eisblau&honigsüß

Dissoziation: Brauchen Sie einen Arzt?

Nochmal etwas zum Beratungsgespräch. Eine Situation, die mich doch einigermaßen irritiert hat.

Der Anfang des Gesprächs war unproblematisch. Nur das übliche Besprechen der Rahmenbedingungen: wer trägt die Kosten, wie lange dauern die Gespräche, wieviele Gespräche sind möglich, bei welchen Problemen wird beraten, Schweigepflicht etc. Kennt man ja.

Danach das eigentliche Gespräch, das natürlich mit meiner Hass-Liebe-Frage begann: „Was führt Sie her? Was kann ich für Sie tun?“ Ich weiß nie, was ich darauf antworten soll. Meine Probleme sind viel zu komplex und verworren als dass ich sie in ein paar prägnante Sätze quetschen könnte. Aber okay, ein bisschen rumstammeln reicht meistens ja schon.

Stresst mich trotzdem. Jedenfalls wenn ich meinen Gesprächspartner nicht kenne. Da traue ich mich nicht zu sagen, dass ich nicht weiß, was ich sagen soll (seltsamer Satz, irgendwie). Das überfordert mich schnell.

Ebenso vermeintlich einfache, unverfängliche Fragen. „Welche Hobbys haben Sie denn?“ oder „Bei welchem Arzt sind Sie in Behandlung?“ Das sind doch nun wirklich keine Fragen, die Schwierigkeiten machen. Den meisten Menschen nicht. Mir schon. Wer mich nicht kennt, kann nicht wissen, dass solche anscheinend banalen Fragen sofort das rote Alarm-Blinklicht auslösen.

Und dann bin ich weg. Dissoziiere mich raus aus der Situation. Irgendwohin, wo es ruhig und sicher und warm ist. Wo mir niemand nahe kommen kann. Wo mir niemand wehtun kann.

Für mich ist das etwas sehr Normales und Vertrautes. Ich dissoziiere halt. Nicht schlimm. Nichts, was sofort, um jeden Preis unterbrochen werden muss. Nur Dissoziation.

„Brauchen Sie einen Arzt??“, kam ziemlich schnell die Frage der Beraterin als ich im Gespräch dissoziierte.

Einen Arzt? Einen Arzt?!? Häh?!? Warum?!? – Mein Kopf war mit dieser Frage wirklich ziemlich überfordert. Warum sollte ich einen Arzt brauchen? Ist doch alles okay! Ich dissoziiere nur. Deswegen braucht man doch keinen Arzt! Das ist völlig normal und harmlos. Wie mal kurz tief durchatmen oder so. Da sagt doch auch keiner „Oh, Sie haben so tief durchgeatmet, brauchen Sie einen Arzt??“

Ich weiß nicht, ob die Beraterin einfach nur sehr wenig Erfahrung mit Dissoziation hat, oder ob ich zu viel Erfahrung damit habe. Für mich ist Dissoziation etwas Alltägliches, das mich schon seit… seit… seit immer begleitet. In verschiedenen Formen und Ausprägungen. Ich denke mir nicht viel dabei. Es ist für mich ganz normal und natürlich. Wie atmen, wie Luft anhalten. Wie irgendwohin gucken, wie wegschauen. Wie etwas anfassen, wie die Finger wegziehen.

Nichts, weswegen man einen Arzt rufen müsste. Nichts, weswegen man auch nur darüber nachdenken müsste, ob es einen Arzt braucht.

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Beratungsgespräch

Heute hatte ich einen Termin in einer Beratungsstelle der Uni. Die Psychiater wissen nach wie vor nicht, dass ich mich an diese Stelle gewandt habe, und das ist auch okay. Ich habe für mich entschieden, dass erstmal niemand was davon wissen muss. Vermutlich könnte ich es auch erzählen und niemand wäre deswegen verärgert. Aber andererseits: wozu sollte ich es erzählen? Momentan sehe ich dazu keine Notwendigkeit, und irgendwie tut es auch gut, mal ganz unbhängig von der Psychiatrie Hilfsangebote wahrzunehmen.

Über das Gespräch gibt es eigentlich nicht viel zu erzählen. Typisches „erstes Gespräch“ eben. Bisschen Biographie, dann aktuelle Situation, aktuelle Probleme, und schlussendlich: wie weiter, was tun?

Im Grunde war das Ergebnis ziemlich genau das, was ich mir schon vorher gedacht habe: meine Probleme – oder viel eher: meine psychische Erkrankung – sprengt den Rahmen der dortigen Hilfsmöglichkeiten. Das ist nichts, das man mit ein paar Beratungsgesprächen in den Griff bekommt.

