eisblau&honigsüß

Über den heutigen Tag gibt es nicht viel zu sagen. Die meiste Zeit habe ich im Bett verbracht. Zu kaputt vom gestrigen, sehr destruktiven Abend.

Beim Ambulanzpsychiater war ich nicht, den Termin habe ich gestern Abend noch abgesagt. Er hat Verständnis dafür, dass ich nach der missglückten Krisenintervention gerade die Schnauze voll habe und keine Ärzte sehen will. Den Termin bei Dr. H. habe ich ebenfalls abgesagt. Mit ihm war es ja schon vor seinem Urlaub eher schwierig; ich habe keinen Nerv, mich jetzt wieder mit ihm auseinanderzusetzen. Ich denke, nach Ostern werde ich wieder artig zu meinen Terminen gehen.

Eventuell gehe ich zum Gespräch mit dem Oberarzt. Da bin ich mir noch nicht sicher. Er schien wirklich wissen zu wollen, was los ist. Klar kann er mich nicht zum Reden zwingen, aber ich glaube, er fände es schade, wenn ich sein Gesprächsangebot nicht nutze. Und ich möchte ja eigentlich auch reden und das klären. Allerdings würde das Gespräch nur Sinn machen, wenn ich bis dahin meine Emotionen wieder im Griff habe und in der Lage bin, vernünftig mit ihm zu reden…

Naja, mal schauen. Morgen geht’s jedenfalls erstmal wieder in die Chirurgie. Die Brandwunde am Arm wollte der Chirurg auf jeden Fall nochmal sehen. Mir ist das recht, denn gut schaut die Wunde wirklich nicht aus.

Werbeanzeigen
Hinterlasse einen Kommentar »

noch ’n Einzel?

Die Krisenintervention heute/gestern war Mist. Anders kann ich es nicht sagen. Da gibt es nichts, das man schön reden könnte. Es war einfach nur Mist und wenig hilfreich.

Heute Nachmittag wurde ich entlassen. Auf meinen Wunsch hin – oder eher auf mein Drängen hin.

Vieles lief nicht gut. Vieles lief richtig mistig. Der Oberarzt hat das schon richtig gesehen: „Sie gehen nicht, weil es Ihnen besser geht. Sie gehen, weil es hier nicht geht… Sie sind sauer, vielleicht wütend auf uns.“

Ja, das trifft es gut. Ich bin sauer. Mehr als sauer. Der Oberarzt wollte wissen, was mich denn so verägert, dass ich die Krisenintervention abbreche. Ich konnte/wollte es ihm nicht sagen. Ich wollte nur weg weg weg.

Er stimmte der Entlassung zu. Mit Bauchschmerzen, denn es geht mir nicht gut und momentan kann ich mir auch nicht vorstellen, wieder dorthin zu gehen. Bis die Formalitäten erledigt waren (Brief schreiben und so), hat er mehrfach versucht mit mir zu sprechen. Ich habe ihn eiskalt abgewiesen.

Nichtsdestotrotz wurde er nicht müde zu betonen, dass er wissen möchte, was mich auf Station gerade so dermaßen verärgert, dass ich die Flucht ergreife… Obwohl der Entlasszeitpunkt nun wirlich zu früh ist… Wiederholt bot er an, dass wir darüber reden können. Nannte einen Termin für ein Gespräch zwischen uns beiden. Nur ein Angebot, wie er immer wieder betonte. Ich muss nicht zu dem Termin kommen. Aber ich darf – und er fände das gut.

Ich weiß noch nicht, ob ich zum Gespräch mit ihm gehe oder nicht. Es geht ja nicht um ihn, und das sagte ich ihm auch. Er würde trotzdem gerne verstehen, wo das Problem ist. Er würde gerne mich verstehen.

Immerhin kennt er mich gut genug, um nicht heute auf so ein Gespärch zu bestehen. Er hat dazugelernt. Erstmal Zeit zum Runterkommen geben. Und dann ein Gesprächsangebot – keine Verpflichtung. Ich kann zu bekanntem Datum mit ihm reden – oder auch nicht. Wie ich will. Meine Entscheidung. Es ist nur ein Angebot seinerseits.

Sicher würde er sich freuen, wenn ich zu besagtem Datum zum Gespräch mit ihm erscheine. Böse wäre er aber auch nicht, wenn ich das nicht täte.

Überraschend finde ich wieder, wie wichtig es ihm offenbar ist, dass die Patienten zufrieden sind. Dass er wirklich hören will, was schief läuft und wo man es besser machen könnte. Und dass es dafür mal wieder die Zeit nach offiziellem Feierabend opfert…

So. Es gäbe noch viel zu schreiben. Dank Gipsschiene ist das Tippen aber sehr mühsam, also belasse ich es erstmal hierbei.

2 Kommentare »

weil sie keinen Platz für anderes lässt

Warum ich die Essstörung momentan gar nicht loswerden will? Nicht einmal ansatzweise? Weil sie den Kopf füllt, mit Gedanken, die tausendmal leichter zu denken sind als alles, das sonst im Kopf wäre.

