eisblau&honigsüß

vier Wochen – ich will schneiden, verdammt

Seit vier Wochen habe ich mich nicht mehr verletzt. Aber irgendwie fühle ich mich gerade kein bisschen stolz deswegen. Mag mir auch nichts dafür gönnen, mag mich nicht belohnen. Jedenfalls nicht konstruktiv.

Ich würde mir gerne einen tiefen Schnitt erlauben. Einmal tief schneiden als Lohn für die vier Wochen ohne Selbstverletzung. Bescheuert, ich weiß. Aber ich sehne mich so sehr danach. Hatte mir schon wieder bis ins kleinste Detail ausgemalt, wie ich es machen werde, wo, wie tief, wie lang, und dann die Behandlung in der Chirurgie, die Fäden… Bis mir eingefallen ist, dass ich ja keine Klingen mehr zu Hause habe, und bei dem Dreckswetter wollte ich nicht aus dem Haus, und auf alternatives Werkzeug habe ich auch keine Lust, das wäre ja nur eine Notlösung, keine Belohnung.

Manchmal hasse ich mich dafür, dass ich sämtliche Klingen entsorgt habe. Verfluche mich selbst, weil ich mir auf diese Weise Steine in den Weg gelegt habe. Ich müsste mich motivieren, rauszugehen. Und wenn ich erst einmal draußen bin, mich bewege, die kühle Luft spüre, dann muss ich noch die Kraft aufbringen, bei meinen destruktiven Plänen zu bleiben. Ich kenne mich und ich weiß deshalb genau, dass „keine Klingen im Haus haben“ eine gute Möglichkeit ist, um mich vom Schneiden abzuhalten. Und manchmal hasse ich den vernünftigen Kämpfer-Teil in mir so sehr dafür, dass er auf diese Möglichkeit zurückgegriffen hat.

Es funktioniert, aber es ist eine Qual. Jeden scheißverdammtverfluchten Tag aufs Neue.

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in aller Frühe

Die Nacht vergeht und ich pendle zwischen unruhigem, alptraum-verseuchtem Schlaf und angespanntem Wachliegen. Horche auf die Glockenschläge der Kirchturmuhr, höre der Zeit beim Vergehen zu.

T. liegt tief und fest schlafend neben mir. Ich lausche seinem gleichmäßigen Atem. Ich gönne ihm von Herzen, dass seine Schlafstörungen so schlagartig besser wurden und er jetzt ohne Schlaftabletten Erholung finden kann. Sein Kater liegt auf der anderen Seite neben mir. Ein friedlich schlummerndes, leise schnurrendes Fellknäuel.

Ich bin viel zu unruhig, um noch länger liegen zu bleiben, und einschlafen werde ich sowieso nicht mehr. Der Kater beobachtet mich, als ich meine Klamotten zusammensuche, und folgt mir dann in die Küche. Ich ziehe mich an und tue dem lieben Tier dann den Gefallen einer ausgiebigen Schmuseeinheit. Öffne das Fenster und lasse ihn in den Hof hinunterschauen. Spiele ein wenig mit ihm – leise, ich will T. nicht wecken, er soll seine Ruhe bekommen.

Vorwurfsvoll schaut mich der Kater an, als ich die innere Unruhe schließlich nicht mehr aushalte, meine Jacke überziehe, meine Tasche nehme und mich aus der Wohnung schleiche. Vermutlich habe ich T. dabei geweckt – die Wohnungstür muss unbedingt geölt werden! – aber er weiß ja, dass ich oft in aller Frühe aufstehe und rausgehe, weil ich zu unruhig, zu angespannt bin. Er wird sich umdrehen und weiterschlafen. Er wird verstehen, warum ich mich davon geschlichen habe.

Die kalte Luft tut mir gut. Der Nebel gibt mir Sicherheit, ich kann draußen sein und bin dennoch versteckt vor der Welt. Ich wandere ein Weilchen ziellos durch die Straßen, in Gedanken noch beim vergangenen Abend. Ich bin T. so dankbar, dass er mich zu nichts drängt und mir Zeit gibt, mich langsam voran zu tasten. Quasi – Zentimeter für Zentimeter. Vielleicht wird irgendwann mal alles gut…

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haltlos und überfordert

So viele Sorgen. So viele Ängste. So viele Zweifel.