Fast hätte ich jetzt beim Schreiben den selben Denkfehler gemacht wie vorhin im Gespräch. Fast hätte ich geschrieben: wieder einmal festgestellt, dass ich irgendwo falsch bin und mir nicht geholfen werden kann, dass ich zu kompliziert, zu krank bin. Aber das stimmt so nicht. Ich bekomme ja Hilfe! Ich wurde nicht einfach weggeschickt und das war’s. Nö. Es wurde nur festgestellt, dass mir die Beratungsstelle bei meinen Problemen nicht wirklich helfen kann und dass ich – Überraschung, Überraschung! – bei einem Psychotherapeuten besser aufgehoben wäre. Und dabei, einen Psychotherapeuten zu finden, kann mir die Beratungsstelle durchaus helfen.

Die Dame, mit der ich heute gesprochen habe, wird sich mit der Leiterin der Beratungsstelle zusammensetzen. Die kennt sich besser aus mit Psychotherapeuten, hat mehr Überblick, wer hier in der Stadt für mich in Frage kommen könnte, hat bessere Kontakte. Sie (die Leiterin) wird sich dann bei mir melden und einen Termin mit mir vereinbaren. Dann kann ich mit ihr in Ruhe besprechen, wie ich denn nun am besten an einen geeigneten Therapeuten komme. Und welche Unterstützung ich dabei event. brauche (einfach mal wo anrufen geht ja nicht, beispielsweise).

Ich finde das gut so. Klar hatte ich mir auch schon gedacht, dass die Beratungsstelle nicht wirklich das Richtige für mich ist und dass sie mir zu einer Psychotherapie raten werden. Allerdings dachte ich, dass es nur bei diesem Rat bleiben wird – nicht, dass sie mir helfen werden, einen Therapeuten zu finden. Das hat mich wirklich positiv überrascht.

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ungeschminkt

„Viel zu anstrengend… Lass es bleiben… Sag ab, irgendeine Ausrede findet sich schon, Magen-Darm geht immer… oder die neuen Medis, Nebenwirkungen, kann man ja bisschen übertreiben, dann passt das… aber nicht aufstehen, okay? Nicht aufstehen, nicht Bahnhof, Zugfahren, X. treffen, wieder Zugfahren… Viel zu viel! Hörst du? Viel-zu-Viel!!“

Fast hätte ich nachgegeben. Das bloße Aufstehen kostet schon so verdammt viel Kraft. Irgendetwas tun, unternehmen ist Anstrengung hoch drei. Und das noch den ganzen Tag! Puh.

Schlussendlich habe ich nicht nachgegeben. Aufstehen, fertig machen, Bus, Bahnhof, Zug. Soooo anstrengend. Erst als ich an meinem Ziel ankam und meine liebe liebe X. in die Arme schließen konnte, war plötzlich alles gar nicht mehr so schlimm.

Er war schön, dieser Tag. Gepflegtes Nichtstun. Einfach nur am See rumsitzen, Eis essen, quatschen über Gott und die Welt. Es ist so wunderbar, Menschen zu treffen, die man kennt und bei denen man weiß, dass man nicht bewertet wird und nichts leisten muss. Das reine Dasein reicht, es reicht vollkommen. Nur sich sehen, zusammen sein, Zeit miteinander verbringen. Nein, es ist mehr als „es reicht“ – es ist toll, perfekt, kraftgebend. Zu wissen, dass man nichts tun muss, nichts beweisen muss. Keine Anstrengungen notwendig, keine Lügen, keine Masken. Ich bin, wie ich bin, und ich bin hier mit dir, die Sonne scheint und die Wellen des Sees plätschern am Ufer. Mehr braucht es nicht. Wir brauchen nicht einmal permanent zu reden. Keine krampfhafte Suche nach Gesprächsthemen. Entweder ergeben sich die Gespräche von selbst oder wir sitzen einfach schweigend beisammen. Beides ist okay, beides ist gut.

Manchmal, nach Tagen wie diesen, fühle ich mich wie eine Kugel an einem Berg. Es kostet so verdammt viel Kraft die Kugel nach oben zu schieben. Aber wenn man oben ist, wenn man die Anstrengung hinter sich hat – dann kann man loslassen. Die Kugel rollt von ganz alleine ihren Weg entlang.