Mit „nur“ Selbstverletzung könnte ich den Kopf nicht einmal annähernd so gut beschäftigt halten. Auch dann nicht, wenn ich mich wieder massiv verletzen würde, mehrfach täglich, mit Chirurgie. Es wäre immer noch Platz für den anderen Gedankenmist. Zu viel Platz im Kopf, zu viele unerträgliche Gedanken, zu viel Überforderung und Hilflosigkeit und Verzweiflung und Nicht-weiter-wissen.

Die Essstörung schafft es mühelos, allen Denkraum in meinem Kopf einzunehmen. Das merken und vergleichen der mehrfach täglichen Waagen-Besuche. Wieviel ich mich bewegt habe und wieviel Energie ich dabei verbraucht habe. Wieviel ich dann essen darf. Was ich esse. Welches Nahrungsmittel besser oder schlechter ist als ein anderes. Wieviel Bewegung ich absolvieren muss, wenn ich mehr essen will. Ob ich so viel gegessen habe, dass es angebracht wäre, kotzen zu gehen. Stundenlanges Lesen im Internet oder der Bibliothek, über Gewicht, Ernährung, Essstörungen, Sport…

Der Kopf hat genug mit diesen Dingen zu tun. Da ist kein Platz mehr für alles andere. Für die Probleme, mit denen ich mich eigentlich auseinandersetzen sollte – aber nicht auseinandersetzen will, weil es so viel, so überwältigend, so überfordernd, so unkontrollierbar und so auswegslos ist.

Die Essstörung gibt Halt. Sie gibt eine Aufgabe. Sie beschäftigt. Sie bietet Erfolgserlebnisse. Sie bietet Kontrolle. Sie ist fordernd – aber nicht überfordernd.

4 Kommentare »

nur scheinbar besser

Dass es mit den Selbstverletzungen momentan ganz gut aussieht, finden die Klinikmenschen super. Vor allem, dass es trotz des Krisenstresses wegen der Masterarbeit zu keinen Selbstverletzungen kam. Ewig nicht mehr in der Chirurgie gewesen, nur selten ein paar oberflächliche Wunden, lieber Krisenintervention als sonst was – wie toll!

Ich verschweige lieber, dass das nur eine Seite der Medaille ist. Im Grunde ist es kein bisschen besser geworden. Klar, die „klassische“ Selbstverletzung durch Schneiden und Verbrennen habe ich gut im Griff. Dafür läuft’s eben an anderer Stelle aus dem Ruder.

Eigentlich fing’s ganz harmlos und vernünftig an: mit den typischen Neujahrs-Vorsätzen „gesünder ernähren“ und „mehr bewegen“. Nimmt sich das nicht irgendwie fast jeder zu Beginn eines neuen Jahres vor…? Ist ja eigentlich auch okay, vor allem wenn man sich wirklich ungesund ernährt, kaum bewegt und starkes Übergewicht hat.

Problematisch wird’s, wenn man essgestört war ist. Das ist ein Problem, über das ich nur ungern rede. Mit den Klinikmenschen habe ich noch nie darüber gesprochen. Nur mal beiläufig erwähnt, dass ich in der Jugend bulimisch war.

Haha – als ob das längst der Vergangenheit angehört und Essstörung kein Thema mehr wäre!

Es ist nach wie vor ein Thema. Aktuell ein sehr großes Thema – für mich selbst jedenfalls; mit den Klinikmenschen spreche ich ja nicht darüber, also ist es für sie überhaupt kein Thema.

Ganz am Anfang des Jahres war’s noch okay – ein bisschen auf die Ernährung achten, ein bisschen mehr bewegen. Es hat nicht lange gedauert, bis es zu viel des Guten wurde. Ob meine derzeitige Ernährung gesund oder ungesund ist, darüber kann man streiten; zu wenig ist es sicherlich. Dass ich es mit „mehr bewegen“ übertreibe, steht hingegen außer Frage: jeden Tag fast bis zur Erschöpfung, egal ob ich Lust habe oder nicht, egal ob ich mich kaum mehr auf den Beinen halten kann, egal ob die Muskeln und Gelenke schmerzen. Notfalls wird der Kreislauf eben mit Koffein aufgeputscht und die Schmerzen mit Tabletten bekämpft. Einfach mal ausruhen und sich den Körper erholen lassen? Nein! Kommt nicht in Frage!

