eisblau&honigsüß

Fisch in Honig (dissoziierende Fische)

„Frau P? Frau P! Können Sie mich hören? Frau P, wenn Sie mich hören, nicken Sie bitte. Geht das? Frau P? Hören Sie mich?“

Ich bin ein Fisch. Ich schwebe dicht über dem Untergrund, reglos. Die Stimme dringt gedämpft bis zu mir durch. Ich lasse mich ein kleines Stückchen nach oben treiben, damit ich sie besser verstehen kann. Aber nur ein kleines Stück. Auftauchen will ich nicht. Dann könnte er mich sehen. Und nach mir greifen. Und mir wehtun. Hier unten bin ich sicher.

Außerdem ist es schön hier. Warm. Weich. Golden. Süß. Ich schwimme durch Honig. Ich bin ein Honigfisch, denke ich.

„Frau P! Frau P? Können Sie mich hören? Frau P?“

Irgendjemand hinter mir kichert. Das Kichern wird schnell zu lautem Gelächter. Ich drehe mich um. Sie liegt halb auf dem Tisch, ihr Gesicht nass von Lachtränen. Sie klopft immer wieder mit der Faust auf den Tisch, während sie sich mit der anderen den Bauch hält, der sich unter ihrem Lachen heftig auf und ab senkt.

Was so lustig sei, frage ich sie.

‚Frau P! Himmel, wer nennt einen Fisch Frau P?!‘, stößt sie hervor und lacht dann noch lauter weiter.

Ich schnappe Fetzen ihres Kopfkinofilms auf. Sonst hätte ich wohl nie verstanden, was sie so amüsant findet. Jetzt grinse ich auch. Ihr Kopfkino ist großartig!

Mein Grinsen wird zu einem Lachen, als sie mir noch mehr Kopfkinofilme zeigt. Und dann liege ich plötzlich wirklich laut lachend halb auf dem Tisch, die Lachtränen strömen über mein Gesicht, meine linke Faust hämmert auf die Tischplatte und mit der rechten halte ich mir den Bauch.

Es dauert nicht lange, bis die Verwirrung die Oberhand gewinnt. Ich bin ein Fisch, ich bin ein Mensch. Ich schwimme in Honig und bin umgeben von Luft. Unter mir ist der Meeresboden, ich spüre die Tischplatte.

Vor mir sitzt ein Mann in weißem Kittel und starrt mich an. Kurz überlege ich, ob ich ihn fragen soll, was und wer und wo ich bin. Aber so verwirrt, wie er mich anschaut, wird er mir das wohl auch nicht sagen können.

‚Der ist bestimmt durchgeknallt‘, kichert sie in mir drin. ‚Der braucht ’n Psychiater, der ihm die Welt erklärt und den Kopf aufräumt! BlubbBlubb! BlubbBlubb! Noch nie ’n lachenden Honigfisch gesehen, was?‘

Wieder Kopfkinofilme von ihr. Ich kichere vor mich hin. Der Mann in weiß schaut mich weiterhin irritiert an. Und wäre er nicht zufällig selber Psychiater, hätte er jetzt wohl einen angerufen.

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im Großes und Ganzen recht harmonisch

Das Wochenende bei meinen Eltern verlief ziemlich entspannt und harmonisch. Nur eine kleine Reiberei heute beim Frühstück, aber nichts Schlimmes. Zumindest nichts, was meinen Vater dazu veranlasst hätte, mich wieder gekonnt zu ignorieren. Nur ein Weilchen aus dem Weg gehen und dann war’s auch wieder okay.

Mit meiner Mama habe ich viel und lange geredet. Teils einfach nur so unterhalten, teils aber auch recht ernste Gespräche. Ich habe Dinge über meine Verwandschaft mütterlicherseits erfahren, von denen ich noch nie gehört hatte und die mir bislang immer verschwiegen wurden. Je mehr ich nun allmählich über meine Verwandtschaft erfahre, desto mehr denke ich, wie gut ich dort rein passe – ich bin definitiv nicht die einzige mit ’nem Dachschaden. Nur die einzige, die sich helfen lässt.

Auch mit meinem Vater gab es ein kurzes Gespräch, das nicht nur aus dem üblichen Smalltalk bestand. Es kommt so selten vor, dass mir mein Vater Einblick in seine Gedanken und Gefühle gewährt, dass ich jedesmal überfordert und irgendwie peinlich berührt bin. Wie wenn man seine Eltern zufällig splitternackt sieht. Oder beim Sex überrascht. Oder so.

Ich bin froh, dass es im Großen und Ganzen ein friedliches Wochenende gewesen ist und nicht so ein Desaster wie der letzte Besuch an Ostern. Davor hatte ich nämlich wirklich Angst: dass wie an Ostern permanent Anspannung und Gereiztheit die Atmosphäre verderben und die kleinste Kleinigkeit ausreicht, um wieder einen Streit zu entfachen. Und dieses Mal hätte ich mich nicht wieder mit Bedarf betäuben können, um die Tage zu überstehen, denn zum ersten Mal seit Jahren musste ich den Elternbesuch ohne Bedarfsmedikamente in der Tasche absolvieren. Sicherheitshalber Rasierklingen und Verbandszeug mitgenommen, aber nicht gebraucht.

