eisblau&honigsüß

Und nu?

Es ist alles beim Alten. Die stationäre Therapie hat nichts gebracht, nichts verändert, mich nicht weitergebracht. Die Tage verfließen wie eh und je.

Ich bin traurig. Enttäuscht. Hoffnungslos. Desillusioniert.

Kann mir überhaupt geholfen werden oder bin ich einfach so kaputt, dass da nix mehr zu retten ist?

8 Diagnosen. Ja, ganze 8 Diagnosen stehen in meinem Entlassbrief. Das ist ziemlich niederschmetternd.

Gestern Abend war ich in der Psych. Habe diese ganze Scheiße nicht mehr ausgehalten. Die Dienstärztin war lieb. Ich hatte Angst, dass sie enttäuscht oder gar sauer sein würde, wenn ich so kurz nach Entlassung wieder dort aufschlage. Aber es war gut. Keine Vorwürfe. Mut machen, bestärken. Es hat gut getan, mit ihr zu sprechen.

Ambulanz-Psychiater erreiche ich nicht. Hänge in der Luft, was die Weiterbehandlung angeht. Doof.

Zehn Wochen Therapie – und alles ist wie zuvor.

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Entlassung

Nach 10 langen Wochen bin ich nun wieder zu Hause.

Einerseits bin ich froh, dass ich zu Hause bin. Die letzte Zeit in der Klinik war eine einzige Qual und die Entlassung fühlte sich wie eine grenzenlose Erleichterung an.

Andererseits… ist nun wieder alles beim Alten. Ich kann nicht sagen, dass mir die Klinik viel gebracht hat. Klar, ein paar schöne Erinnerngen habe ich mitgenommen. Aber sonst? Nicht viel.

Ich bin so unendlich müde und erschöpft. Enttäuscht. Frustriert.

Hoffnungslos.

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Medikamente

Irgendwie bin ich unglücklich mit meiner derzeitigen Medikation. Auch wenn ich nicht bestreiten kann, dass es mir mit den Medikamenten deutlich besser geht als ohne. Aber irgendwie bleibt das Gefühl, dass ich viel zu viele Pillen schlucke. Was ist das für ein Leben, in dem man tagtäglich eine handvoll Tabletten braucht um klarzukommen?

Ja, ich weiß, ich weiß: psychische Erkrankungen sind genauso Erkrankungen wie alle somatischen auch. Und wie bei den ganzen körperlichen Dingen auch, kann man ohne Medikamente nur teilweise etwas ausrichten. Selbsthilfe, Lebensstil blabla. Das hilft nur bis zu einem gewissen Grad. Weiß ich.

Trotzdem muss ich tagtäglich mit mir kämpfen um die verordneten Medikamente auch wirklich einzunehmen. Am liebsten würde ich alle Tabletten ganz absetzen. Oder wenigstens einen Teil davon. Ich überlege immer wieder, welches Medikament ich am ehesten streichen könnte – die Erfahrung sagt mir, dass es Unsinn ist.

Das Heuschnupfen-Medi brauche ich, das ist klar. Ich reagiere auf so gut wie alle Pollen. Ohne das Medi kann ich kaum atmen. Muss also bleiben, wenigstens in der Blütezeit.

Ebenso der Betablocker. Ohne die Tabletten habe ich einen Ruhepuls weit weit weit über 100. Das ist weder angenehm noch gesund. Ganz zu schweigen von der Panik, die ich bekomme, wenn das Herz zu schnell schlägt. Da kommen dann die Erinnerungen an meinen Bruder, seine Herzkrankheit, seinen Tod. Nein, das Herz muss einfach ruhig bleiben. Muss einfach. Muss.

Zwei Antidepressiva. Eines morgens, eines abends. Beide wirken nicht ideal, beide schaffen es nicht, die Depression zum Verschwinden zu bringen. Ich habe ausprobiert, was passiert, wenn ich eines oder beide Medikamente weglasse. Funktioniert nicht. Mir geht es deutlich schlechter ohne die Antidepressiva. Sehr viel deutlich schlechter. Da komme ich dann auch mit Selbsthilfe etc. nicht sehr weit. Scheint so, dass es die Kombination der beiden Medis braucht, um meinem Hirn zu helfen, nicht depressiv zu sein.

