eisblau&honigsüß

2013

  • den alten Blog aufgegeben
  • einen neuen begonnen
  • fast alle Pflichtveranstaltungen des Master-Studiums absolviert – mit Erfolg
  • die Masterarbeit begonnen
  • meinen Ex-Freund endgültig als Idioten abgestempelt
  • das geschuldete Geld von ihm zurückerkämpft
  • auf die ambulante Therapie eingelassen
  • nach vielen Fehlversuchen endlich eine passende Medikation für mich gefunden
  • Dr. H. nachgeweint
  • Sternschnuppen gesehen
  • in Eisnebel getanzt
  • nur dreimal in die Chirurgie gemusst
  • drei stationäre Kriseninterventionen in der Psychiatrie
  • kein einziger Aufenthalt in der Inneren
  • Täterkontakt gehabt
  • an jedem Tag mindestens drei lebenswerte Dinge gefunden
  • ein neues Laptop gekauft
  • mich noch immer nicht von meinem uralten Handy getrennt
  • die Fotografie aufgegeben
  • „Substanzen“ genommen, abhängig geworden, Entzug durchgestanden
  • neue Freundschaften geschlossen
  • eine gute Freundin durch Suizid verloren
  • oft selber an Suizid gedacht
  • am Leben geblieben
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ent-schuldigen

„Na, wie war das Wochenende?“, fragt sie mich, und meine mühsam aufrechterhaltene Fassade bricht wieder zusammen und ich lehne gegen den Aktenschrank und weine und weine. „Ach je“, murmelt die Chefin und nimmt mich in den Arm.

„Ich fühl mich so schuldig… denke, ich hätte es verhindern können… wenn ich dagewesen wäre für sie… mehr dagewesen… „, schluchze ich.

„Sie hatte Kinder, nicht wahr? Kinder sind der stärkste Halt für eine Mutter. Viel stärker als Freunde. Wenn ihre Kinder ihr nicht mehr genug Grund zum Leben gewesen sind, konntest du auch nichts mehr machen. Wenn der stärkste Halt nicht ausreichend ist, genügt gar nichts mehr.“

Und irgendwie… irgendwie entlasten mich die Worte meiner Chefin viel mehr als all die Gespräche mit Therapeutin, Ärzten und Pflegern.

Ich hätte mehr für sie da sein können, ja. Aber geändert hätte das auch nichts. Sie hat sich für diesen Weg entschieden und daran hätte nichts und niemand mehr etwas ändern können.

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nur-eine-Nacht

Als ich die Straße entlang gehe, ist der Impuls, mich einfach vor das nächstbeste Auto zu werfen so groß, dass ich Angst bekomme. Den Weg zu meiner Wohnung schaffe ich noch gerade so, mühsam zwingend, die Füße auf dem Gehweg zu lassen, Schritt für Schritt, und nicht auf die Straße zu springen.

Zum Packen brauche ich nicht viel Zeit. Die nur-über-Nacht-Aufenthalte sind mir inzwischen nur allzu gut vertraut. Ein paar wenige Dinge brauche ich, die locker in meiner Handtasche verstaut werden können.

Der Weg zur Klinik wieder ein kräfteraubender Kampf gegen den Impuls, auf die Straße zu springen und zu hoffen, bei einem tödlichen Unfall ein Ende der Seelenschmerzen zu finden. (Und bitte, jetzt keine Diskussionen darüber, was man dem unschuldigen Autofahrer damit antäte. Diese Diskussion hat hier gerade nichts verloren.)

In der Klinik muss ich nicht viel sagen. Der Pfleger, der mich hineinlässt, weiß was los ist. Er weiß von C. und er weiß von unserer Freundschaft. Ambulanzpsychiater hat Dienst, auch ihm muss nicht viel gesagt werden. Er nimmt mich auf, nur für die Nacht, weil ich am nächsten Tag ins Labor muss will. Sagt, wir können das auch in den nächsten Tagen so machen, wenn es mir hilft, die Nächte in der Klinik zu sein.

Ich bekomme Bedarfsmedis und finde trotzdem keine Ruhe. Bekomme Schlafmedis und wandere trotzdem den Flur auf und ab. Gespräche mit den Pflegern. Ein bisschen tun sie mir gut. Wirklich verstanden fühle ich mich trotzdem nicht. Sie können nicht nachvollziehen, warum ich mich so schuldig fühle an C.s Tod. Wie sollten sie auch – sie kennen nicht die ganze Geschichte. (Ihr Leser auch nicht.) Trotzdem tut es gut zu reden, nicht allein zu sein mit dem Schmerz und der Trauer.

