eisblau&honigsüß

Ich war beim Gespräch.

Ich fühle mich beschissen, jetzt, danach.

Nein, so schlimm war das Gespräch nicht. Oder doch. Irgendwie war es schlimm. „Sie brauchen keine Angst haben“, sagte er zu Beginn voller Überzeugung. Was für ein Schwachsinn.

Gebracht hat es jedenfalls nichts. Das kann ich schon mal mit Sicherheit sagen. Er versteht das Problem nicht. Er glaubt, dass er es versteht – oh ja, und wie er das glaubt! Dabei versteht er nicht einmal die Hälfte. Nicht einmal ein Viertel.

Ich werfe ihm das nicht vor. Naja, doch, ein bisschen werfe ich es ihm vor. Sein Denken ist zu engstirnig, zu unflexibel. Ich glaube, dass er durchaus intelligent genug wäre, um auch „über den Tellerand hinaus“ zu denken. Er tut’s nur nicht. Weil er zu sehr davon überzeugt ist, dass seine naheliegendsten Gedanken ohnehin die absolute Wahrheit sind und er deswegen gar nicht weiter denken muss.

Bereue ich es, ihm den Tagebucheintrag geschickt zu haben? Gerade schon. Bzw. ich bereue es nicht wirklich – ich würde es nur nicht nochmal machen.

Zu viel Schmerz für zu wenig Gewinn.

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Ausnahme

… und dann sitzen wir uns wieder gegenüber, der Herr Oberarzt und ich. Reden über so vieles. Besprechen Vergangenes und Zukünftiges. Und der einzige Satz, der sich tief in meinen Kopf bohrt, ist: „Sie sind da eben eine Ausnahme.“

Eine Ausnahme. Das bin ich also.

Ist das gut oder schlecht?

Ich gehe mit dem Gefühl, dass es nichts Schlimmes ist. Nach allem, was ich gefragt und er geantwortet hat, sieht er das wohl nicht als Makel.

Trotzdem bin ich unsicher.

Eine Ausnahme.

Woran soll ich mich denn dann orientieren? Wenn ich eine Ausnahme bin? Was ist so, wie ich es bin?

Er meint es positiv. Das weiß ich. Auch das haben wir heute lang und breit besprochen. Überhaut haben wir heute sehr offen miteinander gesprochen. Ist das gut oder schlecht? Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, was richtig ist und was falsch. Hätte ich manche Dinge vielleicht besser nicht gesagt? Nicht gefragt? Aber mir hat es geholfen, diese ganzen totgeschiegenen Fragen auszusprechen und seinen Antworten zu lauschen. Also ist es gut?

Er war überrascht. So schien es mir. Er hat es selten erlebt, dass ich so offen ausspreche, was mich beschäftigt. Vor allem in Bezug auf ihn.

Er würde mich nicht anlügen. Was er sagt, könne ich auch glauben. Er sei ehrlich zu mir. Schöne Worte – oder mehr? Wer weiß. Ich vertraue ihm noch immer nicht. Das habe ich ihm auch gesagt. Er schien nicht überrascht. Er scheint das auch zu respektieren. Gut, oder?

Egal. Irgendwie war das Gespräch gut. Auswühlend, aber gut. Und ist das nicht letztlich das, das zählt?

Er wird mich nicht einsperren. Er wird mich nicht fallen lassen. Er weiß, dass unsere Beziehung anders ist. Er findet das okay. Es ist okay. Ich bin okay. Er ist okay.

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von der Möglichkeit eines Gesprächs

Erstmal euch allen Danke für die Tipps und Ideen, wie es mit einem Gespräch doch noch klappen könnte. Letztlich kam dann doch wieder mal anders als gedacht – Leben eben 😉

Ambulanzpsychiater machte schon gestern den Vorschlag, dass ich mit Ärztin sprechen könnte. Sie war meine behandelnde Ärztin auf der Geschlossenen, ich kenne sie gut, ich vertraue ihr, ich mag sie. Inzwischen arbeitet sie auf einer anderen Station. Und auch wenn es eigentlich nicht üblich ist, dass sie sich um andere Patienten als die ihren auf der Offenen kümmert, so wäre es doch in meinem Fall, in dieser Situation, unter diesen Umständen vielleicht möglich, doch eine Ausnahme zu machen.

