eisblau&honigsüß

Psychotherapie Erstgespräch

Kennt ihr das, wenn ihr einer Person begegnet und am liebsten sofort Reißaus nehmen würdet?

So ging es mir bei dem Vorgespräch mit einer ambulanten Psychotherapeutin vor ein paar Tagen…

Ich hatte wirklich viel Hoffnung in den Termin gesetzt. Dachte, dass ich da endlich konstante Hilfe bekommen könnte.

Aber – nein. Einfach nein. Ich habe schon bei der Begrüßung gespürt, dass das nichts wird. Hätte mich am liebsten sofort umgedreht und wäre wieder gegangen. Katastrophaler erster Eindruck.

Gut, der erste Eindruck kann täuschen. Also bin ich geblieben. Saß einige Minuten in einem unordentlichen, staubigen (!) Wartezimmer… Dann folgte ein Gespräch, bei dem ich jeden Satz fünfmal wiederholen musste (mindestens), weil die Dame einfach extrem schwerhörig ist… die Erfahrung, die das Alter mit sich bringt, nutzt wenig, wenn kein Wort verstanden wird…

Und unsympathisch war sie auch. So dermaßen unsympathisch. Ich kann es gar nicht an was Konkretem festmachen. Sie war mir einfach zutiefst unsympathisch. Null Vertrauen, von Anfang an. Ihre Schwerhörigkeit hat das sicher auch nicht besser gemacht. Die intimstem Seelengeheimnisse in den Raum brüllen zu müssen, schafft einfach kein Vertrauen.

Nach einer knappen halben Stunde (mehr hatte sie für das Erstgespräch nicht eingeplant) habe ich weinend die Praxis verlassen. Wäre ja auch zu schön gewesen, wenn ich so schnell eine ambulante Therapeutin gefunden hätte *seufz*

Ich erinnere mich nur dunkel an die Zeit danach. Tränen, Schmerz, Verzweiflung, Wut. Innenstadt. Irgendwo sitzen, rauchen, weinen. Ein Mann, ein paar Worte. Psychiatrie. Ärztin. Noch mehr Tränen.

Langsam resigniere ich. Ich möchte leben, lachen, genießen. Aber wie? Eine stationäre Therapie, die nicht geholfen hat, ja, alles nur noch schlimmer machte. Die Aussichtslosigkeit auf eine gute ambulante Therapie. Keine Zukunftspläne, keine Perspektiven. Ich will leben, aber so? Aber so?!?

Langsam weiß ich echt nicht mehr weiter.

Was soll ich noch tun?

Eine Klinik, die auf mein Krankheitsbild spezialisiert ist, und die mir null helfen konnte. Die Unmöglichkeit, in absehbarer Zeit eine passende Therapeutin zu finden. Keine Chance, in meinem jetzigen Zustand zu arbeiten. Freunde, die sich allmählich zurückziehen. Eine Familie, die nie dagewesen ist.

Allein allein allein.

Was für eine Scheiße ist das, dieses „Leben“?

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auf der Brücke

Der Wind beisst eisig kalt in meine Haut, als ich da stehe, mitten in der Nacht, auf dieser Brücke. Wolken aus Eisnebel glitzern in der Luft, ihre Schönheit berührt mich nicht. Die Tränen gefrieren auf meinen Wangen.

Meine Finger suchen wie von selbst die Nummer im Handy. Eingespeichert vor Jahren, nie geglaubt, dass ich wirklich jemals anrufen würde, ich mit meiner Telefon-Panik. Jetzt ist die Panik ganz still, kein Herzrasen, keine Schweißausbrüche. Die Finger suchen die Nummer, drücken auf „wählen“, die Verbindung entsteht.

Ich weiß nicht, was ich der Pflegerin erzählen soll. Vor wenigen Stunden wurde ich aus der Klinik entlassen, aber es geht nicht, es geht einfach nicht, ich packe es nicht zu Hause. Sie redet auf mich ein, dass ich zurückkommen soll, dass ich mir nichts antun soll. Sie reicht den Hörer an die Ärztin weiter, die mich doch eben erst entlassen hat, auf meinen Wunsch. Ihre Stimme klingt liebt und warm und beruhigend. Und besorgt. Sie überzeugt mich, dass es besser ist, wieder in die Klinik zu kommen. Sie nimmt mir die Angst, die Scham.

Ich beende das Gespräch. Mache mich auf den Weg. Schritt für Schritt, der Weg scheint ewig lang zu sein.

Durchgefroren und erschöpft erreiche ich die Klinik. Klingeln, reingelassen werden, „Gut, dass Sie angerufen haben. Gut, dass Sie zurückgekommen sind.“

Die Scham kommt zurück, die Angst. Ich habe versagt, so dermaßen versagt. Ich fühle mich schwach, in jeglicher Hinsicht.