Mir scheint das manchmal das größte Problem bei der Depression zu sein: den Berg heraufzukommen. Bei jeder noch so kleinen Tätigkeit. Ich weiß, dass die Kugel von selber rollen wird – aber erstmal muss ich sie den Berg hochschieben. Viel, viel Kraft aufbringen, damit die Dinge ins Rollen kommen. Jedes Mal aufs Neue. Jeden Morgen nach dem Aufwachen, zigtausendmal am Tag. Hochschieben – und dann geht es. Wieder und wieder und wieder.

Ich bin froh, dass ich Freunde habe, zu denen ich ehrlich sein kann und darf. X. ist so eine Freundin. Ihr muss ich nichts vorlügen. Ihr kann ich sagen, dass ich wieder eine depressive Episode habe und alles so verdammt anstrengend ist. Ich muss nicht lügen – ich kann sagen, dass ich keine Ahnung habe, ob ich die Kraft aufbringe, wirklich zum See zu fahren. Sie schafft es auf eine angenehme Art und Weise, mich dazu zu ermutigen. Und wenn wir uns dann wirklich sehen, erwartet sie nichts von mir. Wir müssen nichts tun. Nicht ewig rumlaufen, nichts besichtigen, nichts unternehmen. Es ist voll und ganz ausreichend, dass wir zusammen sind. Und wenn ich nach dem Kraftakt aus Aufstehen, Waschen, Anziehen, Busfahren, Zugfahren einfach nur noch irgendwo rumsitzen will – dann sitzen wir eben nur rum. Nur kurz ein paar Minuten Fußweg vom Bahnhof runter zum See, ein schönes Plätzchen gesucht, und da sitzen wir dann eben den ganzen Tag, reden oder schweigen, beides ist okay.

Ich weiß nicht, ob sie wirklich eine Vorstellung davon hat, wie sich Depression anfühlt. Wie Depression ist. Aber das spielt auch keine Rolle. Sie weiß, dass ich immer wieder depressiven Episoden durchlebe. Und sie akzeptiert das einfach. Nimmt es hin und macht das beste draus. Wenn es mir gut geht und ich was unternehmen will – super, dann unternehmen wir was. Wenn mich die Depression fesselt und mich schon das Treffen alle Kraft kostet, dann sitzen wir eben entspannt irgendwo zusammen am See. Beides ist okay, beides ist gut.

Solche Erlebnisse tun mir gut und geben mir Kraft. Das Wissen, dass ich angenommen werde, wie ich bin. Dass ich nicht immer Leistung bringen muss. Dass ich einfach nur Da-Sein kann – und dass das vollkommen ausreichend ist. Nur Da-Sein, Zusammen-Sein. Ohne irgendetwas Besonderes tun, ohne irgendwelche herausragenden Leistungen bringen zu müssen.

Nur Da-Sein. Ich-Sein. Ohne Lügen, ohne Masken. Ungeschminkt, wie ich eben bin.

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hinter ihrem Rücken

Ich habe meiner Ex-Therapeutin eine Mail geschrieben. Letzte Woche schon, in einem Moment absoluter Verzweiflung. Solche Momente gibt es oft derzeit. Momente, in denen ich nicht mehr ein und aus weiß, keine Ahnung habe, was richtig ist oder falsch, was ich tun soll, kann, darf.

Es war keine lange Mail. Im Grunde nur eine kurze Schilderung der aktuellen Situation und die Frage, ob irgendwie irgendeine Möglichkeit bestünde, dass ich mit ihr sprechen könnte. Dass ich gerade dringend Hilfe brauche und nicht wisse, an wen ich mich wenden solle – nachdem Dr. H. mich fallengelassen hat und auch die Station derzeit keine Option ist, nach dem letzten Debakel mit dem Oberarzt (der furchtbare letzte Termin hatte natürlich auch noch ein genauso unschönes Nachspiel).

Sie hat gerade Urlaub, würde sich dann nächste Woche nochmal bei mir melden. Sie schien es mir nicht übel zu nehmen, dass ich sie nach so langer Zeit einfach so angeschrieben habe. Sie verstehe das total.

Ein schlechtes Gewissen habe ich dennoch. Sie ist ja nicht mehr meine Therapeutin, schon lange nicht mehr. Ich habe kein Recht, ihr zu schreiben. Oder gar nach einem Termin zu fragen. Und das auch noch während sie Urlaub hat! (Okay, das mit dem Urlaub konnte ich nicht wissen, aber trotzdem!)

