eisblau&honigsüß

Fahrradreifen und Fliesen

Da steht angekettet das alte Fahrrad. Seit Tagen schon, oder vielleicht auch Wochen oder Monaten. Wer weiß das schon.

Der Blick bleibt am Hinterreifen hängen. Diesem platten, zerstochenen Hinterreifen.

Im Kopf macht es laut Klick als sich der Schalter umlegt. Die Bahn wird freigegeben. Erinnerungen, Bilder und Gefühle fluten das Gehirn. Der Körper verkrampft. Tränen schießen in die Augen.

Flucht in eine nahegelegene Toilettenkabine. Zitternd zusammenkauern. Die kalten Fließen im Rücken. Nicht gut – noch mehr Erinnerungen.

Raus aus dem Gebäude. Über die Wiese in den Wald. Weglaufen.

Vor den Triggern kann ich weglaufen. Nicht vor den Bildern im Kopf.

Wie stabil ich bin? Wohl eher nicht so sehr. Wenn schon ein zerstochener Fahrradreifen und Fliesen in einer Toilettenkabine reichen um Flashbacks auszulösen.

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Wieder eine Kurzkrisenintervention. Wieder nicht anders zu helfen gewusst als für ein paar Stunden in den Schutz der Station zu flüchten. Ich finde nicht zurück in mein gewohntes Leben. Alles ist so anstrengend. Und so unendlich sinnlos. Die Arzttermine sind fast die einzigen Fixpunkte derzeit. Die restlichen Tage und Stunden ziehen einfach nur so dahin. Ich weiß nichts anzufangen mit mir. Halte mich nicht aus. Das Chaos im Kopf. Die Gefühle, die Gedanken.

 

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nicht viel Positives

…und dann bleiben die guten Vorsätze wieder einmal nicht mehr als leere Gedanken. Regelmäßig bloggen, täglich schreiben, jetzt, da ich ja aus der Klinik raus bin und es technisch wieder einfacher ist, jeden Tag ins Internet zu gehen. Die Tage gehen ins Land und nichts tut sich – weder im echten Leben noch hier.

Ich weiß nicht, was ich die ganze Zeit mache.  Ich stehe auf – nachts, morgens, mittags, irgendwann. Ich schlage Zeit tot, starre Löcher in die Luft, verschwinde in Büchern, gehe endlose Stunden durch die Wiesen und Felder.

Ich verbringe viel Zeit in der Bibliothek. In der Stille zwischen den endlosen Regalreihen fühle ich mich geborgen. Manchmal lese ich, manchmal sitze ich einfach nur da. Manchmal gehe ich die Regale entlang und streiche mit den Fingerspitzen über die Buchrücken. Es beruhigt mich. Bibliotheken waren schon immer ein Zufluchtsort für mich. „Du klammerst dich an die Bücher. Die Worte darin. Die Sprache. Du kämpft damit gegen die Sprachlosigkeit, die das Trauma in dir ausgelöst hat“, meinte eine Psychologin in der Jugendpsychiatrie.

Im Labor war ich schon eine Weile nicht mehr. Ich halte es dort nicht aus. Die Gespräche mit der Chefin führen zu nichts. Auch nur leere Worte – sie nehme Rücksicht, sie schone mich, ich solle nur so viel machen wie ich könne. Sie erwartet trotzdem, dass ich jeden Tag da bin, am besten auch samstags, und bitte auch wieder den ganzen Tag, zehn bis zwölf Stunden. Ich schaffe das nicht.

Was aus meiner Masterarbeit wird – ich weiß es nicht. Ich glaube nicht, dass ich es schaffen werde sie fertig zu machen. Es ist mir auch auf eine seltsame Art egal, was daraus wird. Es ist alles so egal.

Der Kampf in mir kostet mich alle Kraft. „Täterintrojekt“ nennt die Frau Therapeutin das, was gerade in mir wütet. Ein aggressiver Persönlichkeitsanteil, der nur zerstören und vernichten will. Alles, was gut in meinem Leben ist. Am Ende mich selbst.

Warum der Teil gerade so aktiv ist – wer weiß. Durch den Täterkontakt vor ein paar Wochen möglicherweise. Oder durch die Retraumatisierung. Vielleicht auch einfach nur, weil ich stärker werde und sich mein Leben in eine Richtung entwickelt, die den Tätern nicht gefallen hätte. Selbstständige starke junge Frau, die ihr Leben lebt und zunehmend offener mit ihrer Geschichte umgeht. Vielleicht ist es Aufgabe des Introjekts, mich zurück in hilfloses Schweigen zu stürzen.

Wie geht man mit Täterintrojekten um? Wie kann man zusammenleben mit Persönlichkeitsanteilen, die zerstören wollen, was man sich aufbaut? Hat irgendjemand von euch Tipps für mich?

Immer wieder spricht sie von einer schweren dissoziativen Störung. Ich bin nicht multipel. Da sind wir uns einig, die Frau Therapeutin und ich. Aber trotzdem bin ich auch irgendwie nicht ganz. Ein bisschen zersplittert. Nicht viele, aber auch nicht eine. Ich bin verwirrt. Schwere dissoziative Störung. Was ist los mit mir?