Der Ärztin kann ich erstmal kaum in die Augen sehen. Es ist mir so entsetzlich peinlich. Aber sie macht mir keine Vorwürfe, überhaupt nicht.

Als sie fragt, was ich gerade brauche, wende ich den Blick wieder ab… Murmel was von „Magenschutz“… Sie schweigt einen Moment, scheint zu begreifen, was ich bisher verschwiegen habe, hakt nach. „Haben Sie Tabletten geschluckt…?“ Ich hatte versprochen, es nicht zu tun. Ich dachte, ich schaffe es.

Der Drang war zu stark. Die ersten Tabletten waren schon geschluckt, ehe der Verstand wieder einsetzte. Bis ich begriff, was ich da gerade tat. Danach bin ich aus der Wohnung gelaufen, auf die Brücke, und habe angerufen. All das sage ich ihr, und sie beruhigt mich, macht mir keine Vorwürfe, möchte nur wissen, was und wieviel ich geschluckt habe. Ich sage es ihr, sie untersucht mich, nimmt mich wieder auf, gehen lassen möchte sie mich nicht, ich möchte auch gar nicht gehen, ich würde nur noch mehr Tabletten schlucken, ich habe es nicht im Griff in diesem Moment, es tut gut im Schutz der Klinik zu sein.

Dann falle ich ins Bett, so warm und weich nach dem schneidenden Wind da draußen. Und während ich noch überlege, wie lange ich wohl brauchen werde, um zur Ruhe zu finden, und ob ich vielleicht um Bedarfsmedikation bitten soll, fallen mir auch schon die Augen zu und ein tiefer Schlaf schenkt mir ein paar Stunden Ruhe.

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gestern (Spotlights)

Vergangene Nacht habe ich geschlafen wie ein Stein. Tief und fest und lang. Keine Ahnung, wann ich das letzte Mal so viele Stunden so erholsam geschlafen habe. Ich habe viel geträumt in dieser Nacht, das erinnere ich vage, und die Träume waren nicht schön, aber irgendwie scheinen auch sie „richtig“ gewesen zu sein, entlastend, nicht belastend. Ich war ziemlich verblüfft, als ich heute Früh nach dem Aufwachen auf die Uhr sah und feststellte, dass es schon fast Mittag war. Wann habe ich das letzte Mal so lange in den Tag hinein geschlafen? Und das, ohne viel mit Medikamenten nachzuhelfen?

Ich denke, es war gut so. Der Körper hat es gebraucht, der Kopf sowieso. Der Tag gestern hat viel Kraft gekostet. Viele Gedanken, viele Emotionen. Plus die Anstrengung, die mit stundenlangem intensiven Weinen einhergeht. Glaubt einem auch niemand, der es nicht selbst erlebt hat – wieviel Kraft es kostet, wenn man stundenlang ununterbrochen weint, weint, weint.

Seltsamerweise denke ich heute kaum an die schlimmen Dinge von gestern. Den Schmerz, die Verzweiflung. Es ist wie weggeblasen. Ich weiß nicht, ob das gut ist. Vielleicht verdränge ich, weil es zu sehr weh getan hat? Aber vielleicht ist es auch positiv, dass sich mein Hirn lieber mit den schönen Erfahrungen beschäftigen will. Keine Ahnung. Ich bin da sehr unsicher, und mitunter sind sich auch „Experten“ nicht einig, was denn nun besser ist: auf das Positive fokussieren, oder das Schlimme durcharbeiten. Vielleicht gibt es da auch kein absolutes Richtig oder Falsch. Wer weiß.

Ist auch egal. Wichtiger ist, wie es weitergeht. Dass es weitergeht.

Den heutigen Psychiater-Termin habe ich ausfallen lassen. So wie ich ihn kenne, wird er trotzdem zur vereinbarten Zeit auf mich gewartet haben. In der Hoffnung, dass ich doch komme, egal, was gestern passiert ist, und egal, was ich sagte. Naja, Pech für ihn. Während er auf mein Erscheinen in seinem Sprechzimmer wartete, lag ich noch tief schlafend im Bett… Ich finde das okay. Ich hatte ihm gesagt, dass ich nicht kommen werde, und der Schlaf war wohl notwendig für Körper und Geist. Ich hätte mir geschadet, hätte ich den Wecker gestellt um pünktlich beim Arzt zu sein.

