eisblau&honigsüß

21 Jahre

21 Jahre kein Wort. Kein Gespräch. Kein Versuch, darüber zu sprechen.

Und dann fängt sie an darüber zu sprechen. Erzählt von den ersten Wochen, in denen man noch glaubte, alles sei okay. Erzählt von der Angst, die langsam aber sicher Mitglied unserer Familie wurde. Erzählt von Erlangen, erzählt von München.

Nur über das Ende, darüber spricht sie nicht.

Und natürlich auch nicht über mich.

Sie erzählt nur von ihm, von Papa, von sich.

Ein Teil von mir will aufstehen und schreien. Will ihr all den Schmerz ins Gesicht schreien, den sein Tod in meinem Herzen hinterlassen hat. Will ihr die Einsamkeit ins Gesicht brüllen, all die Stunden, die ich mir selbst überlassen bliebt oder missbraucht wurde von denen, die auf mich aufpassen sollten. Will sie fragen, wo verdammt nochmal ich gewesen bin in dieser schlimmen Zeit. War da überhaupt ein Platz für mich? Hat sie je daran gedacht, wie es mir damit ging, meinen Bruder sterben zu sehen? Wie ich mich fühlte, wenn es statt Ausflügen in den Zoo oder ins Freibad nur Besuche in Krankenhäuser gab? Stundenlange Autofahrten in der glühenden Sommerhitze, Krankenhäuser mit ihrem klinisch-sterilen Geruch. In München durfte ich meinen Bruder wenigstens auch sehen. In Erlangen nicht Kinder unter zwölf sind eine zu große Keimquelle.

Stunden allein zu Hause. Stunden bei Tätern. Stunden auf der Autobahn. Stunden in Krankenhäusern.

Das war mein Sommer 1996.

Ich will es ihr ins Gesicht schreien, ich will weinen und um mich schlagen.

Aber ich tue es nicht.

Ein Teil in mir – klein, aber mächtig – hindert mich daran. Zwingt mich, ruhig sitzen zu bleiben und sie zum Erzählen zu ermutigen.

Wie ein trockener Schwamm sauge ich alles auf. Jedes Wort, jede Silbe, jeden Buchstaben. Ich will mehr wissen über damals. Und niemand kann mir etwas darüber erzählen außer meinen Eltern. Also höre ich zu. Egal, wie sehr es schmerzt.


Später.

Stunden später bereue ich es ein bisschen. Als ich mich in der geschlossenen Psychiatrie wiederfinde, weinend und zitternd dem Arzt gegenübersitzend. Was in der Zeit dazwischen passiert ist, zwischen dem Gespräch mit Mama und der Psychiatrie? Keine Ahnung.

Ich weiß auch nicht, wie der Arzt aus den wirren Gesprächsbrocken irgendetwas verstanden haben könnte. Irgendwie hat er es aber wohl geschafft. Er rät mir dringend, den Kontakt zu meiner Mama erstmal zu minimieren – „Das ist eine unkontrollierte Trauma-Exposition, die Sie da gerade machen!“

Recht hat er. Streite ich gar nicht ab. Aber – den Kontakt reduzieren?! Jetzt?! Vielleicht ist das jetzt die einzige Chance, jemals mehr darüber zu erfahren, was damals passiert ist… Und ich muss es wissen. Das kann er nicht verstehen. Aber ich muss es einfach wissen. Was passiert ist. Damals. Aus ihrer Sicht. Nicht nur aus meiner angstvernebelten Kindersicht.

Werbeanzeigen
3 Kommentare »

Bruderherz (ein weiteres Jahr ohne Dich)

Alles Gute zum Geburtstag, Bruderherz!

Ein weiteres Jahr ist vergangen. Ein weiteres Jahr, in dem du nicht älter wurdest und einzig in den Erinnerungen derer lebst, die dich lieben.

Ich vermisse dich. Immer noch. Egal, wie lange du nun schon fort bist. Egal, wie oft ich höre, dass dein Tod doch nun schon so lange her sei und ich darüber hinweg sein sollte.

Vor Tagen erst habe ich etwas in einem Roman gelesen: „Die restliche Welt versteht, dass man den Verlust eines Kindes niemals verwinden kann, aber den Verlust eines Bruders? Nach fünfunddreißig Jahren? Inzwischen hätte er darüber hinweg sein müssen. (…) Vielleicht behält er es deshalb so sehr für sich.“

Die Welt versteht so vieles nicht, und über so vieles spreche ich deswegen gar nicht erst.

Sie würden mich für verrückt erklären, wenn ich erzähle, wie es gewesen ist in dieser frühen Morgenstunde, als du gegangen bist. Wenn ich erzählen würde, dass ich wach wurde, nein – nicht: wach wurde – ich wurde aufgeweckt. Später erfuhr ich, dass auch Mama und Papa geweckt wurden. Du hast nicht nach uns gerufen, nicht geschrien oder sonst etwas. Aber wir waren alle wach, als du gingst, und ich glaube nicht, dass es Zufall war.