Er hat das gestern geklärt. Ärztin war sofort einverstanden damit, mit mir zu sprechen („Das würde ich nicht bei jedem Patienten machen. Aber bei Ihnen – nun…“, lächelt sie mich an.) Auch die Oberärzte stimmen diesem etwas ungewöhnlichen und eigentlich auch unerwünschten Procedere zu. Die Ärztin steckt mir später, dass alle in sehr großer Sorge um mich sind. „Krise, ja, aber diese Krise ist anders. Das spüren alle hier. Irgendetwas stimmt bei Ihnen gerade ganz und gar nicht.“

Kein Wunder also, dass die Ärzte fast schon erleichtert waren, dass ich mir ein Gespräch mit Frau Ärztin vorstellen kann. Vielleicht kann ich mich ihr öffnen? Vielleicht wissen dann auch meine anderen Behandler, was vorgefallen ist? Vielleicht können sie mir dann helfen – und müssen nicht zusehen, wie ich zugrunde gehe in sprachlosem Leid, bis zum bitteren Ende…

Mit Ambulanzpsychiater habe ich schon thematisiert, dass ich Angst habe, nicht reden zu können. Dass ich dann dasitze und erzählen soll und kein Wort herausbringe. Ich glaube, er hat diese meine Sorge der Ärztin mitgeteilt. Jedenfalls ging sie von sich aus darauf ein und hat jeglichen Druck in Richtung „Sie müssen jetzt aber reden!!!“ von Anfang an herausgenommen.

Ambulanzpsychiater bot mir heute einen Termin mit Frau Ärztin an. Ich könne den Termin wahrnehmen – muss aber nicht, natürlich nicht. Ich wollte so so so sehr reden, und wenn nicht mit Frau Ärztin, mit wem denn dann?!? Allerdings war auch klar, dass ich in den Stunden bis zum Termin vermutlich durchdrehen und Mist machen würde (oh gott ich muss reden ich muss darüber reden oh gott oh gott ich schneide mich schlucke tabletten dann findet der termin nicht statt oh ja gute idee das mache ich).

So verbrachte ich die Zeit zwischen dem Ambulanztermin und dem Gespräch mit Frau Ärztin auf der Geschlossenen. Schutz vor mir selbst, Schutz vor meiner Angst. Das Eingesperrt-Sein habe ich dann aber doch bald nicht mehr ertragen können. Pflege gefragt, ob ich denn vielleicht ein bisschen raus gehen dürfe? Pflege ruft den Oberarzt an, sehr kurzes Gespräch, „Kein Ding“, sagt er. „Halbe Stunde oder auch bisschen länger. Wie Sie sich wohl fühlen. Alles okay.“ Ganz unkompliziert. Er scheint mich inzwischen wirklich immer besser zu kennen.

Ja, und am frühen Nachmittag dann das Gespräch. Es war nicht einfach. Aber auch nicht so unmöglich, wie ich dachte. Bisschen Smalltalk zum Aufwärmen, dann langsam herantasten. Ich von mir aus konnte nicht einfach drauflos erzählen. Aber Ärztin war gut im Raten und Hinweisen-Folgen. Auch ohne, dass ich irgendetwas konkret sagen musste, hat sie sehr schnell verstanden, was passiert ist. Und welche Folgen das nun für mich hat. Ich bin ihr dankbar, so dankbar, dankbar, dankbar! Dass sie eine entspannte Gesprächsatmosphäre geschaffen hat. Dass sie so schnell verstanden hat, worum es geht. Dass sie nicht mehr Details gefragt hat, als zum Verständnis notwendig sind. Dass ich quasi „von Frau zu Frau“ mit ihr reden konnte.

Auch, dass sie mir die volle Kontrolle gelassen hat, wie es weitergehen soll. Soll sie das komplett für sich behalten oder meinen Haupt-Behandlern berichten? Was soll sie erzählen? Und wem? Letztlich haben wir uns auf eine kurze, präzise, nicht allzu detaillierte Darstellung geeinigt (zu hören, was sie sagen wird, war zwar schwierig wegen Problemworten, aber auch beruhigend, weil ich so weiß, welche Informationen weitergegeben werden). Dr. H. soll sie das auf jeden Fall sagen, er soll das wissen. Ambulanzpsychiater auch, logisch, mit ihm habe ich viel Kontakt und er macht sich momentan wirklich sehr große Sorgen um mich, er soll Bescheid wissen. Der Herr Oberarzt? Da habe ich eine Weile gezögert. Schließlich auch für ihn grünes Licht gegeben – er soll wissen, was passiert ist, aber er soll (darf!) mich nicht darauf ansprechen, das wäre zu viel für mich.