Immerhin habe ich mich seit viereinhalb Wochen nicht mehr verletzt. Der Druck wird mit jedem Tag stärker. Ich weiß nicht, wie lange ich noch standhalten kann. Macht es überhaupt Sinn, dagegen anzukämpfen? Irgendwann werde ich den Körper ja doch wieder verletzen. Also warum nicht gleich? Machen werde ich es sowieso irgendwann.

Tut mir leid. Kein sonderlich positiver Eintrag. Ich hätte gern geschrieben „mir gehts gut, alles läuft prima.“ Aber so ist es eben nicht. So ist es ganz und gar nicht.

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Auf-und-Ab

Es ist immer noch ein sehr anstrengendes Auf-und-Ab. Gut und schlecht wechseln sich mehrfach täglich ab. Im einen Moment fühle ich mich super und denke, dass ich das schon alles packen werde. Im nächsten bin ich völlig überfordert und es ist unerträglich, noch am Leben zu sein.

Katastrophentag war der letzte Freitag. In der Nacht einen Flashback nach dem nächsten. Bedarfsmedis wollte ich nicht nehmen, weil ich am Freitag unbedingt ins Labor musste. Naja – gemusst hätte. Nach den ganzen Flashbacks bin ich erst in den frühen Morgenstunden völlig erschöpft eingeschlafen. Leider war der Schlaf nur sehr kurz und ich bin vormittags aufgewacht und habe nur noch geweint. Es war alles so unerträglich, ich habe mich nicht mehr ausgehalten. Schlussendlich habe ich dann doch Bedarf genommen, was wenig geholfen hat, sodass ich (wieder wieder wieder) in die Klinik geflüchtet bin aus Angst vor mir selbst. Nur für ein paar Stunden, und es hat mich auch niemand angemeckert, weil ich schon wieder da bin, aber für mich fühlt es sich nach wie vor an wie pures Versagen. Da können die mir tausendmal sagen, dass ich jederzeit herkommen darf und dass es gut ist, wenn ich komme bevor ich Mist mache. Ändert nichts an meinem Gefühl zu versagen.

Morgen muss ich wieder ins Labor. Ich weiß nicht, ob die momentan hohe Anspannung dadurch verursacht wird. Zum Teil vermutlich schon. Am Freitag hätte ich wirklich unbedingt im Lab sein sollen… Die Chefin wird mich morgen anmeckern deswegen. Sie sagt zwar immer, dass sie Verständnis hat und Rücksicht nimmt, aber ich merke doch deutlich, dass es nicht mehr ist als leere Worte. Sie erwartet, dass ich wieder voll leistungsfähig bin und zickt mich an, wenn ich nicht den ganzen Tag arbeiten kann oder ’nen Tag gar nicht komme :-/ Ich habe langsam wirklich keine Lust mehr dorthin zu gehen.

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Es wird besser, glaube ich. Zumindestens dann, wenn ich mich gnadenlos den ganzen Tag beschäftige und keine Zeit habe darüber nachzudenken, wie es mir geht. Ob das eine gute Taktik ist weiß ich nicht – vielleicht stabilisiere ich mich so wirklich und komme vom ständigen Grübeln über all meine Sorgen weg. Vielleicht renne ich auch blind in die totale Erschöpfung und den nächsten Zusammenbruch…

Die Therapie- und Psychiatertermine in dieser Woche habe ich abgesagt. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass es so besser für mich ist. Leichter, die Krise loszulassen und mich wieder im normalen Leben zurechtzufinden. Nächste Woche gehe ich wieder hin, zwangsläufig – letzter Termin bevor die Therapeutin für drei Wochen in Urlaub geht, und zum Psychiater muss ich wegen Rezept für Medikamente. Mir wäre es lieber, wenn ich auch nächste Woche noch „terminfrei“ wäre, aber naja.

Bedarfsmedikamente brauche ich zunehmend weniger. Ich sehe das als gutes Zeichen. Eine Zeitlang hatte ich wirklich Sorge, dass ich vom Tavor gar nicht mehr wegkomme. Dass ich abhängig werde – oder vielleicht schon bin. Aber die letzten Tage gings ohne Tavor und mir hat’s auch nicht gefehlt, weder psychisch noch physisch.

Ich versuche meine Arbeitszeiten allmählich wieder zu verlängern. Wieder so lange zu arbeiten wie gewohnt. Nach der Arbeit dann noch Sachen erledigen oder Freunde treffen. Zusehen, dass ich bis zum späten Abend beschäftigt bin. Dann was essen, duschen und ins Bett. Schlafen klappt zwar noch immer mehr schlecht als recht, aber wirklich müde bin ich tagsüber trotzdem nicht. Oder ich merke es einfach nicht, weil ich auch darüber schlichtweg nicht nachdenke.

Probleme macht mir momentan vor allem, dass ich wieder ein bisschen paranoid werde. Ich fühle mich verfolgt von den Klinikmenschen. Warum auch immer, aber seit der Entlassung laufe ich fast täglich irgendwem von denen über den weg – mal Pfleger, mal Ärzte… als ob die mich verfolgen würden. Beobachten. Gucken, was ich mache. Wie ich mich verhalte. Es ist etwas beängstigend.

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