eisblau&honigsüß

von Blutabnahmen und EKG

Am Freitag bisschen mit den Ärzten aneinandergeraten. Vorwurf ihrerseits, dass ich nun schon zum wiederholten Mal das EKG verweigert habe. Erwiderung meinerseits, dass ich nun auch schon zum wiederholten Mal erklärt habe, dass EKG schwierig für mich ist (weil halbnackt und so) und dass sie mir bitte am Tag vorher ankündigen mögen, wenn sie einen EKG-Termin ansetzen, und mich nicht erst fünf Minuten vor der Untersuchung damit überfallen sollen…

Irgendwie lustig zuzuschauen, wie sich das Team dann gegenseitig die Schuld zuschiebt. „Ich hab das EKG nicht angeordnet, ich war gestern gar nicht da!“, „Ja, ich hab das reingeschrieben, aber die Pflege hätte es ihr ja sagen können!“, „Da kümmert sich aber immer die Nachtschicht drum – die Anmeldezettel auszudrucken und so. Da können wir gar nix für!“ Blabla, blabla, blabla.

Ich, irgendwann reichlich genervt: „Meine Fresse, dann tragt’s halt für Montag ein! Wenn ihr’s nicht hinkriegt, mir ’nen EKG-Termin vorher anzukündigen, leg ich den jetzt halt selber fest. Dann weiß ich wenigstens, wann’s auf mich zukommt.“

Ich glaube, dass zumindest der Oberarzt mein Problem mit dem EKG nicht so wirklich versteht – „Blutabnahme geht doch auch, ohne dass wir Ihnen das schon tags zuvor ankündigen müssen?!?“ Ja, Herr Oberarzt, ganz genau, denn beim Blutabnehmen muss ich mich nicht halbnackt hinlegen und eine fremde Person an meinem Körper rummachen lassen… Kleiner, aber bedeutsamer Unterschied. Ist das so schwer nachzuvollziehen? Dass es mir nichts ausmacht, wenn ich mich voll bekleidet hinsetzen kann und ein mir bekannter Arzt kurz in den Arm piekst – ich aber Schwierigkeiten habe, halbnackt dazuliegen und mir von einer fremden Person Elektroden auf den Oberkörper kleben zu lassen? Ich finde, es ist nicht sooo schwierig, das zu verstehen. Naja.

Advertisements
4 Kommentare »

Tagesurlaub

Immer noch in der Klinik, immer noch keine Ahnung, wann ich entlassen werden kann. Der Dauer-Disso-Zustand ist immerhin endlich vorbei, ich kann wieder fühlen, habe (etwas) Kontakt zu mir selbst und der Welt wiedergefunden, kann mich erinnern, was ich den Tag so gemacht habe. Dafür dreht meine Stimmung gerade völlig durch. Im einen Moment alles tiefdunkelschwarz und in der nächsten Minute strahle ich wie ein Atomreaktor und bin völlig überdreht.

Heute habe ich Tagesurlaub. Auf Station ist es gerade einigermaßen anstrengend für mich. Alle naslang macht irgendjemand Mist – chirurgiepflichtige Verletzungen, Tablettenintoxikationen, Strangulationsversuche. Ist dann natürlich Gesprächsthema Nummer 1. Wer hat wann was angestellt, wer plant was anzustellen, mit möglichst vielen Details und Schilderungen, was man früher schon für krasse Sachen gemacht hat. Ich tue mich schwer, mich davon abzugrenzen und nicht runterziehen zu lassen, und auf Station kann man sich eben auch nur sehr begrenzt aus dem Weg gehen. Deswegen habe ich darum gebeten, den Tag nicht auf Station sein zu müssen, um wieder Abstand zu bekommen und nicht die nächste zu sein, die Mist macht… Glücklicherweise fanden die Ärzte das nachvollziehbar und haben mir ohne große Diskussion TU gegeben.

Beim Herrn Ambulanzpsychiater war ich heute Früh noch. Er ist ja endlich aus dem Urlaub zurück und ich habe darum gebeten, ihn sprechen zu dürfen, einfach, weil ich ihn schon lange kenne und er mir vertraut ist. Manchmal tut’s einfach so verdammt gut, jemanden zu sehen, den ich gut kenne und der mich schon durch mehrere Krisen begleitet hat. Ein vertrauter Mensch in all dem Chaos.

Meine Psychotherapeutin kommt leider erst nächste Woche wieder. Ich wünschte, sie wäre auch schon wieder da *seufz*

Wie’s weitergeht? Keine Ahnung. Auch wenn die Dauer-Disso anscheinend vorbei ist, fühle ich mich noch alles andere als stabil. Die Ärzte sagen, ich solle mir Zeit lassen und solange in der Klinik bleiben, bis ich das Gefühl habe, draußen wieder klarzukommen. „Rauswerfen“ werden sie mich nicht und sie überlassen es mir, wie lange ich bleiben will, weil sich in der Vergangenheit ja gezeigt hat, dass ich sehr gut abschätzen kann, wann und wie lange ich den Schutz der Klinik brauche.