Die Ärztin bot an, dass ich jederzeit wieder mit ihr sprechen kann. Wenn ich das möchte und/oder brauche. Ich solle einfach Bescheid geben. Das beruhigt mich. Es gibt zu diesem Vorfall noch so viel Gesprächsbedarf, aber vielleicht kann ich das auch in der Therapie mit Dr. H. besprechen, wenn er ja nun weiß, was passiert ist. Aber wenn das nicht geht (weil er eben ein Mann ist), dann ist Frau Ärztin da und würde mit mir reden, ohne wenn und aber.

Später hatte ich noch ein Gespräch mit dem Herrn Oberarzt. Es war – seltsam? Ein besseres Wort fällt mir nicht ein. Es war anders als sonst. Als ob er in dieses Gespräch mit dem Bewusstsein gegangen ist: „Ich bin ein Mann. Und das ist für diese Patienten gerade ein rotes Tuch.“ Er war vorsichtiger. Extrem darauf bedacht, keine Grenzen zu verlezten. Mir Kontrolle zu lassen. Jetzt, da er weiß, was gewesen ist, ist das nur allzu gut verständlich. Er ist eben auch ein Mann, und ich denke, er weiß, dass ich ihm nach wie vor nur eingeschränkt vertraue. Also mal lieber jegliche Dominanz herausnehmen und mir die volle Kontrolle geben… Ich bin ihm dankbar dafür. Haha, als ob er dich respektieren würde: der denkt bestimmt, was für eine dreckige kleine Schlampe du bist!

Jetzt bin ich wieder zu Hause. Herr Oberarzt ließ mich ohne großes Gerede gehen. Dass ich starken Selbstverletzungsdruck und Suizidgedanken habe? Najaaaa… „Aber Sie kommen, wenn Sie es nicht mehr aushalten?“ Ich verspreche es ihm und meine das auch ehrlich. Er öffnet mir die Türe. Und ich gehe mit einem guten Gefühl. Ich habe es geschafft zu reden! Mit Hilfen zwar, aber ich habe geredet! Und die Ärzte, die mich hauptsächlich behandeln, wissen nun Bescheid. Sie können mir jetzt besser helfen. Was ich nicht mit Männern besprechen kann – muss ich auch nicht mit Männern besprechen. Die Ärztin ist da, ich kann weitere Gespräche bei ihr haben, das ist kein Problem, ich kann von Frau-zu-Frau reden und es fühlt sich so sicher an, so normal, so wert- und urteilsfrei.

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Vertrauen – es ist so schwer

Er überrascht mich immer wieder auf’s Neue, der Herr Oberarzt. Wann begreift mein Kopf endlich, dass er wirklich kein Monster ist? Wann geht die Angst vor ihm endlich wirklich weg? Wann kann ich endlich entspannt zu Gesprächen mit ihm gehen, ohne Herzklopfen und der Überzeugung Befürchtung, dass er mich niedermachen wird?

Es war gut, das Gespräch heute mit ihm. Es war wieder einmal ein gutes Gespräch mit ihm. Und wieder ein Gespräch, in dem ich irgendwie immer mit einem verbalen Fausthieb seinerseits gerechnet habe. Zu Unrecht, so zu Unrecht!

Ja, es ist am Montag sehr ungünstig gelaufen. Ja, es gab Probleme. Ja, mein Verhalten war nicht ideal. Ja, ich habe mich ihm gegenüber unfair benommen.

Hat er mir heute irgendetwas davon vorgeworfen? Nö. Nicht einmal ansatzweise.

Klar hat er gesagt, wie ich mich aus seiner Sicht verhalten habe. Und dass das nicht so toll gewesen ist. Aber ohne jeglichen Vorwurf. Ohne dass ich mich deswegen schlecht oder angegriffen fühle. Er wollte einfach nur verstehen, was los gewesen ist. Das besprechen und klären. Überlegen, wie es besser gewesen wäre. Und was es bräuchte, damit es in Zukunft besser klappt. Nicht nur, was ich anders machen muss – auch wie er mir dabei helfen und entgegenkommen kann.

Meine Güte, statt auf mich draufzuhauen gab es neben konstruktiven Überlegungen sogar noch Lob! Für Dinge, die ich inzwischen besser hinbekomme als früher. Sogar dafür, dass ich überhaupt zum Gespräch mit ihm gekommen bin – weil er weiß, dass mich das einige Überwindung gekostet hat.

