eisblau&honigsüß

überfordert und allein

Ich fühle mich komplett überfordert und vor allem so unglaublich allein gelassen. Das Leben stellt Forderungen, denen ich mich nicht gewachsen fühle. Über viele Dinge spreche ich auch nicht – über viele Dinge kann ich nicht sprechen.

Vielleicht gibt es Menschen in meinem Leben, die mir zuhören und helfen würden. Ziemlich sicher sogar gibt es diese Menschen. Aber was bringt mir das, wenn ich nicht sprechen kann?

Zum Schweigen erzogen. Familiäres „Wir haben keine Probleme, alles ist super!“ Anerzogenes Fassadenleben.

Zum Schweigen verdammt. Täterumfeld. „Wenn du irgendjemandem davon erzählst, dann…!“ Schmerz. Ja, danke, ich hab’s verstanden: Klappe halten ist besser.

Ich möchte reden, aber kann es nicht. Über viele Dinge kann ich nicht einmal schreiben. Nicht hier, und auch nicht in unveröffentlichten Texten für mich selbst.

Manche Dinge zensiert mein Kopf schon beim bloßen Daran-Denken.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass das niemand versteht. Niemand verstehen kann. Oder niemand verstehen will. Keine Ahnung.

Ich müsse nur über meinen Schatten springen, mich trauen, einfach reden. Sagen manche. Ärzte und so.

Im Grunde liegt die Schuld also bei mir: Ich will einfach nicht reden. Ich versuche es nicht mal. Ich strenge mich nicht genug an. Ich könne reden. Nichts hindere mich daran.

Klar.

Ich müsste nur wollen und dann wäre ich glücklich und lebensfroh.

Ich müsste nur wollen, dann wäre ich gesund.

Klar doch.

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L-Thyroxin

Seit der Herr Ambulanzpsychiater festgestellt hat, dass ich eine Schilddrüsenunterfunktion durch Hashimoto habe, bekomme ich L-Thyroxin.

Ich weiß nicht, was ich davon halten soll.

Erstmal sollte ich nur eine niedrige Dosis nehmen. Davon würde ich erstmal gar nichts merken, hieß es. Das ganze System sei sehr träge, Effekte zeigen sich erst nach Wochen.

Schon nach der ersten Tablette habe ich eine Veränderung gespürt. Vielleicht Placebo, das sei mal dahingestellt.

Psychisch ging es mir mit dem L-Thyroxin viel viel besser. Ehrlich – es half mehr als alle Antidepressiva, die ich bislang ausprobiert habe.

Leider haut es auch körperlich ziemlich rein. Überfunktion wie aus dem Lehrbuch.

Es kann eigentlich nicht sein. Das System ist viel zu träge und viel zu starr. Man kann doch nicht durch die Einnahme einer Minimaldosis so krasse Effekte spüren?! Das sagte ich auch zu meinem Arzt. Er erinnerte mich nur daran, dass ich ja auch auf andere Medikamente meistens sehr empfindlich reagiere. Eine niedrige Dosis eines angeblich gut verträglichen Medikamentes – und ich fühle mich, als ob ich vergiftet worden wäre und jeden Moment sterbe…

Mein Körper ist extrem empfindlich. Meint er. Naja.

Also noch weiter runter mit der Dosis. In der Hoffnung, dass es mir dadurch auch besser geht und es der Körper verkraften kann.

Seltsam, irgendwie. Der Körper reagiert so oft so extrem empfindlich auf Medikamente. Niedrigste Dosis und der Körper tut, als ob er vergiftet wird… Und andererseits hat er so viele Verletzungen und Vergiftungen dann doch ausgehalten.

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Freunde… Treffen… so gut…

Ich glaube, das war jetzt das erste Mal, dass ich eine Freundin kontaktiert und um ein Treffen gebeten habe, weil es mir nicht gut geht und ich jemandem zum Reden brauchte. Sowas habe ich noch nie gemacht. Im Grunde habe ich selbst bei meinen besten Freunden immer die Fassade gewahrt. „Ach ja, mir gehts nicht so gut. Aber egal. Wie gehts dir???“

Bloß von mir selbst ablenken. Nicht zu viel über mich reden. Nicht preisgeben, was mich bewegt.

Ich bin froh, dass ich mich mit E. getroffen habe. Dass ich sagen konnte, dass es gerade ganz und gar nicht gut ist und ich reden muss. Dass ich dann auch geredet habe.

Natürlich ändert es nichts daran, dass ich eine verdammte Autoimmunerkrankung habe. Diese Störung ist da. Egal, wie viel und mit wem ich rede.

Aber es tat gut, darüber zu reden. Mit einer Freundin, nicht mit Ärzten. Ich will nicht hören, was diese Problematik medizinisch gesehen für mich bedeutet. Das weiß ich auch so.

Ich will nur darüber reden. Einfach nur reden. Über meine Gedanken dazu, meine Gefühle, meine Ängste. Und vielleicht auch über die Chancen, die mir die Diagnose bringt.

Kein medizinisches Blabla. Keine Werte diskutieren. Keine Ängste kleinreden.