Wieso muss ich mich selber um mein Leben kümmern? Ich möchte wieder Kind sein. Ich möchte, dass mich jemand an die Hand nimmt und mich den richtigen Weg entlangführt. Ich möchte getragen werden an den schwierigen Stellen.

Mag nicht kämpfen. Mag nicht entscheiden.

Blicke in die Zukunft und sehe nur Chaos und Durcheinander und vor allem: zu viel. Mir ist mein Leben zu viel. Es kommt zu viel auf mich zu. Zu viele Aufgaben. Zu viele Fragezeichen. Zu viele Gefühle. Zu viel Leben. Zu viel Ich.

Ich treibe haltlos dahin wie ein Astronaut, der den Kontakt zum Raumschiff verloren hat. Alles so unendlich groß und weit und dunkel und kalt. Die Orientierung habe ich schon lange verloren. Vielleicht muss ich nach links oder nach rechts, nach oben, unten, hinten, vorne oder mich wie ein Kreisel auf der Stelle drehen. Ich weiß es nicht. Es spielt auch keine Rolle, denn der treibende Astronaut kann seine Richtung sowieso kaum beeinflussen.

Leben geschieht und reißt mich mit. Ich weiß nicht, wohin es geht und ich weiß nicht, ob es mir gefällt.

Ich möchte weg sein. Verschwinden, mich einfach in Luft auflösen. Möchte Tabletten schlucken um eine Weile nicht zu sein. Oder mich verletzen, schlimm verletzen, und mich mit dem Schmerz im Augenblick verankern, dem Treiben entkommen, für einen Moment.

Suizidgedanken. Treue Begleiter. Verfluchte Begleiter.

Muss kämpfen, muss stark sein, muss weitermachen. Anderthalb Wochen bis zur Aufnahme in die Tagesklinik. Darf jetzt nicht zusammenbrechen. Darf mich nicht in die Krankheit fallen lassen, darf keinen Mist machen. Muss mich zusammenreißen, wenn ich in die Tagesklinik aufgenommen werden will – will ich?

Und was danach? Tagesklinik, und dann, ja, dann. Hilflos. Wohin mit mir? Wielange? Zu viele Kliniken im Gespräch. Zu viele verschiedene Ansätze. Was brauche ich? Was hilft mir? Ich weiß es nicht, ich weiß es wirklich nicht.

Überforderung macht Angst, Angst jagt mich fort vom Leben, die Flucht endet in Selbstdestruktion.

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Pseudo-Psycho

Ich rege mich gerade sehr über den Arztbrief auf. Wieder mal ein einzelnes Wort, das etwas in mir auslöst, das ich nicht beherrschen kann. Ich bin verletzt, wütend, fühle mich verraten, belogen, verarscht. Will hingehen und die Ärzte anschreien, und andererseits am liebsten nie, nie wieder mit einem von denen auch nur ein einziges Wort wechseln.

Pseudo… Bezogen auf die Dissoziation.

Na herzlichen Dank auch. Schreibt doch gleich: Patientin simuliert. Lügt. Spielt nur irgendwas vor. Schreibt doch gleich, dass ihr mir nicht glaubt. Dass ihr mich für eine Heuchlerin haltet.

Dabei ist es doch auch Heuchelei, was sie selbst tun. Mir gegenüber tun sie so, als ob sie mich ernst nehmen und mir glauben etc. pp. Und dann schreiben sie im Brief sowas. „Natürlich glauben wir Ihnen!“, sagen sie, und in Wahrheit tun sie es doch nicht.

Sie glauben mir nicht. Sie werfen mir vor, nur so zu tun „als ob“. Ich spiele nichts vor, verdammt nochmal. Es verletzt mich, dass sie den wichtigsten meiner Überlebensmechanismen anzweifeln.

