eisblau&honigsüß

aufgewühlt

Wieder zurück in Unistadt nach vier Tagen Besuch bei meinen Eltern. Ich fühle mich nicht gut. Die Besuche in der Heimat wühlen immer so viel altes Zeug auf. Ich könnte gerade gar nicht sagen, was mir durch den Kopf geht. Irgendwie fühle ich mich komplett in die Kindheit und Jugend zurückgeworfen.

Vieles ist dort noch immer so wie damals. Die Feindseligkeit und Boshaftigkeit, die Beschuldigungen und Angriffe. Gespräche, die sich nur um Belangloses drehen und Gespräche, die ich teilweise auswendig kenne, weil sie immer und immer wieder absolut identisch geführt werden, wie beliebte Theaterstücke. Das Gefühl, eine Enttäuschung zu sein, nicht gut genug, oder zumindestens nicht so, wie mich meine Familie gerne hätte. So viele Schuldgefühle und Scham und Selbstabwertung, dass ich mich schon am zweiten Tag dort verletzt habe, weil ich so unerträglich war.

An der Wand im Wohnzimmer hängen noch immer die gleichen Fotografien. Von meinem Bruder, meinem Bruder und nochmals meinem Bruder. Und ein Foto von meinem Bruder und mir zusammen. Keines nur von mir.

Geändert hat sich, dass es jetzt einen Schlüssel für meine Zimmertür gibt. Wie habe ich mich in der Jugend danach gesehnt, einfach mal die Tür absperren zu können! Aber angeblich gab es für meine Tür keinen Schlüssel… (Nun gut, zugegeben: ich war erfinderisch und habe auch ohne Schlüssel eine wirkungsvolle Barrikade gefunden, die meine Eltern nie aufbekommen haben.) Jetzt steckt ein Schlüssel im Schloss.

Geändert hat sich auch die Anzahl der Schnapsflaschen auf dem Regal hinten im Keller. Es sind deutlich weniger als bei meinem letzten Besuch. Eine Flasche ganz vorne ist halbleer. Ich weiß, dass Papa manchmal einen Schluck trinkt, wenn er im Keller ist. Ein Schluck direkt aus der Flasche, wenn er „kurz was aus dem Keller holen“ geht. Ob Mama das weiß? Eher nicht, denn sonst könnte er die Flasche ja auch einfach in der Wohnung hinstellen und dort trinken.

Geblieben ist die Puppe ganz hinten in meinem Schrank, dieses arme zerschundene Ding, mit dem ich Missbrauchsszenen nachgespielt habe, in aller Heimlichkeit. Manchmal denke ich, es wäre besser, sie wegzuwerfen. Aber ich bringe es dann doch nie über mich. Genausowenig, wie ich es lassen kann, sie bei jedem Besuch aus dem Schrank zu holen und anzuschauen und mich zu erinnern.

Immer wieder aufwühlend, diese Besuche bei meinen Eltern. Nicht nur schlecht, aber insgesamt doch sehr kraftraubend und destabilisierend. Naja. Jetzt erstmal wieder Ruhe finden.

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Freitag habe ich die Blumen abgeholt, bin nach Heimatstadt an sein Grab gefahren, und danach wieder zurück nach Unistadt. Auf dem Weg vom Bahnhof zu meiner Wohnung habe ich mir Alkohol (viel Alkohol) besorgt und mich damit gnadenlos betrunken. Gestern habe ich nicht viel gemacht, völlig verkatert, wie ich logischerweise war. Den restlichen Alkohol getrunken und geschlafen und geweint und überlebt.

In manchen Jahren ist es okay. Sein Geburtstag und sein Todestag. In manchen Jahren denke ich nur still ein paar Minuten an ihn, schreibe ihm einen Brief, und es ist in Ordnung so.

In anderen Jahren tut es so unglaublich weh, dass es kaum auszuhalten ist. Ich weiß nicht, warum das so ist. Warum es mal weh tut und mal nicht. Vielleicht, wenn ich sowieso schon sehr viel vergangenes Leid im Kopf habe und die Zukunft so viel Angst macht. Dann wäre es so verdammt schön, einen großen Bruder zu haben, der da ist, wie ein Fels in der Brandung. Zu wissen, dass ich diesen großen Bruder einmal hatte, und er nicht mehr da ist – nie wieder da sein wird – tut weh, so sehr.

