eisblau&honigsüß

die Vergangenheit endet nie

Heute Früh war ich nochmal zur Blutabnahme beim Arzt wegen der Schilddrüsenwerte. Der erste Versuch klappte gar nicht – kein Tröpfchen Blut wollte fließen. Mein Arzt fragte, ob es okay ist, wenn er es an einer anderen Stelle nochmal probiere. Klar, warum nicht, meine Venen sind mies, das weiß ich, es braucht oft mehrere Versuche, das bin ich gewohnt und es ist auch okay. Auch beim zweiten Versuch hat es nicht auf Anhieb funktioniert.

„Zwei Blutabnahmen innerhalb von einer Woche ist auch bisschen viel verlangt“, meint er.

Instinktiv ziehe ich den Kopf ein. Flüstere eine Entschuldigung. Verkrampfe und – ja, das ist bescheuert – warte darauf, dass er mich schlägt. Oder Schlimmeres.

Aber er schlägt mich nicht.

Natürlich schlägt er mich nicht.

Er hält nur kurz inne. Schaut mich an. „Nein… Frau P. – ich meine nicht Sie. Dass Sie bei den Werten nochmal eine Kontrolle möchten, ist absolut in Ordnung und auch sinnvoll. Ich meinte nur Ihre Venen… Die sind ja eh schon nicht so begeistert von Blutabnahmen, und zweimal in so kurzer Zeit… Naja, das gefällt denen wohl nicht…“

Ich nicke nur, halte still und starre ins Leere. Ich brauche eine Weile, bis ich mich wieder gefangen habe. Bis ich ihm wirklich glauben kann, dass er nicht böse auf mich ist und mir nichts tun wird.

Dass er mir nicht weh tun wird, weil kein Blut fließt.

Schon seltsam, wie die Vergangenheit nachwirkt und in welchen Momenten sie zum Vorschein kommt. Eine Blutabnahme, die schon vor Tagen vereinbart und als sinnvoll erachtet wurde… und trotzdem bekomme ich Angst, dass mein Arzt – mein Arzt!!! – böse auf mich ist und mir weh tun wird.

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Krisenintervention: Helikopter, weg und da und so

Ich habe vielleicht eine Stunde geschlafen. Es ist kurz nach Mitternacht. Der Lärm weckt mich. Ich kann ihn erst nicht einordnen. Zupfe das Ohropax aus meinen Ohren. Noch lauter, noch immer ratlos, was das ist. Hose anziehen, Jacke überwerfen. Ich habe Angst, irgendwie. Das Geräusch macht mir Angst. Und – tut weh? Macht traurig?

Raucherbalkon, da gibt’s die beste Aussicht. Schlafverpeilt glaube ich für einen Moment, dass es ein Ufo ist. Dieses Ding, das so laut am Himmel schwebt, rot-weiß-grün blinkt und weiß-grüne Lichtkegel über den Boden schweifen lässt. Irgendwo auf der Straße sind Licht und Stimmen und – eine Glocke? Klingt jedenfalls wie eine Glocke.

Das Hirn arbeitet. Kein Ufo. Keine Außerirdischen. Suchhubschrauber, Suchhundestaffel. Da bricht der Schmerz über mir zusammen. Ich fühle nur Schmerz und Trauer, Schmerz und Trauer. Ich verstehe da noch nicht warum. Aber es tut weh, das verstehe ich.

Weinend zum Stationszimmer. Was ich gesagt habe? Keine Ahnung. Bedarf wollte ich und habe ich bekommen.

Zurück auf den Balkon. Rauchen und Weinen. Erinnerungen, ohne Bilder, aber hochemotional. Erinnerungen haben manchmal keine Bilder, keine Töne. Erinnerungen sind manchmal Emotion pur.

Es vermischt sich alles. Ich weiß, wen sie suchen. Hat sie sich getötet? Erinnerungen an C., meine liebe gute C., die in den Tod gesprungen ist. Helikopter in der Nacht, Erinnerungen an meinen Bruder, für den nie der Helikopter kam um ihn zu retten. Trauer und Tod und Schmerz und Schuld und so viel mehr.

Nochmal Bedarf. Noch ein Liter Tränen. Irgendwann ins Bett, schlafen.

