eisblau&honigsüß

Berichte aus der Anstalt (9)

Kein guter Tag heute. Visite war irgendwie sinnlos bis doof. Einzelgespräch hatte ich nicht. Dr. H. ist zwei Wochen im Urlaub.

Ich fühle mich ziemlich allein gelassen. Hole mir Bedarf, aber keiner frägt, warum, was los ist, ob ich Hilfe brauche, reden will. Verbrenne mich, keine Fragen wieso, weshalb. Nur Salbe und Pflaster und Tschüß.

Interessiert es irgendjemanden, wie es mir geht? Dr. H. hat es interessiert. Er hat sich viel Zeit für mich genommen. Mit ihm konnte ich auch bereden, was ich mir von der Pflege wünsche, und er hat das dann weitergegeben.

Jetzt fühle ich mich im Stich gelassen. Und ich denke: Wenn es doch niemanden interessiert, wie es mir geht – wozu soll ich später zurück in die Klinik gehen? Ich bin jetzt im Ausgang, um halb neun müsste ich wieder auf Station sein. Aber wozu? Sie würden doch vermutlich nicht einmal merken, wenn ich nicht da bin. Und selbst wenn…

Ob ich hier oder dort mir selbst überlassen bin, was macht es für einen Unterschied? Hier habe ich zumindest meine Ruhe.

Ich mag nicht mehr zurück in die Klinik.

Ich bin dort doch genauso unwichtig und unerwünscht wie überall sonst.

10 Kommentare »

das Pflänzchen Hoffnung

Zwei Mal im Stich gelassen werden an einem einzigen Abend. Das zarte Pflänzchen Hoffnung, das nach dem Gespräch gestern in mir keimte, lässt die Blätter hängen. Welk oder tot – ich weiß es nicht. Habe ich noch Hoffnung, nachdem mir heute zweimal in die Fresse geschlagen wurde? Eher nicht. Also tot?

Kämpfen – wofür jetzt noch? Wenn es doch niemanden wirklich interessiert und wenn man doch wieder nur im Stich gelassen wird. Wozu dann noch?

Sagt mir: Wozu?

 

6 Kommentare »

Zeit totschlagen

Darf nicht nach vorne schauen und nicht zurück. Nur der Moment ist erträglich, das Jetzt, der Augenblick.

Vergangenheit ist voller Erinnerungen. Das Schlimme will ich nicht im Kopf haben, und das Schöne macht mich nur traurig. Gute Zeiten, vergangen, unwiderbringlich aus und vorbei.

Beim Blick nach vorne drängt sich mir die Frage auf, warum ich nicht ein Ende setze. Morgens aufstehen, Uni, arbeiten, wasauchimmer, abends ins Bett, am nächsten Tag wieder aufstehen, Tag für Tag, Woche für Woche, das Leben lang. Wozu? Zeit totschlagen bis zum Tod, so kommt es mir vor.

Worauf warte ich noch? Den Tod kann man auch schneller haben.

Ich will keine Zukunft haben. Ich will nicht noch Jahrzehnte leben. Schöne Momente werden kommen, ja, sicherlich. Und ich werde Augenblicke genießen. Aber dafür lohnt es sich nicht zu leben. Es lohnt sich für nichts zu leben. Leben lohnt sich nicht.

Ich versuche mich abzulenken von den Gedanken über das Leben. Noch zwei Wochen, dann fängt die Uni wieder an. Vielleicht bekomme ich dadurch genug Ablenkung, genug Gedankenfutter für meinen Kopf, um nicht mehr über das Leben nachzudenken.

3 Kommentare »

sich selbst entsorgender Müll

Wenn ich kein Interesse an meinem Leben habe… und wenn es auch sonst niemanden gibt, der sich für mich bzw. mein Leben interessiert… warum soll ich dann weiterleben?

Mir ist es nichts wert. Anderen ist es nichts wert.

Eine Existenz, die weder mich noch andere interessiert. Eine Existenz, die gleichgültig ist. Es spielt keine Rolle, ob es mich gibt oder nicht.

Würde ich mich töten, gebe es einen kurzen Aufschrei. Verständnislose Fassungslosigkeit. „Warum nur hat sie das getan?“ Die Aufregung würde sich legen, Menschen würden in ihre gewohnte Alltagsroutine zurückkehren, und allmählich würde aus ihren Köpfen verschwinden, dass es mich jemals gegeben hat.

Eine Weile Beachtung und dann wäre ich ganz verschwunden. Vergessen. Niemals existent gewesen.

An Tagen wie heute fällt es schwer, dem Suizid zu widerstehen. Oberflächliche Glückwünsche der Eltern. Freunde, die nicht erreichbar sind. Streit mit T.

Das Gefühl, völlig allein und unwichtig zu sein. Für niemanden von Bedeutung. Ungeliebt. Unerwünscht.

Es wäre konsequent zu gehen. Wenn ich nicht leben will und es niemanden gibt, der Wert auf mein Weiterleben legt. Es ist wie aufräumen. Unbrauchbaren, nicht benötigten alten Müll entsorgen. Nur mit dem Unterschied, dass der Müll erkennt, dass er Müll ist, und sich dann dankenswerterweise selbst entsorgt.

(Nein, keine Suizidankündigung. Nur Gedanken. Gefühle. Stimmungen. Eine Momentaufnahme. Es wird weitergehen.)

9 Kommentare »

wie man’s macht, macht man’s verkehrt

Es ist wirklich zum verrückt werden. Egal, wie ich es mache und wie ich mir die Zeit gestalte – mir geht’s nicht gut.

Tue ich nichts und sitze nur zu Hause rum, fällt mir die Decke auf den Kopf. Fange an nachzudenken, zu grübeln, versinke in Lethargie und schlechten Gefühlen und bösen Gedanken.

Sorge ich dafür, ausgefüllt Tage zu haben, stürze ich abends ab. Bin den ganzen Tag auf den Beinen, lenke mich ab, erlebe schöne Momente. Und abends überwältigt mich die Erschöpfung. Fühle mich kraftlos, müde, ausgebrannt. Und frage mich: Weiterleben?!

Kompromisse funktionieren nicht. Oder vielleicht habe ich die richtige Mischung auch noch nicht gefunden. Ich muss mich den ganzen Tag lückenlos ablenken, um nicht ins Grübeln zu verfallen. Nur ein paar Minuten Leerlauf („ausruhen“) genügen meinem Kopf schon, um sich in Sinnlosigkeitsgedanken zu verstricken. Aber ohne Pausen bin ich abends völlig erledigt und stürze ab.

Abstürze tagsüber oder Abstürze abends. Oder auch mal beides zusammen.

Egal, was ich tue. Egal, wie ich meine Zeit gestalte.

Und jetzt sitze ich da und frage mich: wozu meine heutige Tagesplanung verfolgen? Ich stürze doch sowieso ab. Ich kann mich auch gleich wieder zurück ins Bett verkriechen und auf der Stelle abstürzen.

Macht es einen Unterschied? Ich falle sowieso.

 

9 Kommentare »