Mit Antidepressivum-1 kann ich leben. Es hilft ohne nennenswert Nebenwirkungen zu haben. Das zweite Antidepressivum ist schon tückischer. Es hilft, aber die Nebenwirkungen sind nicht nicht gerade lustig. Ich habe mit dem Herrn Psychiater darüber gesprochen. Wir sind uns einig: die halbe Dosis wäre für mich vermutlich ideal. Gibt es nur leider nicht. Und teilen kann – darf! – man die Tabletten auch nicht. Wir versuchen es jetzt mit „eine Tablette jeden zweiten Tag“. Ob das klappt, kann ich nicht sagen. Er auch nicht. Einen Versuch ist es wert. Erstmal.

Zusätzlich nehme ich einen Stimmungsstabilisierer. Das möchte ich auch, das war mein Wunsch. Angeblich sollen Antidepressiva ja vorbeugend wirken gegen erneute depressive Episoden. Scheint bei mir nicht so wirklich zu funktionieren. Ich habe mich informiert und lange mit meinem Arzt darüber gesprochen. Er sieht es auch so, dass die Antidepressiva mich wohl nicht vor erneuten depressiven Episoden schützen können. Zu tief sitzt die Depression, zu oft habe ich trotz der Medikamente neue Episoden gehabt. Wir haben uns also auf ein weiteres Medikament geeinigt. Ob es hilft, kann ich nicht sagen. So ganz ohne ist das Zeugs ist. Langsam aufdosieren, sehr sehr langsam. Ich bin von der Dosierung noch ziemlich weit unten. Momentan merke ich nichts davon. Nur, dass ich eine Tablette mehr schlucken muss am Tag.

Schlafen – das altbekannte Thema. Manchmal frage ich mich, ob ich wirklich „echte“ Schlafstörungen habe oder ob mein Körper sich im Lauf der Zeit einfach daran gewöhnt hat, zum Schlafen Tabletten zu bekommen. So oder so – ohne Medis ist an Schlaf nicht einmal zu denken. Ich nehme nur selten „richtige“ Schlafmittel. Aber ohne schlaffördernde, sedierende Tabletten finde ich nicht in den Schlaf. Manchmal reichen die Tabletten, manchmal nicht. Manchmal nehme ich dann eben doch „richtige“ Schlaftabletten. Viel zu oft in letzter Zeit.

Bedarf: Tavor. Der Klassiker schlechthin. Hilft schnell und gut. Sagen die Ärzte und sage auch ich. Dass es abhängig machen kann, ist gemeinhin bekannt, aber damit habe ich zum Glück nie Probleme gehabt. Selbst wenn ich mal eine Weile jeden Tag Tavor nehme, habe ich nie Probleme gehabt, es wieder wegzulassen. Toleranz stellt sich bei mir schnell ein, aber von einer echten körperlichen Abhängigkeit blieb ich bisher zum Glück verschont. Herausfordern will ich mein Glück trotzdem nicht; es ist ein Bedarfsmedikament. Ein Notfallmedikament. Nicht mehr, nicht weniger.

Also: was kann ich weglassen? Heuschnupfen-Medi brauche ich. Betablocker auch. Die beiden Antidepressiva – naja, kann ich weglassen, aber dann kommt wieder die Depression durch. Den Stimmungsstabilisierer? Kann ich noch nicht beurteilen, nehme ich noch nicht so lange, keine Ahnung, ob der mir auf Dauer weiterhilft, aber erstmal will ich das ausprobieren… Ja. Will ich. Die Schlafmedis?  Klar… Ich weiß nicht, vielleicht würde der Körper sich irgendwann wieder daran gewöhnen, von alleine zu schlafen, mag sein. Andererseits, wenn man bedenkt, dass ich seit Kindheit an (weit vor den ersten Tabletten) Probleme mit dem Schlafen hatte, ist es doch eher unwahrscheinlich. Wahrscheinlich würde ich nur noch mehr Stunden wach liegen. Tavor als Bedarf weglassen ist auch keine echte Option. Nehme ich ohnehin nicht regelmäßig und damit habe ich auch nie Probleme gehabt, wenn auch die Nebenwirkungen mitunter ziemlich doof sind.

Also was tun?

Ich schlucke tagtäglich so viele Pillen. Viel zu viele, meiner Meinung nach. Aber was ich davon weglassen könnte, weiß ich nicht. Vielleicht ist es auch okay so? Wie bei einer komplexeren körperlichen Erkrankung eben auch. Eine Tablette hierfür, eine gegen jenes… Vielleicht funktioniert mein Kopf eben nicht anders richtig.