Aufwachen. Verpeilt, durcheinander. Hängen geblieben im Damals. Wo bin ich, wer bin ich, was tue ich hier? Ich gehe über Station wie ein Zombie, mehr weg als da. Liege die meiste Zeit im Bett und – bin weg? Oder irgendwo, aber nicht hier, nicht im richtigen Ort, nicht in der richtigen Zeit.

Rauchen gehen. Die Ärzte passen mich ab. Gespräch. Der Oberarzt merkt nach zwei Sätzen, dass das nichts wird. Ob wir später sprechen sollen? Ich nicke nur – alles recht, alles egal, ich verstehe ohnehin nichts. Als ich gehe, höre ich ihn zur Asisstenzärztin sagen: „Das wäre für die Frau P. sonst jetzt zu anstrengend geworden.“ Anstrengend ist es sowieso, ob mit Gespräch oder ohne, die Verwirrung der Zeiten, der Orte, der Situation.

Gespräch mit dem Herrn Ambulanzpsychiater. Nicht viele Erinnerungen daran. Nur Traurigkeit, irgendwie. Ich fühle seine Hilflosigkeit. Es tut mir leid, so leid. Ich weiß doch auch nicht, was ich tun soll.

Station. Missverständnis – die Reinigungskräfte wollen gerade mein Bett frisch machen, weil ich doch gehe. Ich gerate in Panik. Gehen? Jetzt? Bin ich schon entlassen? Muss ich sofort mein Bett räumen? Schmeißen die mich raus, jetzt, gerade jetzt? Ich weine wieder.

Streit mit der Zimmernachbarin. Wegen – keine Ahnung. Sie kann kaum Deutsch. Ich weiß nicht, warum wir streiten Was das Problem ist. Egal. Zu viel für mich, zu viel, viel zu viel.

Den Flur auf und ab marschieren. 83 Schritte von einem Ende zum anderen. Dazwischen Visite. Keine Minute dauert das. Ich kann kaum still stehen, kann nicht reden, nicht wirklich. Der Oberarzt zieht es nicht unnötig in die Länge, zum Glück. Er scheint sich eher über meine verpeilte Gestresstheit zu amüsieren – ich würde ihm gerne eine reinhauen. Tue ich aber nicht. Gang auf und ab, auf und ab, auf und ab.

Nach Visite, zweiter Versuch eines Oberarzt-Gesprächs. Ich bin angespannt, gereizt. Noch immer nicht richtig im Hier-und-Jetzt orientiert, verwirrt, durcheinander. Der Filter funktioniert nicht, das Hirn lässt alle Reize ins Bewusstsein, selektiert nicht zwischen wichtig und unwichtig. Der Oberarzt lacht immer wieder. Warum? Ich weiß es nicht. Lacht er mich aus? Ist es die Situation? Lachen zur Auflockerung? Egal. Ich ertrage es nicht, stehe auf, gehe einfach aus dem Gespräch heraus, knalle die Tür hinter mir zu.

Hin und her, Zimmer, Balkon, Station, auf und ab, auf und ab, hin und her, hin und her. Bedarf holen. „Reicht 1mg?“ – „Nein. Lieber gleich 2mg“. Sie gibt mir 1mg. Ich raste aus, innerlich. Denke mir „Dann eben nicht!“ Ich habe gesagt, was ich brauche, ich habe es nicht bekommen. Scheiß drauf. Ich kämpfe mit mir, eine Weile, dann verbrenne ich mich am Bein.

Kurz danach kommt ein Pfleger (ein lieber lieber Pfleger) ins Zimmer. Wollte nochmal mit mir sprechen, wegen dem Missverständnis wegen Bett-machen und Rauswerfen und so. Er merkt gleich, dass gerade kein guter Moment ist. Ich fordere ihn auf, trotzdem zu sagen, was er mir sagen wollte. Höre ihm nur halb zu, ich habe mich unabsichtlich auch an der Hand verbrannt, der Schmerz ist die Hölle. Ich lasse ihn reden, gehe ins Bad, kaltes Wasser. „Hab mich verbrannt“, murmele ich. Er ist nicht sauer. Eher – professionell-hilfsbereit-fürsorglich?

Wundversorgung. Alles gut. Eis zum Kühlen.

