag machen werde, mit allem drum und dran, mit Chirurgie.

Und dann? Habe ich versagt. Die Ärztin war über diese Wortwahl schockiert. Aber so ist es, wie ich fühle. Ich habe versagt. Ich habe versagt. Ich habe die Rasierklinge in der Hand gehalten. Minuten. Stunden. Auf die Haut gedrückt und wieder zurückgezogen. Minuten. Stunden.

Ich habe keinen einzigen Schnitt zustande gebracht. Keinen einzigen! Nicht einmal einen Kratzer habe ich hinbekommen. Von tiefen Schnitten ganz zu schweigen. Ich habe es einfach nicht gekonnt, mir die Klinge ins Fleisch zu rammen. Es ging nicht. Ich konnte nicht. Ich konnte nicht, konnte nicht, konnte nicht.

Die Ärzte sind froh, dass nichts passiert ist. Ich bin überhaupt nicht froh. Ich schäme mich für mein Versagen. Nicht einmal schneiden kann ich mehr! Wie erbärmlich. Wie peinlich.

Und habe ich nicht gesagt, dass ich Donnerstag zum Nähen gehen will und werde? Ja, habe ich gesagt. Fast schon ein Versprechen. Das ich nicht halten konnte. Weil ich zu schwach bin. Zu gehemmt. Asche auf mein Haupt, bitte, tonnenweise Asche auf mein Haupt.

Wie ich mich nun fühle? Durcheinander.

Einerseits bin ich froh, dass ich nicht geschnitten habe. Es hätte mich unweigerlich in den altvertrauten Schneiden-Nähen-Sucht-Kreislauf zurückgeworfen. Und dorthin will ich nie nie wieder.

Andererseits schäme ich mich zutiefst. Ich habe doch gesagt, dass ich schneiden werde. Es war fast wie ein Versprechen. Ich habe das Versprechen gebrochen. Ich habe es nicht getan. Ich habe versagt.

Und ich habe Angst. Ja, ich habe große Angst. Was hat mir die letzten Tage denn wirklich geholfen, nicht durchzudrehen? Die Aussicht auf die Ruhe, die ich durch das Nähen bekommen werde. Meine ultimative Entspannungstechnik, wenn alles andere nicht hilft. Und nun? Muss ich feststellen, dass dieser Notnagel nicht so zuverlässig zur Verfügung steht, wie ich glaubte. Ich kann das einfach nicht mehr – tief schneiden, geplant, gezielt. Es ist keine absoluter-Notfall-Strategie mehr. Ich kann mich nicht mehr darauf verlassen, dass ich mich gegebenenfalls durch Nähen runterholen lassen kann. Weil ich es nicht mehr so ohne weiteres schaffe, tief genug zu schneiden.

Wie geht man mit sowas um? Mit der Angst, notfalls eben nicht auf Selbstverletzung zurückgreifen zu können? Und dem Gefühl, absolut versagt zu haben, wenn man eine geplante schlimme Verletzung nicht hinbekommen hat?

Kann ich Dr. H. jetzt noch unter die Augen treten? Und dem Herrn Ambulanzpsychiater?

Ich möchte sterben vor Scham.

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Leistungen und Versagen

Dass ich stark sei, sagen viele. Ich verstehe es nicht. Stark? Ich?!? Wohl kaum. Ich versage an allen Ecken und Enden. Was ist daran stark?

Ich sehe immer nur Menschen, die alles viel besser hinbekommen als ich. Aktuell natürlich vor allem meine Kommilitonen. Warum bekommen die alle ihr Studium so mühelos organisiert?? Ich muss zu dumm für die Uni sein. Oder zu schwach. Oder was auch immer. Fakt ist: Die erste Woche ist fast vorbei und ich blicke auf mehr Fragezeichen als geklärte Probleme. Während andere sich entspannt zurücklehnen, mit fertigem Stundenplan, Platz für die Masterarbeit und sowieso und überhaupt… Blicke ich auf meinen provisorischen Plan und weiß noch immer nicht, welche Veranstaltungen ich besuchen muss/kann/darf/soll, geschweige denn, dass ich mich mal um einen Platz für meine Masterarbeit gekümmert hätte.

Ich zweifel an mir selbst, wenn ich sehe, wie toll die anderen alles hinbekommen. Und ich… ja, ich. Ich versage. Immer. Bei allem. Überall.