Ich glaube, du hast uns geweckt, bevor du gegangen bist. Du hast deinen Geist wandern lassen, durch unser kleines Reihenhaus, bist zu jedem von uns gekommen um Lebewohl zu sagen. Eine letzte Berührung, ein letzter Abschiedskuss.

Mama stand auf und ging in dein Zimmer. Sie war bei dir in den letzten Augenblicken. Es tröstet mich, was sie später erzählte. Es gab keinen Todeskampf, keine Panik, keinen Schmerz, kein verzweifeltes Ringen nach Luft. Du lagst da, ganz friedlich, ganz entspannt. Und dann war es einfach vorbei. Kein Atemzug mehr. Sie hat nicht versucht, dich ins Leben zurückzuzerren. Nicht panisch den Rettungsdienst gerufen. Sie wusste, dass es für dich an der Zeit war, zu gehen. Wir alle wussten es.

Du wusstest es auch. Du hast dich von uns verabschiedet, still und leise, und bist gegangen, als die Sonne eben das Dunkel der Nacht zu vertreiben begann.

Ich liebe dich.

Immer und für immer.

Hinterlasse einen Kommentar »

Bruderherz – Abschied

Bruderherz,

mein Lieber. Du weißt, wie sehr ich dich liebe und vermisse.

Es tut mir so unendlich leid, dass ich nicht noch ein letztes Mal zu dir kommen konnte. Es tut in meinem Herzen weh. Richtig weh. Ich wäre so gerne noch ein letztes Mal zu dir gekommen. Ich hätte so gerne nochmal einen letzten Strauß Fuchsschwänze auf dein Grab gelegt. Du hast sie geliebt und warst so stolz auf sie – über einen Meter lang war die Blüte! Sie war so prachtvoll und voller Leben! Wie du es gewesen bist – voller Leben!

Jetzt ist dein Grab weg. „Geräumt“, wie sie es ausdrücken. Nichts von dir ist mehr dort. Es ist nur noch eine Fläche Schutt und Erde.

Du bist weg.

Weg.

Weg.

Es tut so weh.

Ich wäre so gerne noch ein allerallerallerletztes Mal zu dir gekommen. Glaube mir – ich hätte das irgendwie geschafft. Trotz allem. Noch einmal – zu dir. Bei dir. Mit dir.

Schutt und Erde.

Mehr ist nicht mehr.

Schutt.

Erde.

Keine Spur von dir.

Ich vermisse dich. Jede Faser meines Herzens sehnt sich nach dir. Wir gehören zusammen. Du und ich. Geschwísterliebe. Stärker als alles andere.

Wir haben uns beschützt. Du mich, und ich dich. Vielleicht hast du nicht verstanden, was mit mir geschah. Und ich habe nicht verstanden, was mit dir passierte. Aber das spielte keine Rolle. Es spielte keine Rolle, nicht wahr?

Wir waren da. Füreinander da. Du für mich, und ich für dich. Wir haben aufgepasst, aufeinander aufgepasst. Immer. Jederzeit.

Ich weine. Die Tränen laufen über mein Gesicht und verwischen die Buchstaben, die ich schreibe. Das ist egal, nicht wahr? Du weißt, was ich denke und fühle. Du bist da. Irgendwie.

Irgendwie – bist du da.

Seelen sind nicht alleine. Nie. Niemals.

Du bist nirgendwo – und überall. Du bist hier. Du bist bei mir.

Und trotzdem fehlst du.

Trotzdem vermisse ich dich.

Trotzdem weine ich, weil ich nicht ein letztes Mal zu dir konnte.

Ich liebe dich.

Ich liebe dich so sehr.

Du fehlst!

Du fehlst, Bruderherz!

7 Kommentare »

MRT vorbei, jetzt geht’s zum Zug

Das gestrige MRT habe ich hinter mir. Ich bin die Nacht davor und den Tag danach in der Klinik gewesen. Es war wirklich die beste Entscheidung, das MRT in stationärem Rahmen zu machen. Zu Hause wäre ich vermutlich durchgedreht. Vor allem nach dem MRT ging es mir gar nicht gut. Flashbacks, Dissos, Verletzungsdruck. Ich bin froh, dass ich da in der Klinik war und Unterstützung hatte.

Das MRT selbst habe ich dank Tavor ganz gut gemeistert. Immerhin habe ich es durchgehalten und nicht abbrechen müssen. Das Personal war auch klasse, keine zickigen Leute, die genervt sind, wenn jemand Angst hat in diese enge Röhre verfrachtet zu werden. Auch absolut kein Problem, als ich mich weigerte, die Hose auszuziehen (dafür fand sich schnell eine Lösung: ich konnte mich erstmal mit angezogener Hose hinlegen, wurde dann mit einem großen Tuch zugedeckt und konnte unter dem Tuch die Hose so weit runterschieben, wie es eben notwendig war; später dann unter dem Tuch auch die Hose wieder hochziehen; ich musste mich also zu keinem Zeitpunkt halbnackt zeigen). Der Zugang wurde auf meinen Wunsch hin am Unterarm gelegt, nicht Handrücken wie sie es normalerweise machen; war gar kein Problem und musste ich auch nicht begründen. Kontrastmittel habe ich gut vertragen – im Grunde habe ich davon nichts gemerkt, nur dass es ein bisschen kalt im Arm wurde als es injiziert wurde.