Emotional und gedanklich ist gerade alles ganz chaotisch. Zukunftsträume und Hoffnungen, Zukunftspanik und Aufgeben-wollen. Die Stimmung schwankt im Minutentakt, von alles-gut zu lass-es-endlich-vorbei sein.

Ich bin angespannt, seit Tagen Dauerhochspannung. Ich sehne mich nach einer Verletzung, aber ich schaffe es nicht, eine zu machen. Ich will weder Schmerz noch Blut, ich habe Angst davor. Aber ich will verletzt sein, körperlich, etwas Sichtbares haben, das heil werden kann. Ich will die Verletzung haben, aber ich will mich nicht verletzen. Doof.

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Geschützt: fiepsen (2)

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nicht-Existenz

Heute ist so ein Tag, an dem ich schlicht nicht weiß – und mir nicht vorstellen kann – wie ich ihn überleben soll. So ein Tag, an dem ich morgens nach einer nahezu schlaflosen Nacht aufstehe. Psychisch und körperlich am Ende. Trotzdem quäle ich mich zur Uni, wenigstens zum Pflicht-Seminar, von dem ich zwar nichts mitbekomme, aber immerhin bin ich anwesend gewesen, körperlich.

Und kaum ist das Seminar vorbei, fahre ich nach Hause. Keine Kraft, mir noch irgendeine Vorlesung anzuhören. Es geht nicht, geht nicht, geht nicht.

Zu Hause – eine Flasche Wein. Mittags um zwölf. Weil alles so unerträglich ist, dass ich es nüchtern nicht aushalte. Trinken und weinen, trinken und weinen. Ins Bett wanken, weinen, wach liegen. Aufstehen, bloggen, weinen. Trinken. Weinen. Trinken. Weinen.

Ich sollte nüchtern bleiben. Seminaraufgaben für morgen bearbeiten. Lernen für die beiden Klausuren am Montag. Protokoll schreiben vom Praktikum.

Sollte. Kann nicht. Will nicht.

Ich weine und fühle mich so unendlich einsam, weil niemand da ist, der weiß, wie ich mich gerade fühle. So ganz allein mit all dem Schmerz und den ganzen Erinnerungen. Immer wieder schauen nach Emails, SMS, (entgangenen) Anrufen. Jedes Zeichen, dass irgendwo irgendjemand irgendwie an mich denkt, wäre mir recht. Egal was. Hauptsache irgendwas.

Nichts. Ich existiere nicht, für niemanden, in keinster Weise.

Und würde ich wirklich nicht mehr existieren – wer würde es schon merken?

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Hallöchen, hier spricht Ihr Arzt

Halbwegs nüchtern realisiere ich, dass ich vorhin sturzbetrunken mit Dr. H. telefoniert habe. Oh Himmel! Was der jetzt wohl denken wird… Mit Tablettenintox hat er mich schon erlebt, wenn ich so in die Klinik kam. Aber sturzbetrunken am Telefon… Und das am Nachmittag… Mal was Neues *hüstel*

Ich wollte ja zum Termin gehen. Ich hatte es wirklich vor. Aber als der Wecker klingelte, war ich so dicht, dass ich mich nicht aus dem Bett bewegen wollte. Wecker ausgemacht und weitergeschlafen, bis das Handy klingelte. „Unbekannter Anrufer“ – okay, vermutlich T., also mal drangehen. Genug Alkohol im Blut um den Mut zum Telefonieren aufzubringen. „Hallo, Dr. H. hier, von der Psychiatrie“ – na wunderbar.

Neuen Termin für morgen vereinbart. Ich habe so Angst davor. Ich schäme mich, weil er mich so völlig betrunken am Telefon hatte. Wie soll ich ihm nur morgen wieder unter die Augen treten? Es ist mir so peinlich.

(Und doch – fühlt es sich gut an, dass er angerufen hat, als ich nicht zum Termin kam. Dass er nachfragt, wo ich bin, wie es mir geht. Dass er sich Sorgen um mich macht. Dass ich nicht egal bin.)

Die Fragen, die er morgen stellen wird. Was soll ich darauf antworten? Wenn ich doch über den wahren Grund nicht sprechen kann, wie soll ich dann erklären, dass ich seit Samstag Früh nahezu permanent Alkohol-betäubt bin? Und wie zur Hölle soll ich morgen bis zum späten Nachmittag nüchtern bleiben, mit all den Gedanken und Gefühlen und Bildern im Kopf, die sich so herrlich mit Alkohol wegspülen lassen!?

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