eisblau&honigsüß

irgendwie… unbefriedigend

Ich weiß nicht, wieviel Faden die beiden Chirurgen vernäht haben, bis mein Bauch nicht mehr an zig Stellen aufklaffte. Ich weiß auch nicht, wielange sie insgesamt gebraucht haben, um alle Schnitte zu flicken.

Ich glaubte, es würde mir wenigstens einen Moment Ruhe verschaffen. Ruhe in meinem aufgewühlten Kopf, Ruhe in meiner Seele.

Normalerweise funktioniert das. Genäht werden.

Dieses Mal hat es nicht funktioniert. Überhaupt nicht. Ich weiß nicht, wieso. Vielleicht war es einfach zu viel. Zu unkontrolliert. Keine Ahnung.

Ich bin müde. Der Bedarf wirkt langsam.

Morgen ist ein neuer Tag.

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zusammenflicken

Himmel, wie gerne würde ich mich jetzt verletzen! Oder nein: ich will mich eigentlich nicht verletzen. Schon gar nicht tief schneiden. Ich habe das nie gemocht, nie Erleichterung bei der Verletzung empfunden.

Es ist das „Danach“, das mich lockt. Ich möchte versorgt werden, genäht werden, schwach sein dürfen.

Ich sehne mich danach, dass andere sich um mich kümmern.

Es ist zu viel gerade. Die Krankenhaus-Besuche, die (erste) OP meiner Mutter, die emotionale Achterbahnfahrt, die damit einhergeht. Überhaupt der viele Kontakt zu meinen Eltern gerade.

Ich tue so, als ob ich stark wäre. Kümmere mich, bin da, helfe und stütze so gut es eben geht.

Innerlich zerbreche ich.

Ich will eine Pause. Will einen Moment, in dem ich nicht stark sein muss. In dem ich schwach bin und andere sich um mich kümmern. Meinetwegen eben Chirurgen. Wer soll es denn auch sonst tun? Wer kann einen zusammenflicken, wenn nicht Chirurgen?

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manchmal kommt eben eins zum anderen und dann knallt’s

Nein, es ist nichts Schlimmes passiert. Kein katastrophales Ereignis, das mich aus der Bahn geworfen hat. Der gestrige Tag war einfach von Anfang bis Ende doof. Viele Kleinigkeiten, die für sich allein genommen kein allzu großes Problem gewesen wären.

… eine schlaflose Nacht… eine Schlägerei im Bus… ein Panikanfall durch einen Anruf von der Klinik (ich bin aus lauter Angst nicht dran gegangen)… ein verknackster Fuß… ein Brief von der Uni… ein Brief von der Krankenkasse… eine Mail von den Eltern, die ich mich nicht traute zu lesen… und dies noch, und das noch, und jenes noch…

Am Abend dann Bedarf genommen. Nachdem ich den ganzen Tag geskillt habe wie blöd, wollte ich einfach nur noch meine Ruhe haben und schlafen… der Schlaf kam dann auch zügig. Hielt nur nicht lange an. Beim Aufwachen hat das Hirn wieder Mist gebaut – Schlafparalyse. Die Horror-Version mit Halluzinationen. Das hat mir den Rest gegeben.

Psychiatrie, mitten in der Nacht. Gespräch mit Pflege. Beruhigen. Selbstverletzung beichten…

Dann Chirurgie. Nach 3 Monaten ohne Selbstverletzung ziemlich bitter. Immerhin waren sie sehr freundlich. Die Schwester ist sowieso ein Goldstück, und sogar der Arzt konnte Humor aufbringen, obwohl er meinetwegen aus dem Bett geklingelt wurde.

Wieder zurück in die Psychiatrie. Arztgespräch. Auch von der Ärztin keine Vorwürfe (Warum auch? Die mache ich mir ohnehin selber mehr als genug!) Eher Verständnis und Anerkennung, dass ich es drei Monate ohne SVV geschafft habe, und auch in der Nacht gekommen bin, bevor es noch weiter eskaliert. Ich hätte endlos weiterschneiden können!

Noch ein paar Stunden auf Station. Gespräche, Ablenkung, Skills, Gespräche.

Hört dieser Mist denn nie auf? Kämpfen und auf die Fresse fallen, aufstehen, kämpfen, fallen, aufstehen, kämpfen, fallen…

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Blicke

Ich stehe an der Haltestelle und warte auf meinen Bus. Du kommst auf mich zu. Gehst an mir vorbei.

Glaubst du, ich bemerke deinen Blick nicht? Kaum hast du mich registriert, bleibt dein Blick an meinen Unterschenkeln heften. Ja, es ist ein heißer Sommertag, und ja, da trage auch ich kurze Klamotten. Wie jeder andere auch. Und ja, meine Haut ist gezeichnet von Narben. Das Leben ist nicht spurlos an mir vorbeigezogen.

Ja, ich weiß, dass meine Haut von vielen, vielen Narben durchzogen ist. Schnittwunden, Brandwunden, Verätzungen.

Ja, ich weiß, dass insbesondere meine Beine von deutlichen Narben gezeichnet sind.

Ja, ich kann verstehen, dass das erstmal Blicke anzieht. Geht mir nicht anders. Wenn jemand körperliche Auffälligkeiten hat, dann gucke ich auch hin. Tut jeder.