Nichts gut. Ein paar Minuten später stehe ich wieder da, weine und weine und weine. Bedarf, nochmal. Ein Gespräch mit dem lieb-lieb-Pfleger, ein langes Gespräch, ein intensives Gespräch. Ich weine viel. Nehme seine Worte einfach nur zur Kenntnis. Kann nichts annehmen, nichts verarbeiten. Aber ich merke mir, was er sagt. Es tut gut, das Gespräch.

Zurück ins Zimmer. Schlafen, ich bin so entsetzlich müde, nichts und niemand könnte mich wecken. Ich schlafe wie ein Stein und weiß beim Aufwachen erstmal gar nicht so recht, wo ich bin, warum ich da bin, was eigentlich los ist.

Reorientierung. Langsam, vorsichtig, mühsam. Wer bin ich. Wo bin ich. Warum bin ich (hier).

Kurzes Gespräch mit der Assistenzärztin. Dass ich gehen will, dass ich das wirklich will, Entlassung, das Wochenende zu X., unbedingt. Später noch Gespräch mit dem Oberarzt. Ich weiß nicht mehr viel davon. Nur, dass er einen Blick auf den vorbereiteten Entlassbrief wirft und lächelnd die Borderline-Diagnose durchstreicht. Und dass ich gehen darf. Das ist wichtig, beides, für mich.

Ich denke an gestern Früh. Erste Begegnung mit dem Herrn Oberarzt und mir auf dem Flur. Dass er jetzt ein Gespräch hat, später auf mich zukommen wird. Schulterzucken meinerseits, ja, okay, passt, darf ich raus? Er braucht einen Moment, bis er mir folgen kann. Kurzes Gerede. Klar darf ich in Ausgang. Später lächelt er, als ich sage „pünktlich – und heile – zurückgekommen.“ Er betont es nochmal. „Wir haben ja diesen Deal: Wenn Sie sagen, dass Sie raus wollen, dürfen Sie das. Ich verlasse mich darauf, dass sie das einschätzen können und nichts passiert.“ Ja, den Deal haben wir im November-Gespräch gemacht. Trauen tue ich ihm trotzdem nicht. Manchen Menschen traut man nicht, egal, was sie sagen und tun. Ist einfach so.

Anyway. Jetzt. Zu Hause. Entlassen. Es ist gut so, richtig. Ich mache mir keine Gedanken, wie es weitergehen wird, könnte. Morgen fahre ich zu X., und ich will einfach daran glauben, dass es gut wird. Vielleicht wird es nicht nur Spaß pur. Vielleicht werde ich zusammenbrechen, weinen, heulen, wimmern. Egal. X. weiß, wie es mir geht. Es ist – okay, irgendwie.

Und ich will sie sehen. So so so so so sehr. Und das ist alles, das zählt. Morgen die Fahrt und dann bei X. sein, ein ganzes Wochenende lang, bei ihr, mit ihr, Vertrautheit, Geborgenheit. Liebe.

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Krisenintervention und der Brief

Heute nach mehreren Wochen wieder eine Krisenintervention. Wieder den halben Tag auf Station verbracht. Wieder nicht gewusst, wohin sonst mit mir. Alles so unerträglich.

Ein bisschen besser geht’s mir jetzt. Ruhiger, gelassener, Boden-unter-den-Füßen. Wirklich gut geht’s mir nach wie vor nicht und von „stabil“ bin ich auch weit entfernt. Aber das ist okay. Die Ultrakurz-Kriseninterventionen dienen nur dazu, mich so lange zu schützen, bis ich garantieren kann, mir nichts anzutun. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Akute Überlebenshilfe gewissermaßen.

Abgesehen von dem Schutz, den ich dort bekommen habe, war es gut, dass ich mit der Stationsärztin sprechen konnte, die den letzten Brief verfasst hatte. Den mit den falschen Diagnosen und diversen sonstigen Fehlern. Ich hatte mich ja schlussendlich dann doch dagegen entschieden, den Rotstift zu zücken und diesen Mist zu korrigieren… Aber heute, als ich ihr gegenübersaß, konnte ich es mir nicht verkneifen, mich zu dem Brief zu äußern, denn gewurmt hatte es mich immer noch. Ich glaube, ihr war das nicht so ganz recht, vielleicht (oder vor allem) weil der Herr Oberarzt auch dabei gewesen ist. Manche Ärzte mögen keine Kritik, allemal nicht, wenn noch Kollegen mithören. Naja. Wirklich leid tut sie mir nicht – ein bisschen besser zuhören im Aufnahmegespräch und ein bisschen weniger Copy&Paste von alten Briefen, dann wäre der Brief okay gewesen.