Klar, man könnte sagen, dass ich – im Gegensatz zu meinen Kommilitonen – auch noch so manches andere bewältigen muss. Während die sich voll und ganz auf die Uni konzentrieren können, muss ich in erster Linie darauf achten, überhaupt am Leben zu bleiben. Andere sehen das nicht – natürlich nicht, weil ich verdammt erfolgreich „am Leben bleibe“. Aber in Wirklichkeit frisst das bloße Überleben schon einen Großteil meiner Energie. Und mit dem Rest, der bleibt, muss ich alles andere hinbekommen – Studium, Haushalt, Freunde, Hobbies, Therapie…

Meine kranke Psyche ist wie ein energiefressendes Monster. Ich stopfe Holz und Kohlen in seinen Rachen, damit die Flamme nicht erlischt, und mit den paar Holz- und Kohlestückchen, die ich retten kann, beheize ich alles andere. Die Menschen, mit denen ich mich so gerne vergleiche, können ihre ganzen Brennmaterialien in „alles andere“ stecken. Die haben viel mehr Ressourcen dafür zur Verfügung.

Aber das sehe ich so natürlich nicht. Warum auch? Wenn ich mich später für einen Job bewerben werde, zählen auch nur die Uni-Leistungen. Niemand wird mir anrechnen, dass ich am Leben geblieben bin. Überleben ist in unserer Gesellschaft keine Leistung. Es ist eine Selbstverständlichkeit. Vermutlich ist es das für die meisten Menschen auch wirklich – zum Glück…

Trotzdem – ich bin nunmal in dieser Gesellschaft groß geworden. Ich habe ihre Werte gelernt, von Klein auf. Auch für mich ist pures „Überleben“ nichts wert. Meine Leistung messe ich in Prüfungsnoten, im Vergleich mit Kommilitonen, in dem, was mir in den Augen „der Gesellschaft“ an Leistung anerkannt wird.

Und „Überleben“ ist nunmal keine Leistung. Folglich zählt das für mich nicht. Sehr wohl zählt aber, dass ich ’nen Therapeuten brauche, Psychopharmaka schlucke und mein Studium nicht annähernd so gut geregelt bekomme wie meine Kommilitonen.

Vielleicht bin ich mit „Psycho-Augen“ stark. Aber in den Augen der meisten anderen Menschen bin ich einfach nur eine erbärmliche Versagerin.

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kämpfen und versagen

Kein bisschen Motivation mehr gegen das Schneiden anzukämpfen. Ich versage sowieso, und Versagen fühlt sich doof an. Also lasse ich es lieber gleich bleiben, das sinnlose Kämpfen.

Wie in Granit gehauen stehen meine „Termine“ fest. Wann ich schneide, wo und wie tief, ob ich danach in die Chirurgie gehe oder nicht. Der Kopf produziert die Termine automatisch, ohne mich vorher zu fragen.

In die Psych mag ich nicht gehen. Sonntag war das Gespräch wirklich gut. Da hatte ich doch ein bisschen Hoffnung und Motivation geschöpft. Montag wieder zerplatzt wie eine Seifenblase. Wozu soll ich da hin gehen, wenn ich doch nur im Stich gelassen werde?

Sicher, es sind nicht alle Ärzte so. Manche geben sich wirklich große Mühe. Andere nicht. Und auch wenn die, die mich hängen lassen, in der Minderheit sind: es genügt, dass ich mich nicht wirklich auf die Ärzte verlassen und ihnen vertrauen kann. Wie sollte ich das denn auch, wenn ich doch vorher nie weiß, wer gerade Dienst hat, einer von den guten oder einer von den schlechten.

Zwischen T. und mir herrscht Funkstille. Ist mir eigentlich ganz recht so. Ich mag ihn gerade wirklich nicht sehen. Er lässt mich ja auch nur im Regen stehen.

Irgendwie ist das das Schöne an der Chirurgie: Wenn ich mit einer klaffenden Wunde dort auftauche, werde ich auch ganz sicher behandelt. Keine Psychiater, die mich mit meinen Gefühlen alleine lassen, keine Freunde, die Besseres zu tun haben. Ich schneide und habe damit eine Garantie, beachtet zu werden.

Aber seit die Chirurgen angefangen haben, rumzuzicken, mag ich da gar nicht mehr so wirklich hin. Ein bisschen Gespräch, ein paar Fragen – okay. Aber gleich Oberarzt dazuholen, rumdiskutieren, blablabla – nee danke. Sollen die Verletzungen in Zukunft lieber selbst heilen. Keine Lust auf das ärztliche Rumgezicke.

Chirurgie frisst eh immer so viel Zeit. Ohne Chirurgie bleibt mir vielleicht auch mal wieder ein bisschen Zeit zum Leben…

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