Trotzdem bin ich froh, dass ich jetzt wieder zu Hause bin. Das hier ist eben meine vertraute Umgebung und ich habe hier weitaus mehr Freiheiten. Ich kann tun und lassen, was ich will, ohne dass jemand nachfragt. Diese Freiheit fehlt mir immer ein bisschen, wenn ich bei meinen Eltern zu Besuch bin.

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Nicht geklaut, …

… nur nicht zurückgegeben.

Ich bin zu Besuch bei meinen Eltern. Manchmal, wenn ich hier bin, stöbere ich in den Schränken meines ehemaligen Zimmers, in denen noch immer allerlei Dinge von mir lagern.

Vorhin fiel mir dabei ein kleines Taschenbuch in die Hände. Irgendeine Abenteuergeschichte für Kinder und Jugendliche. Ich bin mir nicht sicher, ob ich dieses Büchlein irgendwann mal ganz gelesen habe oder ob ich nie über die ersten paar Seiten hinausgekommen bin. Vermutlich blieb es bei ein paar Seiten – diese Art von Geschichte ist nicht mein Ding und vermutlich habe ich auch damals lieber Löcher in die Luft gestarrt als mich durch das Buch zu lesen.

Damals, das war als ich 16 war. Nach dem Suizidversuch. In der Jugendpsychiatrie. Der allererste Aufenthalt dort.

Ich kann mich nicht erinnern, aber ich nehme an, dass mir ein Pfleger dieses Buch gab zur Beschäftigung, zur Ablenkung, und weil lesen mir immer Halt und Trost gegeben hat. Ein paar Bücher gab es auf Station, die bei Bedarf den Patienten ausgeliehen wurden.

Ausgeliehen, ja. Man wollte etwas zu Lesen, man bekam etwas zu Lesen, und wenn man fertig war oder entlassen wurde, gab man es zurück.

Ich hätte es zurückgeben müssen. Ich kann mich gut erinnern, wie sehr mich das schlechte Gewissen plagte, als ich das Buch vor meiner Entlassung in meiner Reisetasche verstaute. Wie oft ich in der Zeit danach Schuldgefühle hatte, weil ich das Buch nicht zurückgegeben hatte. Sowas tut man nicht, das dachte ich schon damals, es ist Diebstahl.

Ein Diebstahl aus Angst.

Damals hatte ich noch sehr mit Ängsten und Mutismus zu kämpfen. Soziale Ängste können einen ganz schön einschränken; gepaart mit Mutismus wird vieles kompliziert bis unmöglich.

Das Buch bei der Entlassung zurückgeben? Heute wäre das nicht der Rede wert. Damals zerbrach ich mir tagelang den Kopf, was ich mit dem Buch tun soll. Es den Pflegern aushändigen? Oh Gott, die könnten dann ja mit mir reden, wie es mir gefallen hat und so! Sie könnten denken, ich habe dieses dumme Buch wirklich gelesen, und mich verachten, dass ich so anspruchlose Literatur konsumiere (dabei mag ich diese Buchsorte nicht einmal)! Einfach liegen lassen? Dann sprechen sie mich beim nächsten Aufenthalt vielleicht darauf an (irgendwie war mir da schon klar, dass es nicht mein letzter Aufenthalt in der KJP sein würde). Ich hatte noch einige andere Ideen, aber umsetzbar war keine – zu viel Angst vor dem Kontakt zur Pflege, zu viel Angst, was sie denken könnten, zu viel Angst, dass ich sprechen müsste. Schlussendlich nahm ich es mit Skrupeln, schlechtem Gewissen und Schuldgefühlen mit nach Hause.

Und da ist’s immer noch. Das vermutlich nie gelesene, nicht-geklaut-nur-nicht-zurückgegebene Jugendbuch. Ein verblasster blauer Stempel weist noch immer darauf hin, dass es sich um Eigentum der KJP handelt. Erschreckend, wieviele schlaflose Nächte mir dieses Buch damals bereitet hat. Wie unkompliziert das heute doch alles laufen würde…!

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Medikamente

Es geht mir besser mit den Medikamenten. Ich denke, das kann ich inzwischen klar so sagen. Seit ich die Medikamente wieder nehme, ist meine Stimmung nicht mehr so abgrundtief dunkelschwarz. Die Suizidgedanken sind weniger drängend geworden. Ich kann wieder schlafen.

Natürlich geht es mir noch lange nicht wirklich gut. Die Stimmung ist nach wie vor eher gedrückt und instabil. Suizidgedanken sind noch vergleichsweise stark. Der Schlaf kurz und von häufigem Aufwachen durchzogen.

Aber es ist besser als vorher. Deutlich spürbar besser.