Gehe ich morgen zu ihm? Keine Ahnung. Vielleicht? Noch eine Nacht schlafen. Eine Nacht die Ereignisse sacken lassen. Eine Nacht drüber schlafen. Ich bin mir sicher, dass er froh wäre, würde ich morgen wieder kommen. Auch wenn der gestörte Teil in mir sagt, dass er froh wäre, würde die Polizei zu ihm kommen und ihm sagen, dass es mich nicht mehr gibt… Aber das ist eben der gestörte Teil, nicht wahr? Der Teil, der alles falsch versteht und überall Gefahr und Gewalt und Hass wittert. Der Teil, der den Unterschied zwischen „damals“ und „heute“, „Täter“ und „Helfer“ noch nicht verstanden hat.

Vielleicht gehe ich morgen wieder zum Herrn Psychiater. Ich habe Angst vor einem Wiedersehen. Aber ich glaube, dass es gar nicht so schlimm würde. Es war auch gestern gar nicht so schlimm, wie ich dachte, als ich zu Krisenintervention-II zurück auf Station ging. Ich hätte keine Angst haben müssen, vor ihm. Die Machtverhältnisse waren eher umgedreht. Es klang wirklich, als ob er (!) mich (!) um Erlaubnis für ein Gespräch fragt. Ich kaufe ihm auch ab, dass er nicht wusste, wie weh mir seine Aussagen während Krisenintervention-I getan haben. Er wusste es wirklich nicht. Er hatte keine Ahnung, was er anrichtet.

„Ich habe das nicht gesagt, um Ihnen weh zu tun… Es ist nur… Ich will Ihnen helfen, okay?“. Ja. Okay. Es tat weh und es tut noch immer weh, aber ja, okay, ich glaube ihm das. Er wirkte ehrlich bestürtzt, als er fragte, ob ich nach der Entlassung aus Krisenintervention-I überhaupt zu Hause gewesen sei und ich antwortete „Nein. War ich nicht. Ich saß unten, auf der weißen Bank. Habe pausenlos geheult. Habe den Zügen gelauscht, die vorbeirauschten. Und bin wieder zurückgekommen.“

Was ihm die Pflege erzählt hat, weiß ich nicht. Vermutlich einfach nur, wie es mir ging, als ich zurückkam auf Station. Heulend, fast unfähig, meinen Schmerz in Worte zu kleiden. Wie lange brauchte der Pfleger, um mich ins Stationszimmer zu bugsieren? Am liebsten wäre ich gleich neben der Eingangstür der Station zusammengesunken. Irgendwie motivierte er mich zum Weitergehen, Schritt für Schritt, in den Schutzraum des Stationszimmers. Ich habe literweise Tränen vergossen. Gelacht, ja, gelacht habe ich, eine unangemessene Reaktion, aber passiert, warum auch immer, ich habe heulend gelacht. Geredet, Worte, Sätze, wirr, geordenet, durcheinander, mit Sinn, ohne Sinn. Vermutlich hat ihm die Pflege das weitergegeben – dass ich völlig neben der Spur war, als ich auf Station kam. Vermutlich hat er sich dann seinen Teil gedacht.

Manches verschwimmt im Nebel von diesem Abend. Dieser Nacht. Vielleicht ist das auch gut so. Man muss nicht alles wissen, nicht alles erinnern. Manchmal ist es besser, zu vergessen.

Was bleibt, ist der Schmerz. Die Erinnerung an die anderthalb Stunden auf der Bank. Die weiße Bank vor der Klinik, auf der ich zwischen Krisenintervention I und II saß und nur geweint habe. Die Kälte. Der Wind, der an den Haaren reißt. Die Regentropfen, die wie Kanonkugeln auf die Haut peitschen. Die Züge auf den naheliegenden Gleisen. Das Licht der Klinik. Das Ausklinken – weg sein, für einen Moment nicht mehr existieren, Filmriss, und dann wieder existieren, im Warmen, im Licht, auf Station, ohne Erinnerung an die Minuten davor.

Ich schreibe wirr und durcheinander, ich merke es selbst. Aber ich schreibe eben so, wie ich denke. Wie ich fühle. Wie ich erinnere. Ich schreibe so, wie ich „gestern“ wahrnehme – wirr und durcheinander. Eindrücke, Gefühle, Gedanken. Es gibt keine Struktur. Nur Spotlights, die mal hier, mal da etwas hervorheben…

 

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zwei Wochen (countdown)

Zwei Wochen. Nur noch zwei verdammte kurze Wochen. Dann ist Dr. H. weg. Zwei Wochen! Ich verzweifel.

Die neue Psychologin kenne ich noch immer nicht. Nicht wirklich, jedenfalls. Ich habe sie mal kurz gesehen, ihr die Hand geschüttelt. Ich weiß, wie sie aussieht. Mehr nicht. Was, wenn ich mit ihr nicht klarkomme? Was, wenn sie so eine dumme Kuh ist wie andere Psychologinnen, die ich vor ihr hatte???