Nur darüber reden, dass es eben so ist. Dass es doof und unfair ist. Dass es aber auch nicht nur tiefdunkelschwarz ist. Ohne krampfhaften Optimismus, ohne Schönreden. Nur darüber sprechen, wie es eben ist.

Ich bin froh, dass ich E. gefragt habe, ob sie kurzfristig Zeit hat. Dass wir uns getroffen haben. Wenn es auch nur kurz war, mit Blick auf die Uhr, bis sie wieder zur Arbeit musste. Sie hat ihre Mittagspause für mich geopfert. Für mich!

Ein kurzes Treffen, dass mir doch so gut getan hat. So verdammt gut.

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damals

Damals war ich 11 Jahre alt. Mein Bruder war vor wenigen Monaten gestorben. Jetzt sollte Mama ins Krankenhaus und operiert werden.

Ich wusste, dass es Mama schon einige Zeit nicht gut ging. Seelisch, natürlich, aber auch körperlich. Sie war mehrfach beim Arzt gewesen. Irgendwas mit der Schilddrüse war nicht in Ordnung.

Was die Schilddrüse sein soll, wusste ich nicht. Irgendein Organ. Keine Ahnung, wozu man das braucht oder was es tut. Aber dass die Schilddrüse im Halsbereich ist, das wusste ich. Vermutlich hatten meine Eltern mir das gesagt. Woher sonst sollte eine 11-jährige wissen, wo sich die Schilddrüse befindet?

Hals. Damals glaubte ich, dass der Hals ein unglaublich empfindliches Körperteil ist und jede Verletzung des Halses fast zwangsläufig zum Tode führt.

Da sollte sie also operiert werden. Von Operationen hatte ich natürlich auch keine Ahnung. Aber das man dazu irgendwas aufschneiden muss, das war mir klar. Man würde Mama also den Hals aufschneiden.

Ich habe viel geweint, damals. Heimlich, allein in meinem Zimmer. Mama’s OP-Termin setzte ich gleich mit dem Tag, an dem sie sterben würde. Ihr Hals würde verletzt, ihr Hals würde aufgeschnitten, das kann sie nicht überleben. Niemand kann das überleben. Das glaubte ich damals. Deswegen habe ich geweint. Erst meinen Bruder verloren, und jetzt auch noch meine Mama.

Natürlich ist sie nicht gestorben. Sie wurde operiert, die Schilddrüse wurde entfernt, sie war ein paar Tage im Krankenhaus, erst Intensivstation, dann Normalstation, dann durfte sie wieder nach Hause. Keine Komplikationen, nichts Dramatisches.

Damals kam es mir vor wie ein Wunder. Ich habe so fest daran geglaubt, dass ich sie verlieren würde, und dann lebte sie doch weiter, war zu Hause, ging nur ab und zu zum Arzt, aber sie lebte, Himmel, sie lebte!

Seltsam, wie man solche Dinge vergessen kann. Es ist Jahre her und in all den Jahren habe ich nie daran gedacht. Klar, meine Mutter hat die OP-Narbe am Hals, aber ich habe nie darüber nachgedacht. Ich habe nie daran gedacht, wie das damals eigentlich gewesen ist. Wie ich mich gefühlt hatte. Wie groß meine Angst gewesen ist, nach meinem Bruder auch noch meine Mutter zu verlieren.

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Als ich die Laborergebnisse von der letzten Blutabnahme sehe, wird es erstmal ganz leer und still in mir. Dann fange ich an zu lachen und kann nicht mehr damit aufhören. Nicht, weil die Werte so unglaublich witzig sind. Das sind sie nicht. Trotzdem kann ich in dem Moment nur daran denken, dass mein Leben schon irgendwie einen absurd-schrägen Sinn für Humor hat.

Anfang des Jahres hieß es: Lumbalpunktion, nur zur Absicherung, da wird nichts Auffälliges bei rauskommen, das wird ganz sicher völlig unauffällig sein. War’s dann doch nicht. Aus einer Untersuchung „nur zum Ausschluss“ wurden mehrere Untersuchungen „zur Diagnostik der Auffälligkeiten“.

Dieses Mal hieß es: Schilddrüse scheint eine Unterfunktion zu haben, nicht schlimm, wir bestimmen noch ein paar Werte und geben L-Thyroxin. Sicherheitshalber testen wir auch auf Autoantikörper, aber keine Sorge, das wird ganz bestimmt alles negativ sein, wirklich, ist nur zum definitiven Ausschluss einer Autoimmunreaktion…

Ha. Ha. Ha.

Wirklich.

Hahaha!

Positiv. Ganz eindeutig positiv. Es konnten Autoantikörper nachgewiesen werden und zwar weit über der Norm-Obergrenze. Mein Immunsystem kämpft gegen die Schilddrüse. So viel zum Thema: „Sie haben ganz bestimmt keine Autoimmunerkrankung, wir testen das nur, weil wir das eben immer testen, wenn die Schilddrüsenwerte nicht passen, keine Sorge, da wird nichts Auffälliges bei rauskommen.“

Zweimal innerhalb eines halben Jahres wurde aus „Nur zum Ausschluss, keine Sorge!“ ein „Oh. Mist. Da ist doch was… Verdammt.“

Mein Leben scheint an diesem Mist Gefallen gefunden zu haben.

 

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