Warum? Weil ich in Situationen dissoziiere, die vermeintlich „harmlos“ sind? Weil ich von einer Sekunde zur nächsten weg sein kann? Weil ich genauso schnell wieder zurückkommen kann? Weil ich mal völlig weg bin, andere Male noch ansprechbar, vielleicht sogar in der Lage, selber zu sprechen?

Gerade als Psychiater müssten sie doch nur zu gut wissen, wie verschieden sich Dissoziationen äußern können. Und so ungewöhnlich ist es bei mir nun auch wieder nicht. Nichts, was man bei anderen Patienten nicht auch finden kann.

Ach fuck. Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich bin nicht Pseudo. Ich habe keine Pseudo-Symptome. Und schon gar nicht bei der Dissoziation. Das ist echt. Durch und durch echt. Aber sie zweifeln daran. Stellen es in Frage. Stellen mich in Frage.

Gefühle sind chaotisch. Gedanken jagen sich. Ich bin überfordert. Will weglaufen, ganz weit weg von der Klinik, den Ärzten und Worten, die mich ganz durcheinander machen.

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positive Erfahrungen

Heute ist wieder ein guter Tag. Die Nacht auf der Geschlossenen hat mir geholfen die Flashbacks zu durchbrechen und wieder Kraft zu sammeln. Der gestrige Nachmittag mit meinen Freunden hat mir gezeigt, dass das Leben schöne Seiten hat, für die es sich lohnt zu kämpfen.

Dank Zopiclon habe ich letzte Nacht auch gut geschlafen. Ohne Alpträume, ohne ständig aufzuwachen. Ich bin so froh, dass ich es geschafft habe, die Ärzte um Zopiclon zu bitten. Auch wenn das vielleicht nicht unbedingt nachvollziehbar ist, aber ich hatte wirklich richtig Angst davor zu sagen, dass ich welches möchte. Ich war so überzeugt davon, dass sie mir keines geben werden und dass ich ewig darum werde betteln müssen. Hatte mir den Kopf zerbrochen, wie ich sie dazu bekommen könnte, mir wenigstens eine Tablette zu geben.

Umso schöner ist jetzt die Erfahrung, wie unkompliziert es war. Ja, ich habe mir mal wieder zu viele Gedanken gemacht. Ja, ich habe mal wieder zu wenig Vertrauen gehabt und ja, ich bin mal wieder davon ausgegangen, dass sich die Ärzte wie „Menschen von damals“ verhalten werden. Es ist eine neue Erfahrung für mich: ohne Umschweife zu sagen, was ich brauche, mit nur einer kurzen Begründung, und diesen „Wunsch“ dann ohne Wenn und Aber erfüllt zu bekommen.

Meine von der Vergangenheit geprägten Erwartungen decken sich nicht mit der heutigen Realität. Ich habe erwartet, dass ich mit viel Betteln vielleicht eine Zopiclon bekomme – mehr hatte ich auch gar nicht „gefordert“. Stattdessen habe ich ohne große Diskussion gleich 3 (!) Stück bekommen. Und: „Wir können Ihnen auch ein Rezept dafür geben, wenn Sie nächste Woche zum poststationären Termin kommen. Wäre vielleicht günstig, wenn Sie Zopiclon als Bedarfsmedikament zu Hause haben.“ Ui, damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet! Positive neue Erfahrung.

Jedenfalls – letzte Nacht habe ich dank Zopiclon gut geschlafen, und das war genau das, was ich brauchte: Schlaf, Ruhe, körperliche Erholung. Jetzt fühle ich mich wieder erholt, habe den Tag bis jetzt gut verbracht, einiges erledigt, mein Wochenende geplant (Eltern besuchen – ja, ich freu mich drauf!).

Heute Abend treffe ich mich mit T. Davor habe ich ein bisschen Angst. Ich habe Angst vor ihm. Ich möchte ihn sehen, aber – ich will nicht berührt werden. Ich will ihn nicht berühren. Hilft wohl nur, wenn wir offen reden, sonst kann er vermutlich nicht verstehen, was gerade los ist. Aber wenn ich es ihm erkläre, dann wird er Verständnis haben. Und vielleicht finden wir dann auch einen Weg, um mit der jetzigen Situation umzugehen.

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