Nächste Woche soll ich den ersten Termin bei ihr haben (was ja eh nicht klappen wird). Nur sie und ich, ohne Dr. H. Kennenlernen und so. Aber wenn sie wirklich doof ist, was mache ich dann?? In zwei Wochen ist Dr. H. weg und ich bin doch wieder allein. Wie immer. Allein. Allein. Allein.

Ich habe so Angst. Dr. H. verlieren, meinen Studienalltag verlieren. Neue Therapeutin und neue Arbeitsstelle. Ich kann mir so gar nicht vorstellen, wie das klappen soll. Es wird eine Katastrophe. Ich werde weder mit der Psychologin klarkommen noch mit meiner neuen Chefin. Es wird einfach eine Katastrophe.

Und Dr. G. ist wieder in der Klinik. Nach einem Jahr Neurologie-Fortbildung ist er wieder da. Dr. G.! Meine Hassliebe. Ich kann nicht zur Kriseninterventionen dorthin gehen, wenn er dort ist und ich ihm wieder begegnen könnte. Dr. G! Auch das noch! Er ist so scheißverdammt perfekt. Und ich? Die dumme Verrückte… Ein Jahr vergangen und ich bin noch immer bekloppt. Ich schäme mich so. Ich will ihm nicht begegnen. Ich würde mich in Grund und Boden schämen vor ihm, dem Mr. Perfect der Psychiatrie.

Ich habe so lange versucht, immer durchzuhalten. Von einem Ereignis bis zum nächsten zu überleben. Es auf mich zukommen zu lassen. Mit „dem Ausweg“ als allerletzte Möglichkeit, wenn gar nichts mehr geht. Ich will dieses allerletzten Weg nicht gehen. Aber wenn alles schief läuft? Dr. H. weg, Dr. G. wieder da, die Therapeutin doof und meine Chefin ein Monster. Was dann? Was dann, verdammt?!?

Tränen. Überforderung. Angst. Verzweiflung. Alles in einen Topf, einmal umrühren, aufkochen lassen und dann einen großen Schluck davon trinken. So fühle ich mich gerade 😦

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produktiv

Einen Vorteil hat diese momentane Krisensituation: Ich flüchte mich in Arbeit und bekomme so zumindest mal das ganze Uni-Zeugs erledigt, dass seit Wochen mangels Motivation liegen geblieben ist…

Mir geht’s zwar beschissen, aber ich bin so produktiv wie schon lange nicht mehr. In den vergangenen drei Tagen habe ich zwei Praktikums-Protokolle geschrieben, mit der Hausarbeit angefangen, Seminaraufgaben gelöst, (fast) alle Vorlesung bis zum aktuellen Stand nachgearbeitet und mich aufs Praktikum nächste Woche vorbereitet. Nebenher habe ich aufgeräumt, Staub gewischt, Küche und Bad auf Hochglanz poliert, Wäsche gewaschen…

Nur „fühlen“ vermeide ich tunlichst. Schlimm sind die ersten paar Minuten morgens nach dem Aufwachen, bevor ich den „Funktionieren-Modus“ angeworfen habe und der Kopf mit anderen Dingen beschäftigt ist. Und die letzten paar Minuten am Ende des Tages, die Minuten bevor die Medikamente mich abschalten und ich einschlafe. Das sind die Minuten, in denen die Verzweiflung ihr hässliches Gesicht zeigt und ihr Messer in mein Herz bohrt.

Ich weiß, dass Weglaufen keine Lösung ist. Ich sollte mich hinsetzen und mir einen realistischen Plan überlegen. Wie finde ich einen Weg, um ohne Therapie zurecht zu kommen? Oder sollte ich mir „einfach“ einen neuen Therapeuten suchen? Was mache ich mit den Medikamenten – weiternehmen, absetzen? Und wenn ich sie weiternehme, von welchem Arzt lasse ich mich behandeln? Blabla.

Aber gerade mag ich über all das nicht nachdenken. Ich fühle mich einfach nur im Stich gelassen und belogen und betrogen. Verletzt, benutzt. Das kleine Mädchen in mir presst die Lippen fest aufeinander, verschränkt die Ärmchen vor der Brust und schüttelt trotzig den Kopf, wenn ich in Erwägung ziehe, wenigstens wieder einen Termin beim Ambulanz-Psychiater zu machen – der lässt dich auch irgendwann fallen und dann liegst du wieder mal heulend und verzweifelt am Boden. Irgendwie hat es Recht. Vertrauen endet immer mit Schmerz.

Also denke ich eben nicht darüber nach, wie es sinnvollerweise weitergehen könnte und wo ich Hilfe finden kann. Gehe einfach stur durch den Tag, erledige meine Alltagssachen, als ob nichts wäre. Ist ja auch nichts, oder? Nur mal wieder allein gelassen worden – wirklich nichts Neues.

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