Aber hat dir niemand beigebracht, dass es einen Unterschied zwischen „kurz hingucken“ und „starren“ gibt? Oh ja, diesen Unterschied gibt es. Wirklich. Es ist normal und okay, mal kurz hinzuschauen, wenn irgendwo irgendetwas optisch auffällig ist.

Starren, glotzen – das ist etwas anderes.

Du bist schon fast an mir vorbeigegangen, als du mir doch noch in die Augen schaust. Kurz, sehr sehr kurz. Ich hoffe, die Millisekunden haben ausgereicht, damit du meinen missbilligenden Blick bemerkt hast.

Wie gesagt: ich kann verstehen, dass meine Narben deinen Blick gefesselt haben. Ich selbst würde auch etwas länger hingucken, wenn ich solche Narben sehe. Wer würde das nicht.

Trotzdem finde ich es unhöflich. Wenn nicht gar unverschämt. So viele Menschen sind irgendwie augenscheinlich „anders“. Aus welchen Gründen auch immer. So what! Es ändert nichts an ihrem Wert. Und nichts an ihrer Würde.

Meine Eltern haben mir früh beigebracht, andere Menschen nicht anzustarren. Das verletze ihre Würde, sei unhöflich, tut man einfach nicht. Mal kurz gucken – okay. Aber nicht starren. Tut man nicht. Aus Respekt vor dem anderen.

Sehe ich genauso. Natürlich guckt man bei „Auffälligkeiten“. Das ist normal und natürlich. Starren hingegen muss nicht sein. Das ist kein Reflex oder sowas. Das kann man bleiben lassen.

Oh ja, das kann man. Glaube mir. Das kann man. Wenn man will. Ja, wenn man will. Wenn man will.

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Psychiatrie-Konsil

Als er fertig ist mit Nähen, fragt er, ob ich einverstanden damit bin, wenn er jetzt in der Psychiatrie anruft und mich zur Weiterbehandlung dorthin schickt.

So oft bin ich schon zum Nähen dort gewesen im Lauf der letzten Jahre. Nur ein einziges Mal wurde ich in die Psychiatrie weitergeschickt. Normalerweise konnte ich nach der Wundversorgung immer direkt nach Hause gehen.

Normalerweise bin ich aber auch sehr ruhig und gefasst, wenn ich dort bin.

Normalerweise liege ich nicht heulend, zitternd und nicht-ansprechbar auf der Behandlungsliege.

Heute war es einfach alles zu viel. Zu viele Erinnerungen, zu viele aktuelle Probleme, zu viele Zukunftssorgen. Zu viele Alpträume, zu viele Gefühle, zu viel Schmerz. Zu viel Verzweiflung.

Am Anfang war ich noch gewohnt ruhig und gefasst. Erst als der Chirurg die ersten Stiche machte, brach alles zusammen. Ich habe nur noch geweint, geweint, geweint. Peinlich geheult wie ein kleines Kind.

Kein Wunder, dass der Chirurg mich nicht direkt nach Hause gehen lassen wollte. Er kennt mich, er hat mich schon einige Male wieder zusammengeflickt. Auch der Pfleger war schon oft dabei, wenn ich mit frischen Selbstverletzungen dort aufkreuzte. Sie kennen mich beide lange und gut genug um zu wissen, dass ich normalerweise nicht so aufgelöst daliege.

Begeistert war ich trotzdem nicht. Wirklich widersprochen habe ich aber auch nicht. Irgendwie war es mir egal. Viel zu erschöpft für lange Diskussionen. Ob ich mit der Verlegung in die Psychiatrie einverstanden sei? Schulterzucken – „Mir egal.“

So ganz egal war und ist es mir aber doch nicht. Es fühlt sich zu sehr nach Niederlage und Versagen an. Nach Kontrollverlust. So fühlt sich die gesamte Selbstverletzung von heute an. Ich habe bei Selbstverletzungen (fast) immer das Gefühl, selber entscheiden zu können, ob ich mich verletze oder nicht. Und wenn ich mich verletze, dann wo und wie und wie viel und wie schlimm. Heute hatte ich schon beim Verletzen nicht wirklich das Gefühl, die Kontrolle darüber zu haben. Ausnahmsweise nach der Wundversorgung in die Psychiatrie geschickt zu werden, passt also irgendwie dazu. Fühlt sich trotzdem schrecklich an. Ich hasse Kontrollverlust.

Anyway. Der diensthabende Psychiater war okay. Ich kenne ihn nicht so gut, aber er ist okay. Das Gespräch hat gut getan, irgendwie. Keine Probleme gelöst, aber doch ein bisschen entlastet. Er bot an, dass ich die Nacht dort verbringen könne – „Nur ein Angebot. Sie müssen nicht.“ Ich lehnte es ab. Ein bisschen Kontrolle zurückgewinnen, nach Hause gehen, selber klarkommen. Ich brauche das.

Ich brauche Ruhe. Die habe ich dort nicht. Zu viele Menschen, zu viele unruhige Mitpatienten. Es ist besser zu Hause, gerade. Die Schlafmedis habe ich schon genommen, sie fangen langsam an zu wirken. Noch ein bisschen lesen, dann schlafen, schlafen, schlafen.

Und morgen ist ein neuer Tag. Eine neue Chance auf einen besseren Tag als den heutigen.

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