Ich weiß, es ist letztendlich Glaubenssache. Es gibt Menschen, die Medikamente bei psychiatrischen Erkrankungen befürworten und solche, die sich dagegen aussprechen. Gleiches gilt für die Behandlung psychiatrischer Erkrankungen ganz alllgemein. Oder für die Frage, ob es sowas wie psychiatrische Erkrankungen überhaupt gibt.

Wie gesagt: Glaubenssache.

Was ich glaube: ich weiß es nicht. Ich weiß es beim besten Willen nicht.

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Diagnostik-Durcheinander

Der erste Teil der Diagnostik ist geschafft. Die Frau Therapeutin wird das jetzt erstmal alles auswerten. Und dann geht’s weiter. Vertiefende Fragen zu den Bereichen, in denen es bei mir offenbar Probleme gibt. Noch genauer hinschauen. Noch präzisere Fragen und Antworten.

Ich hoffe, dass es dann wieder etwas klarer wird, was mit mir nicht stimmt. Bevor wir mit Diagnostik begonnen haben, hatte ich doch eine recht sichere Vorstellung davon, was ich habe oder haben könnte. Inzwischen bin ich völlig unsicher und habe so gar keine Ahnung mehr, wo ich diagnostisch hingehöre. Es scheint alles noch viel komplexer, viel verworrener geworden zu sein. Mir kommt es so vor, als ob ich jetzt, da wir alles genauer anschauen, noch viel weniger irgendwo hin passe.

Ich dachte, Diagnostik dauert eine oder zwei Stunden und dann ist alles ganz klar und eindeutig. Wie falsch ich damit lag…! Gründliche Diagnostik dauert sehr viel länger als ich angenommen habe. Und es gibt (erstmal?) nicht mehr Klarheit sondern nur noch größere Unsicherheiten.

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Innere (Erinnerung)

„Was sind das für Narben?“, fragst du während der Untersuchung und deutest auf meine Schultern.

Ich schaue zur Seite. Ich habe dir die ganze Zeit ins Gesicht gesehen. Aber jetzt ertrage ich es nicht. „Nicht meine Schuld…“, nuschel ich. Und schaue dich dann doch wieder an.

„Hm…“ Du schaust mich mitfühlend an. Schüttelst den Kopf. Seufzt. „Und das da…“ Du schaust auf meine Beine. Auf die unzähligen Fäden, die die Wunden zusammenhalten. „Das ist Ihre Schuld?“

Jetzt schaue ich wieder weg. Was soll ich dazu auch sagen? Ich verletze mich selbst. Ja. Aber ist es meine Schuld? Ich weiß es nicht. Wieviel Schuld habe ich daran, dass ich so geworden bin? „Hm…“, antworte ich.

Und wieder schaue ich in dein Gesicht. Dein Blick spricht Bände. Du brauchst nichts zu sagen. Ich auch nicht. Wir wissen beide, dass es sinnlos ist, die Schuldfrage zu diskutieren. Es ist, wie es ist. Du weißt von den Psychiatern, dass ich traumatisiert bin. Du weißt ungefähr, was ich erlebt habe. Überlebt habe. Mehr muss jetzt nicht gesagt werden.

Ich denke in dieser Nacht so oft an dich. Deinen Blick. Und auch wenn es furchtbar ist, fixiert zu sein – es wird irgendwie ein bisschen erträglicher, wenn ich daran denke, dass du in meiner Nähe bist. Du hast die Fixierung angeordnet, weil du es musstest. Aber du hast mich gesehen. Mich. Du weißt, dass ich kein Monster bin. Dass mich andere zu dem gemacht haben, was ich heute bin – und dass ich Tag für Tag darum kämpfe, so zu sein, wie ich es will. Es klappt nicht immer. Manchmal bricht die Vergangenheit durch – deswegen bin ich hier. Du weißt das.

… Und auch wenn das nun schon lange her ist, so denke ich doch immer wieder daran. An diesen furchtbaren Tag. An die Verlegung in die Innere. An die Zeit auf der Überwachungsstation. An die Monitore und Geräte und Infusionen. An dich. Vor allem an dich. An deine Blicke, deine Gesten, dein Handeln. Daran, wie du versucht hast, mir den Aufenthalt bei euch so erträglich wie möglich zu gestalten, trotz allem.

(Eine Erinnerung. Ich weiß nicht, warum ich jetzt wieder so sehr daran denken muss. Egal. Das Schreiben tut gut.)

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