Ich nehme die maximale Menge an Bedarfsmedis, die der Ambulanzpsychiater mir eingetragen hat. Falle irgendwann in einen unruhigen Schlaf. Träume wirr und schlimm. Wache immer wieder auf.

Am Morgen fühle ich mich total kaputt. Frühstücken tue ich nicht – ich esse seit Tagen kaum etwas. Ich spreche noch einmal kurz mit dem Psychiater. Bekräftige, dass ich wirklich gehen möchte. Er entlässt mich. Betont noch einmal, dass ich jederzeit wiederkommen darf.

Jetzt sitze ich in der Uni. Trinke den vierten Becher Kaffee und versuche, den Medikamentennebel in meinem Kopf zu lichten. Noch ein fünfter Becher Kaffee, dann werde ich ins Labor gehen. Ich hoffe, der Tag wird nicht allzu lang werden. Ich möchte eigentlich nur die Untersuchung machen, die zu machen ich am Freitag versprochen habe. Und dann möchte ich wieder gehen. Nach Hause oder in die Klinik oder wohin auch immer.

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nie wieder

Immer wieder sehe ich nach, ob nicht doch eine Mail von C. gekommen ist. Oder eine SMS. Beim Einkaufen ertappe ich mich dabei, wie ich überlege, was wir für den Silvesterabend brauchen könnten. Und dass wir doch mal wieder einen Kaffee trinken können, wenn ich gerade an unserem Stamm-Café vorbeigehe. In der Klinik halte ich Ausschau nach ihr – vielleicht hat sie ja auch gerade jetzt einen Termin, oder ist stationär.

Jedes Mal ist die Realität ein Schlag ins Gesicht. Es wird nie wieder eine Email von ihr kommen, und nie wieder wird mich mein Handy piepsend auf eine SMS von ihr aufmerksam machen. Silvester werde ich nicht mit ihr feiern – dieses Jahr nicht und auch sonst niemals mehr. Es wird keine Besuche im Stamm-Café mehr geben und keine zufälligen Begegnungen in der Klinik.

Der Kopf hat sich noch nicht an diese neue Tatsache gewöhnt. Sich nicht damit abgefunden. Immer wieder denke ich an sie, als ob sie noch lebt und nur eine Weile weg ist. Die Entgültigkeit ihres Todes ist noch nicht so ganz bei mir angekommen. Dieses „nie wieder“ ist zu viel, zu unglaublich, zu unfassbar.

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Heute ein ganz normaler Tag. So normal, wie er unter den gegeben Umständen eben sein kann. Bibliotheksbesuch, Einkäufe, Haushalt, Verabredungen für morgen treffen, Emails schreiben. Trauer bricht immer wieder mal durch, aber das ist okay. Es ist gerade einmal eine Woche her. Da darf es noch weh tun.

Morgen Treffen mit einer Freundin. Am Abend Theateraufführung einer anderen Freundin, zu der ich eingeladen bin und auch hingehen werde.

Montag wieder arbeiten. Anfrage einer Klinik, ob wir Diagnostik machen können, ja, sie wissen, dass das zwischen den Jahren immer schwierig ist, mit Urlauben und so, aber es wäre wirklich wichtig… Chefin hat mich gefragt, ob das okay für mich wäre, ich habe zugestimmt. Lieber sinnvolle Laborarbeit erledigen als zu Hause sitzen und Trübsal blasen. Ach, und Montag eventuell wieder zum Ambulanzpsychiater.

Dienstag. Ja, Dienstag blende ich in Gedanken noch völlig aus. Eigentlich wollte ich mit C. zusammen sein. Lecker essen, plaudern, lachen, Feuerwerk schauen, das neue Jahr begrüßen. Einen Alternativplan gab es nicht, weil doch alles schon feststand. Nun weiß ich nicht so recht, was ich machen soll. Vielleicht einfach die Ohren zustöpseln, Schlafmedis nehmen und den Jahreswechsel verpennen. Und dann am Neujahrsmorgen einen langen Spaziergang machen, während die meisten anderen Menschen noch ihren Rausch ausschlafen und die Welt ganz ruhig ist.

Irgendwie muss es ja weitergehen, nicht wahr?

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