Damit ist für mich klar, dass ich die Medikamente weiterhin nehmen werde. Und damit auch den Ambulanzpsychiater wieder sehen werde. Wie ich es am besten mache, wieder Kontakt zu ihm aufzunehmen, weiß ich noch nicht. Email? Über Dr. H.? Mal schauen. Fest steht für mich nur, dass ich ihn erstmal nicht wöchentlich sehen will. Nur in größeren Abständen und dann auch nur wegen Rezepten für die Medikamente. Auf „richtige“ Gespräche mit ihm habe ich nach wie vor wenig Lust.

Ich tue mich schwer damit, es nicht als Kapitulation zu empfinden. Dass ich die Medikamente wieder nehme; dass ich wieder zu Dr. H. gehen werde; dass ich wieder Termine beim Ambulanzpsychiater wahrnehmen werde. Irgendwie sind diese drei Dinge in den letzten Wochen zu einer Art Machtkampf mit den Ärzten ausgeartet. Je mehr sie mich drängten, desto mehr habe ich dagegen angekämpft. Ich weiß, ich sollte es nicht so sehen, aber es fühlt sich für mich an wie aufgeben, nachgeben, klein beigeben. Sie haben mich unter Druck gesetzt, ich habe mich dagegen gewehrt, jetzt mache ich doch, was sie wollen, 1:0 für die Ärzte.

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Nähen, Fäden ziehen, und wie egal das alles ist

Vielleicht hat der Ambulanzpsychiater doch Recht gehabt, als er meinte, dass sich Irgendetwas in mir grundlegend verändert hat. In Bezug auf Selbstverletzung. Ob es gut ist oder nicht, weiß ich nicht, aber es scheint sich wirklich Etwas verändert zu haben.

Wochenlang keine Selbstverletzung, weil ich zu gehemmt war. Es einfach nicht konnte. Mir die Klinge durchs Fleisch zu ziehen oder mit glühenden Zigaretten Löcher in die Haut zu brennen. Ich wollte, und es ging nicht. Sowas kenne ich, allerdings nicht als Dauerzustand über Wochen. Das ist was Neues, dass es so lange anhielt.

Letzte Woche dann doch wieder heftige Selbstverletzungen. Hat es mir was gebracht? Nein. Es war zwar beruhigend, etwas Vertrautes und Gewohntes zu machen, aber mehr auch nicht. Wirklich ruhiger und entspannter war ich danach nicht. Auch die chirurgische Wundversorgung war gefühlt nur eine Notwendigkeit. Nicht schlimm, aber auch nicht toll. Nicht so entspannend wie sonst. Nicht sofort danach die Sehnsucht, das am besten sofort zu wiederholen, weil es sich so gut anfühlt, genäht zu werden.

Die Fäden sind noch drin. Anders als sonst verbringe ich kaum Zeit damit, sie zu betrachten oder zu berühren. Die meiste Zeit denke ich nicht einmal daran, dass noch Fäden vom letzten Nähen in meiner Haut sind. Dass ich die Fäden nach dem nächsten Wochenende rausmachen sollte und dann „fadenfrei“ bin, stresst mich nicht. Ich vergesse eher, dass die Fäden bald gezogen werden sollten und habe es mir sicherheitshalber im Kalender eingetragen.

Ist es nicht seltsam, dass ich vor nicht allzu langer Zeit jeden zweiten Tag mit einer anderen Wunde in die Chirurgie musste und so wahnsinnig Panik geschoben habe, wie es sein wird, wenn ich nicht mehr dorthin darf muss? Und jetzt ist es so unwichtig. Jetzt wurde ich nach so langer Zeit wieder genäht und es hat mir nichts gegeben. Jetzt habe ich nach so langer Zeit wieder Fäden in der Haut und meistens denke ich nicht einmal daran.

Irgendetwas hat sich verändert. Die Chirurgie hat nicht mehr den Suchtfaktor, den sie früher für mich hatte. Das Nähen ist nicht mehr die ultimative Entspannung. Die Fäden bedeuten mir nichts.

Wenn ich jetzt schreibe, dass ich ein bisschen Druck habe, doch wieder tief zu schneiden, dann nicht, weil mir das Nähen etwas gibt. Sondern weil ich Angst vor der Veränderung habe. Weil ich den Urzustand wiederherstellen will. Weil ich daran gewöhnt bin, von Zeit zu Zeit in der Chirurgie zu liegen und meine Wunden versorgen zu lassen. Weil ich nicht weiß, wie es ohne Chirurgie ist und ob es besser ist und ob ich das will. Weil ich Angst habe, dass ich nie wieder zurück kann, wenn ich nicht jetzt sofort umkehre, und ich nicht weiß, was mich erwartet, wenn ich nach vorne laufe und nicht zurück gehe auf das vertraute Terrain.

Was ist passiert? Was ist nur passiert?? Und ist es gut, dass es passiert ist? Ich bin so verunsichert.

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