Aber so positiv das auch alles war, es nimmt nicht die Angst vor ihm. Die sitzt weiter tief in mir drin. Auch wenn es etwas besser geworden ist seit November. Ich war heute nicht ganz so panisch wie beim November-Gespräch, und ich habe im heutigen Gespräch auch ziemlich von Anfang an offen mit ihm reden können. Konnte einfach drauflos reden ohne jedes Wort erstmal sorgfältig abzuwägen, bevor ich es sprach.

Trotzdem bleibt die Angst vor ihm. Und ich weiß nicht, was es noch braucht, um ihm wirklich endlich vertrauen zu können. Ich würde es so gerne. Ihm vertrauen. Weil ich doch inzwischen weiß, dass er okay ist. Dass er mir helfen will. Ich würde so gerne vertrauen können. So gerne.

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Oberarztgespräch: Nachspiel

Seit dem Oberarztgespräch hat auch meine Therapeutin zweimal mit ihm gesprochen. Einmal am Tag nach dem Gespräch, das zweite Mal am Tag nach der Therapie bei ihr. Überrascht hat mich das nicht. Irgendwie war mir völlig klar, dass er mit ihr reden wird. Einmal, um ihr seine Einschätzung des Gesprächs mitzuteilen, und ein zweites Mal um zu erfahren, was ich darüber denke.

(Und ich musste mir das Lachen verkneifen, als sie sagte, dass sie ihm am Tag nach der Therapie zufällig über den Weg gelaufen ist. Zufall? Mit Sicherheit nicht! Weder das erste noch das zweite Gespräch. Er hat gezielt dafür gesorgt, einmal vor und einmal nach meinem Therapiegespräch mit ihr reden zu können. Davon bin ich überzeugt.)

Bei jedem anderen wäre ich vermutlich etwas sauer geworden. Warum redet der hinter meinem Rücken?!? Warum redet der nicht einfach mit mir?!?

Aber bei ihm ist es irgendwie okay. Weil mir von vornherein klar war, dass er meine Therapeutin „aushorchen“ wird? Weil es selbstverständlich war, dass unser Gespräch nicht unter uns bleiben wird, sondern ich es in der Therapie vor- und nachbesprechen werde und das auch in Ordnung ist? Weil er im Grunde nicht so viel anders tickt als ich auch – immer interessiert daran, was andere über einen denken und ob man etwas gut gemacht hat?

Vielleicht auch, weil das Gespräch einfach zu wichtig gewesen ist. Für mich zumindestens. Für ihn vielleicht auch. Ich glaube inzwischen, dass es ihm wirklich wichtig ist, „seine“ Patienten gut zu behandeln. Dass es ihn nicht kalt lässt, wenn sich jemand beschwert oder seinetwegen Sorgen hat. Für mich war es wichtig zu klären, ob ich die Akutstation weiterhin so nutzen kann, wie ich es brauche. Für ihn war es vermutlich wichtig, dass ich mir deswegen – und vor allem seinetwegen – keine Sorgen mehr mache.

Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass er wusste, dass mir die Frau Therapeutin von den Gesprächen mit ihm erzählen wird. Es würde mich nicht überraschen, wenn er das sogar gezielt genutzt hat. Wie ich es ja auch getan habe. Denn auch mir war klar, dass das, was ich der Therapeutin über das Gespräch erzähle, letztendlich auch bei ihm ankommen wird. Vermutlich ist die Therapeutin die einzige, der nicht bewusst ist, dass sie im Grunde dafür benutzt wird, dass der Oberarzt und ich unser Gespräch (indirekt) nachbesprechen können. Um uns mitzuteilen, was gut war – und was nicht. Damit ich ihm mitteilen kann, was mich beruhigt und was mich doch noch stresst. Und er mir versichern kann, dass er das weiß und sich bemühen wird, auf meine Sorgen Rücksicht zu nehmen.

Vielleicht… vielleicht ist das auch der Therapeutin irgendwie bewusst. Eines dieser Dinge, die nicht extra gesagt werden müssen und trotzdem jedem bekannt sind. Sie spricht mit dem Oberarzt und mit mir über das Gespräch – und erzählt dem jeweils anderen, was gesagt wurde. Weil das irgendwie wichtig ist. Notwendig. Hilfreich. Gut.

Und letztlich ist es genau das: gut. Mir hat es geholfen mit dem Oberarzt zu sprechen – und mir hilft es sehr, auch nach dem Gespräch noch Feedback zu bekommen. Zu hören, was er denkt. Und zu wissen, dass es ihn auch interessiert, was ich denke.

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