Ich habe Angst vor dem Tag, an dem die Klinikmenschen mich auf den Gewichtsverlust ansprechen werden. Denn Gewicht habe ich sehr viel verloren und das sieht man auch. Mir sind auch nicht die Blicke mancher Ärzte und Pfleger entgangen. Sie registrieren das sehr wohl, auch wenn bisher noch niemand was dazu gesagt hat, zumindest nicht direkt…

Andererseits wünsche ich mir fast, dass irgendjemand irgendetwas dazu sagt. Nicht, weil ich unbedingt darüber reden möchte – dafür schäme ich mich zu sehr für mein Gewicht. Aber einfach damit klar ist, dass lobende Worte bezüglich Selbstverletzung nicht angebracht sind, weil es eben nicht wirklich besser geworden ist, sondern sich nur auf ein anderes Problem verlagert hat. Und vielleicht auch, damit jemand ein Auge auf meine körperliche Gesundheit hat… Hungern, gelegentlich erbrechen, exzessive Bewegung und regelmäßige Einnahme von Schmerzmitteln – das ist für den Körper schließlich auch nicht so ganz ohne…

Ich denke, Ambulanzpsychiater wird mich nicht darauf ansprechen. Der sieht mich jede Woche und wenn man jemanden oft sieht, bemerkt man auch starke Gewichtsabnahme nicht so sehr, weil es seit dem letzten Treffen ja immer nur „ein bisschen“ weniger Gewicht ist. Andererseits wurden in den letzten Wochen meine Blutwerte auffallend oft kontrolliert; vielleicht hat er doch was bemerkt.

Bei Dr. H. mache ich mir da schon mehr Gedanken. Der hat mich jetzt ein paar Wochen nicht gesehen, da könnte ihm beim Termin nächste Woche schon auffallen, dass ich deutlich weniger wiege als beim letzten Termin. Ich glaube, bei ihm würde ich mich auch nicht ganz so krass schämen, darauf angesprochen zu werden (auch wenn es immer noch unangenehm wäre).

Panik habe ich davor, dass der Herr Oberarzt was dazu sagt. Der war ja jetzt auch eine Weile im Urlaub und hat mich dementsprechend länger nicht gesehen. Und würde er was sagen, würde ich vermutlich auf der Stelle vor Scham im Erdboden versinken. Er wirkt einfach zu perfekt, zu makellos. Das ist er natürlich nicht, aber er wirkt eben so. Bei ihm schäme ich mich oft für meine Probleme, meine Schwächen, meine Nicht-Perfektion.

Ach, weiß auch nicht. Ich bin momentan sehr zwiegespalten, was die Ess- und Gewichtsproblematik angeht. Ich weiß, dass es ungesund ist, was ich tue und dass das ganz eindeutig wieder eine Eskalation der Essstörung darstellt. Ich sollte mit den Ärzten darüber sprechen. Andererseits ist mir das sehr sehr unangenehm und ich weiß auch nicht, ob ich wirklich ernsthaft ein gesünderes Ess- und Bewegungsverhalten anstrebe.

7 Kommentare »

irgendwann mal medikamentenfrei?

Natürlich wurde mir bei der Krisenintervention routinemäßig Blut abgenommen. Natürlich sind die Leberwerte wie immer grenzwertig-normal bzw. erhöht. Das ist bei meiner Medikation kein Wunder.

Ambulanzpsychiater hält das für vertretbar. Sooo krass hoch sind die Werte nicht. Muss zwar regelmäßig kontrolliert werden, aber wirklich Sorgen machen muss ich mir deswegen nicht. Und: „Das ist ja auch nur für einen begrenzten Zeitraum. Sie werden schließlich nicht den Rest Ihres Lebens Medikamente nehmen.“

Ich muss reichlich irritiert geguckt haben… Für ihn scheint es klar zu sein, dass ich die Psychopharmaka irgendwann alle absetzen kann. Und werde. Und dass das dann auch gutgeht.

Für mich ist das irgendwie nicht vorstellbar bzw. ich habe mir darüber noch nie wirklich Gedanken gemacht. Aber ich vermeide es eh, allzu weit in die Zukunft zu schauen. Die Vorstellung, noch 10, 20, 30, 40 Jahre Leben vor mir zu haben, ist beängstigend…

Trotzdem bin ich immer davon ausgegangen, die Medikamente noch sehr lange zu nehmen. In meiner Vorstellung existiert kein Zeitpunkt, an dem ich ohne Medikamente (oder Kriseninterventionen, oder Psychiatertermine, oder Therapie, oder Symptome, oder…) sein werde. Die psychischen Probleme gehören mit allem Drum und Dran so sehr zu meinem Leben, dass ich mir einfach nicht vorstellen kann, dass das alles mal ganz weg sein könnte. Ich gehe davon aus, dass ich immer in psychiatrischer Behandlung sein werde – zwar irgendwann weniger intensiv als momentan und mit schwächerer Symptomatik, aber eben nie ganz gesund.

Ich weiß nicht, ob ich zu pessimistisch bin oder Ambulanzpsychiater zu optimistisch ist… Eigentlich sollte es mich doch auch ermutigen und hoffnungsvoll stimmen, dass er so selbstverständlich davon ausgeht, dass ich irgendwann komplett ohne Medikamente zurechtkommen werde. Tut es aber nicht. Es ist irritierend – und macht Angst.

4 Kommentare »