Das hat also alles so weit ganz gut geklappt. Die Flashbacks etc. kamen erst mit zeitlicher Verzögerung, als ich schon wieder zurück auf Station war. Das war also gewissermaßen „okay“. Da war ich schließlich nicht alleine und sowohl Pflege als auch Arzt haben sich gut um mich gekümmert und so weit stabilisiert, dass ich abends nach Hause gehen konnte.

Die letzte Nacht habe ich schlecht geschlafen. Ob das Folge des MRT-Stresses ist oder die Aufregung vor der Fahrt heute, sei mal dahingestellt. Vermutlich beides.

Heute – eine lange, lange Zugfahrt. Mehrmals umsteigen an fremden Bahnhöfen. Am Abend dann hoffentlich wohlbehalten bei meiner Tante ankommen. Wie das wohl wird? Wir haben uns so lange nicht gesehen… Eine Nacht bei ihr verbringen, ich bin sehr angespannt deswegen. Sie ist zwar meine Tante, aber da wir uns so lange nicht gesehen haben, kommt es mir vor, als ob ich für eine Nacht zu einer Fremden gehe.

Morgen dann auf die Beerdigung. Es wird belastend, sicherlich, aber es ist mir wichtig, ich brauche das um Abschied zu nehmen. Danach wieder Zugfahren, stundenlang, aber diesmal wenigstens ohne umsteigen zu müssen. Morgen spätabends werde ich wieder zu Hause sein, wenn alles klappt.

Ich habe Angst, wie es mir morgen gehen wird. Ich finde es schlimm, direkt nach einer Beerdigung allein sein zu müssen. Allein im Zug, allein zu Hause. Mit all der Trauer und dem Schmerz und dem Verlustgefühl.

Und ja, ich habe Angst, dass die Sehnsucht mich zerfrisst. Hier, im Süden Deutschlands, habe ich mich nie zu Hause gefühlt. Meine Wurzeln liegen dort. Dort ist meine Heimat, und dorthin zieht es mich schon immer. Irgendwann möchte ich nach Norden ziehen, dorthin, wo sich mein Herz zu Hause fühlt. Mein Herz weint schon jetzt bei dem Gedanken, nur so kurz dort sein zu dürfen und dann wieder hierher zurück zu müssen. Ich gehöre nicht hierher.

Die Klinikmenschen haben mir angeboten, dass ich morgen vorbeikommen kann. Auch wenn es zwangsläufig spät werden würde. Ich habe ja immer Hemmungen, spätabends oder nachts in die Klinik zu gehen… Sie haben mir hundertmal versichert, dass das absolut okay wäre, wenn ich käme, egal um wieviel Uhr das wäre. Hm. Ich behalte es einfach mal als Möglichkeit im Kopf…

1 Kommentar »

MRT, Beerdigung, zu viel

Ich ertrinke in Arbeit. Klar, der Arbeitsstress verhindert, dass ich denken und fühlen kann, wodurch ich ganz gut klarkomme. Nur wenn ich versuche zur Ruhe zu kommen und Schlaf zu finden, rutsche ich in schier unerträgliche Gefühlszustände. Und ja, auch der Körper mag langsam nicht mehr.

Egal.

Diese Woche lebe ich fast schon im Labor. Verdränge, wie übelst anstrengend die nächste Woche wird.

Montag ein arbeitsreicher Tag. Event. stationäre Aufnahme in der Psych.

Dienstag MRT. Anderthalb bis zwei Stunden werde ich in der Röhre liegen. Ich habe keine Ahnung, wie ich das packen soll. Schon die halbe Stunde letztes Jahr war zu viel.

Mittwoch dann die ewiglange Zugfahrt. Die Orientierungslosigkeit an dem riesigen Bahnhof. Das Wiedersehen mit meiner Tante, zum ersten Mal seit Jahren.

Donnerstag. Die Trauerfeier. Keine Beerdigung, nein, meine Oma wird eingeäschert und anonym bestattet (mit ein Grund, warum ich hin möchte – es wird kein Grab geben, an das ich später gehen könnte). Ich werde dort zum allerersten Mal in meinem Leben meinen Onkel sehen… Nach der Trauerfeier die Rückfahrt mit dem Zug, wieder stundenlang, direkt nach der Trauerfeier, es wird kein Vergnügen.

Freitag muss ich vermutlich ins Labor. Ich habe keine Ahnung, woher ich die Kraft dafür nehmen soll. Woher ich die Kraft für irgendetwas nehmen soll.

Ach, und dann ist ja schon Ostern. Ostern. Wie weit weg mir das gerade vorkommt! Immerhin werde ich da viel mit einer guten Freundin zusammensein. Sie weiß, was gerade los ist – Tod, Beerdigung, Stress mit meinen Eltern, MRT, Arbeitsstress… Sie hat mir fest zugesagt, dass sie über Ostern für mich da sein wird und das glaube ich ihr auch, bedingungslos.

11 Kommentare »