Natürlich habe ich niemandem davon erzählt. Weder der Herr Psychiater noch der Herr Oberarzt wissen, dass ich Kontakt zur Ex-Therapeutin aufgenommen habe, weil ich mich von ihnen nicht ausreichend unterstützt fühle. Weil ich mich missverstanden und im Stich gelassen fühle. Was wird passieren, wenn sie irgendwann vielleicht herausfinden, dass ich hinter ihrem Rücken anderswo Hilfe gesucht habe? Ist das ein Verrat? Eine Abwertung? Eine Zurückweisung?

Montag habe ich außerdem einen Termin bei einer Beratungsstelle. Noch sowas, wovon niemand etwas weiß. Dass ich die Beratungsstelle kontaktiert habe, dass ich einen Termin vereinbart habe. Dass ich – fernab der Klinik und hinter dem Rücken meiner Behandler – anderswo Rat und Hilfe suche.

Wenn ich nur daran denke, ziehe ich schon instinktiv den Kopf ein. In Erwartung von Strafe, Vorwürfen, Ärger, Schlägen. Ja, so absurd das auch klingt, aber irgendwie erwarte ich, dass ich geschlagen werde, wenn die Ärzte jemals erfahren, dass ich – ohne ein Wort zu sagen – Klinik-externe Hilfsangebote suche.

Ich will nicht, dass sie sich hintergangen fühlen. Aber ich habe einfach das Gefühl, dass das etwas ist, dass ich alleine machen sollte. Ohne vorher irgendwen um „Erlaubnis“ zu fragen. Ohne mich dafür zu rechtfertigen. Es gibt andere Hilfsangebote als die der Klinik. Die gibt es und die darf ich auch in Anspruch nehmen. Das darf – und kann – ich selber machen. Ich muss niemanden vorher fragen, ob das okay ist.

(Trotzdem: Kopf einziehen. Luft anhalten. Augen schließen. Schläge abwarten.)

Vielleicht wird es keine Schläge geben. Schließlich bin ich nicht verpflichtet, dem Psychiater oder gar dem Oberarzt offenzulegen, wann ich wo welche Termine in Anspruch genommen habe. Das ist meine Sache, das müssen sie nicht unbedingt wissen. Und wenn ich nichts sage, wird das auch niemand erfahren. Die Beratungsstelle unterliegt der Schweigepflicht. Meine Ex-Therapeutin wird mit Sicherheit auch niemandem etwas sagen.

Aber selbst wenn die Klinik-Leute was erfahren würde: vielleicht wären sie gar nicht böse auf mich. Könnte ja sein, dass sie es sogar als positiv werten – dass ich aktiv geworden bin, dass ich mich nach passenden Hilfsangeboten umgeschaut habe, dass ich Termine vereinbart habe. Kann man ja auch positiv auslegen. Kann man… theoretisch.

(Kopf einziehen… Luft anhalten… Augen schließen… Schläge abwarten…)

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Depression: sich selber loben

Man solle sich selber loben und stolz auf sich sein für alles, was man an einem Tag geschafft hat. Sagen sie. Soll helfen, wenn man depressiv ist und eigentlich gar nichts mehr hinbekommt oder das zumindest glaubt.

Ich versuche es, aber es kommt mir so erbärmlich vor. Für welche Leistungen soll ich mich denn loben?

Ich bin morgens aufgestanden. Das ist an vielen Tagen so ziemlich die einzige Leistung. Jeder andere Mensch macht das ganz selbstverständlich. Man schläft, man steht auf. Nicht der Rede wert.

An guten Tagen könnte ich noch hinzufügen: Zähne putzen, duschen, essen. Vielleicht sogar sowas wie: einkaufen. Oder zum Arzt gehen. Oder Whatsapp-Nachrichten beantworten, Email schreiben.

Und an sehr, sehr guten Tagen: eine Stunde arbeiten gewesen.

Wow.

Man solle sich nicht mit anderen vergleichen, heißt es weiter. Super Idee, aber wer schafft das schon? Wer denkt nicht: „Jeder Mensch steht auf und wäscht sich. Jeder geht einkaufen. Jeder kommuniziert mit Freunden. Jeder geht zur Arbeit.“

Ich komme mir wirklich erbärmlich vor, wenn ich mich für solche Kleinigkeiten, Alltäglichkeiten lobe. Wenn ich mir selbst Anerkennung zu schenken versuche allein dafür, dass ich morgens wenigstens mal aufgestanden bin. Echt, suuuper Leistung.

Und doch – ja, und doch ist das eine Leistung. Für mich, momentan, ist das eine Leistung wie „Marathon gelaufen“.

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