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Prioritäten

Das häufige Erbrechen raubt mir momentan enorm viel Kraft. Ich weiß nicht, was ich dagegen tun soll. Sicher: zum Arzt gehen und abklären lassen, warum mir ständig speiübel ist und ich meinen Mageninhalt oft genug nicht dazu überreden kann, drinnen zu bleiben. Aber dann müsste ich mich ja untersuchen lassen. Ein Arzt würde ganz sicher zumindest mal den Bauch abhorchen (ohgott!) und abtasten (ohgottohgottohgott!!) wollen. No way!

Schon gestört, welche Prioritäten ich da setze. Lieber Dauerübelkeit und tägliches Erbrechen als einen Arzt an meinen Bauch zu lassen… Ein kranker Körper ist immer noch um Welten besser als ein für ein paar Minuten nackter und ungeschützter Bauch… Lieber erbrechen als anfassen lassen…

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ein falscher Brief, blöde Gedanken, eine schlaflose Nacht, abschießen

Mich juckt’s in den Fingern, einen Rotstift zu zücken und mich auf dem Arztbrief, den ich gestern per Post bekam, so richtig auszutoben. Da sind so viele Unwahrheiten drin, Dinge, die einfach nicht stimmen, Dinge, die ich nie gesagt oder getan habe und die mir trotzdem großzügigerweise angedichtet werden. Und natürlich stimmen auch die Diagnosen nicht, natürlich wurde mir wieder eine Borderline-Störung angehängt, die im Rahmen der ausführlichen Diagnostik im vergangenen Jahr ganz klar ausgeschlossen wurde. Es nervt mich, es ärgert mich, es frustriert mich.

Aber irgendwie resigniere ich auch. Wozu korrigieren? Wozu richtig stellen? Wozu mich immer und immer wieder rechtfertigen und erklären? Es führt ja offensichtlich eh zu nichts.

Im Grunde ist es mir auch egal. Der Wunsch zu sterben ist momentan so stark, dass alles an Bedeutung und Wichtigkeit verliert. Warum soll ich mir die Mühe machen und den ganzen Mist in diesem Brief richtig stellen, wenn ich ohnehin bald nicht mehr da sein werde?

Oh, sicher, stimmt: weil ich noch sehr lange da sein werde. Weil es nur Gedanken sind. Weil ich mich nicht töten werde. Weil ich mir eben doch wieder helfen lassen werde, wenn es nicht mehr auszuhalten ist, am Leben zu sein. Weil ich dann doch wieder in die Klinik gehen werde und die Ärzte dann auch bitteschön wissen sollen, was stimmt und was nicht.

Und das werde ich auch. Natürlich werde ich das. Ich werde den Rotstift zücken und zumindest die krassesten Fehler in diesem verdammten Brief korrigieren. Ich werde den Brief an die behandelnde Ärztin zurückschicken (oder in der Klinik abgeben und an sie weiterleiten lassen). Ich werde nächste Woche dem Herr Psychiater erzählen, wie sehr sich mein Denken wieder auf Suizid konzentriert hat und mit ihm besprechen, wie ich wieder davon wegkomme.

Aber das alles nicht mehr heute. Weder Brief korrigieren noch Gespräche noch sonstwas. Heute bin ich einfach nur müde und erschöpft. Kein Wunder, bin ich doch um 3 Uhr morgens aufgestanden, weil die Alpträume nicht mehr zu ertragen waren. Da darf ich so früh am Abend schon müde sein. Und ins Bett gehen. Vielleicht mit Bedarfsmedikamenten für eine ruhigere, schlafreichere Nacht sorgen. Ohne Angst, ohne Anspannung, ohne schlimme Gedanken. Nur Ruhe und schlafen. All you need is… Tavor. Heute schon, ja, heute stimme ich dem anonymen Mitpatienten da voll und ganz zu.

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