eisblau&honigsüß

Hass und fehlender Hass

„Arschlöcher“, murmelt er leise, und meint damit die Täter. Dann entschuldigt er sich für das Schimpfwort, aber so wirklich leid tue es ihm eigentlich doch nicht. Er kenne die Täter zwar nicht, aber er empfinde trotzdem Hass auf sie, weil sie mir das angetan haben.

Ich unterdrücke den Impuls, die Täter in Schutz zu nehmen. Ich möchte so sehr betonen, dass sie auch gute Seiten hatten und nicht immer böse zu mir waren. Mir liegen Beschönigungen im Mund und ich muss mir auf die Zunge beißen, um nicht herunterzuspielen, was sie getan haben. Ein bisschen möchte ich auch mit ihm schimpfen, weil er sich anmaßt über „meine“ Täter zu urteilen, die ja nunmal wichtige Personen in meinem Leben waren.

Aber ich sage nichts. Ich weiß, dass er es nicht verstehen kann, dass ich die Täter nicht hasse. Es würde ihn nur bestürzen, wenn ich sie in Schutz nehme. Genauso, wie es mich bestürzt, dass er sie hasst.

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auf dem Drahtseil

Sätze, die für mich verbale Schläge voll in die Fresse sind. Sätze, die nicht gesagt werden dürften. Nicht von „normalen“ Menschen und allemal nicht von Profis.

Das schaffst du nicht.

Das packst du eh nicht.

Lass es bleiben, das wird doch sowieso nicht klappen.

Das kriegst du niemals hin.

Oder von Ärzten speziell auch dieser Satz: Ich weiß eigentlich gar nicht, warum ich Ihnen überhaupt helfen. (Vielleicht, weil du Notdienst hast?!?)

Sätze, die mich auf das schwankende Drahtseil zaubern. Der wacklige Boden unter den Füßen löst sich in Nichts auf und wie von Zauberhand manifestiert sich unter meinen Zehen das dünne, viel viel viel zu dünne Seil. Und wiedereinmal hat die Zauberfee vergessen, mir eine Balancierstange in die Hände zu legen. Danke vielmals.

Ich drehe mich nicht um auf diesem Drahtseil. Nicht, weil ich Angst hätte zu fallen, sondern weil der Blick nach hinten keine Überraschung bereithält. Ich weiß, was ich sehen würde: Das Ende des Seils, fest verankert in einer endlos hohen, endlos weiten massiven Backsteinmauer. Hinter der Mauer der Boden, auf dem meine Füße eben noch standen. Kein Weg zurück dorthin. Worte blockieren Wege. Worte sind Backsteine, aus denen sich Mauern formen.

Vorwärts ein langer Weg über das schwankende Seil. Die Ebene dort hinten – eine Höllenlandschaft. Rauchende Vulkane, züngelnde Feuer, der ausgedörrte Erdboden gespickt mit scharfen Scherben. Meine Wut-Landschaft. Mein Hass in 3D.

Stürzen ist keine drohende Gefahr, mehr eine Verlockung. Der Blick gebannt von rosa kuschelweichen Wattewolken. Fallen in die Wärme, sanft von der Watte umschlossen werden. Dahintreiben. Aufgeben, ergeben, nachgeben. Fallenlassen. Tiefersinken. Keine Kämpfe mehr. Treiben lassen im Wattenebel, der den Kopf ausfüllt, den Körper, Transformation, bis ich eins werde mit der Wattewolke.

Fallen lassen wäre so einfach. So schön. Eine Zukunft in einer warmen weichen Wolke, zu der ich selber werde.

Die Wut zwingt einen Fuß vor den anderen. Schritt für Schritt voran auf dem schwankenden Drahtseil.

Ich schaff das eh nicht, ja? Wartet’s nur ab, ihr werdet schon noch sehen, was in mir steckt. Wenn wir uns wiedersehen, nachdem ich über das Drahtseil balanciert bin und die Wut-Landschaft durchwandert habe, alleine, Schritt für Schritt, nur ich und meine Wut, nur ich und mein Hass. Wir werden uns wiedersehen.

Ihr werdet schon noch sehen, wozu ich fähig bin.

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Warum unterstütze ich dich eigentlich noch?

Je länger ich mir unser Treffen durch den Kopf gehen lasse, desto mehr Zweifel kommen mir, ob es richtig ist, T. zu unterstützen.

Er denkt nur an sich. Wie schlecht es ihm geht. Was auf ihn zukommt. Welche Strafen ihm drohen. Was das für seine Arztkarriere bedeutet.