Ich denke, dass es sinnvoll ist, das Wochenende noch in der Klinik zu bleiben bzw. mir Wochenendbeurlaubung geben zu lassen und auszuprobieren, ob das klappt. Wie gesagt – stabil fühle ich mich nicht, die Stimmung schwankt wie blöde und seit die Dissos weniger geworden sind, habe ich auch wieder mehrfach täglich Flashbacks. Ich traue mir nicht zu, jetzt schon entlassen zu werden, wenn noch alles so schwankend und instabil ist.

7 Kommentare »

Dauer-Disso

„Was haben Sie denn gestern gemacht?“, fragt mich die Ärztin in der Freitags-Visite.

„Gestern?“, frage ich zurück und habe keine Ahnung, wovon sie redet. War gestern irgendein besonderer Tag? Ist irgendetwas vorgefallen? Grübeln. Suchen im Kopf nach irgendwelchen Erinnerungsfetzen. „Gestern war der Feiertag, oder? Da war ich – draußen? Tagesurlaub, ja, ich bin ziemlich früh morgens gegangen… Hm.“

„Und dann? Was haben Sie draußen gemacht? Waren Sie in Ihrer Wohnung? Haben Sie sich mit Freunden getroffen?“ Ich habe nicht die leiseste Ahnung, kann nur hilflos mit den Schultern zucken.

„Wann sind Sie denn wieder zurück gekommen?“ Vage Erinnerungen, dass ich zum Abendessen auf Station war. „Später Nachmittag?“, antworte ich unsicher, mehr fragend als wissend.

„Das war jetzt geraten, oder?“, sagt die Ärztin, „Sie haben wirklich keine Erinnerungen, wie Sie den Tag gestern verbracht haben.“ Sie schaut mich an, als ob sie das immer noch nicht so recht glauben kann. Wahrscheinlich ist es für sie auch wirklich befremdlich, dass ganze Tage einfach verschwinden ohne Erinnerungen zu hinterlassen.

Für mich ist es beängstigend und verwirrend. Obwohl ich das ja eigentlich kenne. Filmrisse durch die Dissoziationen. Neben mir stehen. Alles ganz weit weg, ganz fremd, ganz unwirklich. Aber wenn es so stark ist wie momentan, dann macht es mir doch Angst. Ich habe Angst, die Kontrolle über mich zu verlieren, irgendetwas zu tun, das ich eigentlich nicht tun will, auszurasten, Mist zu bauen. Und mich dann später nicht einmal mehr daran erinnern zu können.

Ich will wieder da sein. Ich will, dass die Dissos aufhören. Aber ich schaffe es nicht, diesen Zustand zu beenden. Ich hänge seit über einer Woche in dieser Dauer-Disso fest und komme nicht mehr raus.

Die Klinik-Leute wissen nicht so recht, wie sie mir helfen sollen. Sie geben offen zu, dass sie sich hilflos fühlen und nicht wissen, was sie tun können oder sollen. Es ist frustrierend, für sie genauso wie für mich.

3 Kommentare »

Verzeiht, dass ich mich seit der Beerdigung nicht mehr gemeldet habe. Mir hat die Beerdigung, v.a. aber der Täterkontakt, ziemlich den Boden unter den Füßen weggezogen. Mit Medikamenten zugedröhnt habe ich die Zugfahrt zurück nach Unistadt irgendwie bewältigt und mich dann noch gleich am Montag Abend zur Aufnahme in der Akutpsychiatrie vorgestellt. Da bin ich jetzt immer noch, wie lange weiß ich nicht, irgendwie weiß ich momentan ziemlich wenig, es ist alles sehr durcheinander in mir.

Meine Therapeutin ist praktischerweise zwei Wochen im Urlaub. Ambulanzpsychiater kommt auch erst Mitte nächster Woche wieder. Doof, wenn die vertrauten Gesprächspartner nicht da sind *seufz*

4 Kommentare »

Weniger als zwei Stunden bis zur Beerdigung. Das Warten fühlt sich seltsam an. Hat es sich damals auch so angefühlt, als ich darauf wartete, dass wir zur Beerdigung von Bruderherz aufbrechen? Ich weiß es nicht. Ich habe keine Erinnerung an die Stunden von seiner Beerdigung. Auch nicht an die Zeit danach.

Nur an die Beerdigung von Bruderherz habe ich bruchstückhafte Erinnerungen. Ich bin nervös, wieviele verschüttete Erinnerungen Omas Beerdigung nachher freilegen wird. Die gleiche kleine Kapelle, der gleiche Friedhof…

4 Kommentare »