Keine Frage, wie es mir geht. Wie ich mich gefühlt habe, als ich die Dateien gesehen habe. Die Flashbacks, die Täterintrojekte. Meine Gefühle nach der Anzeige. Meine Gefühle jetzt.

Er fragt mich allen Ernstes, was er seiner Neuen erzählen soll. Irgendwie ist das schon etwas pervers. Vor einem Monat noch war ich die Frau an seiner Seite. Jetzt soll ich ihm Tipps zu seiner neuen Beziehung geben. Geht’s noch?

Er will von mir wissen, wie er vor Gericht ungeschoren davon kommt. Wenn er diese oder jene Strategie wählt, ob ich dann entsprechend aussagen würde? Äh… Ich sage die Wahrheit. Punkt.

Er habe doch nichts getan, sei doch kein schlechter Mensch. Ansichtssache. Auch wenn er real keinem Mädchen was getan hat (noch nicht?), so unterstützt er doch diesen beschissenen Markt. Die Nachfrage diktiert das Angebot.

Wo er einen neuen Computer herbekommen soll? Ob ich was weiß, wo das günstig geht? Jemanden kenne?

Ob wir in Kontakt bleiben? Er brauche jemandem zum Reden, und außer mir gibt’s niemandem, der davon weiß… Aber keine Gegenfrage, ob ich vielleicht auch Gesprächsbedarf habe. Kein Angebot, im Gegenzug auch für mich da zu sein.

Die Krönung für mich: Jaaa, aber er steht doch eh nicht auf die ganzen kleinen Kinder. Nur die Pubertierenden. Hallo? Macht’s das besser? Ob man sich am Missbrauch einer Dreijährigen aufgeilt oder am Missbrauch einer Dreizehnjährigen. Leidet die Pubertierende weniger darunter, vor der Kamera vergewaltigt zu werden, als das kleine Mädchen?!?

Er sagte, er habe den Kontakt zu mir sowieso halten wollen. Wollte nur ein paar Tage verstreichen lassen, nachdem er Schluss gemacht hat. Inzwischen sind drei Wochen vergangen, in denen ich nichts von ihm gehört habe. Und die Kontaktaufnahme jetzt ja auch nur, weil er von der Anzeige erfahren hat. Ich habe so meine Zweifel, ob ich sonst wirklich irgendwann mal wieder was von ihm gehört hätte. Und wenn ja, dann vermutlich eh nur, weil er Hilfe braucht, aber nicht „einfach so“.

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unerwartet, ungeplant

Völlig unerwartet und ungeplant stehe ich dann doch T. gegenüber. Dabei hatte ich heute Früh noch mit Dr. H. darüber gesprochen, dass ich ihn gerade lieber nicht sehen möchte. Lob von ihm bekommen, weil ich mich am Wochenende gegen einen Besuch entschieden und auf meine eigenen Gefühle geachtet habe. Und dann stehen wir uns doch plötzlich gegenüber.

Ich wusste, dass T. heute in der Stadt sein würde, an der Uni, wegen einer Prüfung. Die Prüfung war in der Mittagszeit. Er schrieb mir per SMS, dass er wegen der Prüfung kurz hier sein würde. Kurz! Ich habe nicht damit gerechnet, ihn am Spätnachmittag in seiner Wohnung anzutreffen, als ich hingegangen bin, um den Kater zu füttern. Ich dachte: Kurz – also morgens hinfahren, Prüfung, wieder zurück in die Klinik.

Es war – seltsam. Ihn zu sehen. Ihn ohrfeigen zu wollen und gleichzeitig die alte Vertrautheit und Zuneigung zu spüren. Gefühlschaos pur.

Wir haben uns nicht lange gesehen. Vielleicht zwangzig Minuten, weil er am Abend wieder in der Klinik sein musste. Geredet, über Dieses und Jenes. Das „Tabuthema“ nur ganz ganz kurz angeschnitten. Wir werden noch darüber reden müssen, irgendwann, in aller Ruhe und ich am besten sturzbetrunken.

Immerhin hatte er genug Anstand, mich nicht anzufassen. Keine Umarmung zur Begrüßung, kein Kuss. Er weiß, wie sehr ich mit einer gewissen Geschichte zu kämpfen habe, und wieviel Wut und Abscheu in mir ist. Ich hatte Angst, dass er mich trotzdem berühren würde. Umarmung und Küsschen zur Begrüßung, wie immer, als ob nichts sei, als ob ich nichts wüsste. Aber zum Glück hat er das unterlassen.

Letztlich war es ich, die die Berührung wieder erlaubt hat. Eine Umarmung und ein flüchtiger Kuss zum Abschied. Ohne Zwang, allein von mir ausgehend.

Weil ich ihn trotz allem liebe, verdammt.

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